Banshee Alte Folge 24

Nachricht von Ayse Konopski, vom 22.11.2021

Mir geht es gar nicht gut. Dinge geschehen. Ich verstehe nichts. PvM ist auch nicht, der zu sein er vorgibt. Ich weiß nicht. Ich versuch jetzt mal zu erzählen. Ich sag euch einfach, was ist. Was war und was ist.

Ich stand in diesem Wald in diesem uferlosen Dschungel unter einem Himmel, von dem ich nichts wusste. Konnte eine Glaskuppel sein. Vor mir sah ich blaues Schimmern, ich dachte, dort muss Wasser sein, und der Papagei auf meinem Arm sah mich an.

Und dann ist da dieses handschriftliche Manuskript von PvM. PvM lässt mich drin lesen, aber das bekommt mir gar nicht gut. Auf der letzten Seite des Manuskripts, Seite 1789 also, da wird beschrieben, wie ich in diesem Wald stehe. Okay, es ist von einer anderen Person die Rede, aber alles ist genauso, wie ich es erlebt hab, und ich verstehe das nicht. Ich schreibe euch die Passage ab, genauso wie sie im Manuskript steht, nur den Namen der Figur, um die es geht, die ersetze ich durch „ich“, denn ich hab das ja erlebt, ich ich ich, und ich weiß, ich sollte euch das alles mit meinen Worten erzählen, aber warum soll ich meine Worte benutzen, wenn PvM doch schon alles geschrieben hat?

Die Technik hilft, natürlich. Wieso hilft ausgerechnet hier die Technik? Ich habe die Seite gescannt, auf der PvM, vor wie vielen Jahren?, genau geschrieben hat, was ich erlebt hab, und der Scan lässt sich beliebig vergrößern, gestochen scharf, zu meiner Überraschung, und ich kann jedes Wort der Krickelschrift getreu wiedergeben, jedes einzelne Wort, das PvM hingeschrieben hatte, bevor ich überhaupt in sein Leben hineingestolpert bin.

Ich stand also in diesem Wald.

„Zögernd tastete ich mich hinein ins Gebüsch, und der Wald war fremd. Bäume aus weichrotem Holz trugen schlankstämmig, gertenförmig fast, fiederquellende Kronen, aus deren buntgrünem Blättergebüsch tropfte es gleichmäßig wie linder Regen, der Himmel, wo ich ihn sehen konnte, war aber blau, unwirklich weißdurchschwommenes Seidenblau von zartem Wind durchweht, das Tropfen fiel wirklich aus dem Blätterdach, einen Überfluss an Wasser schienen zu saugen die rohrschlanken Stämme aus dem federnden Boden, so dass die trinkenden Blätter im Übermaß des Verdunstens ganze Tropfen abrinnen ließen zu den Fiederspitzen ihrer fingerschmalen Gestalt, und da ich stillstand und lauschte, meinte ich gar, ein röhriges Summen zu vernehmen in den Stämmen, Geräusch der steigenden Wasser, und das Regnen aus dem Büschelhimmel senkte sich, fein und dicht. Da die Tropfen meine Lippen netzten, leckte ich sie ab und fand sie sonderbar süß, wie den fließenden Nektar im Kelch heller Blüten. Der Boden unter meinen Füßen war so elastisch, dass er schwankte, wie federnde Planke großer Schiffe. Niederkniend fand ich, prüfend mit Finger und Aug, dass der Grund ganz und gar aus hingesunkenen Ästen und Zweiglein und gespanten Stämmen der schlanken Bäume und Rindenbrüchen bestand, wie im Nadelwald der federnde Boden zuweilen aus nichts zu bestehen scheint als aus Nadeln und Borke und Zapfen, so dass also der Wald aus sich selbst heraus zu wachsen vorgibt. Irritiert kniete ich, dichter Regen aus dem Kronengebüsch überrieselte meinen Rücken. Erst da ich wieder aufblickte, wurde ich gewahr, dass auf einem gebahnten Weg ich kniete, dem ich seit meinem Eintritt in den Wald gefolgt zu sein schien. Aufrecht gehend zwischen den Stämmen, hatte ich ihn nicht bemerkt, erst aus kniend-kriechender Perspektive öffnete sich mir der Blick, als müsse man hier erst den Sichtwinkel eines Tieres einnehmen, um sich zurechtzufinden. Am Ende des Weges aber, nicht weit entfernt, schimmerte silbergraues Gewässer.

