Banshee Neue Folge 22

Nachricht von Ayse Konopski

Wir wanderten einmal herum um die Höhle, und ich sag euch, dieses Gemurmel da drinnen, das schwoll mal an, als wollte es Tumult werden, ich unterschied deutlich einzelne erregte Rufe, dann ebbte es wieder ab, blieb kaum mehr übrig als Geflüster, aber beides, Schreie und Flüstern, war so dicht an mir dran, fast hätte ich es verstehen können. Das Gemurmel dazwischen nicht. Aber die einzelnen Rufe! und dann das Gewisper! das war so deutlich, ich hatte es im Kopf, wie man eine Melodie im Kopf hat, man kann sie aber nicht nachsingen.

Und dann die Gebärden. Ausdrucksvoll. Sie redeten alle gerne mit den Händen, rechneten einander ihre Argumente an den Fingern vor, hoben die Hände, warfen die Hände in die Luft, legten den Kopf in den Nacken, sahen überlegend hoch zur Höhlendecke, einer, ein kleiner Dicker, ja, der sah zur Höhlendecke hoch, als ob er dort oben Beistand suchte, bei so viel Dummheit hier unten, die Schwaben sagen gern, Herr, schmeiß Hirn runter! so guckte der nach oben. (Den schwäbischen Spruch kenn ich, weil ich in Tübingen in der Klapse war.)

Die Frauen, das fiel mir auf, verhielten sich viel stiller als die Männer, sie hörten zu, dachten sich vielleicht was, rückten enger zusammen und murmelten untereinander. Was? Ich spitzte die Ohren, aber ich wusste ja nicht einmal, in welcher Sprache sie redeten, bestimmt nicht in einer, die ich verstanden hätte, oder sie redeten in einer, verständlich für die ganze Welt, so eine Sprache muss es doch geben, so etwas, was überall auf der Welt verstanden wird, ich dachte an die Besucher, und wie ich mich nackt vor die hingestellt hatte, warum nur war mir so verzweifelt danach, mich denen nackt zu zeigen? Weil die das so unbedingt wollten. Ich hatte das vielleicht gar nicht so gewollt, aber mir war klar gewesen, die wollten das, unbedingt, als hinge ihr Leben davon ab, die wollten mich nackt sehen. Vielleicht, dachte ich in einem Augenblick hastiger Erkenntnis, weil meine Nacktheit ein Wort ist, ein Satz vielleicht, eine ganze Ansage, die die verstehen können, vielleicht hatte ich ja wirklich zu denen gesprochen, und sie hatten mich angesehen und jedes Wort verstanden? War das möglich? Hatte ich etwas gesagt, hatte ich vielleicht eine ganze Rede geschwungen und wusste es selber nicht? Einfach dadurch, dass ich mich gezeigt hatte?

Ich hatte mich gezeigt, ich hatte mich offenbart. Sagt man doch auch so, von einem, der alles rauslässt. Er hat sich nackt gezeigt.

Ich trat dicht an eines der Fenster heran, in der Hoffnung, irgendwie auf mich aufmerksam zu machen. Sie beachteten mich nicht, da drinnen. Sie murmelten und debattierten. Wenn ich euch nur schildern könnte, wie es klang, dieses Gemurmel. Zuweilen wie Gesang. Melodisch. Endloser Strom. Ich sah mir an die Gewänder, all die Falten und Überwürfe und Mäntel und Schleier, und wie staubig die alle waren. Und ich dachte, vielleicht waren die ja vorher schon auf der Wanderschaft gewesen, bevor die Katastrophe über sie gekommen war, aus der sie dies Raumschiff knapp gerettet hatte, vielleicht waren sie vorher schon auf Wanderschaft gewesen, und wenn das Raumschiff sein Ziel erreichen würde, würden sie aussteigen und ihre Bündel schultern und gleich weiterwandern. Auf jeden Fall war das hier, der Aufenthalt im Bauch des Raumschiffes, für sie nur eine Station, ein Zwischenaufenthalt.

Und sie nutzten die Zeit, um sich zu bereden. Die sind vielleicht nicht nur vorher schon gewandert, überlegte ich, die haben auch vorher schon miteinander gesprochen. Die Dinge ausdiskutiert. Natürlich haben sie das getan. Warum nicht? Wie wahrscheinlich ist das, dass die erst hier, im Raumschiff, angefangen haben, miteinander zu reden? Nein. Die haben das schon vorher getan, und was ich hier sehe was ich höre, das ist nur die Fortsetzung eines uralten Gesprächs, das reicht zurück in den Abgrund der Zeit. Und wenn sie nachher verlassen werden das Raumschiff, angekommen am Ort ihrer Bestimmung, dann werden sie weiter reden, das Gespräch wird nicht abbrechen.

Ich drückte mich gegen eine der Scheiben, ich lauschte, ich spitzte die Ohren, bis ich das Summen meines eigenen Blutes hörte. Was redeten die??? Worum kann es gehen bei einem Gespräch, so versunken, dass die auf nichts mehr achten, dass die einfach nicht rausgucken wollen, zu den Fenstern, wo draußen wir anderen stehen? Was kann das nur sein? Denk nach, Ayse, denk nach, wisperte ein Stimmchen in meinem Kopf. Worum gehen denn meine eigenen Gedanken, wenn sie gar nicht zur Ruhe kommen wollen? Worüber grüble ich nach, Tag und Nacht?

Einfach. Da ist nur ein Gedanke. Warum passiert mir das alles. Warum ist das alles. Warum tut Gott mir das an. Ich hab da auf der Wiese gelegen, in dieser unbegreiflichen Nacht, und Gott hat mich hochgehoben, es war klar, Gott liebt mich, ich war nur noch ein winziger Punkt in den Himmeln, und die Himmel waren ein Ozean gewesen, ganz aus Licht. Gott liebt mich. Und trotzdem ist mein Leben eine einzige Katastrophe. Ich hab einmal einen glücklichen Augenblick gehabt, einen einzigen, ich meine, in meinem Alltagsleben, nicht in diesem anderen Leben, da ich mit den Besuchern nackt durch die Wälder gezogen bin. Nein, da war dieser eine Augenblick gewesen, erst neulich, als ich im Garten rumgehangen hab, im Vorgarten vor dem Haus, und an PvM’s Fahrrad herumgeklempnert hab, und die Besucher haben mir zugesehen, da war alles still gewesen, und ich war glücklich.

Ich stand an das Fenster gedrückt, ich sah hinein in die murmelnde Menge da drinnen, wie sie so beredt die Hände regten, und ich dachte, Ayse, du sollst doch über die was sagen, nicht über dich, und dann kam mir der Gedanke, vielleicht ist das bei denen genauso. Vielleicht denken die genauso nach wie ich, nur gemeinsam, in einem unaufhörlichen Gespräch. Warum passiert uns das alles. Warum ist das alles. Warum tut Gott uns das an. Gott liebt uns doch, warum ist unser Leben so eine Katastrophe.

(Nachricht eingegangen am 12.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 13.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)