Banshee Alte Folge 25

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 28.11.2021

Ich erzählte ihr alles, ich erzählte Regina alles, und ich wunderte mich, dass sie mich gar nicht unterbrach, keine Fragen stellte, sie blickte an mir vorbei, Kopf in die Hand gestützt, hörte zu, unverwandt, ein Bein über das andere geschlagen, und da war nicht eine Falte in ihrem makellosen grauen Kostümrock, sie hörte zu, unbewegt und still.

Ich erzählte von dem Schrei, dem klagenden Schrei in der Nacht, dem Schrei der Banshee, der vielleicht der qualvolle Schrei der Blassen war, oder etwas anderes, und ich erzählte, wie Ayse in der Nacht hinaus auf die Straße gegangen war, nackt, und sich vor sie hingestellt hatte, und wie die den Anblick des Mädchens getrunken hatten, als hinge ihr Leben davon ab, und sie haben doch gar kein Leben.

Ich erzählte, wie ich in Ayses Dorf war, und wie sie vor Ayse in die Knie gesunken waren, war das vor dieser Nacht gewesen oder danach, ich weiß gar nicht mehr, ich weiß nur noch, ich war ein zweites Mal in Ayses Dorf, sie zu mir zu holen, nach Weldbrüggen, wir müssen sie schützen, dachte ich.

Sie sind ihr nachgekommen, sagte ich. Ayse war noch keine zwei Tage bei mir, da haben sie angefangen, sich vor meinem Haus zu versammeln, in großen Scharen, schweigend, wartend. Und wenn Ayse aus dem Haus tritt, sinken sie vor ihr in die Knie und sehen sie an.

Da war es das erste Mal, dass Regina sich rührte. Sie seufzte, und nickte, und sah mich an. Rückte sich ein bisschen zurecht in ihrem Sessel, und faltete die Hände im Schoß.

Danke, sagte sie. Danke, dass du das erzählt hast. Ich vermute, es hat dich Überwindung gekostet.

Nicht wirklich Überwindung, sagte ich. Ich habe Vertrauen zu dir.

Ich sollte dazu sagen, ich habe nicht nur Vertrauen zu ihr, sondern ich verdiene auch ihr Vertrauen, umgekehrt. Ich bin der einzige, der wirklich weiß, was damals unter der Kathedrale passiert ist, und ich habe es aufgeschrieben, in „Das Leben in unserem Tal“, und ich habe es so verpackt, dass alle Welt das Buch für einen Roman hält, wiewohl doch darüber steht, „ein Bericht“. Das ist die Kunst, die Wahrheit offen so auszusprechen, dass jeder sie für Erfindung hält. So wie dieser gestohlene Brief bei Poe, den niemand findet, weil er offen auf dem Tisch liegt.

Regina blickte eine ziemliche Weile vor sich hin, dann sah sie mir ins Gesicht und sagte ganz unvermittelt: Ihr seid nicht die einzigen.

Ich begriff sofort, was sie meinte. Für einen Augenblick was es, als sei alle Kraft aus mir gewichen. Ich sank in meinem Sessel zusammen nicht besser als ein Luftballon, den jemand angestochen hat. Erleichterung? Unglaube? Ratlosigkeit? Ich weiß nicht.

Wir sind nicht die einzigen? wiederholte ich. Also das musst du mir jetzt erklären.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 29.11.2021

Sie nickte, nickte noch einmal. Das ist nichts, was die Öffentlichkeit irgend etwas angeht, sagte sie. Wir kennen das Problem. Jetzt kommst du. Ihr stellt uns vor eine völlig neue Situation.

Ich berappelte mich, ich setzte mich wieder ordentlich hin, ich blickte Regina scharf an, fragte: Du auch?

Ja, sagte sie mit fester Stimme. Ich auch.

Seit wann?

Seit einem Jahr, etwa.

Einer von uns ist abhanden gekommen, sagte ich und erzählte von Balbutin, der irgendwo draußen im Gelände umherirrt und sich versteckt hält. Ich erzählte endlich auch von Diana und dem Buch Henoch und unserem unklaren Verdacht.

Und sie heißt Ayse? fragte Regina. Ayse Konopski? Und sie sinken vor ihr auf die Knie? Sie beten sie an? Sie halten sie für ihre Königin?