Ich verharrte, spähend, gestattete mir dann aber kein Zögern. Spiegelnde Pfützen glänzten im federnden Weg, und so stark war der Umsatz des Wassers in diesem Wald, dass sie dampften: waren anzuschauen wie rauchende Spiegel. Mir erschien der Anblick fragwürdig, denn was dampfen Pfützen, wenn die Sonne sie nicht direkt bescheint? Und ich mühte mich, nicht in sie hineinzutreten, doch der Weg war zu eng, und wo meine Zehen berührten den glänzenden Rauch, erklang der klirrend-brechend, wie feinstes Eis, und dies kristalline Singen war neben dem Saugen und Rauschen des steigenden Wassers und dem Gezitter der süßen Tropfen das einzige Geräusch in diesem Wald, das ich noch vernehmen konnte. Ich beeilte mich, den Teich zu erreichen, und ich beeilte mich aus Trotz, wie man zuweilen im Traum auf ein Schreckbild zustürzt, im vorgetäuschten Mut der Erbostheit.“

Nein, das sind nicht meine Worte, ganz und gar nicht, aber das war ich, ganz und gar. Ich bin niemand, der „vernimmt“, ich höre einfach, und schon gar nicht „werde ich gewahr“, ich sehe einfach, ich wusste gar nicht, dass es diese Worte gibt. Aber Scheiß auf die Worte, es ist wahr, die Pfützen waren rauchende Spiegel, und wenn ich an den Rauch gestoßen bin, ja, dann hat es geklungen wie brechendes Eis. Und ich hab auch dieses Saugen und Rauschen in den Baumstämmen gehört. Heute Nacht habe ich wieder davon geträumt. PvM, wie geht das zu, dass du hinschreibst, was ich erst noch erleben muss? Warum hast du mich hineingeschickt in diesen Wald? Damit ich erlebe, was du bloß geschrieben hast? Ich verstehe das nicht, nichts verstehe ich.

Doch, ich verstehe schon was. Ich verstehe jetzt das besser, was nicht mehr in dem Manuskript steht, und was dann passiert ist.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 23.11.2021

PvM sieht das alles locker. Er sagt, er sei Schriftsteller, und es sei nun mal das Geschäft des Schriftstellers, sich Sachen auszudenken. Sachen, die andere Leute lesen und dabei denken, genau das ist mir auch passiert, und dann bedeutet es ihnen was, das gedruckt zu finden, ich bin nicht alleine, denken sie dann, PvM behauptet sogar, das sei ein ganz wesentlicher Grund, warum Leute Romane lesen. Sie wollen was Neues hören, das natürlich zuerst, aber sie wollen auch Zuspruch und Bestätigung.

Es gibt tausend Gründe, Romane zu lesen, hat er getönt. Wenn ein alter Sack wie ich sich berafft, einen Roman zu lesen, dann will er, dass eine junge Frau drin vorkommt, sonst macht das Ganze keinen Spaß.

Und wie viele Gründe gibt es, Romane zu schreiben? hab ich gefragt.

Nur einen einzigen, sagt er. Weil man‘s kann.

Mit dir kann man nicht reden, hab ich gesagt. Du hast auf alles eine Antwort. Und wenn man hinguckt, hast du viel gesagt, aber nichts über dich.

Jedes Mal, wenn ich mit ihm geredet hab, komm ich mir vor wie ein Kind, und ich weiß nicht, muss ich ihm jetzt böse sein?

So. Ich hab also gestanden in diesem Dschungel, und es hat geregnet, aus der feuchten Luft heraus, es waren keine Wolken am Himmel, und oben war richtiger Himmel, sorry, ich weiß doch, was ich gesehen hab, da war kein Glas. Und ich hab diese Rauschen und Saugen in den Baumstämmen gehört, wie die das Wasser nach oben gezogen haben. Und unter meinen Füßen, der Boden war ganz weich, Gewirr aus braunen Blättern und Moos und Ästen, das hat richtig gefedert, bei jedem Tritt.

