Banshee Alte Folge 19

Nachricht von Ayse Konopski, vom 24.10.2021

Hab was zu erzählen. Sachen sind passiert. Richtig wichtig.

Richtig wichtig. Das klingt gut. PvM sagt das immer. Ich sitze ziemlich oft mit PvM zusammen. Hab euch ja schon erzählt, dass ich erst mal ordentlich sauber gemacht hab, in seiner Küche. Na ja, und dann hab ich nach und nach angefangen, Essen zu machen. Du bist nicht meine Haushälterin, hat er zweifelnd gesagt, du bist mein Gast. Na ja, aber ich bin auch ein braves türkisches Mädchen, sagte ich ja schon, und ich werd bestimmt nicht zugucken, wie ein alter Mann sich sein Essen selber macht. Das gehört sich nicht. Nein. Wenn ein alter Mann und eine junge Frau in derselben Wohnung leben, dann macht die junge Frau das Essen, das ist ja wohl klar. Also hab ich angefangen zu kochen.

Der alte Mann hat natürlich seine Gewohnheiten. Hat hauptsächlich von Müsli und Käsebroten gelebt, bevor ich kam. Mit einer solchen Diät kann man doch nicht bei Kräften bleiben? Solange ich da bin, wird gekocht, und zwar jeden Tag. Die Katzen interessiert das ungeheuer, die sind soviel Umtrieb in der Küche nicht gewöhnt, die setzen sich hin und gucken mir zu, richtig wie ich sage, die gucken mir zu. Hab gar nicht gewusst, dass Katzen das machen. Die schon.

Jedenfalls, wir haben zusammen zu Abend gegessen, und PvM hat gesagt, er hätte sich jetzt entschlossen, zum Fons Affluens hochzufahren, und ob ich mitkommen wollte. So wie er gefragt hat, war klar, er wollte, dass ich mitkäm. Ich hab vorsichtig getestet, was das überhaupt ist, der Fons Affluens. Er hat euch schon mal drüber geschrieben, und mehr hab ich auch nicht aus ihm rausgekriegt. Uralte Bibliothek, hat er mir erklärt, hervorgegangen aus einer Klosterbibliothek. Und die Leute, die das Sagen haben über die Bibliothek, die haben auch in der Stadt was zu sagen, und im Ländchen, das steht zwar nicht in der Landesverfassung, ist aber trotzdem so, aus Tradition, und Tradition gilt was in Wahlburg-Sonderbüren, also wenn ich das noch nicht mitgekriegt hätte.

Wir kamen auf Diana und die Juden zu sprechen, und PvM hat noch was gesagt, was mir wichtig vorkommt. Als in der Pestzeit die jüdische Gemeinde vernichtet wurde, ganz genau so, wie PvM es in „Das Leben in unserem Tal“ beschrieben hat, da haben die Mönche im Kloster, aus dem nachher der Fons Affluens wurde, die Manuskripte aus der Synagoge gerettet und hoch in ihre Klosterbibliothek gebracht. Die Manuskripte sind noch heute dort oben! Sollen zu den ältesten jüdischen Buchrollen zählen, die es in Deutschland überhaupt noch gibt! Thorarollen und alles!

Hab mich nie so besonders für Geschichte interessiert, aber das kam mir irgendwie spannend vor.

Die Chefin des Fons Affluens heißt Regina Austri. So wie PvM von ihr redet, muss sie eine alte Freundin von ihm sein, aber auch irgendwie eine Respektperson, und das will was heißen, denn ich hab immer gedacht, die Person, vor der PvM Respekt hat, die muss erst noch geboren werden.

Obwohl, vor Taylor Swift hat er auch Respekt, ausgerechnet, aber er hat ja überhaupt eine Schwäche für schöne junge Frauen.

Was willst du dort oben? fragte ich.

Der Fons Affluens liegt auf der Sonderbürener Seite des Weld, da geht es gleich am Flussufer steil hoch in den Wald, und ganz oben versteckt sich die Bibliothek.

Reden, sagte PvM. Über unser Problem. Die wissen vielleicht was.

Das war neu. Da sind also doch noch andere Leute, die was von unseren Besuchern wissen? Davon hast du nie geredet, sagte ich.

PvM tat geheimnisvoll, und es blieb dabei, ich würde mit hoch zum Fons Affluens fahren.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 25.10.2021

Ich muss noch was sagen, das hab ich vergessen. Wir waren inzwischen in meinem alten Dorf, Sachen holen, aus meiner alten Wohnung. Ich hab Angst gehabt, dorthin zu fahren, richtig Angst, aber das stellte sich als unbegründet raus, oder doch nicht so.

Um es kurz zu machen, vor meiner alten Wohnung war kein Auftrieb, im Gegensatz zu dem Häuschen von PvM. Wir haben ein paar Stunden geräumt, ich hab aber die Wohnung noch nicht aufgegeben. Bloß, ich hab gemerkt, innerlich bin ich schon weit weg. Egal, damit beschäftige ich mich, wenn das Problem auf mich zu kommt. Was mich beunruhigt hat, das war gerade die Stille auf der Dorfstraße. Als PvM mich zuerst abgeholt hat, da hat es ja nicht lange gedauert, bis die Versammlung vor seinem Haus da war, und wir haben uns alle gefragt, woher die gewusst haben, dass ich jetzt bei PvM bin, und wie die sich verständigen. Als wir in jetzt in meiner alten Wohnung geräumt haben, da sind die nicht aufgetaucht, nicht einer, und als wir dann wieder in Weldbrüggen waren, da haben die alle brav vor dem Häuschen gewartet, und dann war alles wie immer, das übliche Ritual, die gesenkten Köpfe, die Verneigungen, das Niederknien.