Ich hab keine Ahnung, was die denken. Ob die überhaupt denken. Ich bin mit Deutungen vorsichtig. Ja. Wann immer Ayse aus dem Haus tritt, sie sinken vor ihr in die Knie und sehen sie an mit weit offenen Augen. Wie – wie die Gläubigen in der Kirche, die die erhobene Hostie anschauen. Ist das Anbetung? Es ist jedenfalls die Geste der Verehrung. Und Ayse ist davon überzeugt, als sie sich in der Nacht nackt vor die hingestellt hat und sich hat anschauen lassen, mehrere Stunden lang – sie glaubt, sie hat genau das getan, was die wollten. Genau gesagt, sie hat es getan, weil die das wollten. So wie sie sagt, war da etwas wie ein Ruf, dem sie folgte. Eine Aufforderung, die sie verstanden hat.

Kommunikation, sagte Regina. Das willst du doch sagen. Zwischen deiner Ayse und den Besuchern hat etwas wie eine Kommunikation stattgefunden?

Ayse ist davon überzeugt.

Ich muss mit ihr reden, sagte Regina.

Deswegen habe ich sie mitgebracht. Du musst dich vorantasten, wenn du mit ihr redest. Sie wird leicht bockig und sagt dann gar nichts mehr.

Ich kann mit jungen Frauen umgehen, sagte Regina, mit einem sonderbar traurigen Blick, den ich nicht verstand.

Ich sagte: Ich will erst noch wissen, wie viele Leute sind da draußen, die eingeweiht sind? Hier auf dem Fons, alle?

Nein, keineswegs. Hier auf dem Fons nur Peregrinus und ich.

Jetzt blieb mir doch die Luft weg. Im Ernst, sagte ich. Peregrinus?

Ja. Und in Berlin zwei Leute, zwei Buchhändlerinnen. In Franken eine kleine Gruppe, die sich zu Tode fürchtet, wie ihr. Noch einige andere. Du verstehst, das sind Leute, von denen wir erfahren haben, mehr oder weniger durch Zufall. Man muss vermuten, es gibt noch andere. Im Ministerium sind auch noch zwei, im Kulturkonzil. Kann dir leider keine Einzelheiten geben.

Kulturkonzil, wiederholte ich. D’Israeli selber?

Kann dir keine Auskunft geben.

Ist da irgendwas Offizielles im Gange?

Kann dir keine Auskunft geben.

Du machst es mir nicht gerade leicht, sagte ich.

Es tut mir leid, erwiderte sie. Ich muss jetzt unbedingt mit deiner Ayse sprechen.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 30.11.2021

Ich geh mal nach ihr gucken, sagte ich. Ich hab sie unten im Gewächshaus gelassen.

Regina stand auf und ging einfach mit. Ich hatte keine Ahnung, was Ayse trieb da unten im Dschungel, aber wie hätte ich der Hausherrin verwehren können, hinzugehen wohin sie wollte, in ihren Ländern?

Immerhin hängte sie sich bei mir ein, schob ihren Arm unter meinen, und das gefiel mir, so klemmten wir uns in den Aufzug, ich mit meinem Stock in der einen Hand und am anderen Arm die Herrin des Fons, und dann querten wir den gläsernen Laubengang, der das Verwaltungsgebäude vom alten Gewächshaus trennt. Ich geh da gerne durch, besonders wenn es regnet. Ich war einmal hier während eines Gewitters, da stürzten die Wasserschwälle rauschend über die Glasflanken, prasselnd und spülend, und ich stand dennoch wunderbar trocken mitten im Gewittersturz, es war, als seien Kinderträume wahr geworden, wenigstens meine, denn als Kind hab ich immer davon geträumt, ich könnte durch die Welt gehen, ohne dass mich was berührt.

Am Eingang zum Palmenhaus erhob sich der Pförtner von seinem Sitz in seinem Glashäuschen, als er die Chefin sah, Regina schüttelte nur den Kopf.

