Banshee Alte Folge 23

Nachricht von Ayse Konopski, vom 12.11.2021

Okay, dann folge ich dem Ruf.

Aber erst mal noch eine Zwischenbemerkung. Ich hab Amys Beitrag auf der Verlagsseite gelesen, wo sie über „normal“ redet, und ich kann nur sagen, mir aus der Seele gesprochen, und ich weiß ja, wovon ich rede. Ich war ja selber mal interniert in der Klapse, hab ich euch erzählt. Und manchmal hab ich da oben am Fenster gestanden, in meiner Unterbringung mit den weißen Wänden, und ich hab hinuntergesehen auf die Stadt und hab gedacht, wie gut, dass da draußen alles seinen Gang geht. Da draußen sind sie zugange und halten den Normalbetrieb aufrecht, und wenn ich hier wieder rauskomme, wenn ich hier jemals wieder rauskomme, dann kann ich dazustoßen und mich ganz unauffällig einklinken, und so tun, als wär ich schon immer dabei gewesen. Das hat mir Auftrieb gegeben. Ich hab auch  schon Filme gesehen, genau wie Amy, wo ein groß Gewese gemacht wurde um die, wie soll ich sagen, um Leute wie mich, um uns Beschädigte um uns Gestörte. Um uns Kranke. Krank im Kopf. Als wären wir wunder was Besonderes, und als wär das was ganz Tolles, wir mit unserer Traurigkeit und unseren Panikattacken und unserem Zählzwang und unserer Angst vor Verfolgung und unserer Bipolarität und unserer Selbstmordgefährdung und unserer Angst vor den Strahlen aus der Steckdose, und was es alles noch gibt. Also, ich kann aus eigener Erfahrung versichern, da ist überhaupt nichts toll dran, und wenn du da drin steckst, hast du nur einen Gedanken, du willst da wieder raus, du willst dein Leben zurückhaben, denn die Krankheit, das spürst du, die frisst dich auf, die nimmt dein ganzes Leben in Beschlag, deshalb bist du ja in der geschlossenen Abteilung, weil du draußen nicht mehr leben kannst. Du willst aber draußen leben, du willst dazugehören. Was solche Filme immer verschweigen, das ist, dass wir Gestörten leiden wie ein geprügelter Hund. Unsere Störung, das ist kein Spaß. Das ist was, worauf wir gut verzichten könnten. Wir Gestörten sind gar nicht stolz auf unsere Störung, und ja, wir wollen wieder funktionieren, wir wollen wieder raus, wir wollen wieder ein Leben haben. Und nein, wir wollen nicht die Therapie als Dauerzustand. Wir wollen auch noch andere Orte in der Welt, wo wir wichtig sein können, als bloß die Therapie. Ich kenn das, Leute, die die Therapie brauchen, weil sie sich dort wichtig vorkommen. Ich find das arm. Ich hab mal eine Alte besucht, die lag wegen ihrem Zucker in der Klinik, und als ich angefangen hab, sie zu bedauern, da hat die mich unterbrochen und hat ganz fröhlich gesagt, ich bin gern hier, hier fühl ich mich geborgen. Ich sag euch, mir ist die Kinnlade runtergeklappt. Ich hab mich in der Klapse keine Minute geborgen gefühlt. Ich hab mich niemals irgendwo auf der Welt so elend gefühlt wie in diesem Loch, nicht einmal in der alten Scheißwohnung im Scheißviertel mit meinen Scheißeltern und ihrer Scheißehre und ihrer Scheißfamilie. Das ist die Botschaft, und da glaub ich, ich sprech im Namen von uns allen Gestörten: unsere Gestörtheit ist nicht lustig, das ist nichts, woran ihr euch erfreuen dürft, wenn ihr beim Netflixgucken eure salzigen Erdnüsse knabbert. Die Leute, die in der Klapse interniert sind, die haben die Hölle auf Erden, und deshalb kann ich Amy nur zustimmen. Ein Hoch auf die Normalität. Ihr Normalen, ihr wisst doch gar nicht, wie gut ihr es habt!

Ich wollt weiter erzählen, was da oben auf dem Fons abgegangen ist. Ich poste das, versprochen. Muss mich nur grad beruhigen, dann setz ich mich hin und schreib alles auf. Ein bisschen Geduld bitte.

