Banshee Alte Folge 26

Nachricht von Ayse Konopski, vom 03.12.2021

Über das Wasser hinweg sagte PvM: Ayse, wir müssen mit dir reden. Regina will mit dir reden. Du musst jetzt rauskommen. Und setz den Fisch zurück ins Wasser, bevor ihm die Kiemen austrocknen.

Das letztere klang nach einem vernünftigen Vorschlag, Kois halten zwar eine Weile aus an der Luft, aber auch nicht ewig, also gab ich nach und sah, ich musste mich jetzt wirklich trennen von dem, von dem, ja, was war der eigentlich für mich?

Wusst ich nicht, nur dass ich ihn von Herzen liebte, das wusst ich, und also ließ ich das feuerrote stille Tier hinunter ins Wasser, und weil ich ihn aber so gar nicht ohne Abschied und Zeichen davonschwimmen lassen wollte, beugte ich mich vorher noch einmal über ihn und drückte ihm einen letzten Kuss auf die breite Karpfenstirn, und dann setzte ich ihn hinunter in das grüne Wasser, in das glitt er hinab wie ein bunter Schatten. Er stand da unten für eine Weile ganz still, direkt an meinen Knien, und dann glitt er davon, so dicht um meine Beine herum, dass ich das Flossenschwänzeln an meiner Haut fühlte wie Geschwätz, wie leichtes Gerede in der Nacht, wie wenn einer auf dem Kopfkissen direkt neben deinem Ohr vor sich hin plaudert.

Ich war herzlich froh, dass ich mich zu den beiden Alten umgedreht hatte, denn jetzt musste ich denen zwar meine Möpschen zeigen, die sind aber viel zierlicher als mein fetter Hintern, das war lange nicht so peinlich. Ich bückte mich und spülte mir mit dem grünen Wasser Brust und Arme ab, denn der Koi hatte wie alle Fische eine zarte Schleimschicht auf der Haut gehabt, das haben die so, damit es im Wasser besser flutscht, und von dem Schleim hatte ich ein bisschen abbekommen, bildete ich mir jedenfalls ein, und nach Fisch riechen wollte ich nicht unbedingt.

Und danach schritt ich, einigermaßen aufrecht und mit rotem Kopf, zurück zum Ufer, wobei ich das Platschen und Rauschen meiner Schritte hörte.

Die Pihis sausten um meinen Kopf, ich fühlte den Luftzug, und dann sah ich, dass die beiden Alten an mir vorbei ins Wasser starrten, ins tiefe Wasser hinter mir. Ich drehte mich um, und hinter mir sah ich buntrote Schatten im Wasser, da war ein ganzer Schwarm, der folgte mir andächtig, so weit es gehen wollte.

Na toll, dachte ich und sah hinüber zur Insel, die Hexenmädchen hatten sich nicht gerührt, sahen mich an mit weit offenen Augen, selbstvergessen.

Die Kois können mir jedenfalls nicht folgen, dachte ich, oder vielleicht doch? In PvMs Hintergarten gibt es einen kleinen Teich, womöglich —

Und dann sah ich, dass auch Regina hinübersah zur Insel, zu den Hexenmädchen, und ich verstand, die sieht die auch.

Mir wurde ein bisschen schwindelig, das Wasser platschte, und ich nahm PvM in den Blick, um ein Ziel zu haben am Ufer, und PvM bückte sich und sammelte mit überraschender Behändigkeit meine Klamotten auf. Ich gewann Land, ich trat auf ihn zu, züchtig die Arme vor der Brust, was sollte ich machen, und ich triefte am ganzen Leib, er zog eines von den riesigen weißen Stofftaschentüchern aus der Tasche, die er hartnäckig benutzt, alle Welt benutzt Papiertaschentücher, PvM bleibt bei seinen Stofftaschentüchern, und eines davon gab er mir also, um mich abzutrocknen, und das half immerhin ein bisschen, wenn auch nicht viel, und ich musste mehr oder weniger nass in meine Klamotten, habt ihr euch schon mal nass angezogen? der Stoff bleibt an der Haut kleben, ich kam kaum in die Jeans rein, tanzte herum, notgedrungen hielt ich mich dabei an PvM fest, und was ich eventuell noch an Würde übrig hatte, das ging dabei den Bach runter, auch egal, irgendwie brachte ich mein T-Shirt über den Kopf, und während ich nestelte und kämpfte, hörte ich Regina sagen, und sie hatte die ganze Zeit still dagestanden und uns zugesehen, die Hände vor dem Schoß gefaltet, und an ihren Fingern hingen an den Riemchen ihre High Heels, und sie sagte also, und ich hörte sie zum ersten Mal reden, sie hat eine sonderbar weiche, melodische Stimme, und ich hörte der Stimme an, dass sie lächelte, die schöne alte Frau: Jetzt hab ich das wenigstens mal gesehen, mit eigenen Augen —

