Banshee Alte Folge 20

Nachricht von Ayse Konopski, vom 28.10.2022

Ja, bin dabei, also weiter, ihr müsst das jetzt lesen, das ist wichtig, und PvM wird auch noch was sagen, ich hab nämlich nicht alles mitbekommen, das Treffen war zuerst mal für die Großen, die Kinder durften solange draußen spielen, bis sie auch reingerufen wurden, da komm ich gleich drauf, das Kind, das war natürlich ich.

Je höher wir kamen, desto mehr hat mir das Herz geklopft, weiß auch nicht warum. Der Wald war so dunkel! Und da war niemand unterwegs, am Anfang schon noch, da kam mal ein Messwagen, oben auf dem Gipfel sei eine Sendestation, hat PvM erklärt, aber was da gesendet wird? Keine Ahnung.

So. Und einmal öffnete sich der Wald, mitten in einer Schleife, und man konnte hinunter blicken auf die Stadt, die lag in der Sonne, wirklich wie Gold, da waren die Türme der Kathedrale, und die Brücke, und der Fluss war aus Silber, und der Himmel war blaue Seide. Mir ist für einen Augenblick die Luft weggeblieben. Und PvM nickte und sagte, das ist Weldbrüggen, als ob ich das nicht wüsste, und dabei war ein Ton in seiner Stimme! als läg da unten die ganze Welt.

Dann wurde der Wald wieder dicht und dunkel, und es ging aufwärts, und immer noch aufwärts, also mit dem Rad möchte ich dort nicht hochfahren müssen, und dann kam die Abzweigung. Hinein in ein enges Sträßchen, und da war ein Schild, das zeigte das Sträßchen hoch und sagte: Fons Affluens.

Die Bibliothek hat also eine eigene Zufahrt, die sonst nirgendwohin führt, und das Sträßchen war so eng, dass in Abständen Haltebuchten zur Seite lagen, falls da mal einer entgegenkäme, für zwei Autos nebeneinander war nämlich kein Platz.

Das Wort „Haltebuchten“ hab ich von PvM.

Immerhin war das Sträßchen sauber, keine Äste keine Blätter, die Angestellten fahren ja jeden Tag hoch und wieder runter, es gibt oben sogar einen Hausmeister, der wohnt dort, und, denkt euch das, zweimal am Tag fährt ein Bus rauf, richtig ÖPNV, für die Bibliotheksbenutzer.

Doch, sagt PvM, da kommen schon gelegentlich Studenten hoch, oder sogar Wissenschaftler, wegen der alten Schriftrollen.

Das ist auch so eine Sache. Der Fons Affluens hat eigene Tresore und klimatisierte Räume für die wertvollen Manuskripte, es war mal die Rede davon, die in die Landesbibliothek auszulagern, aber der Vorschlag schaffte es im Landtag nicht mal in die Beratung, solchen Einfluss haben die vom Fons.

Um das Bild noch abzurunden, bei der Gelegenheit, Weldbrüggen hat sogar eine Uni, jawohl! Und, hallo Diana, gibt dort ein Institut für Judaistik, du bist nicht allein in der Welt!

Und dann tauchte Gemäuer auf zwischen den Bäumen. Da war eine Bushaltestelle, richtig mit Dach und Sitzbank, unter Bäumen, und ein Parkplatz, alle Plätze gekennzeichnet, mit Kennzeichen, oder mit Schild „Besucher“. Auf einem von denen für Besucher parkte PvM ab, und da waren wir jetzt.

Bevor wir ausstiegen, sagte mir PvM, was Sache ist. Ich muss dich um was bitten, fing er an. Ich will – ich muss zuerst mal mit Regina allein reden. Das geht nicht anders. Wir haben – Sachen zu bereden. Aber das dauert nicht lange, und wenn wir fertig sind, holen wir dich dazu. Regina will dich auf jeden Fall sehen. Deshalb sind wir ja hier oben. also, wenn du mir diese halbe Stunde geben könntest? Und bitte missversteh das nicht.

Und mir wurde klar, dass es nicht um die Besucher ging, sondern um mich.

Die Regina wusste also, was damals im Dorf vorgefallen war, in der Nacht, und warum PvM mich einkassiert hatte, wie Peter das ausgedrückt hat. Ich hatte auf einmal ein Gefühl, das war irgendwo zwischen verängstigt und aufsässig.

