Banshee Alte Folge 21

Nachricht von Ayse Konopski, vom 02.11.2021

So, das langt jetzt, ich schreib jetzt, was weiter oben auf dem Fons passiert ist, und PvM soll dann schreiben, was er unter vier Augen mit seiner Regina beredet hat, soweit das eben die Öffentlichkeit was angeht, mir hat er es ja schon erzählt, wie kommt ihr auf die Idee, dass wir nicht mehr miteinander reden? Weil ich ein bisschen beleidigt war, dass die mich zuerst mal außen vor gelassen haben? Aber ich hab das schon verstanden, die kennen sich ja schon eine Ewigkeit, und ich komm da jetzt auf einmal reingeschneit, da kann ich doch nicht im Ernst erwarten, gleich einbezogen zu werden, als würd ich zur Familie gehören. Also, ich erzähl das jetzt, und dann ist PvM an der Reihe, und dann müssen wir noch mal drüber reden, was mit euch los ist, warum ihr auf einmal solche Panik schiebt. PvM sagt, das wär nicht auf einmal. Da würde was aus euch rausbrechen, das rumort schon die ganze Zeit. Zu viele Fragen, und keine Antworten. Aber wir können doch immerhin miteinander reden. Und Balbutin ist bis jetzt der einzige von uns, der uns abhanden gekommen ist. Aber vielleicht kommt der ja wieder! Bestimmt kommt der wieder! Bestimmt! Der Kerl ist noch nicht geboren, der eine Frau wie Diana einfach sausen lässt. Wie bin ich jetzt auf Balbutin gekommen? PvM hat recht, da köcheln Sachen. Nicht zu ändern.

Ich red schon wie ihr. Achterbahn. Was ist nur mit uns los?

Ich hab euch erzählt, wir haben eingeparkt. Vor dem Haus. Und PvM hat mir gesagt, ich wär erst mal abgehängt. Und ich, okay, ich gebs zu, ich war ein bisschen beleidigt, völlig ohne Grund, ich hab ja verstanden, worum es ging, PvM und seine Regina, die hatten erst mal zu tuscheln, unter vier Augen, und trotzdem bin ich mir vorgekommen wie das fünfte Rad am Wagen. Na ja, das hat ja auch seine Stunde. Also, ich hab gewusst, ich hab überhaupt keinen Grund, beleidigt zu sein, und wars trotzdem. Und – also das erzähl ich jetzt, obwohl ich weiß, dass PvM mitliest und zu lachen anfängt, also, ich war böse mit PvM. Hat mich hier hochgeschleppt und jetzt stellt er mich einfach ab, hab ich gedacht, ungefähr in die Richtung. Wir Frauen und unsere Gefühle. Ich hab ganz genau gewusst, wie blöd das ist, und trotzdem hab ich gedacht, der Alte soll sich um mich kümmern, um michmichmichmichmich!

Manchmal, das sag ich jetzt, sind wir Frauen wie die kleinen Kinder, und das Schlimmste, was jetzt passieren kann, und das seh ich auf mich zukommen, das ist, dass PvM das süß findet. Die Kerle finden uns gerne „süß“, und wir mögen das überhaupt nicht, und dann liefern wir ihnen die Dinge frei Haus.

Möchte wissen, was das mit dieser Maschine ist, dass man sich dauernd zu Geständnissen gedrängt fühlt.

Der Fons sieht nicht aus wie eine Bibliothek. Eher wie eine edle stille Villa, unter Bäumen, ein bisschen versteckt. Vor allem sieht man von außen nicht, wie groß die Anlage in Wirklichkeit ist. Es gibt eine Freitreppe, so richtig breit, mit geschwungenen Seiten, richtig wie eine Welle, die führt hoch zum Eingang, da ist ein Messingschild, „Fons Affluens“, sonst nichts. Richtig so mit Ansage, wir müssen nicht erklären, wer wir sind, wir nicht. Auf einmal hab ich Respekt bekommen, und PvM hat geklingelt. Auch die Klingel war in einem Messingschild. Aus dem Schild heraus sprach eine höfliche Stimme „Ja bitte?“, eine Frauenstimme, Akzent Osteuropa, aber sehr gewählt! Und PvM hat seinen und meinen Namen genannt und hat gesagt, wir sind angemeldet, und dann war einen Augenblick Stille, aber nicht lange, und dann summte der Türöffner.