Sie brach ab, als müsse sie erst nachdenken, was sie denn da gesehen habe, und PvM ergänzte, amüsiert, während er mein T-Shirt auf meiner nassen Haut zurechtzupfte: — gesehen, wie die Prinzessin, wenn schon nicht den Frosch, so doch wenigstens den Goldfisch küsst.

Das war witzig, haha, ich verkniff mir gerade eben noch zu sagen, das war ein Koi, kein Goldfisch, und Regina trat auf mich zu und sagte freundlich: Ich bin Regina Austri, wir müssen reden.

Sie nahm mich bei der Hand, ihre Hand war sehr schmal und leicht, und sie führte mich zurück in den Dschungel, ich folgte ihr wie ein Kind, indes PvM voranschritt, auf seinen Stock gestützt.

Die Pihis sausten und zirkelten über dem Blätterdach, ich hörte ihr Geschwätz in den Lüften, überall.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 04.12.2021

Und was, wenn nun die schöne Regina Austri auch nicht wirklich war?

Das ging mir die ganze Zeit durch den Kopf, während wir in dem winzigen Aufzug nach oben fuhren in die Chefetage, der Aufzug war elegant, wie alles hier, Silber und Chrom und Spiegel auf drei Seiten, um den Eindruck von Weite zu schaffen, für Leute, die an Klaustrophobie leiden, für Leute wie mich also, aber deutlich zu eng, und wir schauten alle drei in Luft, wie es Leute in Aufzügen eben machen. Oder in der U-Bahn, um sich nicht ins Gesicht sehen zu müssen.

Ich weiß nicht, wozu PvM imstande ist, ich seh überall diese Wesen, die aussehen wie Menschen, aber keine sind, ich hatte gerade eben zwei Vögel gesehen, die nur als Paar fliegen konnten, warum sollte ich so einfach voraussetzen, das Regina Austri wirklich war? Sie fühlte sich so an, mit ihrer zarten Hand, an der sie mich durch den Dschungel gezogen hatte, aber was bedeutet das schon, auch eine Fee oder ein Dämon können die Leute so verzaubern, dass die glauben, was sie sehen.

Steht jedenfalls in den Büchern, und vieles, was in den Büchern steht, ist wahr. Längst nicht alles, aber doch vieles. Bloß, wie soll man das unterscheiden?

Sie war fürsorglich, Regina Austri, sie fragte mich sogar, ob mir kalt sei, ich war immer noch nass, aber ich fror nicht, ich war wachsam wie eine Katze unter dem vollen Mond.

Nasse Katze.

Aber die alte Frau schien es gut mit mit zu meinen. Als wir in ihrer Amtsstube saßen, fing sie nicht einfach an, mich auszuquetschen, vielmehr erklärte sie erst mal, was sie von mir wissen wollte, und warum sie das wissen wollte wissen musste! ich frag nicht aus Neugier, sagte sie, Dinge sind im Gange, die müssen wir verstehen.

Dinge sind im Gange. Das kann man wohl sagen.

Da draußen sind Wesen, die sind nicht von dieser Welt, sagte ich. Sollte nicht die ganze Welt davon wissen? Sollten wir nicht allen davon erzählen? Würde das nicht alles ändern, alles, wenn die Menschen plötzlich erführen, all die alten Geschichten sind wahr, da ist wirklich noch eine andere Welt, und die Wand zwischen der anderen Welt und unserer, die ist durchlässig, da gibt es Türen oder Schlupflöcher, was weiß ich, und da ist Verkehr, Wesen kommen von draußen herein in unsere Welt, würde das nicht alles ändern?