Und der Papagei auf meinem Arm hat leise gekrächzt und mich angeschaut, wie Vögel das machen, mit schiefgelegtem Kopf.

Der hat mich angeguckt, als wollte er sagen, kapierst du‘s jetzt endlich? Ich hab‘s dir ja gesagt!

Ich wusste nicht mehr, wo ich bin, ich wusste schon noch, ich bin in Weldbrüggen, oben auf dem Fons Affluens, also, ich bin in einer Bibliothek.

Egal was das war, wo ich da war, eine Bibliothek war das ganz bestimmt nicht, und auch kein Gewächshaus. Kein Palmenhaus, wie im Zoo. Kein Tropicarium. Ich hab im Dschungel gestanden.

Und vor mir war der Teich, ich hab ihn durch die Blätter glitzern sehen. Und es wurde immer wärmer, ich hab die dicken Regentropfen gefühlt, in meinen Haaren, auf meinen Schultern. Ich bin nicht umgekehrt, vor mir war dieser Teich, und ich weiß nicht, was das ist mit mir, aber wenn ich Wasser voraus sehe, dann gehe ich hin.

Macht doch jeder, oder? Wenn einer einen Teich sieht, oder wenn er sieht, da vorne ist der Fluss, dann geht er hin.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 24.11.2021

Die Ufer waren dicht mit Schilf bewachsen, und das Schilf leuchtete! Wie durchsichtiger grüner Stein. Der Weg führte direkt zum Ufer, und da war eine freie Stelle im Schilf, man konnte zum Wasser hinuntersteigen, und mitten im Teich war eine Insel.

Die Insel war voll von Gebüsch und Sträuchern, und am Ufer wuchsen Blumen, die blühten alle, wunderbar rot und blau, und inmitten der Insel hob sich ein riesiger alter Baum. Der musste einfach alt sein, denn es hingen Moosbärte von den Ästen, lang und von einem Graublau, das war irgendwie schmeichelig, ich hab keine anderes Wort dafür.

Mein Herz tat einen kleinen Hüpfer, und ich dachte, ich steig jetzt in das Wasser und schwimm rüber, versteht ihr, ich wollte unbedingt rüber zu diesem alten Baum und die Wange an den Stamm legen und hören, was da drin vor sich geht. Ich weiß einfach, wenn ich das gemacht hätte und rübergeschwommen wär und an dem Stamm gelauscht hätte, ich hätt murmelnde Stimmen drin gehört, allerhand Geschwätz, vielleicht aber auch ein paar kluge Worte, ein paar wichtige Worte, irgendwas, was mir weitergeholfen hätte!

Leider war aber schon Besuch auf der Insel, und mein Herz tat keinen Hüpfer, oder doch, es stolperte, es setzte aus für einen Schlag.

Sie waren auf der Insel. Unsere Freunde. Drei von ihnen. Drei Frauen, einfach nur drei Frauen, und sorry, Diana, die sahen genauso aus wie du. Tut mir leid. Das sind Schwestern von dir, da können Peter und PvM sagen, was sie wollen. Alle drei hatten dieselben pechschwarzen Locken wie du, Geriesel und Geringel bis auf die Schultern und den Rücken hinunter, und sie waren alle drei genauso hexenschön wie du, sie hatten dieselben riesigen schwarzen Augen, nur guckten ihre Augen anders als deine, du hast ja immer dieses ablehnende Starren an dir, mit dem du dir die Menschen vom Leibe hältst, die aber guckten mich an, ja also, die guckten mich an wie bittend. Als wollten sie was von mir. Ihre Augen waren feucht, wie kurz vor Tränen.

Die eine stand im Schilf, die andere an den Stamm des großen alten Baumes gelehnt, die dritte aber saß oben auf dem untersten breiten Ast, und ihre langen schwarzen Gewänder sahen aus, als ob sie im Winde wehten, aber da war kein Wind.

Ich redete zu ihnen, ich sagte, da bin ich, ich hab keine Ahnung, warum ich das gesagt hab.

