Banshee Neue Folge 27

Nachricht von Peter von Mundenheim

Ich versuch grade, Ayse zu einer Antwort zu bewegen. Sie sagt, sie hat euch so ausführlich geschrieben, was sie da unter der Kathedrale erlebt hat, sie mag jetzt nichts mehr schreiben. Das geht über ihre Kräfte, sagt sie. Die Wahrheit ist, wir waren am Abend oben auf dem Fons, nach unserem Besuch in der Gedenkstätte, und wir haben alles besprochen, und ja, wir sind auch zu Schlüssen gekommen. Am nächsten Tag aber war Ayse wie ausgewechselt, sie war schon in der Frühe auf den Beinen und stellt das Haus auf den Kopf. Sie hat seitenlange Pläne erstellt, am PC!, was alles gemacht werden muss, also ich hab hier bisher ganz komfortabel gewohnt, aber Ayse sagt, so geht das nicht weiter. Sogar die Türrahmen müssen gestrichen werden, und die Fensterläden. Sagt Ayse. Ich brauche einen neuen Kühlschrank, weil der alte zuviel Strom frisst. Sagt Ayse. Ich hab nur noch einen ruhigen Ort im Haus, das ist mein Schreibtisch. Floß auf stürmischer See, daran klammere ich mich. Der Sturm ist Ayse, sie tobt als Tsunami durch Haus und Garten und dreht jeden Stein um. Zweimal. Hätt nie gedacht, dass die kleine Frau solche Energien entfalten kann. Soviel zum Thema Verantwortung. Sie ist jetzt meine Haushälterin, und sie nimmt das tierisch ernst.

Nachricht von Amy Buchmüller

Soll das heißen, du bringst sie nicht mehr an den PC, um uns zu erzählen, was ihr oben auf dem Fons beredet habt?

Nachricht von Peter von Mundenheim

Doch, sie wird das machen, und wenn nicht, dann mach ich es. Versprochen. Auch eine Verantwortungsfrage. Wir waren uns ja alle einig, dass wir hier dokumentieren, was passiert. Zeitnah, wie das schöne Wort lautet.

Nachricht von Diana Hindrance

Und könntest du dann auch noch mal zeitnah dokumentieren, was es mit den Toten unter der Kathedrale auf sich hat, nur damit das noch mal gesagt ist? Den Toten, die Ayse sprechen gehört hat? Weil sie ja Reisende sind, gerettet aus einer Katastrophe, und unterwegs zu einem neuen Ziel?

Nachricht von Peter von Mundenheim

Darüber haben wir mit Regina noch ausführlich geredet. Sachstand ist, 1348 oder 1349 hat die Schwarze Pest Weldbrüggen erreicht, zwei Drittel der Einwohner sind gestorben. Ein Hetzer stand auf, der überzeugte die Einwohner, die Juden sind schuld. Die Juden haben die Brunnen vergiftet, von daher kommt die Krankheit, und die Krankheit hört nicht auf, weil Gott zornig ist, dass die christliche Stadt noch immer Juden duldet in ihren Mauern. Ergo, die Juden müssen alle getötet werden, nur das kann Gottes Zorn besänftigen, alle Juden müssen getötet werden, dann endet die Krankheit. Der Erzbischof persönlich nahm die Juden in seinen Schutz, er hatte eine kleine bewaffnete Macht, er konnte das durchsetzen, zum Schluss nahm er die überlebenden Juden auf in seinen Palast, es hatte Pogrome gegeben. Er starb dann bald, an der Pest, die meisten Juden auch, Weldbrüggen hatte eine stattliche jüdische Gemeinde, und  bevor der Erzbischof starb, nahm er der Stadt das Versprechen ab, die überlebenden Juden unbehelligt zu lassen. Da die Seuche keine Ruhe gab, kamen die Überlebenden, vor Angst um den Verstand gebracht, auf die irre Idee, die noch verbliebenen Juden in eine Höhle unter der Kathedrale zu bringen und sie dort lebendig einzumauern. So hatten sie die Juden aus dem Weg geschafft, und ihnen dennoch, treu ihrem Versprechen an den toten Erzbischof, kein Haar gekrümmt. Die Seuche dachte natürlich nicht daran aufzuhören, es dauerte noch Monate, bis sie sich ausgerast hatte, die Überlebenden hatten dann anderes zu tun, als über die eingemauerten Juden unter der Kathedrale zu reden, die Sache geriet aber nie in Vergessenheit, es gab mündliche Berichte, die verschiedentlich aufgeschrieben und gedruckt wurden. Eine Sage, hieß es, nur eine Sage. Im Jahr 1988 wurde dann die zugemauerte Höhle unter der Kathedrale zufällig wieder aufgefunden, oder nicht so zufällig, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die eingesperrten Juden saßen noch, wie sie zurückgelassen worden waren, tot und mumifiziert. Ich habe alle Details in einem Bericht mit dem Titel „Das Leben in unserem Tal“ niedergelegt, da könnt ihr nachlesen, wenn es euch interessiert. Der Ort wurde zur Gedenkstätte gemacht, die besucht werden kann, Voranmeldung erforderlich, Wartezeit normalerweise zehn Jahre. Und ja, Diana, wer immer jemals diese Gedenkstätte besucht hat, fühlt eine unentrinnbare Verantwortung auf sich lasten, ob er will oder nicht. Glaub mir, keiner der das gesehen hat, sagt noch, geht mich nichts an. Wir sind alle verantwortlich für das, was auf diesem Planeten passiert, wir sind es einfach, ob wir wollen oder nicht.

(Nachrichten eingegangen am 17.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 18.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)