Banshee Alte Folge 29

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 22.12.2021

Ich machte der Sache endlich ein Ende.

Das war, als ich meinte, eine Veränderung an Ayse wahrzunehmen, vielmehr eine Veränderung an der Färbung des Lichts, das sie ausstrahlte. Sie schien nicht länger wie ein Tropfe Milch in der Finsternis, sondern eher wie durchlichtetes Wachs.

Ihr kennt das, denkt euch eine weiße Kerze, brennend in der Dunkelheit, der Schein der Flamme durchdringt oben an der Kerze das Wachs, milder Schein, anmutig anzusehen, aber nicht für einen Menschenkörper. Ein Menschenkörper, wenn man hindurchleuchtet, sollte rosenfarb sein, von all dem warmen Blut, nicht weiß wie Wachs. Die Heiligen, wenn sie tot sind, sind wachsweiß, weil kein Blut mehr in ihnen ist.

Ich stand hastig auf, ich hörte mich selbst etwas murmeln wie, jetzt ist genug, und ich ging mit wenigen Schritten hinüber zu dem Mädchen, kümmerte mich nicht um die adorierenden Massen, die ihren unbegreiflichen Gottesdienst hielten, es war an mir, die Heilige Handlung zu unterbrechen, und ich tat es.

Ich stellte mich vor Ayse, zwischen sie und die Blicke ihrer Anbeter, und ich nahm sie in die Arme. Ich hatte mich nicht geirrt. Sie war immer noch geschmeidig, aber geschmeidig wie erwärmtes Wachs, nicht wie ein durchlebter menschlicher Körper. Und auch ihre Wärme fühlte sich an wie geliehen, als käme sie nicht mehr aus ihrem Innen.

Regina, alarmiert von der Hast, mit der ich mich erhoben hatte, war mir nachgekommen, und wir hielten das Mädchen an den Armen, stützten sie unter den Ellbogen, und führten sie davon, ins Haus zurück. Sie ließ sich widerstandslos führen, aber ihre Arme fühlten sich an wie – eben wie weiches Wachs, und ihre Beine stelzten und stocherten sonderbar. Ihr Blick war weit offen, doch schien es nicht, als ob sie uns oder sonst etwas wahrnähme. Ich versuchte gar nicht erst, zu ihr zu reden.

Wir brachten sie irgendwie die Eingangstreppe hoch, sie setzte mechanisch die Füße, als sei da ein Rest von Alltagswissen in ihr, und irgendwo um meine Beine herum wuselten die beiden Katzen. Ich hatte mir meinen Stock über den Arm gehängt, ich war also selber nicht besonders beweglich, aber irgendwie dirigierten wir das Mädchen ins Haus hinein und durch den dunklen Korridor an der Küchentür vorbei zu ihrem Zimmer.

Ayse hat ihr Schlafzimmer im Erdgeschoss, ich war sowas von froh drum, ich weiß nicht, ob wir sie die Innentreppe hoch gebracht hätten, ins obere Stockwerk.

Wir fanden ihr Bett ziemlich zerwühlt, sie musste also dringelegen haben, als sie – ja, was? als sie den Ruf von draußen gehört hatte?

Sie ließ sich widerstandslos ins Bett legen, und sie atmete, das war deutlich, wir machten nicht den Versuch, ihr etwas anzuziehen, beschränkten uns darauf, sie warm zuzudecken bis zum Hals, und sobald sie lag, schloss sie die Augen. Atmete tief ein, dann stieß sie etwas wie einen Seufzer aus, und ihr Kopf sank leicht zur Seite, ihr Gesicht entspannte sich, es war offensichtlich, sie war eingeschlafen, tief.

Und dann sah ich, dass die eine der Katzen am Bett saß, direkt neben meinem Fuß, und irritiert um sich blickte, mit nervös zuckenden Ohren, als seien da Geräusche, als seien da Stimmen, deren Ort sie nicht ergründen könne, und als ich sie ansprach, sah sie mich an mit fahrigem Blick und ließ ein höchst klägliches Miauen hören, wie ein Katzenkind, das Hilfe will. Ich nahm sie auf den Arm und fühlte, das Tier war von jener stromlinienförmig nervösen Schlankheit, wie sie nur eine verängstigte Katze hat, und sie drückte ihren Kopf in meinen Hals hinein, als wollte sie versuchen, sich in meinem Hemdkragen hinein zu verbergen.

