Banshee Neue Folge 29

Nachricht von Ayse Konopski

Das ist so warm draußen, und ich habs so gut hier. Ich zieh mir eine abgeschnittene Jeans an, und eine Bluse, die knot ich mir direkt unter den Möpsen zusammen, und wenn ich so barfuß durch den Garten tänzle, haben die Polizisten in ihrem Streifenwagen wenigstens was zu gucken, und meine Fans sowieso, und dann denk ich, gut, dass meine alte Oma mich so nicht sehen kann, und dann denk ich, Scheiß drauf, die hat mir doch immer gesagt, ich lieb dich, Kind, das hat sie gesagt, also, dann sollt sie mich doch auch lieben, wenn ich ohne Kopftuch rumlauf? Und wenn sie mich nur geliebt hat unter zwanzig Lagen von Stoff, was für eine Liebe ist das?

Ich denk oft an sie. PvM sagt, die hat sich wahrscheinlich eingerichtet, die hat ihr Dorf mit sich rumgetragen, überall hin, und die hat ihre kleine Ayse schon geliebt, deshalb hat sie ja gewollt, dass die kleine Ayse alles macht, was gilt im Dorf, damit sie gut angesehen ist im Dorf.

Ja. Aber genau da drauf legt die kleine Ayse überhaupt keinen Wert mehr. Die Welt ist groß, und in der Welt ist auch Weldbrüggen, und wenn ich mir hier die Jeans so weit abschneide, dass ein bisschen was, grad so die untere Kurve, von meinem runden Hintern rausblitzt, dann gucken die Nachbarn vielleicht interessiert, wenn ich ihnen den Rücken zuwende, aber sobald ich mich umdrehe, gucken sie mir ins Gesicht oder an mir vorbei und tun so, als wär nichts.

PvM hat daraus eine ganze Theorie gemacht. Er sagt, das wär ein Zivilisationsmaßstab. Die jungen Frauen ziehen sich eben gern aus im Sommer und laufen praktisch nackt durch die Stadt, und jeder guckt gern hin, aber es gehört sich, dass eben nur kurz hingeguckt wird, nicht gestarrt, und auf keinen Fall gehört sich, dass darüber geredet wird, und belästigen die jungen Frauen, das tun nur die Neanderthaler. Und wenn die jungen Frauen das können, so gut wie nackt durch die Stadt spazieren, und wenn sie keine Angst dabei haben müssen, vor Belästigung, dann ist Zivilisation.

Sagt PvM.

Was Neanderthaler sind, hab ich erst googeln müssen, aber dann hab ich gedacht, die Scheißtypen kenn ich sowieso, aus dem Viertel, wo ich aufgewachsen bin.

Warum erzähl ich euch das. Weil ich hier wieder in der Küche sitz, am PC, und eigentlich gar keine Zeit hab dafür. Der Garten wartet auf mich, ich will ein paar neue Blumenbeete anlegen, hab die Gartenerde schon gekauft, gut gedüngt, zwanzig Beutel! Selber im Gartenmarkt gekauft und eigenhändig in den Kofferraum von PvM’s Wägelchen eingeladen, die alte Karre ist ganz schön in die Knie gegangen unter dem Gewicht, ich allerdings auch, beim Ausladen hat mir dann PvM geholfen, ich hab im Keller ein uraltes Lastwägelchen mit zwei Rädern gefunden, da hab ich einen ganzen Vormittag vorne im Garten gesessen und neue Schläuche auf die Räder gezogen, und mit dem Wägelchen haben wir dann die Säcke mit der frischen Erde ganz leicht in den Hintergarten bekommen, ihr seht also, ich hab sowas von zu tun, und hier rumzusitzen und zu schreiben, fehlt mir einfach die Zeit.

Ja, ich weiß. Ich soll euch schreiben, was am Abend auf dem Fons beredet worden ist, nachdem wir in der Nacht unter der Kathedrale gewesen waren, und ich will das ja auch, ich denk sogar darüber nach, wie ich euch das am Besten beibring, ich denk richtig darüber nach, wenn ich am Tag im Haus zugange bin oder im Garten, jedenfalls, wenn ich nicht gerade darüber nachdenk, was ich am Abend auf den Tisch bring, denn ich hab den Entschluss gefasst, der alte Mann muss was Ordentliches hinter die Kiemen bekommen, der ernährt sich seit Jahrzehnten vom Aldi, und was es dort so in der Tiefkühltruhe gibt, damit ist jetzt Schluss, ich kann schließlich kochen, also in einem Wort, mir fällt das Herz in die Hose, wenn ich dran denk, ich muss euch noch schreiben, was die alles geredet haben, Regina und PvM, oben auf dem Fons.

Und wir haben viel geredet. Regina hat sich was einfallen lassen, vielleicht auch, weil ich so furchtbar geheult hab, da unter der Kathedrale. Ich war darauf gefasst, wir treffen uns wieder in ihrem Arbeitszimmer, in dieser edlen Besucherecke, wo ich einen ganzen Abend lang in Dianas königlichen Busen reingeschnieft hab, aber das war nicht. Regina hat einen Tisch und drei Gartenstühle aufbauen lassen, ihr ratet nicht wo, im Palmenhaus, an dem Teich, wo ich den Koi in den Armen gehalten hab. Und als wir kamen, hat die Russin gestanden neben dem Tisch und den Kaffee und den Käsekuchen bewacht, damit die Papageien nicht rangehen, und auf der Insel …

Okay, ich seh schon, ich muss das von vorne erzählen, richtig in der Reihenfolge, wie alles passiert ist, ich krieg das zusammen, und wir sind auch zu Ergebnissen gekommen, jedenfalls vorläufig. Das mit den Ergebnissen ist wichtig für Regina, die hat uns gesagt, sie wird selber ein Protokoll des Gesprächs schreiben, für ihre Unterlagen, sie hat das natürlich längst gemacht, und PvM hat das gelesen, und jetzt sagt er, er möchte gar zu gern auch lesen, wie ich das in Erinnerung hab.

Also. Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig.

(Nachricht eingegangen am 19.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 20.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)