Banshee Neue Folge 21

Nachricht von Ayse Konopski

Mehrere sah ich, die lagen ganz einfach still auf dem Rücken, manchmal die Arme über der Brust gekreuzt, oder flach am Körper liegend, einer hatte sein Gesicht verhüllt, die anderen schienen hinauf in die Höhlendecke zu sehen. Die schlafen, dachte ich. Sie hatten aber auch zum Schlafen ihre Kopfbedeckungen nicht abgenommen, all die Kopfschleier und Turbane, die sie hatten, gefältelter Stoff in vielen Farben, manchmal auch schwarz. Ich überlegte, ob sie wirklich schliefen. Vielleicht träumten sie sich auch hoch in Regionen, die ich gesehen hatte?

Ich weiß noch, in meinem Hinterkopf bohrte immerfort die Frage, warum wollen die uns nicht anschauen. Wir wollen so dringend zu denen hineinschauen, sonst wären hier ja nicht all diese Fenster, überall Fenster rund um die Höhle, wo die sich aufhalten, aber keiner guckt zu uns heraus, die müssen doch merken, dachte ich, dass es sich da draußen vor den Fenstern bewegt, warum wollen die gar nicht wissen, wer da nach ihnen schaut?

Und ich überlegte, aber ganz undeutlich, das weiß ich noch, ich überlegte, die Besucher, die da draußen auf mich warten, die sind ganz anders, die gucken mich an, wo ich geh und steh, die wollen mich ansehen, die wollen was von mir wissen. Bloß was?

Und seht ihr, ich erinnere mich an all das, wie ich da hineinschaute zu den Reisenden in ihre Höhle, und wie gleichzeitig in meinem Kopf die Gedanken hin und her gingen, und das eine war mindestens so wichtig wie das andere.

Und da waren Regina und PvM, bei denen musste es doch genauso sein? Die mussten doch sehen, was ich sah, aber nicht einmal da bin ich mir so ganz sicher. Sie sahen alles ganz genauso wie ich, und doch irgendwie anders. Und bestimmt liefen da auch bei ihnen gleichzeitig Gedanken und Erinnerungen herum, hinten im Kopf, aber ganz andere als bei mir, ich wusste nichts davon, sie ja auch nichts von mir. Wenn sie sich nachher aber an diese Augenblicke erinnern würden, dann würden sie sich nicht nur an das erinnern, was sie gesehen hatten, sondern auch an das, was gleichzeitig in ihrem Kopf vor sich gegangen war. Also würde jeder von uns sich an etwas anderes erinnern.

Ganz bestimmt aber würden sie sich alle daran erinnern, dass ich mal wieder einfach nicht aufhören konnte zu heulen.

Da war zuviel Glas zwischen mir und diesen Reisenden, ich wäre so gern hineingegangen zu ihnen, ich hätte sie auch ganz bestimmt nicht gestört, wäre nicht lästig geworden, hätte sie nicht einmal angeredet, wäre nur zwischen ihnen herumgelaufen, um zu zeigen, dass ich da bin, und dass es mich etwas angeht, dass sie da sind, und vielleicht hätten sie ja doch angefangen, mich zur Kenntnis zu nehmen, vielleicht hätten sie mich ja doch endlich angeschaut, und dann – vielleicht – ja, vielleicht hätten wir dann doch angefangen, miteinander zu reden.

Keine Chance, dachte ich, ich komm da nicht rein.

Denn da war diese Hostess bei uns. Sie ging immer ein bisschen voraus, sie beobachtete uns nicht, und dennoch hatte ich das Gefühl, sie wusste in jeder Sekunde genau, was wir taten, und ob wir im Rahmen blieben. Ich meine, sie wäre sofort eingeschritten, wenn einer von uns aus der Rolle gefallen wäre, im Zweifelsfall wär ja ich das gewesen. Sie war schlank, nicht besonders groß, trug blaugraues Kostüm, Farbe neutral, neutraler geht gar nicht, knielanger Rock, und ihre Bewegungen waren wie die eines Automaten, aber nicht eckig, sondern fließend. Anmutiger Automat. Sie hatte das geübt. Alles an ihr war perfekt. Keine Person. Ganz Funktion.

Und hier war es, dass ich mich zu fürchten begann. Nur ein bisschen, aber ich fühlte die Unruhe. Deutlich. Raumschiff Roboter Reisende, und eine Million ungelöster Fragen. Bei mir Regina und PvM, in deren Köpfe ich nicht hineinschauen konnte. Und ich. Regina und PvM erhofften sich was von mir. Dass ich Antworten geben könnte, auf die Fragen, die sie hatten. Sie hatten mir nicht einmal so richtig gesagt, was ihre Fragen eigentlich waren. „Ergebnisoffen“, das war dieses Wort, das Regina benutzt hatte, dieses unpassende Wort, das nicht hierher gehörte.

Und alles, was ich in meinem Kopf hatte, das waren Fragen, oder noch nicht einmal Fragen, einfach bloß Ratlosigkeit. Ich verstand nichts, ich fühlte mich wie rohes Fleisch, als sei mir die Haut vom Leib gezogen.

(Nachricht eingegangen am 11.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 12.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)