Und was mir auch auf den Geist geht, aber so richtig, das muss ich jetzt grad noch loswerden, das sind die Psychoheinis in diesen Filmen. Wie die immer verständnisvoll sind und eindringend und auskennend! Wie die sich auskennen! Ich brauch aber niemanden, der in mich eindringt, dafür hab ich meinen Dildo. In Wahrheit haben die keine Ahnung. Die helfen niemandem. Wer in der Klapse ist, der ist so lange drin, bis es ihm von selber wieder besser geht, und dann haut er ab. Scheiß drauf! Scheiß drauf! Scheiß drauf!

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 13.11.2021

Wow, das war jetzt superdeutlich.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 13.11.2021

Doppel-Wow. Bilde ich mir das nur ein, oder hat die Kopftuchmaus gerade das D-Wort verwendet? Dürfen wir das hier überhaupt?

Nachricht von Peter Flamm, vom 13.11.2021

Sorry, ich würd einfach sagen, wer einmal in einer Lage sich befunden hat wie Ayse, der hat ein für alle Mal das Leben kennengelernt, wies ist. Die Dinge sind, wie sie sind, und wenn sie so sind, warum sie nicht aussprechen?

Nachricht von Diana Hindrance, vom 13.11.2021

Hatten wir doch schon. Muss man denn immer alles sagen? Und wenn es zehnmal Sache ist, man kann doch auch mal ein bisschen drumrum reden?

Nachricht von Peter Flamm, vom 13.11.2021

Hallo Diana, du hast dir die Antwort schon selber gegeben. Du hast die Wörter „immer“ und „alles“ verwendet. Nein, man muss nicht bei jeder Gelegenheit immer alles sagen. Ayse hat zwar nicht weiter erzählt, was sie am Krankenbett dieser Alten mit dem Zucker zu deren Lust an der „Geborgenheit“ gesagt hat, aber ich denk mal, sie hat sich höflich und ausweichend ausgedrückt. Und wenn man mit den Angehörigen am Grab einer Verstorbenen steht, dann sagt man ja auch nicht, die war der schlimmste Besen mit Haaren auf den Zähnen, der hier jemals die Straße gekehrt hat. Vielmehr macht man ein ernstes Gesicht, und wenn der Herr Pfarrer sagt, „in ihr war Liebe“, dann bemüht man sich wenigstens, nicht zu lachen. Ich gehör auch zu den Menschen, die bei unpassender Gelegenheit gern zu lachen anfangen. Also, man muss sich nach der Decke strecken und die Situation bedenken. Aber es ergibt sich eben auch mal die Situation, da muss raus, was raus muss. Und wenn einer dann sagt, wie ihm ums Herz ist, dann muss man das respektieren. Wir leben in den asozialen Netzwerken mit der realen Gefahr, dass jedem jederzeit hinterher gerechnet werden kann, was er irgendwann mal gesagt hat. Sowas tötet jedes lebendige Gespräch. Man kann doch nicht bei jedem Wort überlegen, könnte mir das mal falsch ausgelegt werden, irgendwann mal, eines Tages, womöglich in zehn Jahren? Wenn plötzlich geschrien wird, der muss sich entschuldigen! für das Schreckliche, dass der damals gesagt hat! dann weiß ich, da sind Nullen und Gauner zu Werke, die nur ein Bemühen kennen: immer am richtigen Ende des Zeigefingers zu stehen. Am richtigen Ende des Zeigefingers zu stehen, nämlich auf keinen Fall vor der Mündung, das ist aber eine zutiefst ehrlose Position. Mal angenommen, da hat wirklich einer was Schreckliches gesagt, dann gilt, ich kann auf den mit dem Finger zeigen so lange ich will, das macht mich selber noch lange nicht zu einem guten Menschen. Noch nicht einmal zu einem besseren. Die Ankläger in den asozialen Netzwerken, die sind Dreck, darüber bin ich mir genauso sicher, wie ich mir sicher bin, dass Ayse ein guter Mensch ist. Gute Menschen trifft man nicht oft, aber Ayse ist einer.

Dies gesagt, hoff ich jetzt inständig, dass die beiden Weldbrüggener uns endlich auf den Tisch legen, was weiter geschehen ist da oben auf dem Berg, im Fons Affluens. Wir wollen das wissen, wir müssen das wissen. Na ja, ich weiß schon einiges, ich hab mit PvM geredet, aber wir wollen das alle schwarz auf weiß sehen. Zum Ausdrucken. Also hopp, ihr beiden, macht jetzt endlich weiter.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 14.11.2021

So, die Kopftuchmaus macht sich jetzt ran und erzählt. Danke übrigens, Peter, aber irgendwie, also ich weiß nicht, als guten Menschen hab ich mich eigentlich noch nicht gesehen, aber ich tu, was ich kann.