Regina beachtete das nicht, blickte statt dessen stirnrunzelnd auf Ayse und fragte, ein bisschen zusammenhanglos: Wieso war die nackt?

Ist sie immer in der Nacht, erwiderte ich. Sie schläft nackt, hat sie mal erzählt.

Regina sah mich an mit einem irgendwie unangebrachten Blick, sagte aber nichts.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 23.12.2021

Wir hatten Angst um das Mädchen, so blieben wir noch eine Weile bei ihr sitzen, holten uns Stühle, saßen bei ihr und bewachten ihren Schlaf, so wie Besucher im Krankenhaus sitzen bei dem Darniederliegenden, um den sie sich sorgen.

Früher einmal war dies die einzige Möglichkeit der Behandlung. In den Tagen, als es noch keine Medizin gab, in unserem Sinne. Die Menschen setzten sich ans Bett des Kranken und bewachten ihn. Vor allem die Mütter taten das. Setzten sich ans Bett des kranken Kindes und blieben die ganze Nacht wach und bewachten den unruhigen Schlaf des fiebernden Wesens. Als wir bei Ayse saßen, Regina und ich, begriff ich den Sinn dieses Vorgehens. Wir konnten nicht viel tun für die kleine Türkin, aber irgendwie bildete unsere argwöhnische Wachheit, unsere Wachsamkeit, einen Schutzwall um die Schlafende. Wall gegen feindliche Mächte.

Aber sie schlief ganz ruhig. Sie schien nicht zu träumen, ihre Atemzüge waren tief und gleichmäßig. Wäre sie abgeglitten in Reiche der Verwundbarkeit, wir hätten den Notarzt rufen müssen, aber dann wären wir in Erklärungsnot geraten, was hätten wir sagen sollen?

Irgendwann standen wir auf und gingen hinaus und setzten uns in die Küche, die Türen ließen wir auf. Die beiden Katzen hatten sich beruhigt, sie lagen am Fußende von Ayses Bett, was sie oft tun, in mein Bett dürfen sie nicht, aber Ayse hat keine Probleme, mit den anhänglichen Tieren zu schlafen. Also überließen wir denen die Wache.

Ich fühlte mich nervös und gereizt. Das kann so nicht weitergehen, sagte ich.

Regina sah mich aufmerksam an und sagte nichts.

Wir sind hier nicht in einer young adult novel, sagte ich. Dort begegnen die jungen Frauen, oder wer immer der Held ist, dem Übersinnlichen, dem Übernatürlichen, und alles ist bestens und aufregend und spannend, man geht mit den Wesen aus dem Außerhalb um wie mit wilden Tieren, und das Leben wird zum Abenteuerroman. Aber das hier ist kein Roman, das ist die Wirklichkeit, und wir Menschen sind für die unmittelbare Begegnung mit dem Übernatürlichen nicht ausgerüstet.

Sie war vielleicht nur unterkühlt, gab Regina zu bedenken, in wenig überzeugendem Ton.

Dann hätten ihr irgendwann die Zähne geklappert, sagte ich. Das war etwas anderes, etwas wie Trance, etwas wie – Entrafftheit, hätte man früher gesagt. Auf jeden Fall etwas, was den Organismus gefordert hat bis an seine Grenzen. Du hast es doch gemerkt. Als wir sie reingeholt haben, konnte sie sich kaum bewegen. Hat sie überhaupt noch begriffen, was vor sich ging? Hat sie noch gewusst, wer sie ist und wo sie ist? Sie war doch kaum noch ansprechbar!

Wir müssen mit ihr reden, sagte Regina. Wir müssen sie schlafen lassen, bis sie von selber aufwacht, und dann wird sie ja erzählen, was sie erlebt hat. Wie sie die Sache erlebt hat. Zum Beispiel, ob sie überhaupt mitbekommen hat, dass wir ihr zugesehen haben. Und warum sie rausgegangen ist. Ob sie da wieder diesen Ruf gehört hat. Da musst du doch was wissen. Warum bist du denn rausgegangen? Was hat dich geweckt?