Würde es, bestätigte PvM anstelle von Regina. Würde es, wenn uns auch nur ein Wort geglaubt würde.

Wir wissen von Leuten, Gruppen, überall im Land, sagte Regina, die alle das Gleiche sehen. Die alle das sehen, was wir eben im Palmenhaus gesehen haben, auf der Insel. Und wenn sie beschreiben, was sie sehen, stimmen die Beschreibungen überein. Außer in einem Punkt. Etwas ist neu. Du bist neu.

Sie sah mich aufmerksam an, schien sich dann zu bedenken, fragte freundlich, ich darf doch Du sagen?

Die beiden Alten duzten sich offenbar, also, ich nickte.

Du bist neu, sagte Regina. Etwas an dir ist anders. Sie reagieren auf dich. Das haben sie noch nie getan. Oder wenigstens … ich muss vorsichtig sein. Wir wissen nichts davon, dass sie das schon jemals getan hätten. Natürlich vermuten wir, es gibt eine große Zahl von Personen da draußen, von denen wir noch nicht gehört haben, und was die gesehen und erlebt haben, das wissen wir nicht, naturgemäß. Peter – sie nickte gegen PvM hin – hat mir erzählt, dass sie vor dir niederknien.

Wieder nickte ich.

Aber da ist noch mehr. Du bist rausgegangen, auf die Straße, mitten in der Nacht, weil du das Gefühl hattest, sie hätten dich gerufen, sie wollten, dass du rauskämst. Ich muss das wissen, ich muss das unbedingt wissen. War da ein Ruf, war da ein Anruf? Wolltest du rausgehen, oder musstest du? War das freiwillig, was du da gemacht hast?

Jetzt war es soweit, das war der Augenblick, vor dem ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Sie war so freundlich, die alte Frau, und wenn sie nun doch eine Hexe war? Sie hatte mich verführt im Handumdrehen, dass wir „du“ zueinander sagten, obwohl ich sie doch gar nicht kannte. Woher sollte ich wissen, dass ich ihr vertrauen konnte? Woher sollte ich wissen, dass sie es gut mit mir meinte?

Und auf einmal war ich mir nicht mehr so sicher, ob das Respekt war, was sie in mir weckte, oder nicht doch Angst.

Es war die Zielgenauigkeit, mit der sie auf den Punkt kam, die mich erschreckte. Sie fragte genau dorthin, wo es wehtat. War ich freiwillig auf die Straße gegangen, mitten in der Nacht, hatte ich mich freiwillig nackt da hingestellt? Hatte ich das wirklich selber gewollt?

Also, Ayse, redete ich mir zu, du hast doch schon Übung darin, dich auszuziehen, jetzt lass die Hosen runter.

Ich spürte, dass meine Lippen weiß wurden, irgendwie brachte ich sie nicht auseinander.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 05.12.2021

PvM kam mir zu Hilfe, wir saßen in dem Besucherwinkel des Chefzimmers, warm und einladend möbliert mit einer Couch, mehreren Sesseln, einem Glastisch, und auf dem Tisch standen Gläser und ein Silbertablett mit einer Kanne Tee, alles bestens, alles Zivilisation, und PvM saß neben mir auf der Couch, er hatte mich beim Eintreten so dirigiert, als ob er da schon das Gefühl gehabt hätte, ich würde irgendwann Hilfe brauchen, nun, irgendwann war jetzt, und er nahm meine Hand in seine und schloss auch noch die andere darum und sagte: So, wie Ayse mir das erzählt hat, stand sie unter dem Eindruck einer unabweisbaren Bitte. Richtig? Da war ein Verlangen, so dringend, dass sie einfach nicht „nein“ sagen konnte.

Ich brachte endlich die Zähne auseinander. Ich sagte: Es war, wie wenn dir ein Ertrinkender die Hand entgegenstreckt, und du sitzt am Ufer, du musst nichts tun, als die Hand ergreifen. Natürlich tust du das. Oder ein Baby schreit. Natürlich hebst du es hoch und nimmst es in die Arme und tröstest es. Oder auf der Straße sitzt ein Vögelchen, das ist aus dem Nest gefallen. Natürlich hebst du es hoch. Auch wenn du nicht weißt, was du dann machen sollst.

