Banshee Alte Folge 28

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 16.12.2021

Ayse hat es wieder getan. Sie ist rausgegangen, mitten in der Nacht, und — hat sich hingestellt. Vor die. Und sie haben sie angeschaut.

Es ist heute Nacht passiert. Nachdem Ayse ihren letzten Post abgeschickt hat. Wir haben noch eine Weile beisammen gesessen und haben darüber geredet, dass wir noch mehr schreiben müssten, noch sehr viel mehr, zu Balbutins Nachricht. Wir wollten das auch, aber dann ist uns klar geworden, wir müssten so viel schreiben, dass wir bis zum Morgen nicht fertig werden würden. Balbutin weiß, was er sagt. Er ist vielleicht ein bisschen von der Rolle – so hat Ayse sich ausgedrückt – , aber in dem Sinne, dass er Sachen rauslässt, über die wir anderen nur auf Umwegen reden. Wie auch immer, wir sind zu dem Schluss gekommen, die Sache erst mal ruhen zu lassen.

Ayse ist ins Bett gegangen, und ich hab mich auf meine Couch gelegt und hab eine Stunde geschlafen, dann hab ich mich an meinen Schreibtisch gesetzt. Vorher war ich nur kurz unten in der Küche, um mir Tee zu kochen, und die Katzen haben kurz nach mir geguckt, ohne großes Interesse. Seit ich sie nicht mehr füttere, Ayse erledigt das, gucken sie zwar interessiert, was ich mache, aber ohne Erwartung. Ich hab dann mehrere Stunden in meinem Arbeitszimmer gesessen, und nicht weiter drauf geachtet, was im Haus vor sich ging, und irgendwann, da ging es schon auf Mitternacht, bin ich aufmerksam geworden, auf die Stille. Es war diese unheimliche Stille, ihr kennt das, die einen aufmerken lässt, in dem Gefühl, da ist was zugange.

Ich hab meinen Gehstock genommen und bin die Treppe runter gestiegen. Unten war alles still, Lichter aus. Nach meiner alten Gewohnheit hab ich auch nicht Licht gemacht, da sind Straßenlaternen vor dem Haus, und wenn die Türen offenstehen zu den vorderen Zimmern, ist auch im Korridor noch genug Licht, um sich zurechtzufinden. Es war so still im Haus, dass ich sofort gedacht habe, Ayse ist nicht da. Man merkt das, wenn eine Wohnung leer ist.

Und auch von der Straße her drang kein Laut. Ich hatte kurz das Gefühl, der letzte Mensch zu sein auf der Welt. Kein vorbeifahrendes Auto, nichts.

Ich ging zur Haustür und schaute hinaus.

Draußen auf der Straße stand Ayse, und auf der anderen Straßenseite, in die Wiesen hinein, saßen und standen sie, dichtgedrängte Masse, schweigend, in Andacht versunken, und sahen sie an. Manche knieten. Ihre Augen waren weit offen, und ihre Blicke ruhten unverwandt auf dem nackten Mädchen.

Ich habe einen Vorgarten vor dem Haus, und den Garten schließt zur Straße hin ein schmiedeeisernes Gitter ab. In dem Gitter ist der Eingang, ein schmiedeeisernes Gittertor mit einem Rundbogen. In diesem Tor stand Ayse, der eine Türflügel offen. Ich verstand erst nicht, was ich sah, Ayse leuchtete weiß wie Milch, wie Schnee, ich dachte im ersten Moment, sie hätte ein weißes Gewand an, aber es war sie selber, sie schimmerte weiß in der Finsternis, und die Nacht war vollkommen schwarz, keine Sterne am Himmel.