Kennt ihr das, wenn ihr in warmer Luft steht wie in einer Wolke? Als wär die Luft ein warmer Körper, der sucht Nähe? So ist es mir da oben auf dem Fons ergangen, in diesem Dschungel. Der Papagei auf meinem Arm wurde gesprächig. Nicht schrill, eher rollend und murmelnd, er quasselte ununterbrochen vor sich hin, und ab und zu legte der den Kopf schräg und blickte zu mir hoch, vielleicht überlegte er immer noch, ob er mich nicht hypnotisieren könne. Er war ganz schön schwer. Aber rücksichtsvoll! Er saß auf meinem Arm und hielt sich nur locker fest mit seinen Vogelfüßen, ich hab das kaum gespürt, obwohl er nadelspitze Krallen hatte. Nach einer Weile erst merkte ich, dass er wohl deshalb redete, weil ich ihm eifrig erzählte, wie ich hier hoch gekommen sei, und dass mein PvM ein bedeutender Mann sei, der jetzt gerade mit der Chefin des Hauses persönlich verhandelte.

Ich hab das wirklich einem Vogel erzählt! Und der fand das ganz toll und plapperte gleichzeitig mit mir, Wellensittiche machen das auch, die erzählen alle gleichzeitig.

Und ich fühlte immer noch diesen wilden Drang, mir die Kleider vom Leib zu reißen. Es war so warm zwischen den Blättern! Ich merkte, ich war einfach stehengeblieben im Irgendwo, über mir hing ein riesiger Palmwedel, von einer Bananenstaude, ihr kennt die Teile, bei denen kann man sich im Gewitter unterstellen.

Die Luft war so schwül, ich hab drauf gewartet, dass sie von selber abregnet.

Und dann hab ich Zirpen gehört, das könnte ein Grille gewesen sein, und irgendwo war ein Vogelruf, und ich war jetzt absolut sicher, dass ich mich verirrt hatte, dieses verwünschte Gewächshaus war in Wahrheit ein Portal, ein geheimer Durchgang, der irgendwo in einem wirklichen Dschungel auskam, in Südamerika oder in Afrika oder auf Borneo oder auf dem Sirius.

Das kommt ja in Romanen vor, Leute finden in einem Wandschrank oder sonstwo eine Tür, die ist ein Portal, und das führt hinüber in eine andere Welt. Davon hab ich als Kind geträumt, ich kann das gar nicht sagen. So ein Portal finden und dann hindurchtreten und verschwinden, und niemals mehr zurückkommen müssen! Davon hab ich als Kind geträumt, als ich niemanden zum Reden hatte, aber jetzt hatte ich ja diesen Papagei, der war ganz begeistert über meine Gesellschaft.

Und dann war da dieser Teich. Ich stand unter dem Palmenblatt und spähte durchs Gebüsch, und unter meinen bloßen Füßen spürte ich den Dschungelboden. Ich schwör euch, ich spürte die Ameisen krabbeln, ich hab mir das nicht eingebildet. Da war keine Plattierung mehr, und auch kein Kies, da war feuchter Erdboden, mit Wurzeln. Da war Moos. Da waren kleine Wesen im Erdboden, ich spürte die krabbeln und graben, ich glaub, wir tun uns was an damit, dass wir immer mit Schuhen rumlaufen, wir spüren nicht mehr, was da unter unseren Füßen vor sich geht, ich glaub, wenn ich noch länger dort gestanden hätte, ich hätt die Schnecken kriechen gespürt.

Aber ich hab ja dieses Leuchten zwischen den Zweigen gesehen, zwischen den Blättern, und die Blätter waren sowas von grün, das glühte richtig. Irgendwo waren rote Flammen, das müssen Blüten gewesen sein. Das ist doch ein Gewächshaus, dachte ich, kommt hier manchmal jemand, um zu gießen? Aber wie gesagt, die Luft war so feucht, vielleicht regnet es hier ab und zu. Und ich hab mir das so gewünscht, in diesem Augenblick, dass es anfinge zu regnen, und ich könnt die dicken warmen Tropfen spüren in den Haaren, und in der Bluse, und dann auf meiner Haut. Ich hab die schon richtig gesehen, die Tropfen, wie sie von den glänzenden Federn meines Freundes abperlten, da auf meinem Arm! Glitzern würden die und rollen, und der Vogel würde ein bisschen zwinkern, und sich sonst gar nicht kümmern um den Regen! Und ich würde es rauschen hören in den Blättern, der Regen macht eine Musik, die möchte ich mal in einem Song hören, dieses Flüstern und Murmeln und Zirpen! Gibt kein Instrument, das das nachahmen kann, das Flüstern von Regen in durstigem Gras. Und dann der Geruch! Der Geruch von warmer trockener Sommererde, wenn der Regen kommt, und die braune Erde wird schwarz vor Feuchtigkeit, und dann steigt der Duft hoch.