Sie sahen mich nur an, dringend, bittend, und ich glaub, die eine, die direkt am Ufer im Schilf stand, die hob die Hände wie eine Bettlerin, die eine Gabe will, schweigende Bitte.

Ich hab zu weinen angefangen, nicht sehr, aber ich hab gefühlt, wie mir die Tränen die Wangen runterliefen.

Ich hab den Papagei auf den Rücken geküsst, und dann hab ich ihn einfach auf den Boden gesetzt, denn da am Ufer, zwischen dem Schilf, da war kein passender Ast für ihn.

Und dann tat ich, was die ja offenbar von mir wollten.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 25.11.2021

Dann wollt ich tun, was die von mir wollten. Oder was ich mir eingebildet hab, was die von mir wollten. Verlangt nicht zu viel von mir. Ist mir klar, dass ihr gleich wieder über mich kommen werdet, aber ich mach auch nur, wie ich kann.

Ich stand da am Ufer, vor mir dieser dunkle und stille Teich, und mitten im Teich diese Insel mit dem hohen alten Baum, und im Schilf im Gebüsch in der Baumkrone diese drei – Gestalten eben. Und sie sahen mich an mit einer stummen Bitte, als hinge ihr Leben davon ab. Aber die leben doch gar nicht, nicht so wie wir.

Ich stand einfach da und hab geheult, wie gesagt, ich hab den klugen Papagei auf den Boden gesetzt, und der marschierte zu Fuß rüber zum Teichufer und krächzte leise und sprach über das Wasser hinweg die drei Schwestern an, ich weiß natürlich nicht, ob sie Schwestern waren, ich sag das jetzt mal so. Kein Scherz. Der Papagei krächzte zu den drei Gestalten hinüber, und dann sah ich eine Bewegung am Ufer der Insel.

Weiß und schlank.

Im ersten Augenblick dacht ich, es seien ein paar weiße liebliche Schlänglein, die sich da im Schilf tummelten, es waren Wesen so schlank und geschmeidig wie Schlangen, oder wie eilige Eidechsen. Es waren zwei Vögel.

Zwei schneeweiße Vögel. Niemals zuvor hab ich so schöne Wesen gesehen, ich schwör‘s. Sie kletterten im Schilf umher, und blieben immerfort dicht beieinander, pickten sich gegenseitig sacht ins Gefieder, und murmelten dabei. Nicht so, wie Vögel sonst tun, hell und klar, sondern eher leise und rieselnd, wie rollende Perlen. Und sie turnten im Schilf herum. Das war es. Sie sprachen miteinander, zirpten ununterbrochen und murmelten und zwitscherten, sie hielten keinen Augenblick inne, und sie waren weiß wie frischgefallener Schnee.

Ich stolperte näher an das Teichufer heran, um sie besser sehen zu können, ich wischte mir die Tränen aus den Augen, ich heulte die ganze Zeit, weiß nicht warum, wegen der drei Hexenschwestern und ihrer traurigen traurigen Bitte, deshalb, und mir lief der Rotz aus der Nase, ich wischte mir mit dem Handrücken das Gesicht, ich trat ganz nahe ans Wasser, und dann ließ ich auch meine Schuhe fallen und stand bloß da und starrte zu diesen Vögeln hinüber.

Ich sah ohne Aufmerksamkeit, dass das Wasser dunkel und grün war. Nicht klar. Gefärbt von Algen. Es gab auch Seerosen. Und in dem dämmrigen Wasser drehten sich leuchtend rote Wesen, manchmal tauchten sie zur Tiefe hinunter, und sie leuchteten so stark, dass ich sehen konnte, das Wasser war tief, viel tiefer, als dass ich noch hätte darin stehen können, aber ich kann ja schwimmen.