Ayse stand still wie eine Statue, aufrecht, aber ungezwungen, die Schultern zurückgenommen, mit hängenden Armen, die Handflächen leicht gegen ihre Anbeter gewendet, als wolle sie sich selber präsentieren, als wolle sie sagen, hier bin ich, und die schwarze Masse der Adoranten, ich kann es nicht anders ausdrücken, sie hingen an ihr mit Blicken wie hypnotisiert, als ob das Mädchen eine Rede hielte, die nur sie hören könnten. Ihre Nacktheit war die Rede, kein Zweifel. Da ging etwas vor sich, das verstand ich nicht. Ich sah nur, dass etwas vor sich ging, aber ich verstand nicht, was. Ayse schimmerte so hell, dass sie die ganze Nacht auf sich konzentrierte, ungefähr so, wie die dunklen Wasser eines Teiches zum Abfluss hin drängen. Als würde die Mädchengestalt alle Dunkelheit in sich aufsaugen, ohne selber davon dunkel zu werden. Selbst das Licht der Straßenlaternen schien in ihre Richtung hin zu wehen, ja, so sah es aus, als ob das Licht wehe wie Fahnen, goldene Fahnen.

Ich stand eine lange Weile, auf meinen Stock gestützt, und schaute. Ayse war klein und rund wie immer, und es schien, als habe sie die Welt zum Stillstand gebracht, einfach dadurch, dass sie sich zeigte. Dass sie sich offenbarte. Kein Auto kam gefahren, kein später Fußgänger tappte vorbei. Die beiden Katzen saßen bei ihr, nicht hinter ihr, unmittelbar zu ihren Füßen, die eine aufgerichtet, die andere auf dem Bauch liegend, die Vorderpfoten vorgestreckt, sie schienen beide die Adoranten zu beobachten. Die Adoranten, die Gemeinde, die Andächtigen, die Anbeter.

Mir kam plötzlich der Gedanke, so muss eine bedrängte Gemeinde aussehen, wenn sie in der Verborgenheit Gottesdienst feiert. Eine Gemeinde, sagen wir, verfolgter Christen in Feindesland, die sich zur Nacht trifft, in der Heimlichkeit, in Todesangst, draußen die Häscher unterwegs, und die Verfolgten richten ihre ganze Hoffnung auf die Hostie, die der Priester hebt, am Altar. Nur von dort her kann noch Hilfe kommen. So sahen diese Besucher Ayse an, als sei sie ihre letzte und äußerste Hoffnung, als sei sie die Wette, auf die sie ihre ganze Existenz gesetzt.

Ich reckte ein bisschen den Hals, Ayse war vollkommen nackt, sie hatte nicht einmal Schuhe an. Eine der Katzen sah sich nach mir um, erkannte mich, blinzelte zufrieden, blickte wieder hinüber nach der – nach der Gemeinde.

Mir gingen tausend Sachen durch den Kopf, einige davon ziemlich albern, ich müsse eine Decke holen und das Mädchen einhüllen und zurück ins Haus holen wie die Überlebende einer Flut, das ließ ich bleiben. Sie anzureden, kam so wenig in Frage wie einen Schlafwandler anzureden. Man kann nicht mehr tun, als in der Nähe zu bleiben und zu warten, bis er von selber wieder aufwacht.

Ich dachte ein bisschen nach, dann ging ich, so leise wie ich nur konnte, ins Haus zurück, ließ die Eingangstür offen, stellte mich in den dunklen Korridor, zog mein Telefon aus der Tasche und rief Regina an.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 17.12.2021

Regina ist verlässlich. Sie äußerte kein Wort der Überraschung darüber, dass ich sie mitten in der Nacht anrief, hörte sich nur an, was ich zu sagen hatte, und gab knapp die Auskunft: Ich komm rüber.

Ich ging wieder hinaus, setzte mich auf die Stufen vor meinen Hauseingang und beobachtete, was weiter geschah. Nichts geschah. Alles geschah. Es war, als sei das Haus allein auf seinem Planeten. Die Nacht war schwarz wie Pech, da war kein Stern, der Mond unsichtbar. Und immerfort dieses sonderbare Wehen der Straßenlaternen, das Wehen der Lichtfahnen, wie das Wehen von Vorhängen, leicht im Wind.

Ich hatte Zeit genug, die Gemeinde zu zählen. Um die zweihundert von den bleichen Wesen, dicht an dicht. Standen drüben auf der Wiese, auch noch auf dem Bürgersteig, aber sie kamen nicht über die Straße, sie versuchten nicht, Ayse zu berühren, nicht, ihr nahezukommen.

