Banshee Neue Folge 28

Nachricht von Ayse Konopski

Hallo, Ayse hier. Höre, es wird nach mir gefragt. Doch, ich bin noch da. Bin bloß grad schwer beschäftigt. Also gut. Ihr wollt mich. Hier bin ich. Ich sitz in der Küche und hab meinen Laptop vor mir aufgebaut, auf dem Küchentisch, und auf dem Kühlschrank liegen die Katzen und gucken mir zu. Wie Katzen das so machen, die Augen halb geschlossen, ihr kennt das, aber sie behalten mich im Auge. Wenn ich im Haus zugange bin, rennen sie mir hinterher und beobachten, was ich mache. Die finden mich faszinierend. War von Anfang an so, aber jetzt können sie sich gar nicht mehr von mir trennen. Na ja, okay, ich füttere die ja auch, und Katzen haben da den klaren Blick auf das Leben wie‘s ist. Von wem das Futter kommt, der ist der Boss, der kriegt die Aufmerksamkeit. Aber das ist es nicht, jedenfalls nicht allein. Die haben mitgekriegt, dass ich das Kultobjekt bin. Die kleine Göttin im Schrein, so läuft das. Ich wohn hier im Allerheiligsten, das ist ja genug ausdiskutiert worden, und unsere Besucher hängen ab rund ums Haus und verehren das Heilige Gefäß. Und genau das haben die Katzen mitbekommen, und schlau wie Katzen nun mal sind, haben sie auch mitbekommen, dass es um mich geht. Nicht um den Hausherrn. Um mich, Ayse. Wenn ich auftauche draußen vor dem Haus, richtet alle Aufmerksamkeit sich auf mich. Wie wenn der Popstar auftaucht vor seiner Villa, und die Fans draußen springen auf die Füße. Kriegt ja jeder mit, der hier aufkreuzt. Wenn er die Besucher denn sieht, das ist die Voraussetzung. Die Katzen sehen die, die Katzen sehen, die ganze Blase hat mich fest im Blick, die gucken mich an, als ginge es um ihr Leben. Das haben die Katzen mitbekommen, und seither lassen sie mich nicht mehr aus den Augen, hoppeln mir hinterher im Haus, und wenn ich irgendwo was mach, was flick oder reparier oder einen Schrank ausräum, sitzen sie irgendwo und gucken mir zu, hingebungsvoll.

Habt ihr das mitgekriegt? Die Besucher versammeln sich vor dem Haus, übrigens nicht dahinter, nie hinten in den Gärten, möchte wohl wissen, was das zu bedeuten hat, jedenfalls, sie versammeln sich, sie kommen aber nicht rein. Die Katzen aber sind drin. Und sie beobachten mich drinnen genauso hingebungsvoll, wie es draußen die Besucher tun. Und in der Nacht schlafen sie gern in meinem Bett, ich lass sie, hab ja sonst niemanden, der mit mir schläft.

So, das wars doch wohl, was ihr wissen wolltet, oder?

Nein, ich weiß, das wolltet ihr nicht wissen, ich drück mich nur davor, euch Bericht zu geben. PvM hat schon recht, das wächst mir alles über den Kopf. Das hier ist der Planet Erde, ich will was machen hier. In PvM’s Häuschen ist seit Jahrzehnten nichts gemacht worden, der hat das geerbt, und ist eingezogen, so wie es war. Mit den Möbeln drin, und dem Zeug in den Möbeln. Statt das alte Gerümpel wegzuschmeißen, hat er es einfach in den Schränken beiseitegeräumt, bis er Platz hatte für seinen eigenen Kram, und dann hat er natürlich da und dort geräumt, um seine Bücherregale aufzustellen, oder vielmehr in die Wand zu dübeln, er hat diese offenen Regalbretter, wie man sie im Baumarkt bekommt, und eine Bohrmaschine hat er auch. So wurde im Laufe der Jahre das Haus immer voller, die alten Sachen wurden zwar nicht gebraucht, aber weggeworfen hat er auch nie was, er ist einer von der Sorte, die sagt, man weiß nie, wozu mans noch brauchen kann. Versteht ihr? Da sind Schrankfächer in der Wohnung, und oben auf dem Speicher Kisten, die hat der seit Jahrzehnten nicht aufgemacht, da sind Töpfe drin und was weiß ich für altes Zeug, sogar Kleider von Leuten, die seit siebzig Jahren tot sind, und wenn ich das Wort „wegschmeißen“ flüstere, raunt er, vielleicht braucht mans doch noch mal. Ich bin eisern entschlossen, das Haus auf Vordermann zu bringen. Fit für das nächste Jahrhundert, das ist jetzt mein Projekt. Damit pass ich nicht ganz nach Weldbrüggen, ist mir sowas von klar, die heben hier alles auf, PvM ist da nicht der einzige. Die sagen gern bei jedem Stein, und 1858, da ist hier einer vorbeigekommen, der — na, und so weiter. Das bedeutet denen hier was. Nichts ist vergangen, sagt PvM, nichts war umsonst. Alles ist noch da.

Ja, und davon wollt ihr ja was hören. Was es mit dem auf sich hat, was da unter der Kathedrale noch da ist. Ich wünschte, ihr könntet das sehen wie ich, fühlen wie ich. Ich kann euch ja bloß davon erzählen. Ihr hättet das erleben müssen. Das sind zwei verschiedene Dinge, von einer Sache erzählt zu bekommen, und mit dem nackten Fleisch dran aufzulaufen.

Und ehrlich, manchmal denk ich, das geht über meine Kräfte, ständig so dicht an den Dingen zu sein. Deshalb halt ich mich dran fest, mit den Dingen auch mal was zu machen. Einige Zimmer im Häuschen hier haben noch Türschwellen, ernsthaft, ich hab gewusst, dass es das mal gegeben hat, aber gesehen hab ich das noch nie, hier ist das so, im oberen Stock, richtige Türschwellen, über die man stolpern kann, und PvM sagt, das hat man früher gehabt, damit die Türen richtig dicht schließen vor allem im Winter, denn da hatte man noch nicht diese Fenster, wie wir sie heute haben, fugendicht, da waren überall Ritzen und Spalten, und wenn dann unter den Türen auch noch Luft war, hat das natürlich durch die Zimmer gepfiffen und gezogen im Winter, deshalb die Türschwellen. Kein Mensch rechnet heute noch mit Türschwellen, gibt’s nicht mehr, deshalb sind das richtige Stolperfallen, da könnt einer sich das Genick brechen, und die Frage ist jetzt, weg mit den Schwellen, oder alles lassen, wie‘s ist, zur Ehre der alten Zeiten?

(Nachricht eingegangen am 18.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 19.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)