Nichts hat mich geweckt, erwiderte ich mürrisch. Ich hab am Schreibtisch gesessen und geschrieben, und dann bin ich aufmerksam geworden, auf diese unheimliche Stille.

Es ist immer still in deiner Gegend.

Aber nicht so. Oder vielleicht – vielleicht war es gar nicht die Stille. Vielleicht hab ich mir das nur eingebildet. Vielleicht hab ich irgendeinen Ruf wahrgenommen, irgendetwas, was mich angelockt hat. Etwas außerhalb der sinnlichen Wahrnehmung. Ich kann nicht sagen, wie gut ich auf all das verzichten könnte.

Da ist eine Kollision, sagte Regina. Irgendwo stehen da Portale offen, die sonst fest geschlossen sind. Da ist auf einmal munterer Verkehr zwischen den Welten.

Und mir kam wieder der Gedanke, den ich schon in der Nacht gehabt hatte. Was, wenn diese Sache schon seit jeher geschieht, und die Menschen merken nur meist nichts davon? Was, wenn die Besucher sich schon immer an einzelne Menschkinder gehängt haben und ihnen sehnsüchtig gefolgt sind, und die haben nichts davon mitbekommen? Haben vielleicht nur eine unerklärliche Schwäche gefühlt, sind in diesen Trancezustand geraten und wussten auf einmal nicht mehr, wie ihnen wurde? Und der Arzt hat dann die Achseln gezuckt?

Da wären wir wieder beim Thema Vampirismus, sagte Regina.

Das gefiel mir nicht. Gar nicht.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 24.12.2021

Wir saßen in der Küche, tranken Tee und redeten noch eine Weile her und hin. Zuweilen schwiegen wir auch einfach. Es wurde hell draußen.

Hast du gesehen, wie schwarz die Nacht war? fragte Regina. Schwarz wie Pech. Und dann dieses Wehen der Straßenlaternen —

Lichtfahnen, sagte ich. Als ob da von draußen Kräfte einwirkten, denen selbst das Licht sich beugt.

Ist sonst nur von der Gravitation bekannt, überlegte Regina. Aber davon verstehe ich nichts. Physik.

Wir konnten aber doch alles sehen, bemerkte ich.

Ja, aber nur in dem Licht, das von deinem Mädchen ausging.

Wir schwiegen eine Weile, dann sagte ich: Wie auch immer, es endet stets mit der Misshandlung des Körpers. Du musst nur die Biographien der Heiligen lesen. Christlicher Heiliger oder buddhistischer oder hinduistischer, ist doch ganz egal. Immer waren das Menschen, die den Kontakt mit dem Übersinnlichen erzwingen wollten. Mit dem Übersinnlichen oder Übernatürlichen, wie du willst. Und immer waren schwere körperliche Gebrechen die Folge. Anorexie nicht selten. Früher Tod. Vorgebliche Stigmata. Geschwüre und Karbunkel, was weiß ich. Ekelhafte Hautkrankheiten. Bettlägerigkeit, zuweilen über Jahrzehnte. GOtt hat uns als Wesen erschaffen, die angemessenen Anteil haben an beiden Welten, der natürlichen wie der übernatürlichen. Wir sind weder Tiere noch Engel, wir stehen dazwischen. Wir wissen von beiden Welten. Ziemlich viel sogar. Wer sich aber den Zugang zum Übernatürlichen erzwingen will, bezahlt dafür.

Hilft uns alles nicht weiter, sagte Regina. Wir wissen immer noch nicht, warum wir die sehen können. Wir wissen noch nicht einmal, ob es an uns liegt oder an denen. Ob wir die sehen können, aus unbekannten Gründen, oder ob die auf uns einwirken.

Es liegt an uns, sagte ich. Denk doch daran, wie irritiert die geguckt haben, sobald sie gemerkt haben, wir können sie sehen. Das hat jeder von uns berichtet.

Wir müssen diesen Balbutin finden, sagte Regina. Ich würd mich gar zu gern mal mit dem unterhalten.

Die Sonne ging auf, es versprach, ein schöner Tag zu werden.

Regina verabschiedete sich, sie wollte es nicht zulassen, dass ich sie zu ihrem Wagen begleitete. Bleib hier und pass auf deine Ayse auf, sagte sie. Halt mich auf dem Laufenden.