Ich wünschte, ich wär sonstwo. Ich wünschte, ich wär woanders. Könnte ich nicht ein eiliger kleiner Käfer sein, der irgendwo in einer Uferböschung lebt, wo er es warm und gut hat?

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 15.11.2021

Du hast es doch warm und gut bei PvM, oder etwa nicht?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 15.11.2021

Das gefällt mir, was Ayse da erzählt, und ob ihr es glaubt oder nicht, es sieht wirklich so aus da oben, wie sie es schildert. Da der Fons nur für ausgewählte Besucher zugänglich ist, nach Voranmeldung, ist der Wanderer in diesem Gewächshaus wirklich allein mit den Wesen, die da zugange sind, und niedliche Käfer gibt es auch, nicht nur, wenn Ayse dort ist. Aber das nur am Rande. Es hat einen guten Grund, warum Ayse so ausführlich wird mit dem Palmenhaus. Sie will nicht mit dem rausrücken, was dann passiert ist, ist doch so, oder, Ayse?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 15.11.2021

Das ist frauenfeindlich, was du da sagst, von wegen Käfer und so. Ich bin kein Käfer, und niedlich bin ich schon gleich gar nicht, und überhaupt, wann ist der Ausdruck „Käfer“ für eine junge Frau in diesem Land zum letzten Mal verwendet worden?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 15.11.2021

Ach was, das wird noch verwendet, das ist noch voll im Umlauf, Käfer Schnecke Maus Häschen, alles in Gebrauch, kann jederzeit benutzt werden.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 15.11.2021

Kenn ich auch nicht anders, macht doch weiter, ihr beiden, jetzt wird’s grad interessant. Was ist da oben passiert?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 16.11.2021

Das soll Ayse selber erzählen. Aber bis sie sich gefangen hat, erzähl ich mal, wie es mir bei Regina ergangen ist. Ihre Exzellenz, Frau Regina Austri. Sie heißt wirklich so, der Titel „Exzellenz“ ist Bestandteil ihres Namens, das ist hier Landesgesetz, die Chefs des Fons führen den Titel Exzellenz und haben auch den Anspruch, so angeredet zu werden, zum Beispiel im Ministerium. Regina ist einschüchternd, schlank und groß und weißhaarig, mit aufmerksamem Blick, und jetzt gibt es auch von mir etwas zu erzählen, was peinlich ist, was hilfts, ich hab angefangen zu heulen, da im Büro Ihrer Exzellenz. Sollte man nicht glauben, dass ein alter Sack wie ich sich nicht besser beherrschen kann, aber das passiert mir immer, wenn von Evelyne die Rede ist. Madame Evelyne Mélisande Venadier, Duchesse de Montmélimard. Ihr solltet wenigstens den Namen kennen, ich hab ihr, oder vielmehr der Erinnerung an sie, den Text von „Das Leben in unserem Tal“ gewidmet, und sie ist schon lange tot, und jedes Mal, wenn ich oben auf dem Fons bin, denk ich an sie und fang an, von ihr zu reden, und dann fang ich eben an zu heulen.