Ich hatte sofort das Gefühl, dass die Dinge nun eine andere Form annahmen. Vielleicht nicht unbedingt bedrohlich, aber ich fühlte mich nicht ganz wohl in meiner Haut. Beinahe hätte ich geschrieben, wir drangen in den Dschungel ein, als wären wir wagemutige Forscher aus der Zeit der Tropenhelme. Davon konnte natürlich keine Rede sein, wir drangen nicht ein in den Dschungel, wir gingen einfach hinein, durch die doppelten gläsernen Türen, die wie eine Schleuse die feuchtwarme Luft drinnen halten sollten. Mein Unbehagen schrieb sich her von der plötzlichen Gewissheit, dass irgendjemand – irgendetwas – uns plötzlich die Regeln aus der Hand zu nehmen schien. Eben noch vor der Tür, im Kontakt mit dem Pförtner, da war es Regina gewesen, die die Regeln und die Maßstäbe setzte. Regina mit ihrem silberweißen Haar, in dem jedes Strähnchen am rechten Ort lag, mit ihrer kühlen und gepflegten Schlankheit, ihr versteht, sie setzte den Takt, sie setzte den Maßstab, an ihr hatte sich hier oben alles zu messen. Im Augenblick, da wir eintraten in den Dschungel, im selben Augenblick, als die feuchtwarme Luft sich um uns schloss wie eine weiche Umarmung – in diesem selben Augenblick übernahm der Dschungel die Herrschaft, und ich mit meinem Gehstock, Regina mit ihrem makellosen grauen Kostüm, wir wirkten einfach deplatziert, und ich bildete mir sogar ein, ein leises Kichern zu hören, aber das war nur das Keckern eines Vogels.

Regina fächelte sich mit eleganter Gebärde Luft zu.

Müssen wir sie jetzt suchen, deine Ayse?

Sag nicht immer, meine Ayse, bat ich amüsiert. Ich denk mir, sie ist bis vor zum Teich gelaufen.

Natürlich war sie vor bis zum Teich gelaufen, es war das, was Ayse auf jeden Fall tun würde, so gut kenne ich sie.

Irgendwann war ein Ende mit den Plattierungen unter unseren Füßen, da war nur noch weicher, federnder Waldboden, die Baumäste bildeten ein grünes Dach über unseren Köpfen, und Regina hielt sich an meinem Arm fest und zog sich ihre high heels von den Füßen. Sagte, indem sie mich von der Seite her ansah: Wenn ich mir die Strümpfe zerreiße, kriegst du die Rechnung.

Fühlte einen plötzlichen Impuls, sie zu küssen, ließ es bleiben.

Und der Dschungel sprach mächtige Worte, setzte alle Worte. Immerhin ließ er uns gelten, als Besucher, aber er machte klar, zu Hause waren wir hier nicht. Das gab mir zu denken, da der Dschungel doch von Regina abhängig war. Sie war die Hausherrin, von ihrem Tun hing ab, ob und wie der Dschungel Bestand hatte.

Wenn ihr mich aufgebt, sagte der Dschungel, bin ich fort, aber ich bin dann immer noch da, nämlich woanders, ihr aber bleibt hier zurück, und seid alleine in eurer kahlen Welt. Ich kann ganz gut ohne euch, aber ihr nicht ohne mich.

So schlichen wir unseres Weges, graues Paar, Arm in Arm, Regina die high heels hängen lassend an lässigem Finger, und Kolibris und bunte Schmetterlinge tanzten um die Schlingpflanzen, voraus der Teich.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 01.12.2021

Wir sahen es endlich glitzern zwischen den Blättern und Ranken, wir kannten den Weg, waren beide hier oft schon gegangen. Ich hörte ein Murmeln und Plaudern in den Lüften, und dann krächzte es vor uns auf dem Weg.

Ein großer Papagei, rot und blau, der saß auf dem Grund und blickte uns entgegen, mit dem üblichen schiefgelegten Kopf der Vögel. Blickte uns entgegen, drehte sich dann um, ohne Eile, und wanderte dem Teich entgegen, zu Fuß, am Boden, und dabei blickte er sich zuweilen um wie ein Hund, ob wir auch nachkämen.

Ich hatte das bestimmte Gefühl, die Dinge laufen aus dem Ruder.

Wie recht ich doch hatte.

Wir mussten uns bücken und die Arme vors Gesicht halten, um durch die letzten Schlingpflanzen durchzukommen, und dann standen wir endlich im Freien. Vor uns der Teich, der Teich mit der Insel und dem alten Baum.

Wir sahen die Dinge, die wir eigentlich nicht sehen sollten nicht sehen wollten, und wir sahen sie, und vor allem wussten wir voneinander, dass wir sie sahen.

Das ist der Punkt. Wenn einer etwas sieht, was er nicht glauben mag, und neben ihm steht ein anderer, der das auch sieht, dann wissen die beiden intuitiv und gegenseitig, du siehst das auch.

So wusste ich in diesem Augenblick, Regina sah, was ich sah. Ich kann das mit Bestimmtheit berichten, und es ist ja für euch wichtig, für uns alle wichtig, das zu wissen. Regina sah, was ich sah.