Regina fort, kam eine der Katzen geschlichen, miaute leise. Ich warf diskret einen Blick in Ayses Zimmer, das Mädchen schlief fest. Mich wundert immer, wie stabil die Zurichtungen des menschlichen Körpers sind. Egal, wie tief der Schlaf, wir tauchen immer wieder hoch. Zuweilen auch nicht. Man hört von Alten, die friedlich im Schlaf sterben. Mein Erwachen ist meistens unwirsch. Ich fahre hoch und denke, wieder zu lange geschlafen. Muss was tun.

Ich ging hoch in mein Arbeitszimmer, trieb mich dort eine Weile rum, ging wieder runter, spähte wieder von der Tür aus nach Ayse. Sie lag so tief unter den Decken vergraben, als sei sie in die Matratze versunken. Aber sie hatte sich einmal umgedreht.

Ich ging in die Küche und fütterte die Katzen, die kannten das schon gar nicht mehr, dass ich das machte, kamen aber eilig herbei, als sie das Klappern ihres Geschirrs hörten. Offenbar machten sie sich um Ayse keine Sorgen. Ich dachte, es wäre doch gut, einen Hund zu haben, dem man den Befehl geben könnte, auf das Mädchen aufzupassen. Aber so wie ich Ayse mittlerweile einschätze, würde das Tier wohl bald Befehle nur noch von ihr entgegennehmen.

Das ging den ganzen Tag so, ich stieg hoch, ich stieg wieder runter. Einmal schlief ich an meinem Schreibtisch ein, das ist mir nicht unwillkommen, denn wenn ich aus dem Schlaf hochtauche, bringe ich immer ein paar Gedanken mit. Ich habe keine Ahnung, in welche Welten wir reisen, wenn wir schlafen.

Zuweilen blickte ich durch eines der vorderen Fenster auf die Straße hinaus. Drüben auf den Wiesen trieben sie sich noch immer herum, es waren aber nicht mehr so viele. Sie schauten zum Haus herüber. Sie kümmerten sich nicht um mich. Sie schauten wartend auf das Fenster, hinter dem Ayse lag und schlief. Sie wissen, welches ihr Zimmer ist.

Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 25.12.2021

Ich hätte gerne einen neuen Anfang gesetzt. Irgendwie war mir nach Waffenstillstand. Die Gegner haben sich ausgekämpft, sie können nicht mehr, sie wissen, irgendwann muss es zu Friedensverhandlungen kommen, aber erst mal schweigen die Waffen.

So fühlte ich mich, während ich an meinem Schreibtisch saß und darauf wartete, dass Ayse wieder zu sich käme. In Wahrheit weiß ich nicht einmal, wer die Gegner sind in diesem Kampf. Dass da ein Kampf stattfindet, scheint mir unabweislich. Aber wer sind die Gegner? Und vor allem, wer sind wir? Sind wir kämpfende Partei, oder bloß Schlachtenbummler, die zufällig zwischen die Fronten geraten sind? Und unsere Besucher? Sind die vielleicht nur Strandgut, zufällig an unsere Küsten gespült, sind die wohl gar Flüchtlinge einer kosmischen Auseinandersetzung, von der wir nichts wissen? Sind die vielleicht genauso wenig Partei wie wir?

Sie haben etwas mit uns zu tun, das ist offensichtlich, sonst sähen sie uns nicht so ähnlich. Die Menschen aller Zeiten haben die Engel in Menschengestalt dargestellt, nun ja, und die Götter auch. Hat was für sich. In der Bibel steht, GOtt schuf den Menschen nach seinem Bilde. Wenn das so ist, warum sollte SIE dann nicht auch die Engel nach IHREM Bilde geschaffen haben? Dann wäre die Ähnlichkeit zwischen den Engeln und uns darin begründet, dass wir alle der gleichen Schöpferhand entglitten sind.

Ayse wachte endlich auf.