Leute, es war, als sei man zu Besuch bei Fürsts.

Drinnen, also, da hab ich erst mal Luft holen müssen. Bibliothek, also da denkt man, du kommst rein, und das erste was du siehst, das ist die Auskunftstheke, und vor allem die Spinde, für die Mäntel und die mitgebrachten Taschen! Und alles kahl und alles Funktion.

Wir kamen da rein, und da drin hats ausgesehen wie in einem Gewächshaus. Überall Grün. Nicht nur so ein paar Topfpflanzen. Das hat gewuchert! Leuchtend grün! Wie im Urwald. Und über uns war eine Glaskuppel. Das hatte man von außen auch nicht gesehen. Über der Vortreppe war ein mächtiger Giebel, mit vielen Verzierungen, allerhand Figuren mit seltsamen Gebärden, und der Giebel hat die Kuppel dahinter verdeckt, durch die Kuppel fiel das Licht in den Urwald. Mir ist der Unterkiefer runtergefallen. Ich hab dagestanden mit offenem Mund und den Dschungel angestarrt und den Glashimmel, und dann hab ich mir vorgestellt, wie das sein muss, wenn es regnet, und die Tropfen auf das Glasdach trommeln, und man steht unten zwischen den Bäumen und Schlingpflanzen und hört das Rauschen.

Und auf einmal war da so ein Gefühl in mir, das sagte: Hier geh ich nie wieder weg.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 03.11.2021

Ihr schreibt nichts, da mach ich einfach weiter.

Wir standen nicht lange, da kam die Empfangsdame angerauscht, nicht mehr taufrisch, aber chic das Mädel, in Hosenanzug, tailliert, konnte sie sich leisten, und immer dieser slawische Akzent. PvM konferierte ein bisschen mit ihr, heftiger Augenflirt zwischen den beiden, aus dem Stand raus, dann sagte er zu mir, es dauert nicht lange, und dann holen wir dich. Setz dich nur irgendwo hin.

Ich spähte hinein in den Dschungel und fragte, darf man sich da umsehen.

Abärrr bittää!!! rief die Elegante und wedelte mit der Hand in Richtung Garten. ich war von der Leine, einfach so, ich durfte hier rumlaufen, im Fons, ohne Aufsicht!

Ich guckte mich gar nicht mehr um, ich stiefelte einfach los, und dann waren überall Äste und Ranken um mich.

Ich hatte erst gedacht, die Kuppel überdache nur einen Vorraum. Aber das ging weiter und weiter und weiter. Immer oben dieses Glasdach, und rundum Bäume und Büsche mit bunten Blättern, und dann hörte ich einen Papagei krächzen. Ich dachte wirklich, Ayse, du träumst das doch. Die Bäume standen in Kübeln, okay, aber um die Kübel  herum waren wieder Pflanzen gruppiert, und niedrige Kästen mit Erde, und in einem von den Kästen sah ich die erste Eidechse, die flitzte über den Boden und nahm mich scharf in den Blick. Nachher sah ich, die waren überall, klein und silbern und blitzschnell.

Da waren Säulen, ich dachte zuerst, das wären Baumstämme, die waren grün und braun bemalt, oder es war irgendein angelaufenes Metall, ich weiß nicht, an manchen kletterten Pflanzen nach oben, und über mir war das Glasdach. Hab sowas noch nie gesehen. Muss grad mal unterbrechen, PvM will was dazu schreiben.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 03.11.2021