Das erste, was wir sahen, das war ein federleichter Schneeschlag in den Lüften, blitzweißes Messer, das waren die beiden Pihis, die vor uns in den Lüften tanzten, sie führten etwas wie ein Ballett auf, nur für uns, kapriolten in den Lüften, ergingen sich in trudelnden Überschlägen, zirpten und zwitscherten, sausten uns segelnd in die Gesichter hinein, um im letzten Augenblick steil hochzusteigen, und oben überschlugen sie sich, zweimal dreimal, und kamen sicher auf die Füße in ihren Lüften, und der Papagei, stehend wie ein Hündchen an Reginas Fuß, sah ihnen zu, mit kopfschiefer Interessiertheit.

Weiß nicht, warum die Feenvögel sich so erregten wegen unserer Anwesenheit, vielleicht, weil sie in Regina die Chefin erkannten? Schlugen sie Kapriolen, um uns zu feiern, um uns zu erfreuen, um auf sich aufmerksam zu machen, aus purem Übermut?

Hunde tanzen so um eine geliebte Person herum, die sie lange vermisst.

Reginas Griff an meinem Arm wurde schmerzhaft fest, es gab Grund dazu. Auf der Insel waren sie.

Drei von ihnen, drei Frauen, und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, ich hätte geschworen, Diana wäre unter ihnen. Eine saß im Gezweig des alten Baumes, der dort drüben auf der Insel wohnt, und sie sahen uns an aus lodernden Augen, schwarze Flammen. Ihre Haare wehten im Wind, Lockengeröll.

Das habe ich gemeint, als ich sagte, Regina sah, was ich sah. Ich weiß, und ich kann mit Gewissheit berichten, Regina sah sie so, wie ich sie sah, und die Pihis schnitten süße Kreisgirlanden in die Lüfte, und pfeilten schräg über den Teich, und kreiselten um die Gestalt, die mitten im Teich stand.

Nackte junge Frau, fast noch ein Mädchen, hell wie ein Tropfe Milch. Stand bis zu den Hüften im Wasser, mit dem Rücken zu uns, stand ein bisschen gebeugt, wie eine Mutter steht, die einen Säugling in den Armen hält, und ihr Spiegelbild im Wasser war ein unbestimmt rosiger Schatten.

Ich glaub das nicht, dachte ich.

Laut sagte ich, oder nicht so laut, ich sagte es einfach, ohne besondere Betonung, ich hörte mich selber sprechen: Ayse, was machst du da wieder.

Mir hätte eine gescheitere Anrede einfallen können, ich weiß, aber es hätte keinen Unterschied gemacht, es ging ja nur darum, unsere Anwesenheit kundzutun, und Ayse wandte den Kopf, als wolle sie lauschen, dann drehte sie sich um zu uns, sah uns an, wandte sich mit dem ganzen Körper uns zu.

Stand da nackt mitten im Wasser, und hielt mit beiden Armen einen riesigen feuerfarbenen Karpfen an ihre Brust gedrückt, und der Karpfen hielt still und sah sie an, hingebungsvoll.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 02.12.2021

Ich glaube, ich wurde so feuerrot, wie der Koi war. Ich stand mal wieder splitternackt im Gelände, volle Kanne Exhibitionismus, und ich hielt diesen Koi in den Armen, den ich um keinen Preis in der Welt loslassen wollte, und am Ufer standen diese beiden Alten und sahen mich ernst an.

Ich meine, wenn die geglotzt hätten, wäre es nicht so peinlich gewesen, aber die glotzten nicht, die nicht. Sie guckten ernst, richtig anteilnehmend.

PvM mit einer schönen alten Frau am Arm. Sie war wirklich schön. Silberweiße Haare, und weit offene Augen. Aufmerksam. Ich wusste auf den ersten Blick, das war die Chefin, das war Regina Austri. Sie hielt sich mit einem Arm an PvM fest, in der anderen Hand trug sie an den Riemchen ein Paar High Heels, vermutlich ja ihre eigenen. Wieso kennt PvM so viele Frauen, gegen die ich sowieso nicht anstinken kann?

Und auf einmal war es da wieder, dieses nervtötende Gefühl: Respekt.