Ich wusste auf einmal, ich wollte hinüber zu der Insel, um jeden Preis, ich musste dort hinüber, ich war entschlossen, hinüberzuschwimmen, ich wollte diese schlängleinschnellen weißen Vögel sehen, aus der Nähe, sie womöglich berühren, ich wollte wissen, ob sie nicht nur weiß waren wie Schnee, sondern auch kalt und zart wie Schnee, ja, das wollte ich jetzt unbedingt wissen, und ich wollte zutreten auf die drei Schwestern, und wollte sie anreden von Angesicht zu Angesicht, also zog ich mir das T-Shirt über den Kopf, okay, ich hatte nichts drunter an, und die Jeans von den Beinen und das Höschen, meine Schuhe lagen irgendwo am Ufer, wo ich sie hingeworfen hatte, und ich stieg ins Wasser.

In diesem Augenblick geschah etwas, was ich nicht verstehe und was nicht sein kann.

Die beiden Vögel, ununterbrochen plaudernd und zirpend, und sich bewegend wie eilige glänzende Eidechsen, sie kamen geeilt eiligflink an ihr Ufer, drüben auf der Insel, und sie drängten sich dicht aneinander, lang und schlank und weiß, wie sie waren, und ich sah, dass jeder der Vögel nur einen Flügel hatte, der eine rechts, der andere links, und auf der jeweils anderen Seite hatten sie statt des Flügels etwas wie einen zarten weißen Arm, und mit diesen zwei Armen umschlangen sie sich  gegenseitig, so dass ihre schmalen Körper sich dicht aneinander pressten, und dann rannten sie zwei Schritt oder drei, und schlugen ihre Flügel, im Takt, jeder der beiden Vögel schlug seinen einen Flügel im gleichen Takt wie der andere, und die Flügel waren schmale blitzende Sicheln, blendend weiß, und die beiden Vögel hoben sich in die Lüfte, pfeilschnell, und sausten in kreisenden Zirkeln dem Himmel entgegen, und dann, mit ausgebreiteten Schwingen, segelten sie herab, über den Teich hinweg in einer Kurve auf mich zu, und über meinem Kopf, direkt über meinem Kopf zogen sie wieder aufwärts, schnell wie der Wind, ich spürte den Luftzug, aber die Flügel machten kein Geräusch, und ich stand und starrte und heulte, ich konnte einfach nicht aufhören zu heulen, und sah den beiden weißen Vögeln zu, wie sie tanzten in der Luft, dicht aneinandergeschmiegt aneinandergeklammert, ich sah ihnen zu, und Rotz und Wasser rannen mir übers Gesicht.

Dann zwickte mich etwas in den großen Zeh. Nicht gerade sanft. Das war der Papagei. Er zwickte mich und schaute dann blinzelnd zu mir hoch und zwickte mich noch mal, bis ich ihn mit dem Fuß wegstupste. Die drei Schwestern wollten, dass ich sie ansähe, nicht die beiden Pihis.

So nennt man diese weißen Vögel, die immer als Paar fliegen und anders nicht fliegen können, weil jeder Vogel ja nur einen einzigen Flügel hat, und wer seinen Flügel auf der rechten Seite hat, der muss einen Lebensgefährten finden mit einem auf der linken, das erklärte mir PvM später, in seinem üblichen Ton, als sei das alles doch das Selbstverständlichste von der Welt, das sind Pihis, würde er sagen, die leben hier, und ich erfuhr, dass man sagt, Pihi, mit der Betonung auf dem zweiten „i“.

Ich sah die drei Schwestern an, und sie standen da mit ihren riesigen weiten Augen, und die Augen tranken mich, ich hatte es mal wieder gemacht, ich hatte mich ausgezogen, und diese Wesen standen da, still und schweigend, und waren reglos versunken in den Anblick meiner Nacktheit.

Ich bin doch bloß ein Mädchen.

Und da ich ein Mädchen bin, heulte ich immer noch. Ich stieg hinein ins Wasser, und das Wasser war so warm und weich, und der Grund war schlammig, ich spürte den Moder quellen zwischen meinen Zehen, und ich watete hinaus, bis mir das Wasser bis zu den Knien reichte, und dann stieg aus der grünen Dunkelheit ein leuchtend roter Schatten empor.