Ich hatte neben ihrem Bett sitzen wollen, wenn das geschähe, aber natürlich verpasste ich den Moment, ich saß an meinem Schreibtisch, und sie kam hereingeschlurft auf bloßen Füßen wie ein Kind, das sein Kopfkissen hinter sich her zieht. Immerhin war sie in einen Pyjama gestiegen. Sie war zerstrubbelt und konnte kaum aus den Augen sehen, sie setzte sich in den Lehnstuhl, der bei meinem Schreibtisch steht, und sah mich an, und dann gähnte sie, dass ihr die Kinnbacken krachten.

Wieviel Uhr ist es? fragte sie.

Es war schon hoher Nachmittag.

Du hast den ganzen Tag geschlafen, sagte ich. Wir müssen reden.

Wir stiegen hinunter in die Küche, ich kochte Tee, dann setzte ich mich neben sie. Ich habe eine Eckbank in der Küchenecke stehen, dort essen wir meistens, und dort saßen wir jetzt, und Ayse legte den Kopf an meine Schulter, einfach so.

Es tut mir leid, sagte sie.

Was sollte ich darauf antworten? Da ist nichts, was dir leidtun müsste, sagte ich. Aber … Regina war da. Wir wissen beide nicht, was wir mit der Sache anfangen sollen.

Ihr habt mir zugesehen?

Die ganze Nacht.

Wo wart ihr?

Wir haben auf der Bank gesessen, neben der Eingangstür.

Dann habt ihr also die ganze Nacht auf meinen dicken Hintern gestarrt?

Mehr oder weniger. So besonders dick ist der gar nicht. Und überhaupt sollte der die geringste deiner Sorgen sein.

Du verstehst nichts von Frauen. Wieso geht das immer darum, dass ich nackt bin?

Vermutlich, weil du dich ständig ausziehst.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 26.12.2021

Ich war eine goldene Kugel, erzählte Ayse. Ich war in einer anderen Welt, die Sterne ziehen dort mutiger ihres Wegs.

So sah das aber nicht aus, sagte ich. Als wir dich reingeholt haben, konntest du kaum noch gehen. Du warst nicht einmal richtig bei Bewusstsein.

Aber sie lieben mich, sagte Ayse. Ich bin der Mittelpunkt ihres Universums, ihr Stern und ihr Tag. Sie vergessen sich selber, wenn sie mich sehen, sie folgen mir, wohin ich gehe. Ich bin der Sinn ihres Lebens, ohne mich fluchen sie ihrem Dasein.

Ayse, sagte ich, bitte, du müsstest dich mal hören. Ist es vielleicht umgekehrt, und die fangen an, der Sinn deines Daseins zu werden? Womöglich wollen sie das, womöglich brauchen sie das, Regina hat diesen Verdacht, das könnten Vampire sein, sie saugen an dir, sie wollen das Leben, das in dir ist. Oder dein Mitleid. Oder deine Zuwendung, was weiß ich.

Ihr versteht das nicht, sagte Ayse. Die Welt ist ein goldener Tag für die, wenn ich erscheine. Ich gehe auf wie die Sonne, ich trete über den Horizont ihrer Finsternis, und ihre Welt wird hell. Du verstehst nicht, wie das ist. Ich gehe hinein in die Höhle der Welt, und überall ist plötzlich Licht, und ich bin das Licht. Ich bin das Licht und der neue Morgen, wie könnte ich mich weigern, zu erscheinen vor denen, die in der Nacht wohnen und in der Finsternis?

Sie hatte immer noch den Kopf an meiner Schulter, als sie das sagte, und ich musste nach Worten suchen, dann fragte ich: Wieso bist du überhaupt wieder raus gegangen, erzähl mir das.

Ich bin aufgewacht, sagte sie. Da war ein Verlangen in der Welt, fast etwas wie ein Schrei um Hilfe, um Erbarmen, und ich konnte doch nicht anders, es war wie — wenn ein Kind nach seiner Mutter ruft, dann kommt die doch auch gelaufen, ob sie will oder nicht? Es zieht sie doch wie mit Stricken? Hat die dann noch eine Wahl? Da war keine Frage mehr, ich bin aufgewacht, und da war dieser Ruf, und ich bin aufgestanden und rausgegangen. Die Katzen sind mir übrigens gefolgt, die haben das auch gehört.

Sie sagte die letzten Worte im Ton einer gewissen Streitbarkeit, als würde das Verhalten der Tiere ihr eigenes rechtfertigen.