PvM nickte, überaus befriedigt, und ließ meine Hand los. Da hast du es, sagte er zu Regina. Ein unwiderstehlicher Appell, fast ein Hilferuf.

Wir haben von einem solchen Fall noch nie gehört, sagte Regina.

Sie sagte „wir“, weder PvM noch ich hakten nach.

Plötzlich begann es, aus mir herauszusprudeln. Die wollen was von mir, sagte ich hastig. Und sie müssen irgendwas davon haben, dass sie mich ansehen. War doch eben genauso. Die drei Mädchen auf der Insel —

Ich sah PvM an, mit der Frage in den Augen, hast du die gesehen? hast du gesehen, dass die aussahen wie Diana? und er nickte, in schweigender Bestätigung, und ich fuhr fort:

— die drei Mädchen auf der Insel, bei denen war es doch eben genauso, ich bin ins Wasser gestiegen, und die haben mich angesehen wie hypnotisiert, als könnten sie nicht genug bekommen von meinem Anblick, das ist jedes Mal so, ich muss nur vors Haus kommen — ich weiß, ich müsst mich nicht gleich ausziehen, aber sorry, die wollen das, ich weiß das, die wollen das brennend.

Fragt sich, was sie davon haben, bemerkte Regina.

Könnte eine seelische Sache sein, überlegte PvM. Vielleicht beruhigt sie das. Lenkt sie von ihren Gedanken ab, von ihrer Angst womöglich? Die haben Angst vor irgendwas, das sieht man ihnen doch an. Oder wenn sie keine Angst haben, dann bedrückt sie jedenfalls etwas. Irgendetwas, was ihnen unaufhörlich im Kopf herumgeht, und was sie vergessen, wenn sie Ayse ansehen.

Und warum wollen sie dann, dass sie sich auszieht? fragte die schöne alte Frau, mit einer gewissen Schärfe in der Stimme.

Ich bitte dich, erwiderte PvM, auch er in Fahrt geratend, jetzt. Ein nacktes Mädchen? Es gibt keinen Anblick in der Welt, der so gewiss die Aufmerksamkeit auf sich zieht wie ein nacktes Mädchen. Bei heavy-metal-Konzerten benutzt das die Security, um Ruhe zu schaffen. Dämpft die Aggressionen. Die hübschen Mädchen ziehen blank, die Kameras bringen die Bilder auf die Leinwand, und es ist Ruhe, aller Augen sind auf die Projektionswände gerichtet, und die harten Jungs vergessen, dass sie sich grade prügeln wollten.

Das stimmt, sagte ich. Davon hab ich auch schon gehört.

Regina sah PvM an, als wollte sie fragen, woher weißt DU, wie es bei heavy-metal-Konzerten zugeht? verkniff sich das aber, und fuhr nach einigen Augenblicken fort, gegen mich gewandt: Worum es geht, das ist doch, die haben dich erreicht mit ihrer Bitte, so sagst du doch. Es waren aber keine Worte, die du gehört hast?

Es geht noch um was anderes, sagte ich.

Um was? fragten die beiden Alten gleichzeitig.

Dass die hier im Haus waren, erwiderte ich. Grad eben. Auf der Insel. Der Insel im Teich. Die Insel liegt doch nicht im Freien, die liegt unter dem Glasdach, im Palmenhaus. Sie waren da. Die drei Mädchen waren da. Sie kommen also rein ins Haus.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 06.12.2021

Die beiden Alten sahen sich an, mit dem Blick von Leuten, die sich gegenseitig stumm fragen, und was jetzt?

Sie hat recht, sagte PvM.

Und er klang gar nicht begeistert.

Ich sagte: Dann stimmt das vielleicht doch, was Balbutin damals geschrieben hat.

Peter hat mir das erzählt, nickte Regina. Aber ich muss dich noch etwas fragen. Etwas Intimes, es tut mir leid, aber ich muss das wissen. Wenn du vor denen stehst, hast du da das Gefühl, es wird etwas von dir weggenommen? Etwas fließt von dir weg? Als ob die an dir saugen?

WAS???

Regina redet von Vampirismus, erklärte PvM. Wär eine Möglichkeit. Irgendeine unauffällige Form von Blutsaugen, sozusagen. Die starren dich an, und saugen dabei an deinen Kräften, ohne dass du es merkst. An deinen geistigen Kräften. An deiner Seele, sozusagen.