Nur kurz zur Erklärung, die Anlage, von der Ayse da schreibt, die war und ist tatsächlich ein riesiges Gewächshaus, Palmenhaus hat man das früher genannt, weil da exotische Pflanzen gezogen werden. Ich geb euch die Kurzfassung, wir hatten hier einen jüdischen Industriebaron in Weldbrüggen, das sag ich nicht nur so, der war wirklich Baron, ist geadelt worden. Hat sein Geld mit dem Schienenbau für die damals neue Eisenbahn gemacht. Der hat sich sehr für das heruntergekommene Kloster hier oben auf der Höhe über Montbel interessiert, und hat die Bibliothek gesichert, und neben den alten Klosterbauten hat er dieses riesige Gewächshaus bauen lassen, mit weit vorspringender Fassade. Das Kloster ist nachher aufwendig renoviert worden, das liegt links neben dem Gewächshaus, vom Eingang her gesehen, und wie gesagt, etwas zurück. Und rechts vom Gewächshaus ist dann später das eigentliche Bibliotheksgebäude errichtet worden, das ist modern, technisch auf dem neuesten Stand, aber von vorne überhaupt nicht sichtbar. Wenn man also kommt, dann sieht man zuerst diese Freitreppe und den Giebel darüber, und links versteckt liegt hinter den Bäumen das alte Kloster, das ist heute das Verwaltungsgebäude, und rechts versteckt liegt der Bibliotheksneubau. Das Palmenhaus ist also jetzt das zentrale Gebäude, und als Besucher kommt man in die Verwaltung und in die Bibliothek nur über diesen Haupteingang mit dem Giebel und der Freitreppe rein, und ihr dürft mir glauben, Ayse ist nicht die erste, die da drin mit offenem Mund sich umgeschaut hat, mir selber ist es ganz genauso gegangen, als ich zum ersten Mal drin stand. Die ganze Anlage, vor allem das Gewächshaus und das Kloster, stehen unter Denkmalschutz, da geht viel Geld rein, und der Baron war ein Herr von Zuffenhausen, Denis von Zuffenhausen, nahe der Kathedrale könnt ihr ein Denkmal bewundern.

Und was die Empfangsdame anbelangt, ich hab keineswegs mit der geflirtet, das hat Ayse frei erfunden.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 03.11.2021

He, PvM, aber zwischen dir und deiner Ayse, da läuft natürlich überhaupt nichts.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 04.11.2021

Das will ich jetzt wissen. Warum hat der ein Palmenhaus das oben auf den Berg gesetzt?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 04.11.2021

Der Baron? Im Kern, weil er ein bisschen exzentrisch war und sich das einfach leisten konnte. Der hatte das Geld für sowas. Da war aber auch noch eine Idee dahinter. Ich hab euch ja erzählt, dass in der Klosterbibliothek die Manuskripte aus der zerstörten Synagoge aufbewahrt wurden, und dem Baron lagen diese Manuskripte schwer am Herzen. Der hatte die Idee, in dem Gewächshaus möglichst alle Pflanzen zu sammeln und zu pflegen, die im Heiligen Land wachsen! Passend zu den Thorarollen. Und zwischen all den fremden Gewächsen wollte er dann in der Einsamkeit wandeln. Er ist aber drüber gestorben, noch bevor die Sache in trockenen Tüchern war. Nach seinem Tod haben es die Kustoden nicht mehr so genau genommen, die haben halt angepflanzt, was gut wuchs, aber schon exotische Pflanzen, da war vielleicht auch die Idee dahinter, das irgendwann mal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, aber daraus wurde nie was, die Anlage liegt viel zu versteckt, und nach dem Krieg ist vor allem die Bibliothek gefördert worden, und das Gewächshaus, so prächtig es auch in der Mitte liegt, das ist mehr Zubehör, der Denkmalschutz hat ein Auge drauf, dass das gut gepflegt wird, es ist immer noch genug Geld da, der Baron hat seinen Nachlass in eine Stiftung gesteckt, die war juristisch so gut abgesichert, dass nicht einmal die Nazis rangekommen sind, die Gelder werden zum größten Teil von einer Bank in Spanien verwaltet, und die Treuhänder sitzen in Portugal, der Mann war Sepharde. Gestorben ist er 1865 oder so, der wusste schon damals, dass den Deutschen nicht zu trauen ist. Er liegt übrigens oben auf dem Berg bestattet, in der Klosterkapelle, bei den Mönchen, denen fühlte er sich nahe, wiewohl er doch Jude war, jetzt liegen sie dort, die alten Männer, und warten zusammen auf die Ewigkeit.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 05.11.2021

Okay, das musste jetzt einfach geklärt werden. Aber jetzt bin ich wieder dran.

Amy, mit dir red ich noch. Aber nicht auf dieser Seite. Das machen wir ab unter vier Augen, verlass dich drauf.

PvM ist also mit seiner chicen Polin losgezogen, und ich war wirklich allein, ich durfte mich umtun, mitten im Dschungel.