Und da war eine gewaltige Schar von ihnen, sagte Ayse, und sie warteten auf mich, und als ich kam, sanken sie vor mir in die Knie und lobten und dankten. Ich weiß nicht, warum gerade ich. Ich bin niemand, ich kann nichts. Egal. Ich bin die Erwählte. Und ich stellte mich hin und öffnete die Hände hin zu ihnen, um ihnen zu zeigen, hier bin ich, ich gebe euch alles, was ihr wollt.

Das war diese sonderbare Präsentationsgeste, die Regina und mir aufgefallen war.

Und sie sahen mich an und tranken meinen Anblick, fuhr Ayse fort, und sie gewannen neuen Mut und neues Leben aus meiner Gegenwart. Ich bin ihre Gegenwart, aus mir heraus leben sie.

Wir schwiegen eine Weile, und dann fragte ich: Und jetzt? Geht es dir gut?

Sie hob den Kopf und sah mich an von der Seite und sagte: Ja, es geht mir gut. Besser, als es mir je gegangen ist.

Kann ich von mir nicht behaupten.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 27.12.2021

Auch Regina scheint beunruhigt, mehr, als ich sie je erlebt habe. Ich habe mit ihr telefoniert, vorher habe ich Ayse gefragt, ob ich weitergeben dürfe, was sie mir eröffnet hat, und sie antwortete, jaja, mach nur.

Sie sagte das ohne große Aufmerksamkeit, als sei sie mit ihren Gedanken woanders, wahrscheinlich bei denen dort draußen.

Denkt sie darüber nach, was sie für die tun könnte? Darüber muss sie nicht nachdenken, sie tut ja schon alles.

Die Nacht war schwarz wie Pech, sagte Regina am Telefon. Du hast das doch auch gesehen. Alles Licht war wie verschluckt, und alle Töne auch, man hat nichts gehört, keine Glockenschläge, kein Auto, nichts.

Die Frage ist nur, sagte ich, haben die alles Licht und alle Töne aus unserer Welt fortgezogen, oder sind wir für einige Zeit eingetaucht in ihre Welt? Haben wir die Dinge gesehen mit ihrem Blick? Wenn ja, dann würde das erklären, warum sich Ayse für die aufgehende Sonne hält. Aufgehende Sonne in deren Welt. Wir haben das doch auch gesehen, sie hat dieses milchhelle Licht ausgestrahlt, und obwohl alles schwarz war, teerschwarz, hat dieses Licht die ganze Finsternis erhellt, wir haben es beide gesehen. Sie geht hinein in diese Welt, und es wird Licht.

Ja, sagte Regina, ich weiß ja, dass wir das gesehen haben. Wir haben ja auch gesehen, dass das Licht unserer Welt tordiert wurde, das unschuldige elektrische Licht.

Du meinst dieses Wehen der Lichtfahnen, von den Straßenlaternen.

Ja. Seit ich das gesehen habe, halte ich mich an den alltäglichen Dingen fest, wie an diesem Telefon jetzt. Das Telefon erscheint so unschuldig, so richtig, so vertraut. Die Nacht dieser Wesen – das ist etwas, mit dem sollten wir nichts zu tun haben.

Ayse sagt, sie hätte keine Wahl gehabt. Wahrscheinlich gilt das auch für uns. Wir haben keine Wahl.

Für einen Augenblick war Schweigen in der Leitung, dann sagte die Chefin des Fons: Ich glaube, deine Ayse ist in Gefahr. In Lebensgefahr.

Ich war froh, dass ich schon saß. Ich erwiderte: Balbutin behauptet das auch, oder jedenfalls hat er das durchblicken lassen. Er hat aber auch angedeutet, woanders wär sie noch gefährdeter. Sie solle unbedingt bei mir bleiben, bei mir in Weldbrüggen, das hat er besonders betont, nur hier sei sie sicher.

Gibst du was auf das, was der sagt?

Er wirkt verwirrt, aber das sind wir alle. Wir können es uns nicht leisten, irgendetwas unbeachtet zu lassen.

Nein, wahrscheinlich nicht.

Tief innen hoffe ich immer noch darauf, dass ich eines Morgens aufwache und der ganze Spuk ist vorbei, einfach so, ist so umstandslos vorbei, wie er angefangen hat.