Das war ein Karpfen, einer von diesen zauberschönen Zierkarpfen, wie man sie in Asien hat, ein Koi, und das Tier war gewaltig, so groß wie ein kleines Kind, es stieg ganz langsam empor aus der Tiefe und sah mich an, aus aufmerksamen runden Augen, und es hatte die gleiche Art zu sehen wie die drei Schwestern drüben auf der Insel, weit offene Augen, die nicht forschend spähten wie die Augen des Papageis, sondern vielmehr tranken, sie griffen nicht hinaus ins Licht mit ihrem Blick, sondern ließen das Licht und alles Sichtbare in sich einsinken, so war der ihr Blick.

Mir zerriss in diesem Augenblick das Herz, ich weiß doch nicht warum. Niemals habe ich so etwas gefühlt, Mitleid, Liebe, Sehnsucht, ich weiß nicht. Ich kniete nieder im Wasser, und das Wasser drängte sich murmelnd an mich heran, und der Koi stieg mir entgegen und schwamm so hoch, dass das Mäulchen aus dem Wasser kam, und das Mäulchen klappte ganz sacht auf und zu, auf und zu, wie es Fische eben machen.

Ihr wisst doch selber, wie das ist, wenn einem danach ist, vor Kummer oder Freude alle Welt zu umarmen, man braucht jemanden, irgendjemanden, um ihn zu umarmen und zu knuddeln, deshalb ist es ja so gut, deshalb ist es ja das Wichtigste in der Welt, eine richtige Familie zu haben, eine, die den Namen auch verdient, dass man immer jemanden hat, ihn liebzuhaben. Ich will gar nicht geliebt werden, das ist gar nicht mein Ding, ich will jemanden lieben dürfen, ich will jemanden in meinem Leben, der sich von mir lieben lässt, bedingungslos, und da war nun dieser Koi.

Ich griff ins Wasser und zögerte ein bisschen, ich hätte es nicht ertragen, wenn das leuchtende Tier vor mir geflohen wäre, aber das tat der Koi nicht, er schlug einmal gemessen mit der Schwanzflosse und schwamm direkt in meine Arme hinein, und er war so leuchtend rot, meine Arme erschienen mir auf einmal so weiß wie das Gefieder der Pihis.

Ich bückte mich ins Wasser hinein und zog den großen Fisch an meine Brust und drückte ihn an meine Brust und stand auf.

So stand ich mitten im Wasser, so stand ich nackt im Wasser, und drüben auf der Insel, die drei Schwestern standen ganz still und tranken meinen Anblick, und ich hielt den leuchtend roten Fisch an meine Brust gedrückt.

Er war hart und schwer und schien ganz aus Muskeln zu bestehen, und wenn er gezappelt hätte, hätte ich ihn nicht halten können und er wäre zurück ins Wasser gesprungen, aber er zappelte nicht, er lag an meiner Brust wie ein Säugling und sah wie ein Säugling zu mir hoch aus seinen runden Fischaugen, mit spiegelndem Blick, und ich liebte ihn so, und er war so warm, so warm wie das weiche Wasser, und mir floss das Herz über, und das runde rote Mäulchen bewegte sich auf und zu und auf und zu, und ich beugte den Kopf und küsste den Fisch auf die Stirn, lange und innig.

Und dann war die Stimme von PvM hinter mir, die sagte, Ayse, was machst du da wieder.

Nicht als Frage, eher als ratlose Feststellung, Ayse was machst du da wieder.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 26.11.2021

Was mich anbelangt, so ist mein Fall in Kürze dieser: es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, noch „Warum?“ zu fragen. Wer fragt Warum? wird selber dumm. Warum? zu fragen, ist der sicherste Weg, in einen Abgrund der Mutmaßungen zu stürzen, aus dem es keinen Ausweg gibt. Die Frage Warum? eröffnet ein Labyrinth, das keinen Anfang und kein Ziel kennt, wer fragt Warum? kreist immer nur in sich selbst.

Ich bin alt, ich neige zum Dozieren, das kommt so mit dem Alter. Mit dem Alter kommt der Drang, den jungen Leuten von der gewonnenen Weisheit abgeben zu wollen, die jungen Leute aber wollen nichts wissen. Sie hören im besten Fall höflich zu, und machen dann doch ihr Ding. Bedauerlich, denn die Alten sollten etwas gelernt haben im Lauf der Jahrzehnte. Wäre es nun so, dass die Jungen das Weistum der Alten gelehrig und willig aufnähmen, und immer jede Generation die volle Fülle der erworbenen Erfahrungen weitertrüge – wir hätten längst das Paradies auf Erden. So laufen aber die Dinge nicht, vielmehr hören die Jungen nicht zu, weil sie nämlich sicher sind, wir können das viel besser als die Alten, und dann dreht sich das Spiel im Kreis.

