Banshee Neue Folge 25

Nachricht von Ayse Konopski

Es war in diesem Augenblick, dass wir bemerkten, und ich glaube, wir alle drei zur gleichen Zeit, denn wir drehten uns gleichzeitig um, dass wir also bemerkten, wir waren nicht allein. Natürlich nicht. In einigem Abstand hinter uns, diskret, liefen zwei Beamte der Weldbrüggener Polizei. Meine ganz persönlichen Bodyguards, in Uniform und bewaffnet.

„Das könnte jetzt schnell peinlich werden“, murmelte Regina. „Lasst uns weitergehen.“

„Peinlich?“, fragte ich, ebenso leise. „Hängt davon ab, ob die vielleicht auch was sehen. Oder wenigstens einer von denen.“

„Frag sie doch“, sagte PvM amüsiert und zog mich weiter, und da Regina an meinem anderen Arm hing, folgte auch sie, so gingen wir in ziemlich schnellem Schritt die Gasse hinunter, ohne uns noch einmal umzusehen.

Und dann sang der erste Vogel. Rollende Perlen über den Dächern, so bleich wie der Vollmond bei Nebel.

Ich war froh, dass die beiden Alten mich festhielten, von beiden Seiten. Ohne die hätt ich mich wahrscheinlich irgendwo hingesetzt, einmal sah ich festgeleinte Stühle vor einem Café, da hätt ich mich hinsetzen wollen und schlafen. Aber die Alten zogen mich weiter, bis zu dem bewachten Parkhaus hinter dem Landtag, dort verabschiedeten wir uns voneinander.

Ich wollte etwas sagen, mich bedanken, denn das hätte sich doch gehört, aber Regina sagte nur, schlaf du erst mal, und dann reden wir.

Wir verabredeten uns für den Abend, im Fons, bis dahin haben wir uns sortiert, sagte PvM, dann setzen wir uns zusammen und betreiben brainstorming.

Er benutzte das Wort mit einer leichten Betonung, und Regina lächelte, es war offenbar ein Scherz darin, eine gemeinsame Erinnerung, die sie teilten. „So machen wir das“, sagte sie, und sie fragten mich noch, ob es mir so recht sei. „Natürlich“, sagte ich, „ich richte mich nach euch.“

Ich mach doch sowieso alles, was ihr sagt, dachte ich dabei. Na ja, fast alles.

Ich hab damals auch fast alles gemacht, was meine Scheißfamilie mir gesagt hat. Fast alles. Regina und PvM sind jetzt alles was ich hab, was einer Familie am nächsten kommt. Sie geben mir alles, was von einer Familie erwartet wird, Schutz Heimat Vertrauen Nahrung ein Dach über dem Kopf, aber dafür muss ich auch tun, was von mir erwartet wird. Jedenfalls nicht über die Stränge schlagen.

Da draußen gibt es keine Alternativen. Ich sah mich wieder als Pennerin durch die Straßen schleichen, verrückt und murmelnd und speichelnd, und allen erzählend von den geheimnisvollen Gestalten, die ich sehe, nur ich. Ich sah wieder die weißgestrichenen Korridore in der Nervenklinik.

Oder ich halt mich an PvM fest und versorg sein Häuschen.

Keine Alternative. Nicht wirklich. Für zwei Tage war ich die Göttin der Wälder gewesen, nackt und unbezwinglich. Ich hatte es nicht durchgehalten. Für zwei Tage gerade hatte meine Kraft gereicht, und diese zwei Tage waren hoch gewesen wie der Himmel, unbeschreiblich, Höhepunkt des Lebens, Zentrum des Lebens. Aber ich hatte es nicht durchgehalten, es war eine Illusion gewesen. Ich hatte mein ganzes Leben in die Waagschale geworfen, meine nackte Haut, mein Fleisch. Das Fleisch hatte zwei Tage lang der Illusion gehorcht, der hochgemuten Einbildung, dann war es vorbei gewesen. Es stimmte ja, was sie alle sagten. Ich war mit knapper Not mit dem Leben davongekommen. Wäre Balbutin mir nicht gefolgt, ich hätte es nicht mehr zurück bis zum Haus geschafft. Balbutin, der dafür in Kauf genommen hatte, als Spanner dazustehen, der einer verrückten Nackten hinterherrennt, um ihr zuzusehen, wie sie unter den hellen Himmeln sich einen runterholt.

Keine Alternative.

„Regina!“ rief ich leise, als die Chefin des Fons schon ihre Autotür öffnete, und sie blickte auf. „Ich – ich weiß, was ihr für mich tut. Wollt ich nur mal sagen.“ Sie lächelte und schüttelte den Kopf, mit einer unbestimmten Geste, die wohl bedeuten sollte, alles gut.

Danach saß ich neben PvM in seinem klapprigen Wägelchen, und als wir das Parkhaus verließen, stieg bereits ein helles Grau über die Dächer. Okay, es passierte wieder, wie schon einmal. Ich schlief ein, übergangslos, ich merkte es nicht einmal, und ich erwachte erst, als wir in PvM’s Einfahrt einbogen. Und natürlich hatte ich, muss ich das erst noch sagen, natürlich hatte ich den Kopf an PvM’s Schulter.

Auf der Straße stand blinkernd und auffällig der Polizeiwagen, drin zwei bewaffnete Polizisten, die bewachten mich.  

(Nachricht eingegangen am 15.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 16.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)