Sie ist, sie war der eine Mensch in meinem Leben, von dem ich mit Gewissheit sagen kann, die war nicht ganz von dieser Welt. Evelyne war die schönste Frau ihrer Zeit, und es ist seltsam, dass sie heute so ganz vergessen ist. Ich hab alles gesammelt, was ich an Nachrichten über ihr Leben nur zusammentragen konnte, und ich werd noch über sie schreiben, bevor ich in die Grube fahre, versprochen, das wird aber keine Biographie, das wird ein Roman, anders wird man der Sache nicht Herr. Es war schon zu ihren Lebzeiten in Umlauf, sie sei nicht menschlich. Das wurde ihr wirklich hinterher geredet. Sie sei ein Kobold, sie sei der Leprechaun, sie sei eine böse oder gute Hexe, sie sei eine Fee, was weiß ich, auf jeden Fall sei sie kein Mensch. Das wurde gedruckt! In den Klatschblättern. Daran ist sie zum Schluss auch gestorben, okay, ich fang schon wieder an zu heulen, ein Irrer hat sie auf offener Straße niedergestochen, der hatte die Geschichten gelesen, dass sie ein Gnom sei, ein Geschöpf aus der Anderwelt, und hatte alles geglaubt, und den Auftrag verspürt, die Welt von ihr zu reinigen. Sie starb auf der Stelle, mitten auf einer belebten Einkaufsstraße in Paris, rive gauche. Sie war – es ist egal, wie alt sie war, als sie starb, denn das ist die Ursache für die Gerüchte, die über sie in Umlauf waren. Als sie Anfang Dreißig war, sah sie ungefähr aus wie Dreiundzwanzig, und dann veränderte sie sich nicht mehr, in zwanzig Jahren nicht. Ihre Haut leuchtete, wie eine Perle im Sonnenlicht, und ihre Augen glänzten. Sie hatte braune Haare. Es hat mich bis ins Innerste getroffen, als Sandra ihren Beitrag geschrieben hat, Juliette, mon amour, denn Evelyne sah aus wie Juliette, sie war Juliette, wie aus dem Gesicht geschnitten. Es gab einmal einen Menschenauflauf deswegen, im Louvre, Evelyne war dort, anlässlich einer Präsentation, und Touristen sahen sie, und dann verbreitete es sich wie ein Lauffeuer, Juliette Récamier sei aus ihrem Bild gestiegen und wandle jetzt in den Sälen herum, das Bild von Gérard hing damals noch im Louvre, heute ist es wohl im Musée Carnavalet. Die Museumswärter wurden der Sache nicht mehr Herr, die Flics mussten kommen und Evelyne aus der Direktionsetage befreien, wohin ihre Leibwächter sie gebracht hatten. Sie hatte immer zwei Leibwächter um sich herum, nur nicht an diesem Tag, als sie starb.

Sorry, ich muss mal Pause machen, ich melde mich gleich wieder.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 17.11.2021

Hallo PvM, aber sag mal, das ist ja eine ganz neue Seite an dir, wer war das, diese Evelyne? Sag bloß, die war deine Juliette? Und die sah wirklich aus wie Juliette Récamier? Das hast du nicht erfunden? Wer war das? Hopp jetzt! Ich will alles wissen!

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 17.11.2021

Nein, das hab ich nicht erfunden, ich hab sie wirklich gekannt, ich war, wie alt war ich da, Mitte vierzig oder so, da bin ich ihr begegnet, hier in Weldbrüggen, sie hatte auf dem Fons zu tun, wollte irgendwelche alten Manuskripte einsehen, und da bin ich ganz unversehens in sie hineingelaufen, ich sagte ja schon, sie sah aus wie ein junge Frau, wie ein Kind, wie eine Fee, wie eine Erscheinung, ich weiß nicht. Ich weiß, dass es mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat, sie hatte diese Wirkung auf die Menschen, sie hat jeden in sich verliebt gemacht, das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, sie hatte auf Männer wie auf Frauen die gleiche Wirkung, ich sagte ja, sagte ich? ja doch, also, sie war genauso lesbisch wie Sandra und hat sich nur für Frauen interessiert, und wenn sie wollte, und sie wollte eigentlich immer, hat sie jede in ihr Bett gekriegt, die sie drin haben wollte, ob die nun dran gedacht hat, mal was mit einer Frau anzufangen oder nicht, ganz egal, sie hat jede rumgekriegt.

Weiß nicht, wie sie das gemacht hat. Weiß nicht, wie sie überhaupt was gemacht hat. Sie hat dir einfach in die Augen gesehen, sie hatte diese haselnussbraunen runden Augen, und sie hat dich angesehen, mit weit offenem Blick, und du hast gemacht, was sie wollte.

Aber wenn du sie gefragt hast, sie selber hat sich eigentlich als unsicher eingeschätzt, als schüchtern wohl gar. Sie hat nie wirklich verstanden, wie sie auf die Menschen wirkte. 