Das wird nicht passieren.

Vermutlich nicht.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 28.12.2021

Es gibt zahllose mögliche Erklärungen. Wir wissen nichts, so muss die Zahl der Möglichkeiten unbegrenzt sein.

Nehmen wir an, die Besucher sind wirklich die gefallenen Engel, von denen im Buch Henoch die Rede ist, und die Diana herbeigerufen hat, nach ihrer eigenen Vermutung. SIE hat den Menschen erschaffen nach IHREM Bilde, SIE hat die jungen Frauen als IHR Ebenbild geschaffen, die gefallenen Engel können SIE nicht mehr sehen, deshalb beten sie Ayse an, als geschaffen nach IHREM Bilde.

Sie hätten sich dann natürlich jede beliebige junge Menschenfrau aussuchen können. Irgendeine. Und vielleicht haben sie genau das getan, und es hat Ayse getroffen. Zufall. Sechser im Lotto, nur mit negativen Vorzeichen. Wieviel Macht haben sie, was wird passieren, wenn sie rauskriegen, dass Ayse nicht GOtt ist?

Ich denke bloß laut.

Wenn es bloß beim Anbeten bleibt, ist die Sache halb so wild. Könnte man sagen. Aber wenn sie nun doch ihren Opfern, die sich freiwillig oder unfreiwillig für sie hinstellen, das Blut aussaugen? Das Leben? Die Kräfte?

Vielleicht ist das schon früher passiert. Wieder und wieder wohl gar. Vielleicht waren sie seit Anbeginn der Zeiten schon hinter zahllosen jungen Menschenfrauen her. Sagte ich das nicht schon? Und vielleicht konnten die jungen Frauen sie gar nicht sehen. Haben nicht gemerkt, dass sie ein Gefolge haben, dass da Beter um sie sind, die darauf warten, dass sie sich zeigen, und die vor ihnen in die Knie sinken. Die jungen Frauen haben sich dann matt gefühlt, unerklärlich verwirrt, sind vielleicht dadurch aufgefallen, dass sie in der Gegend herumstanden und ins Leere geguckt haben, und sie wurden immer schwächer und schwächer, ohne dass jemand hätte sagen können, was mit ihnen los ist.

Sie haben sich nicht hingestellt in der Nacht, nackt und wehrlos. Ayse tut das. Ayse kann die Besucher sehen, und irgendwie rufen die sie, und ihre Blicke sagen, was sie von dem Mädchen wollen.

Ayse hat keine Angst vor ihnen. Nicht mehr. Es liegt auch an ihr. Andere an ihrer Stelle würden sich vielleicht in der Wohnung verkriechen und sich weigern, das Haus zu verlassen. Ist vielleicht auch schon vorgekommen. Junge Frauen, die gesagt haben, ich geh da nicht mehr raus, ohne dass sie das selber erklären konnten. Da draußen ist was, das wartet auf mich, ich geh da nicht raus. Ayse geht raus.

Ayse geht raus.

Was soll ich tun? Sie ist nicht meine Gefangene, ich bin nicht ihr Wärter. Ich kann sie nicht einsperren.

Oder ist selbst das schon passiert? Junge Frauen, die sich mitten in der Nacht nackt ausgezogen haben und auf die Straße gegangen sind, sich dort hinzustellen? Und die Angehörigen haben sie eingefangen, und, da sie nicht aufgehört haben damit, sie schließlich eingesperrt, und da waren immer die Fragen, warum machst du das, warum machst du das? und immer die gleiche Antwort, ich weiß doch nicht, ich muss es einfach tun.

Junge Frauen, die abmagern, ohne dass es einen Grund dafür gibt, und dabei haben sie ein unnatürliches Leuchten in den Augen, und sie fangen an, davon zu reden, dass sie sich hingeben müssen, sich opfern, wofür?

Wenn das stimmt, sind unsere Besucher keine Engel, auch keine gefallenen Engel, es sind Dämonen.

Mit meinem Nachtschlaf ist es erst einmal vorbei, ich liege immer und horche mit halbem Ohr, ob unten, mitten in der Nacht, die Haustür geht.

(Nachrichten vom 22. bis 28.12.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 20.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)