Das ist etwas, was ich sonst nicht kenne, und deshalb kann ich‘s identifizieren. Da war vorher nur ein einziger Mensch in der Welt, vor dem ich Respekt hatte, und das war PvM. Und ich weiß auch warum, warum ich vor dem Respekt habe. Weil der immer immer immer ein bisschen mehr weiß und kann, als er sagt. Weil der immer immer immer wirklich weiß, wovon er redet, und niemals Sprüche macht. Weil der, und das sagt er selber, das sind seine eigenen Worte, weil der immer drauf aus ist, das Richtige zu tun. Der würde das Richtige tun, und wenn die ganze Welt gegen ihn ist.

Und jetzt also Regina, die schöne alte Frau mit den weißen Haaren. Ich hab auf einmal gewusst, auf den ersten Blick hab ich gewusst, die ist echt,  die ist wirklich, die ist sie selber. Sie selber, und niemals jemand anderes. Wenn die was macht, kommt das aus der selbst raus, und nicht weil ihr irgendjemand gesagt hat, das müsst so sein.

PvM und Regina Austri, die hören nicht auf das, was irgendeine Partei sagt, irgendein Heiliges Buch, irgendein Lehrer. Die hören auf das, was diese Stimme in ihnen sagt, in ihrem Innern, in ihrem innersten Innern. IHRE Stimme, wie PvM sagt.

Ihr müsst verstehen, ich komm aus einer Welt, da kennt man das gar nicht, Respekt. Sie reden zwar dauernd davon. Von nichts wird in der türkischen Community so viel geredet wie von Respekt. Wer Respekt verdient, und wem Respekt gebührt, und wer nicht genug Respekt kriegt, und wer wem Respekt erweisen muss, und so weiter in dem Dreh. Die wissen gar nicht, wovon sie reden. Was die meinen, ist nicht Respekt, sondern Angst. Wenn die türkischen Jungs um die Häuser ziehen und Respekt wollen, dann meinen sie, die anderen sollen Angst vor ihnen haben. Wenn die Schwiegermutter die neue Tochter an den Haaren zerrt und Respekt fordert, dann meint die nicht, die Tochter soll Respekt vor ihr haben, die meint, die Tochter soll Angst vor ihr haben. Und das setzen sie durch, das Angsthaben, mit der Faust. Die Frauen reißen den jungen Frauen die Haare aus, ich meine, sie zerren denen nicht nur an den langen Haaren, sie reißen ihnen richtig Haare aus, Strähnen und Büschel, und die Männer benutzen die Faust. Die Drohung mit der erhobenen Faust ist immer da, und dazu wird das Wort „saygı“ gebrüllt. Wenn du keinen Respekt hast, musst du Respekt eben lernen. Sie meinen nicht Respekt. Sie meinen Angst. Sie kennen den Unterschied überhaupt nicht. Respekt ist für die, wenn einer vor dem anderen Angst hat.

Deshalb kann ich dieses Gefühl sofort identifizieren. Respekt. Ich hab vor PvM keine Angst, hab nie einen Augenblick Angst vor ihm gehabt. Ihr wisst schon, was der Unterschied ist. In Respekt ist ein tiefes Vertrauen drin, und dass jemand zu einem anderen Vertrauen hat, das kann nicht durch Angst erzwungen werden. Vertrauen stellt sich ein, das ist auf einmal da. Das ist da zusammen mit der Gewissheit, dieser andere da, dem ich meinen Respekt und also mein Vertrauen entgegenbringe, der würde das niemals missbrauchen, und warum nicht? weil er eben immer das Richtige tut, ob er nun was hat davon oder nicht, ob nun deswegen die Welt untergeht oder nicht.

Und nun also Regina. Regina Austri. Die Chefin des Fons Affluens. Ich sah sie. Ich sah sie da stehen am Ufer des Teiches, und auf einmal hatte ich genau dieses Gefühl, wie ich sagte, die ist echt, die ist wirklich.

Und dann, wie ich so dastand, mit dem Koi gegen meine Brust gepresst, wie ich so dastand, nackt im Wasser, und die beiden Alten sahen mich an, und ich sah die beiden Alten an, gab ich mir einen Ruck, oder irgendetwas in mir gab mir einen Ruck, und ich dachte: PvM kann alles schreiben, aber ich bin eine Frau, und meine Nacktheit kann er nicht schreiben, ich bin da, ich bin wirklich, ich bin keine Gestalt aus Worten.

Tat mir richtig gut, das zu denken, so stellte ich mich aufrechter hin, immerfort den Koi gegen meine Brust gedrückt, und ich hob den Kopf.

(Nachrichten vom 28.11. bis 02.12.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 16.05.2022  von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)