Bedauerlich.

Im Übrigen gibt es die Fülle der Wirklichkeit, vor der alle Weisheit zuschanden wird. Ein Alter kann so viel gelernt und erfahren haben wie er will, es ist ganz egal, plötzlich steht ein nacktes junges Weibchen in seinem Weg, und was soll er dann noch sagen? Was gibt es dann überhaupt noch zu sagen?

Zur Nacktheit der jungen Frauen gibt es nichts zu sagen. Die Nacktheit der jungen Frauen ist ein erstes Wort, das spricht selber, und wenn es gesprochen ward, ist es auch das letzte Wort.

Deswegen haben die alten Völker ihre Göttinnen nackt abgebildet, damit das arme Menschtier vor sie tritt und auf die Knie fällt und schweigend den Blick senkt.

So. Solche Dinge werden euch umstandslos klar, wenn ihr entschlossen aufhört, Warum? zu fragen. Erst wer aufhört, Warum? zu fragen, sieht, die Dinge sind wie sie sind. Die Dinge sind erstaunlich, wunderbar. Sie sind ganz und gar unbegreiflich. Wer aufhört, Warum? zu fragen, taucht ein in eine Welt der Wunder. Diese Welt beginnt vor der eigenen Haustür, sie beginnt im eigenen Herzen. Wer aufhört, Warum? zu fragen, beginnt eine Reise, die führt ihn hinaus unter unbegreifliche Horizonte.

Mir ist dies klar geworden, als ich Evelyne begegnete, schockartig klar. Sie war ein Wunder, ein Mysterium, ich war nicht der einzige, der das sagte. Und obwohl mir klar war, dass ich niemals irgendeine Chance hatte, sie für mich zu gewinnen, sie hatte es nun einmal mit den hübschen Frauen, bewahrte ich sie in meinem Herzen, mit einem Gefühl, das der Ehrfurcht nahe kam.

Ihr voller Name war übrigens Marie Evelyne Anadyomène d’Arcy Venadier, Duchesse de Montmélimard, und das passte, Marie hatte sie von ihrer kirchenfürchtigen Mutter verpasst bekommen, Anadyomène von ihrem koboldartigen Väterchen, das bald nach ihrer Geburt verstarb. Venus Anadyomene war die schaumgeborene Venus, wie sie dem Meer entstieg, in all ihrer Pracht. Wie ich schon schrieb, Evelyne war klein von Wuchs, und die britischen Tabloids nannten sie gern „pocket Venus“, in der üblichen Wut der Journaille auf alles, was größer ist als sie, nun ja, das ist ja sowieso der Rest der Welt.

Sie ist schon lange tot, aber wann immer Leute zusammentreffen, die sie gekannt haben, fangen sie alsbald an, über sie zu reden, und dann weinen sie.

So erging es mir bei Regina, oben auf dem Fons, und deshalb ließ ich Ayse so lange allein in dem Dschungel des Baron von Zuffenhausen, was mir leid tut, aber wie ich sagte, die Dinge sind wie sie sind. Ich saß in dem Direktionszimmer bei meiner grauhaarigen Freundin, und wir redeten über Evelyne, und ich weinte, und schnäuzte mich ausgiebig, und dann erst kamen wir auf den Zweck meines Besuchs zu sprechen.

Ich erfuhr mehr, als ich je erwartet hatte.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 27.11.2021

Ich hab jemanden mitgebracht, sagte ich. Eine kleine Freundin von mir.

Und Regina neigte ihren grauen Kopf, wie sie das immer tut, wenn sie zuhört, sie stützt dann das Kinn gegen die abgewinkelten Finger, die Wange an den ausgestreckten Zeigefinger gelehnt, so sitzt sie da, wie ein konzentrierter Beichtvater, ihre Haare sind übrigens kurz geschnitten, sehr elegant, und sie trägt stets ein bisschen Lippenstift.