Ich sagte nur: Ja, ist doch klar, kein Problem.

Und dachte dabei: Ich bin also das Problem.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 29.10.2022

Macht irgendwie richtig Spaß, sich hier zu äußern, ich kenne das gar nicht. Sachen darlegen und so. Normalerweise mache ich, was ich für richtig halte, und wenn jemand wissen will, warum ich mache, was ich mache, dann gebe ich Auskunft. Versteht mich richtig. Ich geb einfach Auskunft. Ich sag, was mir grad einfällt. Worte sind auf einmal da, und die sag ich dann. Ob die Auskunft über das, was ich tue, irgendetwas zu tun hat mit dem, was ich tue, ist mir dabei völlig egal.

Mit der Auskunft, die man hier gibt, ist es nicht anders. Die kann richtig sein oder auch nicht. Oder vielleicht stimmt sie heute, aber morgen wird sie schon anders sein.

Ich sag euch mal ein Beispiel.

Als ich noch ein Kind war, oder ein Junge, ist es mir grenzenlos auf den Geist gegangen, wenn in mich hineingefragt wurde. Geht mir heute noch auf den Geist, aber damals habe ich es als Vergewaltigung empfunden, denn mir war selbst als Kind klar, das ist nicht gegenseitig, das ist eine Machtfrage. Die Erwachsenen hatten das unbegrenzte Recht, in mich hineinzufragen. Die haben sich vor mir aufgebaut, waren zum Beispiel daheim zu Besuch, ich kam dazu, oder wischte irgendwie durch den Korridor, oder versuchte erfolglos, mich unsichtbar zu machen, und dann ging die Fragerei los. Taktlos. Unverschämt. Übergriffig. Übergriffig ist das treffende Wort. Niemals war die Sache auf Augenhöhe. Die Erwachsenen hatten das Recht, aus dem Stand heraus zu fragen, und wie geht es in der Schule! was machen die Noten? – ich aber, Kind das ich war, hatte keinerlei Recht, munter zu fragen, und was macht die Arbeit? waren Sie zufrieden mit Ihrer letzten Dienstbewertung?

Hätt ichs doch gemacht! Es hätte den Übergriffigen gebührt! Aber die Wahrheit ist, ich bin gar nicht auf die Idee gekommen. Es war eben so. Die Erwachsenen hatten das Recht, das freche und anmaßende Recht, übergriffig in ein Kind hineinzufragen, und das Kind hatte keinerlei Recht, mit gleicher Münze heimzuzahlen. Das war so, das ist wohl immer noch so. Vielleicht ist es mittlerweile besser geworden, vieles ist besser geworden.

Als ich noch ein Kind war – ich komm gleich wieder zur Sache, aber lasst mich das grade noch sagen – als ich noch ein Kind war, war es für einen kleinen Jungen ganz unmöglich, mit Mädchen zu spielen. Ernsthaft. Die anderen Jungs bildeten Rudel, und dann ging das Gehöhne los. Der spielt mit Mädchen! Heute seh ich die kleinen Jungs und die kleinen Mädchen zusammen von der Schule nach Hause gehen, wenn sie den gleichen Weg haben. War damals nicht drin, ernsthaft nicht. Die kleinen Jungs und die kleinen Mädchen treffen sich heute auch, um zusammen Hausaufgaben zu machen. Damals hatten die kleinen Jungs ihre Freunde, und die kleinen Mädchen ihre Freundinnen. Ist heute eindeutig besser.

Manches ändert sich jedoch nie. Wenn eine hübsche junge Frau wie Ayse bei einem alten Sack wohnt, wie mir, geht sogleich das Gerede los. Gib zu, ganz gleichgültig ist dir die kleine Ayse nicht, bekomm ich dann zu hören. Da hat sich also nichts geändert.

Und als ich also ein Kind war, blieb mir nichts anderes übrig, als die Übergriffigkeiten der Erwachsenen hinzunehmen. Die richtige Antwort auf die Frage nach meinen Schulnoten wäre gewesen, geht dich das irgendwas an? Was kümmert dich das überhaupt, Übergreifervieh? Das Geschrei wär erheblich gewesen, und hinterher hätt ich auch noch zu hören bekommen, der hat das doch bloß gut gemeint! der hat sich doch bloß interessiert!

Und dann: Also der Ton von dem Bengel! Der Ton, den der anschlägt!