Sie war alles, und von allem auch das Gegenteil. Bei keinem anderen Menschen hätte zusammengepasst, was sie machte. Sie war brillant, ihr Französisch wurde von den Literaten in Paris gerühmt, und wenn man einen Brief von ihr bekam, hob man den auf. Sie war mal im amerikanischen Playboy, ernsthaft, sie hat sich ausgezogen für die, und die haben Fotos mit Weichzeichner von ihr gemacht, wie es zu einer gewissen Zeit en vogue war, und sie war so süß und anmutig auf den Bildern, dass es schmerzte hinzusehen. Sie war für mehrere Jahre die Freundin von Anthem, die müsstet ihr noch kennen, die Rocksängerin, nun ja, sie war ihre Lebensgefährtin, das war, bevor sie heiratete, einen älteren Broker von der Wallstreet, mit dem lebte sie in Manhattan, in einer Villa, gesichert wie eine Festung, ihr Mann ließ sie machen, was sie wollte, das war wohl die Bedingung dafür gewesen, dass sie der Heirat mit ihm zugestimmt hatte. Es wurden die absurdesten Dinge über sie erzählt, aber manches war auch einfach wahr, zum Beispiel, dass sie sich praktisch einen Harem hielt, sie bekam nie genug von den schönen Frauen, und die Playboy-Häschen gingen bei ihr ein und aus, man war ja gewissermaßen unter Kollegen, und der Broker war Milliardär.

Wenn sie sich nicht mit ihren Mädchen beschäftigte, folgte sie ihrer brennenden Neigung zu den alten Ägyptern, sie hatte die Sprache gelernt, sie konnte Hieroglyphen lesen und mit Fachleuten auf Augenhöhe verhandeln, das war eine Konstante in ihrem Leben, das und die viktorianische Literatur, sie kannte sich aus auf eine Weise, die war beängstigend, konnte entlegenste Texte aus dem Gedächtnis zitieren, und eines Tages schrieb sie ihren legendären Essay über Charles Dickens, „Mr Twemlow dans le bois de Tityre“, ganz recht, Vergil, Erste Ekloge, mit Vergil habt ihr‘s doch schon gehabt, und sie bekam von der Dickens Fellowship eine Ehrenmedaille dafür, die Londoner Tabloids konnten sich bei der Gelegenheit gar nicht genug tun, auf ihren Playboy-Auftritt hinzuweisen, auf den sie im Übrigen stolz war, die Dickens-Fans aber haben sie angebetet. Nach dem Tod ihres Mannes erbte sie sein Vermögen, sie kehrte heim nach Paris, Anthem wurde dann krank, sie hatte Krebs, und Evelyne holte sie zu sich und pflegte sie treu bis zu ihrem Ende.

Sie war klein, manche sagten, winzig, sie hatte kaum ein Meter fünfzig, und war eigentlich eher rundlich, wirkte aber grazil wie eine Elfe, und wenn sie einen Raum betrat, wurde es hell. Das ist nicht als Metapher gemeint, das geschah wirklich. Ich habe das von einem französischen Journalisten erzählt bekommen, der es selbst erlebt hat, Feier beim Präsidenten, dem Präsidenten der Republik, im Élysée-Palast, die Intellektuellen der Hauptstadt eingeladen, es mögen fünfhundert Personen gewesen sein in dem großen Saal, und plötzlich verstummten alle Gespräche auf einen Schlag, la Duchesse est là, und alle Blicke wandten sich gegen den Eingang, wo Evelyne eingetreten war, es hatte kein Signal gegeben, keinen lauten Ruf, sie war umstandslos hereingekommen, unauffällig, und plötzlich war da etwas wie ein silbriges Licht über allen Köpfen, eine Art Geweb aus Licht, das durchdrang den ganzen Raum, und alle hatten sich umgedreht und geschaut, der ganze Saal, alle im selben Augenblick, als hätten sie alle einen Zuruf gehört, als wäre jeder einzelne bei seinem Namen gerufen worden, und da stand sie, Evelyne Venadier, Duchesse de Montmélimard, klein und lächelnd und bezaubernd, oder verzaubernd, wie ihr wollt, und es war, als sei nichts mehr in der Welt als nur noch sie.

Immer, wenn ich Regina begegne, oben auf dem Fons, fangen wir an, von ihr zu sprechen, und immer fange ich dann an zu heulen und muss mich schnäuzen.

Sie war treu katholisch, hatte aber vor der Kirche oder dem Papst wenig Respekt, Kombination, die man bei frommen Katholiken gar nicht so selten antrifft, und was Politik und Gesellschaft anbelangt, so gab sie sich konservativ und behauptete, ganz Aristokratin, sie wolle die Monarchie zurück. Man sollte nicht glauben, dass das irgendwie mit dem zusammenpasste, was sie in ihrem Privatleben so alles trieb, aber wenn man vor ihr stand, war da kein Widerspruch, es stimmte alles zusammen. Sie setzte alle Regeln außer Kraft, weil sie ihren eigenen gehorchte.

Ich schreib noch über sie, bevor ich sterbe, versprochen, ich hab schon einen ganzen Berg von Entwürfen im Schrank liegen, ich zwing das noch.

