Banshee Neue Folge 23

Nachricht von Ayse Konopski

Wenn einer fragt, warum ist das alles, dann nimmt er an, dann hofft er, es muss doch einen guten Grund geben, einen Grund, den man finden und verstehen kann. Und wenn es so einen guten Grund gibt, und ich find den, dann ist alles gut. Das Schlimme, das mir passiert, es ist nicht so schlimm, es ist vielleicht sogar zu ertragen, wenn ich nur weiß, warum mir das passiert.

Deswegen hören wir nie auf, nach den guten Gründen zu suchen. Es muss für alles einen guten Grund geben. Den gilt es zu finden.

Oder einen bösen Grund. Ich dachte an das, was Balbutin und PF von dem Azazel erzählt hatten. Es muss nicht für alles, was geschieht auf der Erde, einen guten Grund geben. Es gibt vielleicht einfach auch die bösen Gründe, und wenn man bei den Dingen, die einen bösen Grund haben und sonst nichts, nach den guten Gründen sucht, geht man in die Irre.

Ich war auf einmal so müde, dass ich dachte, mich tragen die Füße nicht mehr. So müde war ich gewesen am Ende des Tages, als mich Balbutin vom Boden gepflückt und nach Hause getragen hatte. Ich hielt mich an PvM fest, der Alte kann seine Gefühle so viel besser sortieren als ich, er hat schon welche, ich weiß, dass er manchmal weint, wenn er zum Beispiel an seine geliebte tote Evelyne denkt, aber er berappelt sich dann wieder. Schiebt das Kinn vor. Wünschte, ich könnte das auch.

Wir langten an am Ende des Korridors. Ich wollte nicht gehen, auf einmal wollte ich das nicht. Ich wollte hier bleiben, bei diesen Reisenden, ihrem Gespräch lauschen, auch wenn ich nichts davon verstand. Ich wollte – ich hatte das Gefühl, ich müsse irgendwie bei ihnen bleiben, ich sei ihnen das schuldig, und sie hätten es verdient, dass ich ihnen nicht einfach den Rücken kehre.

Das war das gleiche Gefühl, wie ich es hatte am Ende meiner zwei Tage, draußen im Gelände, mit den Besuchern. Genau das gleiche Gefühl. Ich sei denen was schuldig, ich dürfe die nicht verlassen, ich müsse bei denen bleiben. Das gleiche Gefühl, ich versteh nicht, was die wollen, und ich muss das unbedingt rauskriegen.

Es war ein furchtbarer Augenblick, als wir den dunklen Korridor verließen und durch den glänzenden metallischen Rahmen des Portals wieder in die verspiegelte Vorhalle traten. Das Licht war gleißend hell, die Luft war erfüllt von von kleinen funkelnden Speeren aus Licht, und ich hatte das Gefühl, etwas Unwiderrufliches sei geschehen, ich hätte die da drinnen sich selber überlassen, ihrem Schicksal überlassen, du bist doch nicht verantwortlich für die, wisperte das Stimmchen in meinem Hinterkopf, und da fiel es mir wie Zentnerlast aufs Herz, doch, ich bin verantwortlich für die, für jeden einzelnen von ihnen, und ich muss irgendwas tun, egal was, aber irgendwas, was denen weiterhilft, was die voranbringt, dass es denen gut geht, dass es gut weitergeht mit denen, dass die irgendwann zu einem Ergebnis kommen mit ihrem Gespräch, dass die eine Antwort finden auf ihre furchtbare Frage, Herr, warum tust du uns das an?

Die Hostess verneigte sich sehr zierlich gegen uns, ganz wie eine kleine superhöfliche Japanerin, und sie sagte, ich bedanke mich, dass ich bei Ihnen sein durfte. Bitte berichten Sie den Menschen draußen von dem, was Sie hier gesehen haben.

Das war ein so schöner Satz, ein Satz, der traf. Das muss jeder tun, dachte ich, jeder, der die hier besucht hat, draußen weitererzählen, was er hier gesehen hat, und da war da wieder dieser Aufzug mit den lautlosen Türen, und ich hielt mich an PvM’s Arm fest, mit beiden Händen, wie ein Kind, droben war die Eingangshalle mit ihren metallenen Blumensäulen, da wartete eine weitere Gruppe, etwas blass die Gesichter, übernächtigt, die würden jetzt runtergeleitet werden, um drunten zu sehen, was dort zu sehen war.

Und draußen immer noch die Nacht, still und kühl. Ich spürte den Wind in meinem Gesicht, und mein Gesicht war nass, noch oder wieder, ich weiß nicht, ich bekam mehr Papiertaschentücher von den beiden Alten, die haben sich doch eingedeckt, dachte ich, weil sie gewusst haben, ich werd wieder heulen wie ein Weltmeister, und ich fiel Regina um den Hals und bedankte mich und entschuldigte mich für meine Heulerei, bitte beachten sie die Würde des Ortes, hatte die Hostess gesagt, hatte ich? beachtet? Die beiden Alten lachten, und mir wurde ein bisschen besser, sie nahmen mich wieder in die Mitte, und wir gingen durch die stille Altstadt hinunter zum Landtag.

Es war die stillste Stunde der Nacht, diese Stunde, bevor das allererste Morgengrauen den Tag ankündigt. Die stillste Stunde, und auch die dunkelste. Weil es so dunkel war, merkten wir erst nicht, dass da Unruhe war in den Lüften. Ich weiß nicht, wer von uns zuerst aufmerksam wurde, da war Geflügel in der Nacht, schwarzes Geflügel und Geflatter, von Dach zu Dach, quer über die Straße, von Dachfirst zu Dachfirst, nervöses Jagen und Hin und Her in den Lüften, als seien da oben in der Dunkelheit Leitern ausgespannt, und dann standen sie vor uns, auf dem Kopfsteinpflaster der Straße, drei von den Frauen, in ihren jagenden Röcken, sie starrten uns an, aus Augen so lodernd, wie ich es noch nie gesehen hatte, da war wieder dieses Verlangen in ihren Blicken, dieses verzweifelt fordernde Verlangen, und überall war auf einmal dieses dünne Getaste, diese Spinnenglieder, sie versammelten sich, über uns, um uns herum, hingen an den Fenstersimsen, setzten sich oben auf die Straßenlaternen, die Lampen mit ihren schmiedeeisernen Verzierungen, und wir drei waren stehengeblieben, schockiert, irritiert, und sie sahen uns an, dieses unbeschreibliche Verlangen in ihrem Blick, und dann sah ich etwas, was ich noch nie gesehen hatte bei ihnen, eine der Frauen redete.

Ja. Sie bewegte den Mund, wie einer, der ein Gebet spricht, oder eine laute Beschwörung, wie einer, der Geister beschwören will.

Ihr seid doch die Geister, dachte ich ratlos, wen wollt ihr denn beschwören?

Wir standen auf dieser stillen Nachtstraße, zwischen den hohen alten Häusern, umrundet von der flatternden Schar der Besucher, und die einen stand unter ihnen wie eine Priesterin und rezitierte ihre Anrufung, und dabei sah sie uns an, unverwandt.

(Nachricht eingegangen am 13.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 14.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)