Ja, danke. Aber ob jemandes Interesse willkommen, ist, das sollte auch und erst recht ein Kind selber entscheiden dürfen.

Ich hab mich angemessen nicht wehren können und nicht wehren dürfen, als Kind, aber gewehrt hab ich mich doch, wenn auch hinhaltend.

Wenn ich gefragt wurde, was machst du denn gerne, wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast (hab ich nie), dann hab ich geantwortet, kunstvoll zögernd, also – also – am liebsten stell ich einen Stuhl mitten ins Zimmer, ich rück sogar den Tisch und die anderen Stühle ein bisschen beiseite, damit viel leerer Platz ist, und dann stell ich den Stuhl genau in die Mitte vom Zimmer und setzt mich drauf und sitz so und sitz. Ich leg gern dabei die Hände flach auf die Schenkel, und die Beine halt ich zusammengestellt. So sitz ich dann. Sitz still, und guck ins Leere. Und so sitz ich bis zum Abend, bis es was zu essen gibt. Und wenn ich so sitze, fühl ich mich bedeutend.

Das Geglotze, das anhob, wenn ich sowas sagte, war unbezahlbar. Mit nichts zu vergleichen. Fassungsloses Gaffen. Was redet der da? Meint der das ernst?

Und seht ihr, deshalb erzähl ich das. Wenn ich auf dieser Seite rede, und übrigens auch auf der Website, da erhebt sich ein ähnliches Glotzen. Fassungslos. Was meint der? Was redet der? Warum sagt der das?

Deswegen macht das Spaß, sich hier zu äußern. Im Grunde kann man erzählen, was man will. Kann stimmen, oder auch nicht. Niemand kann irgendwas kontrollieren. Jedes Wort kann bedeuten, seht her, so offen bin ich, rückhaltlos offen, und dasselbe Wort kann auch signalisieren, bleibt mir vom Leib, beides gleichzeitig.

Nichts ist so, wie es aussieht, und schon gar nicht ist irgendwas so einfach, wie es aussieht. Oder einfach so, wie es aussieht.

Nichts mit unserem Besuch oben auf dem Fons Affluens, bei meiner Freundin Regina, war einfach, nichts war so, wie es aussah. Ich kann jetzt erzählen, wie es weiterging, nachdem ich mit Ayse da vorgefahren bin, oder ich lass Ayse den Vortritt, und sie soll erzählen, wie sie die Sache erlebt hat. Entscheidet ihr das. Erwartet aber nicht, dass – erwartet am besten gar nichts.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 30.10.2022

What the fuck PvM WAS ist denn mit dir los? Was ist da los??? Willst du uns sagen, dass du uns satt hast, dass du das alles hier satt hast, willst du das, oder was sollte das bedeuten??

Nachricht von Ayse Konopski, vom 30.10.2022

Nein, das hat er nicht gemeint, ihr müsstet doch wissen, der ist nicht ganz von dieser Welt, der ist immer mit was anderem beschäftigt, ich hätt das auch nicht schreiben sollen, von wegen, erst mal haben die Erwachsenen miteinander geredet, so war das gar nicht, die haben halt Sachen geredet, interne Sachen, die den Fons betreffen, sowas, und ich war doch gar nicht beleidigt, dass ich da nicht dabei sein durfte, Mann, ist das alles schwierig!

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 30.10.2022

Ayse, wieso erzählst du das, du bist doch in der Wohnung, der sitzt doch im Nebenzimmer, redet ihr nicht mehr miteinander?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 30.10.2022

Doch, grad eben, er sagt, das hätt alles gar nichts miteinander zu tun, ihm wär das eben so eingefallen.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 30.10.2022

Und vor allem ist ihm mein blöder Spruch eingefallen, dass du ihm nicht egal wärst, das hätt ich mir ja denken können, dass er sich das gemerkt hat, ich bild mir trotzdem ein, da wär was zwischen euch, Scheiße, ich schreib das jetzt hin und poste das, geht mich ja gar nichts an, aber ich will jetzt, dass das mal gesagt worden ist, und fertig.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 31.10.2022