Ja, sagte Regina, das ist es, was uns beschäftigt. Wenn du vor denen gestanden hast, so wie vorhin, und die sehen dich an, ist dir da hinterher etwas aufgefallen, an dir selber? Irgendeine unerklärliche Schwäche, Müdigkeit vielleicht, oder Traurigkeit, eine anhaltende Niedergeschlagenheit womöglich? Depression?

Und da langte es mir. Das letzte Wort, das war eine Nummer zu viel. Mir wurde giftig. Ich legte los, wie‘s ein braves Türkenmädchen tut, wenn endlich der Faden reißt. Nein, fauchte ich, da ist keine Depression hinterher. Nein, ich hab keinen an der Waffel. Ich lass mich gern von denen angucken. Die wollen das, und ich tu ihnen den Gefallen. Kostet ja nichts. Und nein, ich hab keine Ahnung, warum die das wollen, und warum die das ausgerechnet von mir wollen, aber was ich weiß, was ich absolut sicher und gewiss weiß, die wollen das. Mir gefällt nicht, was hier läuft. Tut mir leid, Regina, du bist hier die Chefin, du hast uns freundlich empfangen, alles okay. Aber mir gefällt das nicht. All diese Fragen, das läuft alles darauf hinaus, dass wir das Problem sind. Ich bin das Problem. Was hab ich gefühlt, warum hab ich was gemacht, warum steh ich auf einmal nackt im Gelände. Ich soll Auskunft geben, ich soll Rechenschaft ablegen, ich soll mich rechtfertigen. Da ist nichts, was ich erklären kann. Ich finde nicht einmal, dass ich was erklären muss. Es war alles so, wie ich gesagt hab. Die haben nach mir gerufen, und mir hat es das Herz zerrissen, ich hab mich hingestellt, weil die das wollten, und die wollten das, ich weiß nicht, es fühlte sich an, als kämen die fast um vor – vor Hunger. Vor Hunger, mich anzusehen. Irgendwas in der Art. Aber der Punkt ist, die wollten das. Die sind da. Die lungern rum vor Peters Haus, um mich zu sehen. Die waren auf einmal da, auf der Insel, weil sie wussten, ich komm dorthin. Woher wussten die das? Keine Ahnung, keinen Schimmer! Hab ich vielleicht dafür geradezustehen? Muss ich dafür irgendeine Erklärung abgeben? Hab ich das alles verursacht? Ich hab die nicht eingeladen. Diana behauptet, sie wär schuld. Kann sein, vielleicht auch nicht. Aber selbst wenn sie nach denen gerufen hat, und selbst wenn das wirklich die Engel aus dem Buch Henoch sind, Lady Di – Diana konnte nicht wissen, dass die wirklich kommen würden, wer denkt denn an so was, und dass die dann hinter mir her sein würden, woher hätte sie das erst wissen sollen? Sie kann die ja nicht mal sehen! Wir wissen alle nicht, was da läuft, keiner von uns hat irgendeine Erklärung, aber das ist kein Grund, aus purer Ratlosigkeit jetzt über mich herzufallen. Oder sonst über einen von uns. Alles ist unklar! Was sind das für Gestalten? Wie ist das alles zu erklären? Niemand weiß was! Und weil niemand was weiß, werden dann eben die Leute in die Mangel genommen, die die sehen können? Ersatzweise? Immer noch besser als gar nichts? Wir sind aber nicht das Problem. Wir können die sehen, das ist alles. Und wir haben uns das nicht ausgesucht, die meisten von uns verfluchen den Tag, als das angefangen hat, und keiner von uns kommt damit zurecht, manche von uns müssen vor den engsten Angehörigen verstecken, dass da was ist, was wir sehen! Also! Wir sind nicht das Problem, wir sind die, die das Problem am Hals haben! Wir bräuchten Hilfe! Wir! Das hilft uns aber nicht, wenn jetzt auf uns geguckt wird, wenn jetzt in uns reingefragt wird, wenn jetzt ein Loch in uns reingefragt wird! Die Fragen müssen an diese Gestalten gehen! Die müssen endlich mal sagen, wer sie sind und was sie wollen! Nehm schon an, dass die noch ein bisschen mehr von uns wollen, als bloß meine Möpse anzustarren, ich zeig die ihnen ja gerne, wenn sie es denn so dringend wollen, aber das kanns doch wohl nicht gewesen sein?