Das Heilige, dachte ich undeutlich. Die Gläubigen wollen das Heilige sehen, aber nicht es berühren. Wer in den Tempel kommt, darf die Bundeslade sehen, aber wer sie berührt, trägt einen tödlichen Schlag davon. Auch die Monstranz wollen die Gläubigen nur sehen, nicht sie berühren, deshalb heißt sie ja Monstranz, das zu Zeigende. Ayse zeigte sich, aber anders als bei einem Star, der sich der Menge zeigt, mussten da keine Leibwächter sein, die Fans von Zudringlichkeiten abzuhalten. Hatten die Andächtigen früherer Zeiten nicht versucht, den König zu berühren? Dass etwas von seiner Macht, von seinem Glück auf sie überginge?

Alles Glück dieser Gläubigen hing davon ab, das Objekt ihrer Verehrung anzuschauen. Ayse anzuschauen. Sie waren verloren in ihren Anblick, und Ayse stand, wie ich es beschrieben habe, milchweiße Statue, reglos, schimmernd, immerfort die Arme leicht gebreitet, in dieser Präsentationsgeste, als wollte sie sagen, schaut mich an.

Ringsum hatte jemand geschlagen einen Zirkel, der schnitt das Haus aus der Welt heraus. Kein Licht von der Stadt her. Kein Auto kam, kein Fußgänger. Ich hörte die Stadt nicht, das kam mir erst nach und nach zum Bewusstsein. Kein Glockenschlag von einer der Weldbrüggener Kirchen, durchklingend die Nacht. Kein Geräusch aus den umliegenden Häusern.

Ich machte mich endlich auf und ging wieder zurück ins Haus und durch meine Wohnung hinaus in den Hintergarten. Ich musste bis zum hinteren Gartentor gehen, und erst als ich es öffnete in der Dunkelheit, glitten plötzlich die Nachtgeräusche hervor aus ihren Verstecken, und nicht nur die Geräusche, sondern auch die verborgenen Lichter. Ich sah da und dort in den Häusern am Rande der Gärten ein erleuchtetes Fenster, irgendwo fern klappte eine Autotür. Die Stadt war noch am Leben.

Wie die Schmuggler alter Zeiten kommt Regina niemals den geraden Weg. Zwischen den Gärten hinter meinem Haus krümmen sich holperige Wege, auf denen ging ich der Chefin des Fons entgegen, sie hatte ihren Wagen in einer hinteren Straße geparkt, und irgendwann sah ich sie, graue Gestalt zwischen den Gartenzäunen, sie brauchte keine Taschenlampe, ihre Haare sind so weiß, dass sie leuchten in der Dunkelheit.

Danke, dass du gekommen bist, sagte ich. Ich bin ein anspruchsvoller Freund, mitten in der Nacht.

Sie lachte nur ihr leises, melodisches Lachen, und ich erlaubte mir immerhin, sachte den Arm um sie zu legen, um sie halten zu können, wenn sie strauchele in der Dunkelheit, so gingen wir den Gartenweg zurück zu meinem Haus, und wieder schlossen Dunkelheit und Stille alle Tore zu, genau im Augenblick, als wir in meinen Hintergarten traten. Ich hörte noch das leise Tappen und freundlich unterdrückte Jaulen des Nachbarhundes, der meinen Schritt erkannt hatte, dann war selbst dies heimliche Geräusch verschluckt, die Nacht wurde schwarz wie Pech, und ringsum sanken Samtvorhänge aus Stille, sternenhoch.

Jetzt musste ich Regina wirklich geleiten, sie kannte ja den Weg nicht, nicht wie ich, der blind jede Unebenheit kennt in den Bodenplatten.

Und durchs Haus wehten die Goldvorhänge der Straßenlaternen.

Was passiert hier? fragte Regina, als wir durch den Korridor gingen, vor zur Haustür.

Ich weiß es auch nicht, sagte ich.

Und wir traten hinaus, und Regina konnte schauen.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 18.12.2021

Ich habe euch aufgeschrieben, da seien zweihundert von unseren Besuchern auf der anderen Straßenseite gewesen. Aber während ich hinten in den Gärten Regina empfangen hatte, waren noch welche dazugekommen. Es waren ihrer jetzt dreihundert, oder noch mehr, ich hielt für einen Augenblick den Atem an. Nichts ist klar. Ayse lockt sie an. Aber wie? Ist es Ayse selber, ihre bloße Gegenwart, oder verständigen die sich untereinander? Und wieso haben diese drei Mädchen oben auf dem Fons gewusst, dass Ayse da auftauchen würde? Oder waren sie nur zufällig dagewesen?