Ihr habt gar nicht verstanden, wovon PvM geredet hat, aber ich bin so froh, dass er das gesagt hat, ich hab jedes Wort verstanden, jedes Wort. Genauso wie ihm, genauso geht es mir auch immer, wenn ich hier was schreibe, ich habe fest vor, die Wahrheit zu sagen, und ich leg mir alles zurecht, und ich freu mich sogar, dass ich alles so gut auf die Reihe bekommen hab und dass ich jetzt alles richtig rund erklären kann, und im Augenblick, da der Text gepostet ist, klingt alles falsch, als würd ich über eine andere Person reden. Und wisst ihr was, vielleicht tu ich das ja wirklich. Vielleicht red ich ja wirklich über eine andere Person. Über Diana. Ich bin Diana. Ich weiß, wer ich bin. Ich bin Diana, die schöne Jüdin aus Zirndorf, die niemandem verrät, dass sie Jüdin ist und der der Mann weggelaufen ist. Ist doch einfach, oder? Das ist Diana, und ich bin Diana. Aber egal was ich sag oder schreib, ihr hört und ihr lest. Und ihr hört nicht, was ich sage, sondern ihr hört, was ihr hört. Und ihr lest nicht, was ich schreibe, sondern ihr lest, was ihr lest. Und das ist dann alles was ganz anderes als das, was ich gesagt und geschrieben hab. Es sind die dieselben Worte. Aber die Worte, die ich schreibe und spreche, das sind nicht die Worte, die ihr hört und lest. Irgendwas passiert unterwegs mit der Botschaft. Ich hab in der Thora gelesen. Was, wenn das dort auch passiert? Wenn da einer Worte gesendet hat, und will mir was sagen, und ich hör immer nur, was ich hör? Nicht was der gesagt hat? Ich wollt, ich wär wie die Ischtar, von der PvM geredet hat. Würde spielen in GOttes Wiesen, Sternbild der Jungfrau. Nichts sagen, nur spielen mit den Sternen.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 31.10.2022

Du bist aber keine Jungfrau mehr, du steckst mitten drin in der Welt, und da ist das nun mal so, dass andere Leute sich ein Bild von dir machen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 31.10.2022

Ja, andere Leute machen sich Bild von einem, aber ist das eine Pflicht, dass man sich da drum kümmert? Warum darf ich nicht sagen, denkt doch von mir, was ihr wollt, ich bin, die ich bin?

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 01.11.2022

Was ist hier denn losgetreten? Was bricht denn da auf einmal raus? Sicher, jeder ist, was er ist, aber manchmal will man doch rausfinden, was ist das für einer! Da hilft es auch nicht, wenn der sagt, denkt doch von mir, was ihr wollt! PvM, das muss doch nicht immer bös gemeint sein, wenn einer anfängt, Fragen zu stellen! Ich find das furchtbar, wie du dich verschließt! Es ist doch nicht jedes Interesse übergriffig! Man will doch wissen, mit wem man es zu tun hat! Und wie findet man das raus, was ist das für einer? Muss man doch fragen!

Gibt für eine Frau sowieso nur eine Möglichkeit rauszukriegen, was mit einem Kerl los ist, wie der wirklich ist in seinem Kern, was in dem drin ist, sie muss Sex mit dem haben und fertig, dann weiß sie, was mit dem los ist, anders nicht.

Nachricht von Peter Flamm, vom 01.11.2022

Früher gabs da noch eine andere Möglichkeit. Sie musste an seinem Sterbebett sitzen, und ihm den Todesschweiß von der Stirn wischen, auch in diesem letzten Moment offenbart sich der Mensch, heute sitzt niemand mehr am Sterbebett, die piepsende Maschine ist der letzte Begleiter, so bleibt wirklich nur noch der Sex, wenn zwei Menschen wissen wollen, was sie voneinander halten sollen.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 01.11.2022

Was bitte, bittebittebittebittebitte, was ist mit euch los? Was bricht denn da aus euch raus? Das ist ja zum Fürchten!

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 01.11.2022

Wir haben ja auch alle Grund zum Fürchten, und du erst recht, Ayse, guck doch aus dem Fenster, da sitzt das Jenseits auf der Straße und starrt dich an, das starrt uns alle an, und wir wissen nicht, was wir damit machen sollen. Mir rollt der Boden unter den Füßen, als wär ich auf nem Schiff, dünne Planken unter den Füßen, und drunter das schwarze Wasser, so tief wie die Welt, und ich hab Angst um das Zwerglein, ich weiß nicht mehr, in was für eine Welt der hineinwächst!

(Nachrichten vom 28.10. bis 01.11.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 11.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)