PvM nahm wieder meine Hand und sagte nichts, gar nichts, und seine Hand war groß und sehr warm.

Regina sah eine Weile vor sich hin und sagte dann ohne besondere Betonung: Ich seh die auch, Ayse.

Ja, da hatte sie ja recht. Ich senkte den Kopf und sagte: Tut mir leid.

Das ist nämlich auch so mit uns braven Kopftuchmädchen. Uns reißt schon mal der Faden, aber kaum ist es passiert, tut es uns auch schon leid.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 07.12.2021

Es ging eine Weile hin und her. Ich hab die Stimmung gestört, ich weiß, tut mir ja auch leid. Aber ein paar Sachen da oben auf dem Fons sind mir gehörig auf den Geist gegangen, und mit diesem Gewächshaus bin ich schon gar nicht zurechtgekommen. Also. Was da passiert ist, ich hätt so gern darüber geredet, über die Mädchen, die aussahen wie Diana, und über die Pihis, und den Koi, und den Papagei, der sich aufgeführt hat wie ein Hündchen – das waren doch alles Sachen, die, ich weiß nicht.

Statt dessen hat Regina nicht aufgehört, mir Fragen zu stellen. Mir! Ich hab doch nicht die Antworten! Keiner von uns hat Antworten.

Und dann war da diese Sache, dass sie ständig „wir“ gesagt hat. „Wir“ wissen, hat sie gesagt, und „wir“ machen uns Gedanken, aber wenn ich mal angestupst hab, wer ist das denn eigentlich, „wir“, wurde sie einsilbig, und auch PvM hat ja nichts aus ihr rausgekriegt.

Also, Regina weiß jetzt immerhin, dass es uns gibt, und über mich weiß sie mehr, als mir lieb ist. Ich komm mir vor wie die Wundergeburt im Zirkus. Ich bin das Mädchen, das Kontakt aufgenommen hat. Ich bin die mit der besonderen Beziehung, zu den Aliens. Ich bin das Studienobjekt.

Ich will nicht sagen, dass ich Regina misstraue. Sie wirkt so ehrlich, und so klar und kühl. Wie eine Birke im Vorfrühling. Ernsthaft, ich mach keine Sprüche. Aber sie ist auch irgendwie – sie ist, wie ich mir eine Politikerin vorstelle. Nicht ganz zu durchschauen. Und ich glaub bestimmt, wenns um die praktischen Sachen geht, wenns drum geht, Gespräche zu führen, wenns drum geht, zu telefonieren, da ist sie unschlagbar. Und ich glaub auch, man kann zu ihr Vertrauen haben. Hoff ich mal.

Irgendwie werd ich diese Angst nicht los, dass plötzlich die Weißkittel vor der Tür stehen und sagen, wir meinen es doch bloß gut mit dir.

Ich weiß nicht. Ich weiß gar nichts mehr.

Irgendwie kam nicht mehr viel raus bei dem Gespräch, aber PvM schien ganz zufrieden zu sein. Ich, ich war irgendwie total fertig. Wenigstens war ich einigermaßen trocken geworden, aber als wir uns verabschiedeten, fing ich an zu frieren. PvM hatte im Wagen eine alte Jacke, die hängte er mir um. Der Fons lag ganz still, als wir wegfuhren. Und ich hatte das Gefühl, an irgendeinem verborgenen Fenster, da stand die schöne alte Frau mit den silbernen Haaren, da stand Regina Austri und sah uns hinterher.

Wir schwiegen, als wir den gewundenen Weg wieder runterfuhren ins Tal, und ich saß neben PvM und starrte vor mich hin, und dann schlief ich ein. Ich wachte erst wieder auf, als wir in PvM’s Einfahrt einbogen, und da hatte ich den Kopf an seiner Schulter. Ich hatte den ganzen Weg so geschlafen, mit dem Kopf an PvM’s Schulter. Ich bin sowas von peinlich. Und ich fühlte mich sowas von warm und gut.

(Nachrichten vom 03. bis 07.12.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 17.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)