Regina stand wie unter Strom. Habe sie so noch nie erlebt. Sie ging ein paar Schritte auf Ayse zu, während ich an der Eingangstreppe stehenblieb, und ihre ganze fragile Gestalt schien angespannt. Ayse leuchtete, wie Nebelmond. Sie war das Zentrum der Schwärze, als eilte alle Schwärze herbei, um – hell zu werden? erlöst zu werden? Ich habe keine Ahnung.

Ayse stand direkt vor der Gartenpforte auf dem Bürgersteig, aber ich weiß nicht, ob „stand“ noch der richtige Ausdruck ist. Sie schwebte nicht, ihre Fußsohlen berührten sehr wohl den Boden, aber sie schien kein Gewicht mehr zu haben. Ihre Handflächen waren noch immer den Besuchern zugewandt, in immer der gleichen Präsentationsgeste. Ich spürte ein fast unüberwindliches Verlangen, vorzugehen und ihr ins Gesicht zu schauen, und gleichzeitig, ebenso unüberwindlich, eine fast heilige Scheu vor solcher Taktlosigkeit. Infolgedessen blieb ich stehen, wo ich war. Ohne es sehen zu können, wusste ich jedoch, mit unwidersprechlicher Gewissheit, das Mädchen hatte die Augen weit offen, und die Augen blinzelten nicht, nicht ein einziges Mal.

Regina sah sich nach mir um, als verlange sie eine Erklärung. Als wäre ich der, der eine Erklärung geben könne und müsse. Ich hatte aber keine. Das milchhelle Schimmern, das von Ayses nacktem Körper ausging, nahm alle Schwärze der Nacht gefangen, als verharre alle Finsternis da draußen wie in träger Dumpfheit, vom Anblick des Mädchens gefangengenommen. Und irgendwo war da etwas wie eine erleichterte Sehnsucht. Als starre die Schwärze das Mädchen an, weil die Schwärze im Anblick dieses nebelweißen Zentrums zwar immer noch Schwärze sei, aber endlich nicht mehr an sich selber denken müsse.

Ich winkte Regina, und sie kam zu mir, immer wieder sich nach Ayse umblickend. Neben der Eingangstür meines Häuschens steht eine Bank, dort setzten wir uns beide, saßen nebeneinander, schauten.

Es war, und ich fühlte das jetzt ganz deutlich, als hätten das Haus und der Vorgarten und die Straße mit der Wiese dort drüben sich von dem Planeten Erde gelöst, und alles triebe jetzt als Brocken lautlos durchs All, Himmelskörper mit eigenem Ziel. Alles war fort. Ich hörte keine Geräusche mehr von der Stadt, die doch irgendwo noch da sein musste, da draußen, keine Lichter drangen herein. Kein Fußgänger, kein Auto, kein Tier. Nicht einmal die Grillen zirpten, was sie hier doch die ganze Nacht sonst tun.

Und mir kam der beklommene Gedanke, dass SIE gegenwärtig war. Natürlich, SIE hat den Menschen geschaffen nach IHREM Bilde, und in den jungen Frauen zeigt SIE sich am Reinsten. Der Gedanke machte mir keine Freude, nahm mir die Luft. Die Präsenz der Gottheit weckt im Geschöpf die Angst vor Vernichtung. Zermahlen zu werden unter dem Impakt der Erscheinung, oder sich aufzulösen in grenzenlosen Jubel, egal, Vernichtung der kleinen irdischen Existenz ist da immer angstvoll mitgedacht.

Ayse ist nur ein Mädchen, dachte ich, und ich fühlte auf grauenvolle Weise, was Ehrfurcht heißt, und welches Gewicht dem Anteil von Furcht in diesem Begriff zukommt. Ich glaube, ich schlang sogar meinen Arm um den Reginas, um etwas wie Halt zu haben. Ich bin der ich bin, dachte ich, wie um mich meiner Wirklichkeit zu vergewissern, und dann dachte ich daran, das sind ja IHRE Worte.