Ich sag das nicht nur so, da war eine Luft wie im Dschungel, schwülwarm, und es hat gerochen nach feuchter Erde. Palmwedel überall, manche riesig, die Spitzen oben am Glasdach angekommen. Und unter dem Glasdach zwitscherten Vögel. Klar, die kommen überall rein, auch in die Bahnhofshalle, oder wo immer, aber ich habs doch nicht recht glauben mögen. Die flogen da unter dem Glasdach umher, als wären sie hier zu Hause. Ihr versteht, das waren keine Vögel, die sich verflogen hatten. Die wohnten hier. Unter meinen Füßen knirschte es, da war Kies, irgendwo musste die Plattierung aufgehört haben. Ich hab mich gebückt und mir die Sneaker ausgezogen und bin barfuß weitergelaufen. Jetzt fragt mich nicht, warum ich das gemacht hab. Es schien mir richtig. Ich war im Dschungel, und das hat sich so gut angefühlt, die weichen runden Kieselsteinchen unter den nackten Sohlen! Und ich war ja eingeladen worden, mich hier umzuschauen, also bitte.

Irgendwann musste ich mit ausgestreckten Händen laufen und die Äste und die Palmwedel mir aus dem Gesicht schieben. Ich blickte öfter mal nach oben, ob ich vielleicht irgendwo falsch abgebogen war und das hier jetzt wirklich der Urwald wär, aber über mir über den Blättern war immer noch das Glasdach. Dann saß auf einmal dicht an meiner Schulter ein riesiger Papagei in den Ästen, rot und blau das Gefieder, okay, das hört sich nach nichts an, aber so ein Rot und so ein Blau hab ich noch nie zuvor gesehen, es trieb mir Tränen in die Augen, und der Papagei legte den Kopf schief, um mich besser hypnotisieren zu können, da bin ich aber immun. Ich streckte die Hand nach ihm aus, ich wollte unbedingt diese Federn anfassen, ich wollte wissen, ob die aus glänzendem Holz wären, oder gar aus Glas, der Papagei nahm aber meinen ausgestreckten Arm als Aufforderung, er kletterte vom Ast rüber auf meinen Ärmel, nicht schnell, aber sehr geübt und mit großer Zuversicht, ein Vogelfuß nach dem anderen, und dann hatte ich auf einmal dieses riesige Tier auf dem Arm, und das war ganz nahe, und dann, wie soll ich das erklären, ich hätte ihn so gern umarmt, den Vogel, aber Vögel kann man nicht umarmen, aber ich liebte ihn doch so! ich drückte ihm wenigstens einen vorsichtigen Kuss auf den Kopf, ganz vorsichtig! mit gespitzten Lippen! und der ließ sich das gefallen, jawohl.

So schob ich mich weiter durch den Dschungel, auf dem einen Arm einen Papagei, der leuchtete wie bunte Edelsteine, und an der anderen Hand baumelnd meine Sneaker.

Der Papagei wohnt hier, dachte ich, wird der gefüttert? Vielleicht schlägt der sich auch irgendwie ganz auf eigene Rechnung durch. Und ich? Wenn ich einfach immer weiter geradeaus gehe, dachte ich weiter, dann vergessen die mich vielleicht da hinten, die chice Polin, PvM, ihr, alle vergessen mich, und ich wohne dann hier, hinter den Blättern, hinter dem Gebüsch, hier bin ich dann daheim, und ich werd mich irgendwie durchschlagen. Könnt alt werden hier, bräucht nicht einmal Kleider, so warm wie es hier ist, und als Gesellschaft hätt ich den Papagei und die Vögel unter dem Glasdach, und vor allem die Besucher hätt ich hinter mir, denn von denen hatt ich hier noch keinen gesehen.

Ich fror ein bisschen bei dieser Erinnerung. Dass die Besucher nicht hier waren, hieß ja nicht, dass sie nicht kommen könnten. Sie warten vor PvMs Häuschen auf dich, sagte eine mahnende Stimme in mir. Die warten dort, mit Todesgeduld, du entgehst denen nicht, und die warten dort, weil sie wissen, dass du hier nicht bleibst, die wissen, dass du wiederkommst.

Plötzlich hätt ich den Papagei auf meinem Arm am liebsten nicht nur umarmt, sondern mich an dem festgehalten. Und es war auch gar nicht mehr so warm, unter dem Glasdach.

(Nachrichten vom 02. bis 05.11.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 12.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)