Manche haben behauptet, sie war auf der Erde, um die Menschen daran zu erinnern, GOtt ist noch da.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 18.11.2021

PvM, das hast du doch erfunden, ich hab nie was von der Frau gehört, ich glaub das einfach nicht, wir haben gedacht, Nefertiti wär deine große Liebe gewesen, nimmst du uns auf den Arm?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 18.11.2021

Evelyne hatte ihre große Zeit, bevor das Internet aufkam, ich glaub manchmal, die Zeit davor, das ist wie ein anderer Planet, ihr seid jung, ihr seid mit den elektronischen Spielzeugen aufgewachsen, ich glaub, ihr könnt euch nicht einmal mehr daran erinnern, wie das war, als es das Smartphone noch nicht gegeben hat. Selbst vor den alten Handys, denen mit den Tasten, steht ihr doch ratlos, deshalb erinnert ihr euch nicht mehr an Evelyne. Das kommt aber wieder, nichts wird wirklich vergessen.

Nachricht von Peter Flamm, vom 18.11.2021

Das kommt spätestens dann wieder, wenn PvM über sie geschrieben haben wird. Wenn er was erfunden hat, dann ist es seine Behauptung, er hätte schon einen ganzen Berg von Entwürfen im Schrank liegen. Ich hab das gesehen, das sind keine Entwürfe, das ist zu wesentlichen Teilen fertig geschrieben.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 18.11.2021

In echt jetzt? Da existiert ein richtig dickes, fettes Manuskript über Evelyne Venadier?

Nachricht von Peter Flamm, vom 18.11.2021

Zu einer Zeit geschrieben, da war PvM Öffentlichkeit so egal, dass er mit der Hand geschrieben hat, nicht nur mit der Hand, sondern mit der Feder, richtig mit einer Steckfeder, ins Tintenfass zu tunken. Blatt um Blatt hat er da vollgeschrieben, mit einer winzig kritzeligen Schrift, achtzig Zeilen pro Seite, man braucht eine Zeilenlupe, um es lesen zu können, und dann muss man sich noch mit seiner Schrift auskennen, ich hab immer Angst drum, er kann eines Tages selber nicht mehr lesen, was er da geschrieben hat, ich hab das mal gesagt, da hat er die Achseln gezuckt und bloß gemeint, schreib ich halt was Neues, solange mir noch was einfällt.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 19.11.2021

Mit der Hand? Was, mit der Hand???

Nachricht von Diana Hindrance, vom 19.11.2021

Amy, Schätzchen, du hast das doch verstanden, er hat mit der Hand geschrieben, so wie du mit der Hand einen persönlichen Brief schreibst. Mit Stahlfedern kann man klitzeklein schreiben, gestochen scharf, manche Leute machen das als Hobby, man nennt das Kalligraphie, ich versteh bloß nicht, was hat den Mann geritten, mit der Hand zu schreiben?

Nachricht von Peter Flamm, vom 19.11.2021

Ich hab ja schon gesagt, er hat das mit der Öffentlichkeit satt gehabt, leckt mich am Arsch, war seine Haltung, ihr wollt von mir nichts wissen? ich von euch noch viel weniger, er hat vorher seine Texte auf einer alten Schreibmaschine getippt, kennt ihr auch nicht mehr, das waren mechanische Teile, die haben auch bei Stromausfall funktioniert, nachher hab ich ihn dazu gebracht, auf PC umzusteigen, da ist er jetzt Feuer und Flamme, aber dazwischen hat er eine lange Zeit mit Tinte und Stahlfeder auf Papier geschrieben, und was er da geschrieben hat, das müsste jetzt für eine Veröffentlichung nicht nur formatiert, sondern überhaupt erst mal transkribiert werden, das heißt, Zeile für Zeile in den PC eingegeben werden. Ich schätz mal vorsichtig, aber das Manuskript über Evelyne, das dürfte, in den PC eingepflegt, um die viertausend Normalseiten umfassen. So, wie es bis jetzt vorliegt.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 20.11.2021

Hast du das gelesen, Ayse? Mach dich ran, du bist doch vor Ort!