ICH BIN DIE ICH BIN.

So saßen wir beiden Alten eine lange Zeit und beobachteten, was wir nicht verstanden.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 19.12.2021

Die beiden Katzen blickten immerfort hinüber auf die andere Straßenseite, auf die Besucher. Sie hatten auch die Ohren nach vorne gewölbt, wie es Katzen zu tun pflegen, wenn sie auf das Rascheln oder Zirpen einer Maus lauschen. Mir kam der Gedanke, ob sich Ayse vielleicht geirrt haben möge, und die Katzen konnten die fremden Wesen gar nicht sehen, nur hören. Die Gedanken fingen an, in meinem Gehirn zu rotieren, ich fühlte etwas wie einen übel angebrachten Forscherdrang. Ich weiß, was das war. Der Versuch meines überlasteten Schreckens, mich vor der Gegenwart des Heiligen in rationale Überlegungen zu retten. Ich dachte sogar darüber nach, ganz ernsthaft, ob die Besucher sich vielleicht unaufhörlich verständigten, in einer Art Zirpen, oberhalb unserer Hörfähigkeit, Ultraschall. Katzen und Hunde können so etwas hören, und vielleicht auch Füchse? Würde erklären, warum die alten Ägypter ihren Totenwächter als Schakal abgebildet haben, das Tier sitzt und hört mit aufgerichteten Ohren auf das Zirpen der Toten. Und vielleicht schweben auch die Worte Gottes unaufhörlich durchs All, alldurchdringender Schall, und unsere Ohren sind nur zu stumpf, sie zu hören? Oder wir hören sie im Gegenteil deshalb nicht, weil sie immer da sind, so wie wir ein anhaltendes Geräusch irgendwann nicht mehr hören? Wenn die Besucher sich mit Ultraschall verständigen, wie die Fledermäuse, würde das erklären, wieso sie über so weite Strecken kommunizieren. Und man müsste ihnen damit aber auch auf die Spur kommen können, mit den passenden Geräten!

Ihr seht, ich war einigermaßen von der Rolle.

Reginas Arm war warm in meinem, das war mein Trost und mein Halt. Sie war genauso angespannt wie ich. Ayse war wie ein Teich aus Milch in einem Meer aus Teer, aber so wie eine Kerzenflamme auch die dickste Finsternis durchdringt, war der Tropfe Helligkeit stärker als das Meer aus Schwärze, und das Meer ruhte still, in Betrachtung versunken.

Mir wurde klar, wir sahen etwas, wir wurden einer Sache gewahr, die sonst menschliche Augen nicht sehen dürfen, jedenfalls nicht zu sehen bekommen. Wer sagt, was wir sehen dürfen und was nicht, überlegte ich. Wir sehen, was wir sehen.

Ein Vorhang war weggezogen, und wir sahen Teile eines Schauspiels, das sich immerfort abspielen mag, immerfort dort draußen, das aber menschlichen Augen sonst verborgen bleibt.

Meine Gedanken rollten, wie Geröll zu Tal stolpert, im Gebirge. Dort draußen, im Außerhalb, da sind Wesen, da sind Ereignisse, von denen wissen wir nichts, und dennoch sind wir Mitspieler. Die Besucher, vielleicht sind sie seit jeher schon da, aber die wenigsten Menschen können sie sehen. So weit waren wir ja schon einmal mit unseren Überlegungen. Auf irgendeine unbegreifliche Weise suchen die Besucher ihre Zuflucht bei einem menschlichen Wesen, bei Ayse diesmal. Vielleicht aber tun sie das seit jeher, vielleicht ist es schon hundertmal schon tausendmal geschehen in der menschlichen Geschichte? Dass unsichtbare Besucher umrundet haben verlangend ein Menschwesen, und dies Menschwesen wusste nicht einmal davon, weil es die Besucher nicht sehen konnte? Und die Besucher rotteten sich zusammen vor der Wohnung dieses Menschenwesens und warteten auf jede Gelegenheit, des Heiligen Anblicks teilhaftig zu werden? Aber warum? Was hatten sie von diesem Anblick? Was hatten diese hier davon, Ayse anzuschauen? Trost? Halt im Meer einer unnennbaren Traurigkeit?