Vielleicht ein bisschen Puder auf den Wangen? Ihre Haut ist sehr dünn und zart, wie das bei manchen Frauen kommt, im Alter.

Dezent. Unnahbar. Sie hörte zu, und ich erzählte.

Ich fing von vorne an. Ich erzählte von den Besuchern, und wie wir uns zunächst davor gedrückt hatten, von ihnen zu reden.

Jeder von uns hatte den gleichen Gedanken, jeder dachte, jeder für sich: Werd ich verrückt? Bin ich schon verrückt geworden?

Wir waren befreundet, wir hatten gerade die richtige Art von Freundschaft, nicht zu distanziert, aber auch nicht zu intim. Menschen, die in großer Intimität zueinander stehen, scheuen zuweilen davor zurück, ihre innersten Geheimnisse einander anzuvertrauen. Sie denken, wenn ich das erzähle, hört der vielleicht auf, mich zu lieben? So war das nicht bei uns. Wir standen genau im richtigen Abstand zueinander, und wir fingen an zu reden. Ich seh da manchmal so merkwürdige Figuren in der Stadt, so fingen die Erzählungen gewöhnlich an. Figuren, die waren früher nicht da.

Figuren? Was meinst du? Penner? Wie sehen die aus?

Nein, keine Penner. Gut gekleidet. Aber immer in Schwarz. Männer, Frauen, keine Kinder. Sitzen oder stehen immer zusammen, in Gruppen. Blass, hager, die Frauen mit riesigen Augen. Stehen da, als hielten sie Ausschau. Und wenn ich komme, habe ich das Gefühl, die starren mich an. Vielleicht Einbildung. Die sagen nie was. Fragen nichts. Reden nicht. Aber sie schauen mich an, als wollten sie was.

Und immer dann kam die Antwort: Die. Ja. Die hab ich auch schon gesehen.

Du auch?

Und: Ich hab die auch schon in meiner Straße gesehen. Immer eine ganze Gruppe. Die sind nie allein. Immer eine ganze Gruppe, und sie schauen mich an, so traurig, so fragend. Sie sind bleich wie Nebel in der Nacht.

Und endlich, nach langem Zögern: Ich hab das Gefühl, die anderen Leute sehen die nicht. Die stehen mitten im Gewühl, in der Stadt, als wären sie unsichtbar. Ich hab das Gefühl, nur ich seh die.

Ich auch. Ich auch.

Und irgendwann, kaum hatten wir uns einander offenbart, waren wir auch schon soweit, dass wir beschlossen, nicht mehr darüber zu reden. Wir wollten nur noch, dass die wieder weggehen, dass die uns in Ruhe lassen. Wir wollten nicht die sein, die sehen. Wir wollten nicht unter allen Menschen in der Welt die sein, die Gespenster sehen.

Gespenster. Oder was immer die sind.

Und die Frauen so schön, so traurig, in ihren schwarzen Kleidern, mit ihren Wasserfällen von schwarzen Haaren, wir wollten die nicht mehr sehen, wir wollten diese fragenden Blicke nicht mehr sehen, nicht mehr diese stumme Aufforderung, wir wussten doch nicht, was wollen die von uns.

Und nicht mehr diese wachsende Gewissheit, nur wir sehen die. Sind vielleicht wir das? Stimmt mit uns was nicht? Werden wir verrückt? Stecken wir einander an? Reden wir uns das alles gegenseitig nur ein?

Wir beschlossen, Abstand voneinander zu halten.

Vielleicht, wenn wir einfach nicht über die reden, wenn wir einfach auf der Straße an denen vorbeigehen, als würden wir sie nicht sehen, vielleicht geben die dann auf, vielleicht gehen die dann weg, und alles wär wieder wie vorher, und wir könnten so tun, als hätten wir das alles nur geträumt.

Monatelang redeten wir nicht miteinander, jeder von uns lebte sein eigenes Leben, und dann, dann fing Ayse wieder an zu schreiben.

(Nachrichten vom 22. bis 27.11.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 15.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)