Antimoderne Revolte

Die Moderne sah sich von den Tagen ihrer Entstehung an begleitet von der Antimodernen Revolte. Wo die Moderne auftrat, erwuchs ihr die Antimoderne Revolte. Da die Moderne Freier Markt war, vor allem freier Markt der Meinungen, hielt sie stets die Möglichkeit offen, dass auch die von der Antimodernen Revolte das Recht hätten, auf dem Markt ihre Stände aufzuschlagen. Das war die Stärke der Moderne und ihre Schwäche. Die Revoltierenden schwollen vor Stärke angesichts dessen, was sie für die Schwäche des Gegners hielten. Sie nutzten aus, was sie für Schwäche des Gegners hielten. Sie praktizierten den Marsch durch die Institutionen. Sie nahmen auf den Märkten alles Recht für sich in Anspruch, ihre Ware zum Display zu bringen, die Schelle zu schlagen und die Trommel zu rühren, Anhänger sich zu werben, Freiheit für ihre Auffassungen durchzusetzen. Überflüssig zu sagen, dass sie überall dort, wo sie die Macht errangen und ihre Plane durchsetzten, für alle Andersdenkenden die Genickschussanlage vorhielten.

Die Moderne sagte: niemand weiß, was morgen sein wird, das ist ja das Schöne am morgenden Tag. Die Antimoderne Revolte sagte: Wir wissen genau, was morgen sein muss, wir haben den Plan, und wenn wir den nicht durchsetzen können, wird die Welt untergehen, aber das ist nicht zu besorgen, denn wir werden siegen, die Geschichte ist mit uns, Gott ist mit uns, es muss und es wird einfach alles so kommen, wie wir das wollen.

Die Verteidiger der Moderne fanden sich oft in der Defensive. Kein Wunder, sie hatten sich selbst dahin gestellt. Sie „nahmen Kritik an“, statt auf den Glanz des Marktes zu verweisen.

Der Erfolg des Marktes beruhte ja darauf, dass er die Organisation und die Strukturen IHRER Schöpfung nachahmte. Das meiste, was täglich neu aufbricht, geht auch wieder unter, das ist in allen Welten so. Manches aber behauptet sich, wächst, setzt sich durch. Verändert vielleicht die Welt. Unter der Knute der Planer kann nichts Neues werden, wie auch. Das unerwartete Neue, es wird von den Planern als Bedrohung erlebt. In allen Weltgegenden, da die Planer herrschten, ob politische oder religiöse, wurde das Neue argwöhnisch bespitzelt. Die Bedrohung war für die Begabten handgreiflich, sie flohen, wo sie nur konnten. Wohin? In die Länder der Moderne, in die Länder des Marktes.

Die Moderne war eigentlich auf der Insel im silbernen Meer entstanden, da die Sprache des Unnachahmlichen gesprochen wurde. Ihre Verkehrsformen exportieren Auswanderer auf den gewaltigen Kontinent jenseits des Ozeans, von dem nachher die Heere gekommen waren, dem Hineinschießen in Gesichter ein Ende zu setzen, auf dem Kontinent des Jungen. Die Länder und Kontinente, da die Sprache des Unnachahmlichen gesprochen wurde, hatten stets einen Zivilisationsvorsprung vor dem Rest des Planeten, und der Vorsprung war dem Wirken des Marktes geschuldet, freier Markt der Meinungen, freier Markt der Waren. Der Kontinent jenseits des Ozeans war zunächst eine Kolonie der Insel im silbernen Meer gewesen, war aber um die zwei Jahrhunderte vor den Lebzeiten des Jungen vom Mutterland abgefallen. Die Abtrünnigen hatten sich damals auf ein Verfassungspapier geeinigt, das jedem einzelnen Menschwesen das unkränkbare Recht zuerkannte, nach seinem Glück zu streben. Nach seinem. Das Papier definierte nicht, was dieses Glück zu sein hatte. Das musste jeder Einzelne für sich selbst entscheiden. Keine kleine Aufgabe! Selbst zusehen muss ein jedes Menschwesen, was ihm sein Glück gelte! Es war, wohlgemerkt, nicht so, dass das Papier den Einzelnen das Recht, nach ihrem Glück zu streben, irgendwie eingeräumt hätte. Das Papier stellte einfach fest, dass jeder Einzelne dieses Recht hatte, und dass niemand, kein Staat kein Herr keine Gemeinschaft keine Doktrin keine Religion keine Ideologie irgendwie legitimiert sei, dem Einzelnen dieses Recht zu nehmen.

Und wenn einer sich entschloss, von einer Religion sich sagen zu lassen, was sein Glück sei? Auch recht. Umgekehrt aber sollte keine Religion keine Gemeinschaft keine Ideologie das Recht haben, irgendeinem Menschwesen aufzudrängen, was sein Glück zu sein habe. Vor solchen Bedrängern den Einzelnen zu schützen, war der Staat aufgerufen, das war seine Aufgabe.

Nur anderthalb Jahrzehnte nach der Staatsgründung auf dem Kontinent jenseits des Meeres kam es im Nachbarland des Jungen zur Revolution. Die Große Revolution, wie die Urheber selber schon und nachher die Bewunderer prahlten. Die Herrscher wurden abgesetzt, die Aristokraten, von denen ich schon geredet habe. Der Konsens wurde aufgekündigt. Dass die alte Gesellschaft Konsensgesellschaft gewesen war, erwies sich daran, dass sie im Augenblick, da der Konsens von der Mehrheit aufgekündigt wurde, zusammenbrach. Prügelnde und schreiende Machthaber lösten die Aristokraten ab, schwangen sich an die Spitze bewaffneter Meuten, es herrschte bald Bürgerkrieg, es herrschte Willkür, Anarchie. Man hatte ein automatisiertes Hackebeil erfunden, mit dem konnte man im Fließbandverfahren das „Rübe runter“ praktizieren, das als öffentliches Schauspiel genossen wurde. In das Land jenseits des Ozeans strömten die Zuwanderer, aus dem Revolutionsland flohen sie in Massen. Man schloss die Grenzen, Flucht wurde zum todeswürdigen Verrat erklärt. Gelang einem die Flucht, und kehrte er wieder, war es gleich aus mit ihm. Ihr erkennt das Muster. Die neuen Herrscher mit ihren Eisengebissen erklärten das Land zum Paradies, und mussten eiserne Riegel um die Grenzen legen, damit die Bewohner dem Garten Eden nicht davonliefen. Die Revolutionäre verabschiedeten eine allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die sie allesamt mit Füßen traten. Diese Erklärung der Menschenrechte galt ihnen als oberbegriffliche Setzung, aus der heraus sich der ideale Staat deduzieren ließe, der Staat, in dem alle Bürger tugendhaft seien. Was Tugend sei, legten die Herrscher fest. Die Herrscher waren Massenmörder.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 14.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)