Dort draußen sind Dinge zugange … wir Menschen bilden uns immerfort ein, nur wir seien es, die Zuflucht suchen im Übernatürlichen. Wir rufen die Wesen an im Draußen, dass sie uns helfen. Wir rufen zu Göttern zu Engeln zu unbegreiflichen Mächten. Wer sagt, dass es nicht dann und wann umgekehrt ist? Vielleicht sind da draußen Wesen zugange, für die sind wir das Übernatürliche? Wesen, verzweifelt darauf hoffend, dass wir ihnen helfen? Wesen, die zu uns rufen um Hilfe, ohne dass wir sie hören? Wesen, denen wir Zuflucht und Halt und Trost bedeuten, ohne es zu wissen?

Die halten mich für ihre Bienenkönigin, hat Ayse gesagt. Ja. Aber König unter den Menschen ist der, den die anderen Menschen dafür halten, oder den die anderen Menschen zum König erklären. Sie erklären einen zum König, und bringen ihm Geschenke und gehorchen ihm, und dann ist der eben König. Abgerechnet davon, dass die anderen Menschen ihn für ihren König halten, ist er nur ein ganz gewöhnlicher Mensch. Abgerechnet davon, dass die Besucher Ayse verehren, ist sie nur ein Mädchen. Aber da die Besucher Ayse verehren, ist sie – was? Ihre Königin? Ihr Heil? Ihre Zuflucht?

Die Schwärze ringsum lagerte wie ein weltenweites Auditorium, zentriert auf diesen milchweißen Tropfen aus Licht, zentriert auf das Mädchen.

Und Regina und ich, wir saßen und schauten zu und warteten, was weiter geschehen möge.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 20.12.2021

Als Kind habe ich oft hinaufgeblickt zu den Sternen und mir vorgestellt, wie gern ich doch dort oben wäre, und welch wunderbare Welten dort wohl sein mögen, unerreichbar. Eines Tage wurde mir klar, dass wahrscheinlich genau dieser ferne Stern dort oben, nach dem ich sehnsüchtig hinaufsah, als Sonne auf einen Planeten schien, da ein kleiner Junge stand, hinaufschauend in den Himmel, hinüberschauend zu unserer Sonne, denkend, welch wunderbare Wesen mögen dort wohl wohnen?

Ich wohne dort. Ich wohne hier.

Irgendwie machte mich der Gedanke ratlos, er erschien mit unabweisbar, aber auch irritierend. Später wurde mir klar, wir haben beide recht, ich und der kleine Junge in dieser fernen Galaxie. Wir sind beide ganz wunderbare, unbegreifliche Wesen. Unableitbar, niemand hätte sich uns ausdenken können. SIE hat uns erschaffen. Wir sind auserwählt, denn aus der Unzahl möglicher Geschöpfe hat SIE uns erwählt, wirklich zu werden und das Leben zu haben. Darin ist keine Notwendigkeit, es gibt keine Kette der Bedingungen, die mit Notwendigkeit uns hervorgebracht hätte. Es ist allein IHR Wille, der uns geschaffen hat, und IHR Wille ist nicht vorhersehbar. Deswegen ist auch recht und gut, wie wir alle sind, denn SIE hat uns so gewollt, und jeder lebt sein Leben, das nur er leben kann, ein jedes Leben ist Aufgabe, von IHR gestellt. Von IHR gewollt.

Und nun also Ayse. Ich komme damit nicht zurecht, Ayse auch nicht, aber da ist offenbar etwas, ihr aufgetragen, und sie tut es. Sie stellt sich hin und tut es, ohne die leiseste Ahnung zu haben, was das bedeuten soll.