Nachricht von Ayse Konopski, vom 20.11.2021

Ich bin noch bei, wie war das? bei Evelyne Venadier, Duchesse de Montmélimard. Wenn die wirklich so war, wie er es geschildert hat, dann, also gegen die kann doch niemand anstinken.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 20.11.2021

Ayse, Schätzchen, bitte, die Frau ist tot, gegen die Toten kann überhaupt niemand gewinnen.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 20.11.2021

Gegen die Toten kann jeder gewinnen, einfach, indem er am Leben ist. Am Leben zu sein, das ist das größte Plus überhaupt, lasst euch das von einer Jüdin sagen. Wenn meine Alten nicht überlebt hätten, auf Teufel komm raus, dann wär ich jetzt nicht hier, dann wären meine Kinder nicht auf der Welt, und ihr würdet nichts von mir wissen. Am Leben zu sein, das ist das Ding. Am Leben zu sein, das ist der Trumpf, der sticht alles.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 20.11.2021

Wo du davon redest. Seit du uns erzählt hast, du bist Jüdin, hab ich ein bisschen nachgelesen, in der Stadtbücherei, und da hab ich gefunden, das jüdische Gesetz sagt, Jude ist einer, der von einer Jüdin geboren worden ist. Demnach sind deine Kinder doch Juden. Wenn sie groß genug sind, haben sie das Recht, in eine Synagoge zu gehen und zu sagen, he, ich bin einer von euch, nehmt mich auf. Stimmt das? Weiß Balbutin davon?

Nachricht von Diana Hindrance, vom 20.11.2021

Das stimmt, und Balbutin weiß davon, weil er nämlich jedes Wort mitliest, das wir hier schreiben. Wenn ich über was sicher bin, dann über das.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 20.11.2021

Meine Fresse. 😱

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 21.11.2021

Ayse, Spätzchen, das ufert jetzt aus. Wir brauchen Grund unter den Füßen. Hopp. Sofort. Schreib, was weiter da oben auf dem, wie sagt ihr, auf dem Fons geschehen ist. Was soll das überhaupt heißen?

Nachricht von Peter Flamm, vom 21.11.2021

Fons Affluens, „Überfließender Quell“, das ist der Name, den der Baron von Zuffenhausen der Bibliothek gegeben hat. Tatsächlich ist die Bezeichnung aber älter. Da soll euch bei Gelegenheit mal PvM selber einweihen. Wenn es um die Geschichte von Wahlburg-Sonderbüren geht, ist er der Mann. Wenn er da was nicht weiß, dann niemand.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 21.11.2021

Aber warum bitte, warum, wenn PvM so viel geschrieben hat, warum hat er dann nie was veröffentlicht?

Nachricht von Peter Flamm, vom 21.11.2021

Das haben wir doch schon ausdiskutiert bis zum Abwinken. Weil nie jemand was hat von ihm wissen wollen. Er hat wohl mal eine Zeit lang fertige Manuskripte und Textproben und Exposés und was weiß ich bei Verlagen rumgeschickt, und nach ungefähr der zweihundertsten Ablehnung („ … Ihr unverlangt eingesandtes Manuskript haben wir erhalten … “) hat er die Sache obersatt gehabt, und hat gesagt, leckt — siehe oben. Wenn ich nicht gekommen wär und ihm erst mal die kleinen, kurzen, runden, fertigen Titel abgerungen hätte, nie wär was von ihm an die Öffentlichkeit gekommen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 21.11.2021

Weil ihr die Sache ja sowieso nicht glaubt, hab ich ein Foto von einem von PvM’s Manuskriptblättern gemacht. Da, seht selbst. DIN A4, achtzig Zeilen, so wie es Peter geschrieben hat. Die Manuskriptseite hat die Nummer 1788. Hab nicht nachgezählt, wird aber stimmen, der Seitenstapel ist zwanzig Zentimeter hoch. Eine Seite später bricht das Manuskript ab. Irgendwie hab ich das Gefühl, die Hütte brennt. Das Manuskript existiert nur einmal, nur in dieser Form, handschriftlich. Wenn es verschwindet, ist es nicht mehr in der Welt. Es ist immer noch in der Welt, sagt PvM, nämlich vor der Welt, und irgendwann wird jemand kommen und es anders empfangen, vielleicht als Song oder Gemälde oder als Erzählung am Lagefeuer. Kann ja sein, aber wir leben doch hier und jetzt. PvM sagt, da steht alles drin über Evelyne. Ich versuch grad, mich in die Schrift einzulesen. Noch brauch ich keine Brille. Beim amazon gibt’s doch sicher Zeilenlupen? Hab sowas schon mal gesehen, die kann man aufs Blatt legen, und dann werden einzelne Zeilen vergrößert. Irgendwie seh ich hier Handlungsbedarf. Muss schön sein, wenn man so in ruhigem Gottvertrauen lebt, wie PvM. Aber in der Welt was zu gelten, das hat doch auch was.

(Nachrichten vom 12. bis 21.11.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 14.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)