Banshee Neue Folge 20

Nachricht von Ayse Konopski

Da war einer, vielleicht auf der Hälfte des Umgangs, zunächst einem der Fenster, aber ganz entfernt von den anderen, der lag allein für sich, zusammengerollt, auf der Seite, er war ganz zugedeckt von seinem Gewand, mattes Grün, und er hatte das Gewand sogar über seinen Kopf gezogen, und man sah die Hand, eine lange, schlanke Hand, wie sie das Gewand vor dem Gesicht zusammenhielt, Gelehrtenhand, einer, der immerfort an den Texten gearbeitet hatte, und jetzt wollte er nicht mehr gesehen werden, und vor allem wohl wollte er selber nichts mehr sehen, wollte vielleicht nichts mehr wissen von der Welt, so lag er da, zum Greifen nahe, auf der anderen Seite des Fensters, in sich verschlossen, es war ja nur ein Bündel Stoff, was man von ihm sah, zusammengerolltes Bündel, und diese zarte langgliedrige Hand, aber diese Stellung, auf der Seite liegend, in sich eingerollt, das war ein solches Bild der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, dass wieder dieser Schrei in mir hochstieg, und ich dachte, das müsste doch möglich sein, durch diese Fenster hineinzugreifen in die Höhle, und zu retten zu helfen zu trösten, ich widerstand nur knapp der Versuchung, an das Fenster zu pochen, um den da drin aus seiner Erstarrung zu lösen, kein Menschenwesen sollte in eine so abgründige Verzweiflung sinken, ohne dass nicht einer käme, wenigstens einer, irgendeiner, der des Weges kommt, hinzutritt und hilft, Menschen sollten einander nicht in einem solchen Zustand lassen, warum kamen die anderen nicht, die anderen Reisenden, ging es denen auch nicht viel besser, kamen die vielleicht nicht zurande mit ihren Beratungen, und war dieser hier der erste, der das gemerkt hatte, der gemerkt hatte, da kommt nichts raus, bei all dem Reden, und still war er beiseite gegangen, die anderen, noch immer sich beredend, hatten das vielleicht gar nicht gemerkt, und jetzt lag er hier, in seinen Gram vergraben?

Und plötzlich wurde mir klar, was das für ein Schrei war, der mir so furchtbar in der Kehle drückte, es war ein Schmerz von unten her, unwiderstehlich, ich hatte den Schrei schon einmal gehört, damals, in dem alten Dorf, als ich in der Nacht erwacht war, von einem fernen durchdringenden Schrei, ich war ans Fenster getreten, ich hatte doch gedacht, das seien die Besucher gewesen, die da so furchtbar geschrien hätten, und damals war es ja, dass ich euch zuerst wieder geschrieben habe, und ich dachte damals, so müsse der Schrei der Banshee klingen, ausweglose, verzweifelte Totenklage, alles Leid der Welt, und nun dachte ich, was, wenn das gar nicht ein Schrei von draußen war, der mich damals geweckt hatte, sondern wenn ich das selber gewesen war, wenn ich es war, die da im Schlaf geschrien hatte, was dann? Wie sollte ich dem Schrei jemals entkommen können?

Und ich stand, und hastig ordneten sich die Gedanken in meinem Kopf, ich dachte, ich habe ein so unvorstellbares Glück erlebt, in dieser Nacht auf der Wiese, was, wenn dem unvorstellbaren Glück ein ebenso unvorstellbares Grauen entspricht? Wenn uns das gegeben ist, uns Menschenwesen, so hoch hinaufzusteigen, dass wir Gott sehen, haben wir dann vielleicht auch Anteil an der Finsternis der Welt? An den tiefsten Abgründen? Geht vielleicht das eine nicht ohne das andere?

PvM. PvM stand neben mir, und ich hielt mich an seinem Arm fest, ich brauchte unbedingt Schutz, unbedingt Hilfe, Beistand. PvM hatte behauptet, die ungeheuren Ereignisse in der Welt hallen nach, die Nachlebenden hören das Echo, und wissen, da ist etwas Fürchterliches passiert, sie wissen das selbst dann, wenn es keine Überlieferung gibt, und keine Zeugen mehr leben, wir wissen das einfach. Wir wollen es nur nicht wissen, die Welt ist gar zu schrecklich. Wir wollen nicht hören, wenn es in uns schreit, das Echo all der schrecklichen Dinge, die passieren.

Vielleicht können wir uns ja taub stellen, aber der Preis ist furchtbar hoch? Wir hören dann nichts mehr von dem Schrecken, aber wir können auch Gott nicht mehr sehen? Wenn wir auf der einen Seite einschränken, was wir sehen und hören, wird dann die andere Seite auch verkürzt? Wenn wir in den Abgrund nicht mehr hinunterhören wollen, vielleicht können wir dann das Licht in der Höhe auch nicht mehr sehen?

Ich spürte ein Kreiseln in meinem Kopf, da fuhren die Gedanken Karussell, das machte ihnen Spaß, ich hörte sie juchzen. Regina und PvM hatten gesagt, wir sind hier, wir besuchen die Reisenden, weil es da vielleicht einen Zusammenhang gibt, zwischen den Reisenden hier, und den Besuchern da draußen, die so unbedingt mich sehen wollen. Die Besucher plagt ein furchtbarer Gram, und sie folgen mir auf Schritt und Tritt, weil sie vielleicht hoffen, ich könnte ihnen helfen, oder vielleicht hilft es ihnen ja schon, mich bloß anzusehen, wenn ich auch nicht weiß, warum, aber sie belagern das Haus, darin ich wohne, als wär das der kostbarste Schrein, sowas wie das Allerheiligste bei den Katholiken, oder die Bundeslade bei den Juden. Vielleicht rührt mein ganzes Elend daher, dass ich diese Schreie aus der Tiefe höre, und zum Ausgleich bekomme ich dafür das Licht von oben zu sehen, vielleicht ist das eine ohne das andere nicht zu haben.

Ich schniefte wieder ein bisschen, und irgendwie kam es mir vor, als hätte der Eingerollte da am Fenster, dieser Einsame, sich noch ein bisschen mehr zusammengekuschelt, ja, so kam es mir vor, er war in seinem Kummer vielleicht eingeschlafen, und das würde ihm doch gewiss helfen, Schlaf ist immer gut.

Wir gingen weiter.

Wir sahen einen, der stand aufgerichtet an einer der Felsensäulen, die die Decke der Höhle stützten, stand gelehnt gegen die Säule, mit hängenden Armen, und sann vor sich hin. Er beachtete uns gar nicht, so tief war er in seine Gedanken versunken, ich traute mich kaum, ihm ins Gesicht zu schauen, schmales Gesicht, länglich, die Augen nicht sichtbar unter den gesenkten Lidern, es war – es war taktlos, ihm ins Gesicht zu starren.

Vielleicht war es überhaupt taktlos, die Reisenden zu beobachten, da sie doch offenbar uns nicht beachten wollten. Keiner sah jemals zu uns herüber. Sie wollten einfach nicht. Aber warum dann die Fenster rundum an dieser Höhle? Wir sahen hinein, aber die drinnen mochten nicht hinaussehen.

Es schien mir so unbegreiflich, alles so vollkommen unbegreiflich.

(Nachricht eingegangen am 10.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 11.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)