Ich hatte das überwältigende Gefühl, das ist sinnvoll, was da passiert. Ich meine das wörtlich. Was da passiert, ist voll von Sinn, ist gefüllt mit Sinn, ich hätte nicht formulieren können, was für ein Sinn das denn sei. Ich sah etwas, das war vollkommen unverständlich, dieses nackte Mädchen in der Nacht, leuchtend wie ein Tropfe Milch, und die Schwärze herandrängend, hoffnungsvoll herandrängend, voller Sehnsucht, ein Ozeans aus Schwärze zentriert um einen Tropfen Milch. Das sah ich. Es machte keinen Sinn, und ich begriff auch, weshalb. Was ich da sah, das war nicht abgeleitet aus irgendeinem Sinn, das setzte selber Sinn. Vielleicht liegt hier der Grund, warum Ayse sagt, sie hätte gar keine Wahl. Sie wusste, oder sie fühlte wenigstens, wenn sie dort hinausgeht, setzt sie Sinn. Setzt sie einen neuen Anfang in der Welt. Ist das einem Menschen möglich? Durch eine einfache Tat, durch eine so simple Tat, einfach hinauszugehen und sich hinzustellen, einen neuen Anfang zu setzen? Es ist möglich, wir sahen es ja mit eigenen Augen, Regina und ich, und ich war so froh, dass ich Regina beigeholt hatte, so habe ich nimmer die Ausflucht zu sagen, ich habe das alles bloß geträumt.

Regina hatte den Arm um meinen geschlungen, und sie fühlte das gleiche wie ich, das hat sie mir später gesagt, wie gut, dass wir beide das sehen. Hier und jetzt, in dieser Stunde der Finsternis, beginnt die Welt neu, und wir sind Zeugen, und legen Zeugnis ab füreinander.

Wir sind die Zeugen.

Wir haben gesehen.

Ayse stand, schimmerndes Wunder aus Hoffnung und Zuversicht, Erstgeburt einer neuen Welt, und die Schwärze drängte herbei, sie zu bestaunen.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 21.12.2021

Ich begriff ziemlich viele Dinge auf einmal, Dinge, die zu begreifen ich noch nicht einmal begonnen habe. Kein Widerspruch.

Ich begriff, wir sind nicht allein. SIE ist bei uns. Natürlich, das weiß jeder, wenn er es nur wissen will.

Ich begriff aber auch, wie allein wir sind, nämlich unter den Menschen. Und ich begriff plötzlich, wie real die Gefahr ist, von der Balbutin gesprochen hat. Da draußen sind Kräfte zugange, die wollen nicht, dass wir sehen, was wir sehen. Die wollen das um keinen Preis. Da liegen Machtfragen auf dem Tisch. Wer die Macht will auf dem Planeten Erde, der duldet nicht, dass die Menschen einer höheren Macht mehr gehorchen als seiner.

Als Ayse den Goldfisch geküsst hatte, oben auf dem Fons, war das fast noch amüsant gewesen. Skurril. Aber das jetzt …

Denkt euch eine Schlange, eine graue bewegliche Schlange, neugierig tastet die sich den Stamm einer Palme entlang, stöbert und sucht, macht sich in den Palmwedeln zu schaffen, dass das Grün rauscht und schwankt, und ihr tretet zurück im Dickicht und noch weiter und noch weiter, und dann seht ihr, ihr wart viel zu nahe dran, denn jetzt, aus der Entfernung, erkennt ihr, das ist gar keine Schlange, dies schlanke, eilige Tier mit seinem beweglichen Suchen und Stöbern, das ist der Rüssel eines Elefanten.

Wir sind alle zu nahe dran an unserer Wirklichkeit, so nahe, dass sie unser ganzes Gesichtsfeld ausfüllt. Rundum ist aber die Fülle der Wirklichkeit, die sehen wir nicht. Was immer geschieht auf dem Planeten Erde, es ist nur Teil einer gewaltigen, umfassenderen Wirklichkeit, und alles, was dort geschieht im Draußen, ist verbunden mit dem Geschehen auf dem Heimatplaneten, innig verbunden, aber umgekehrt gilt das auch. All unser Tun hat Auswirkungen hinaus ins Draußen und Weitfort, Auswirkungen, von denen wir nichts wissen. Wir ahnen die Dimensionen der Wirklichkeit erst, wenn wir ein paar Schritte von unserer Täglichkeit zurücktreten.

