Banshee Neue Folge 24

Nachricht von Ayse Konopski

„Das ist genau, was der Amerikaner gesagt hat“, bemerkte Regina, mit ihrer klaren Stimme, und doch war ein Ton von Fassungslosigkeit darin. Sie redete von Balbutin. „Die sind Fenster, bewegliche Fenster, durch die gucken sie herein in unsere Welt.“

Wenn uns jemand zugesehen hätte, jemand, der die Besucher nicht sehen kann, er hätte nur drei Leute gesehen, stehend in einer stillen nächtlichen Gasse, und die schauten nervös um sich und beredeten sich dabei. Die geisterhafte Priesterin hörte nicht auf zu reden, beschwörend, dringlich, und ihre dunklen Augen tranken unseren Anblick, weit offen, Blick, den ich so gut kannte.

„Dann spiegeln die aber irgendwas, wenn das wirklich Fenster sind“, sagte PvM, der meinen Arm festhielt. „Dahinter ist wirklich jemand, der rezitiert. Sie sieht aus wie jemand – wie jemand – der die Toten beschwört. Irgendwo ist da ein Feuer, ein rituelles Feuer, ein Altar, Rauch, Kräuter Blut was weiß ich, und eine Priesterin, die singt die Beschwörungen aus, dringlich.“

„Die Toten beschwört?“ fragte Regina. „Aber wir sind lebendig.“

„Geister. Höhere Wesen.“

„Wir sind bloß Menschen.“

Ich murmelte: „Das ist doch der Punkt. Wir sind Menschen, was soll das schon heißen. Wir sind, was wir sind. Aber was sind wir für die? Vielleicht harren die aus in einer so tiefen Region, dass wie für die Höhere Wesen sind. Könnte doch sein. Und sie brauchen Hilfe, dringend Hilfe, so rufen sie uns an, und wenn die Anrufungen und Gebete nichts nützen, greifen sie eben zu Beschwörungen.“

„Beschwörungen“, wiederholte Regina. „Um uns zu zwingen? Zu zwingen, ihnen zu erscheinen, ihnen zu helfen? Das ist doch der Sinn von Beschwörungen?“

„Das wäre aber doch eine Lösung“, sagte PvM. „Die Welt, die ganze Welt ist in Stockwerke unterteilt. Und wir wohnen nicht auf dem untersten Stockwerk, sondern irgendwo in der Mitte. Wir beten zu den Wesen, die in den Stockwerken über uns wohnen, dass die uns helfen. Die unter uns, vielleicht weit unter uns, wer weiß, was sich da unten alles abspielt, rufen uns um Hilfe an, weil wir ja über ihnen wohnen. Je höher man kommt, desto heller wird alles. Wir blicken nach oben, und sehen überall Licht. Ayse, war das nicht genau das, was du gesehen hast? Und die unter uns, in der tiefen Finsternis, die blicken hoch zu uns, und sehen, bei denen ist es hell, die haben es gut, viel besser als wir, die müssen kommen, uns zu helfen.“

Ihr müsst verstehen, wir drei standen da beieinander in dieser Altstadtgasse in Weldbrüggen, und es war finstere Nacht, wir standen dicht beieinander, Regina hatte sich bei mir eingehängt, wie auf der anderen Seite PvM, wir hielten uns gegenseitig fest, und beredeten uns hastig, murmelnd, und um uns herum war dieses Geflügel und Gehaste in den Lüften, und vor uns, nur wenige Schritte die Straße hinunter, stand diese Priesterin, oder was sie war, mit ihren riesigen schwarzen lodernden Augen, und murmelte Rufe und Sprüche und Einladungen und Beschwörungen, es war kein Laut zu hören, aber wir sahen die Bewegungen des Mundes, manchmal war es –

„Sie singt“, murmelte PvM im Ton der Verblüffung.

Ja, genau so sah es aus.

Und plötzlich wurde alles wieder still. Oder vielmehr, still war es ja die ganze Zeit schon gewesen, es wurde ruhig, die Bewegungen hörten auf, das Hin und her, das Gehaste, die Gestalten verschwanden.

Wir sahen uns um. Nichts und niemand mehr. Dann war ein Sausen in den Lüften, unendlich weit über uns, so schien es, und die Glocken der Kathedrale schlugen die Viertelstunde. Viertel nach irgendwas in der Stille der Nacht.

„Das muss ich jetzt erst mal sich setzen lassen“, bemerkte Regina mit einem hörbaren Seufzen.

„Wenn wir nach Hause kommen“, sagte PvM, „werden sie wieder dort sein. Sie werden auf Ayse starren, und dann auf das Haus. Das Haus, in dem Ayse ist. Das Haus ist Gefäß, das beherbergt das Heilige.“

„Ja“, stimmte Regina zu, „so könnte es doch sein. Irgendwo bei denen, nehmen wir einmal an, das stimmt, irgendwo bei denen, in ihrer Finsternis, gibt es einen Heiligen Ort. Einen Tempel. Oder – ein Heiliges Zelt, wie bei den alten Juden, auf ihrer Wanderschaft.“

Ich zuckte zusammen, als sie das sagte. Wanderer. Reisende.

Regina schien nichts zu bemerken und fuhr fort: „Da gibt es diesen Heiligen Ort, und drin ein Altar, mit einem Schrank, oder einem Gefäß, oder einem Gelass, und darin wohnt – das Heilige. Dahin schauen sie. Von daher, so hoffen sie, muss ihnen das Heil kommen.“

Und als sie sagte, das Heilige, drückte sie meinen Arm.

„Und vor dem Altar“, nahm PvM den Faden auf, „steht die Priesterin und ruft ihre Beschwörungen, oder einfach nur Gebete.“

„Aber wofür beten die?“ fragte ich störrisch. „Was wollen die denn bloß von uns?“

„Das gleiche, was wir auch wollen, wenn wir beten“, sagte PvM. „Hilfe. Vielleicht einfach bloß Aufmerksamkeit. Zuwendung. Wenn wir beten, hoffen wir, da ist einer, der hört uns. Das ist doch elementar.“

„Aufmerksamkeit“, nickte Regina. „Das könnte der Punkt sein. Fromme Menschen blicken nach oben und sagen, da oben ist was, wir müssen rufen, vielleicht können die uns hören. Und unsere Besucher – wenn das so ist, nehmen wir das mal an, die wohnen tief unter uns, in der Finsternis, dann blicken die vielleicht zu uns hoch und sprechen zueinander, da oben ist was, spürt ihr das nicht auch, da oben ist es hell, da wohnen Wesen, die haben es viel besser als wir, lasst uns die anrufen, die müssen uns helfen.“

„Helfen“, sagte PvM. „Helfen, weil sie die Finsternis nicht mehr ertragen. Genauso geht es uns doch auch. Wir rufen aus der Tiefe nach oben, weil wir es nicht mehr ertragen, wie finster und kalt und böse es hier unten ist. Das Licht ist immer oben, und die Hilfe kommt immer von oben. Oder sie wird jedenfalls immer von oben erwartet.“

Ich kann das nicht recht beschreiben, aber als wir da so standen, auf dieser stillen Nachstraße, dicht aneinandergedrängt, uns ernsthaft beredend, da war ein neues Gefühl zwischen uns: Wir gegen den Rest der Welt.

 (Nachricht eingegangen am 14.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 15.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)