Die Nacht war vollkommen still, niemals hatte ich eine solche Stille erhört. Irgendwann verstummte selbst das Geräusch meiner eigenen Gedanken, der Blasebalg meines Atmens wurde lautlos. Ich war körperlich noch da, musste es sein, denn ich spürte die Wärme von Reginas Arm in meinem. Die einzige Bewegung, die ich wahrnahm, war dieses sonderbare Wehen der goldenen Lichtfahnen, die Straßenlaternen waren wie Fahnenmaste, und das Licht wehte, wehte hin in Richtung auf Ayse, die stand reglos, mit ihren leicht gebreiteten Armen. Rechts von ihr eine Straßenlaterne, deren Lichtfahne wehte auf sie hin, und links von ihr ebenso eine. Es konnte also nicht der Wind sein, der das Licht bewegte, es ging ja auch kein Wind. Aber welche Kraft in der Welt hat die Macht, das Licht zum Wehen zu bringen?

Ich sagte ja schon, die Nacht war nicht nur vollkommen still, sondern auch vollkommen schwarz, Meer aus Teer. Ich konnte dennoch alle Einzelheiten erkennen, die bleichen Gesichter der Besucher, die lodernden schwarzen Locken der schönen Frauen, die weit offenen Augen, alles. Ich konnte das verzweifelte Begehren erkennen in den Gesichtern. Ein Tor hatte sich aufgetan, und das Draußen hatte sich dem Drinnen vermischt, das Hier dem Dort. Ich begriff, Regina und ich sahen die Wirklichkeit, und wenn wir davon erzählen würden, würde uns niemand glauben. Berichten aus der Wirklichkeit wird nur geglaubt, wenn der Ausschnitt klein genug ist. Und ist der Ausschnitt nur klein genug, wird selbst der platten Lüge geglaubt. Niemand aber würde Regina und mir glauben.

Die Nacht schritt voran, es gab also immer noch Zeit, die Glocken schlugen nicht mehr, aber ich hatte immer noch den Puls meines eigenen Herzens als Maß. Ich fand plötzlich, in der Eingebung eines Augenblicks, dass die Schwärze ihre eigene Temperatur hatte, ich meine damit, sie war nicht heiß oder kalt nach irdischen Maßstäben, sondern durchwirkt von einer eigenen Energie. Wäre ich hingegangen und hätte einen von den Besuchern berührt – warum habe ich das noch nie getan? – ich hätte nichts gefühlt, weil meine menschlichen Sinne nicht geeignet sind, die fremden Wesen zu erfahren, aber sehen können wir sie dennoch, sehen. Der weiße Tropfe Milch aber, der nackte Körper des Mädchens, der all diese Schwärze auf sich hin zentrierte und die Schwärze durchhellte, der war warm, nämlich warm wie ein menschlicher Körper, ich fühlte das, fühlte die Wärme auf meiner Haut, und mir war, als sei die Wärme des Menschen, diese Temperatur, die ein menschlicher Körper hat, nicht nur eine irdische Zufälligkeit, sondern ein kosmisches Maß. Die Wärme des menschlichen Körpers bedeutet etwas im All, irgendetwas Maßstabsetzendes. Es war Ayses Wärme, die die anders geartete Temperatur der Besucher anzog wie ein Magnet.

Der weiße Schein, der von Ayse ausging und der sie einhüllte, hatte keine ganz genauen Grenzen, er schien eher wie ein milder Nebel, tropfenförmig, mit weichen Konturen, und er schien gegen die umgebende Schwärze anzudrängen, so dass sie vor seinem Druck ein Stück zurückweichen musste, ein Stück aber nur, denn sich beliebig ausdehnen konnte die weiße weiche Wärme auch nicht. Mir dämmerte auf, dass die Grenzen des Tropfens aus weißem Schein bestimmt sein könnten von der Wärme, die Ayses nackter Körper ausstrahlte, von daher die unbestimmten Grenzen.

Ich schaute genauer hinaus und erkannte, die Zahl der Besucher hatte sich immer noch gemehrt, sie füllten die Wiesen, es waren Hunderte, drängende Schar der Pilger, aller Augen, all diese Gebärden der Demut und des Verlangens, gerichtet auf das nackte Mädchen.

(Nachrichten vom 16. bis 21.12.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 19.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)