Die haben also gewusst, dass ich nicht wieder zurückziehe in das alte Dorf. Im Ernst jetzt. Die haben gesehen, wie ich mit PvM losgefahren bin, und die haben GEWUSST, dass ich wiederkomm. Die haben sich gar nicht erst die Mühe gemacht, uns zu folgen. Die haben das einfach gewusst.

Ich kann nicht sagen, dass mir das gefällt.

Überhaupt nicht.

Irgendwie ist das richtig Scheiße.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 26.10.2021

Wir sind also losgefahren, am frühen Nachmittag. Hab mich gefühlt wie ein Kind, wenns auf Verwandtenbesuch geht. Krieg ich was geschenkt? Auf jeden Fall krieg ich was zu essen. Ich hab mich auch ein bisschen gefürchtet, vor Regina, wie PvM immer bloß sagt, also Frau Regina Austri, Chefin des Fons Affluens.

Ich möchte mal was wissen. Warum fürchten wir Frauen uns immer vor anderen Frauen? Ich kenn das von Vorstellungsgesprächen. Ich bin eine junge Frau (ja! jung! immer noch!) und wenn auf der anderen Seite vom Tisch ein Mann sitzt, vor allem ein älterer, dann fühl ich mich relativ entspannt. Wenn da aber auch eine junge Frau sitzt, dann hab ich richtig Angst. Jetzt geht das Gezicke los, denk ich. Warum ist das so? Geht da draußen nicht immer die Rede von der weiblichen Solidarität?

Der Tag war hell, die Stadt lag unter der Sonne wie ein Bild im Märchenbuch, und als wir über die Brücke gefahren sind, hab ich richtig Herzklopfen bekommen. Die Brücke ist alt, wie alles in Weldbrüggen, und der Strom hat geglitzert in der Sonne. 

Die Stadt Weldbrüggen liegt hauptsächlich auf der Wahlburger Seite des Weld, also auf der linken Seite. Am rechten Ufer, also auf der Sonderbürener Seite, drängt sich nur ein Vorort, direkt um die Brückenauffahrt, dort sind die Häuser alle alt, wirken jedenfalls so, noch älter als in Weldbrüggen. Der Ort heißt Montbel, und aus irgendeinem Grund gelten die Einwohner von Montbel in Weldbrüggen irgendwie als „komisch“. Sie sind für die Weldbrüggener nicht gerade Lachnummern, aber nahe dran. Und die Montbelaner (so heißt es richtig, nicht etwa die „Montbeller“!!!)  fühlen sich über die Weldbrüggener erhaben, wir waren schon da, sagen sie, da war an die noch nicht zu denken. PvM meint, da könnte was dran sein, unter dem Boden von Montbel stößt man überall auf Überreste aus vorrömischer Zeit, man muss nur anfangen, einen Keller auszuheben. Alles keltisch, sagt PvM, und ich habe keine Ahnung, was das heißt, aber jedenfalls nicht germanisch. Sollte die Abneigung der Weldbrüggener gegen die Deutschen „drüben im Reich“ so alt sein? Für mich sehen die auch nicht anders aus als andere Deutsche, aber ich seh für die ja auch nicht anders aus als andere Kopftuchmäuse, also das heißt nicht viel. Aber ich trag ja kein Kopftuch mehr. Seit ich mich mitten in der Nacht nackt auf die Straße gestellt hab, schon gleich gar nicht mehr.

Du könntest selber keltischer Herkunft sein, hat PvM zu mir gesagt, mit einem Seitenblick. Die Galater. Das war ein versprengter keltischer Stamm, der hat nach endlosen Wanderungen in Griechenland so viel Ärger gemacht, dass die Griechen die runtergekommenen Leutchen in Kleinasien angesiedelt haben, in der heutigen Türkei also, mitten auf dem anatolischen Hochland, da kommst du doch her, das war zu einer Zeit, da haben die Vorfahren der heutigen Türken noch in Zentralasien gelebt.

Ich hab nichts mehr gesagt, unter einem solchen Beschuss von Bildung werd ich immer still, aber was heißt eigentlich „versprengt“?

Ich beschloss, das Thema zu wechseln. Ich versteh das nicht so richtig, hab ich zu PvM gesagt, während sein Wägelchen die Bergstraße hoch gekraucht ist, das wurde richtig steil, und überall ringsum dunkle Bäume. Wenn diese Flussseite die Sonderbürener Seite ist, und die Seite mit Weldbrüggen die Wahlburger Seite heißt, warum heißen dann die Höhen drüben an der Grenze zu Frankreich der Bürener Forst?

PvM hat gewaltig zu erklären angefangen, ich geb euch die Kurzfassung. Offenbar hieß mal die ganze Landschaft links vom Weld „das Bürener Land“. Weldbrüggen liegt eigentlich also auf Bürener Gebiet. Und das Waldland rechts vom Weld, das hieß dann eben Sonderbüren, also „sonder Büren“, also „jenseits von Büren“. Alles verstanden? Für die linke Seite bürgerte sich dann aber der Name Wahlburger Land ein, von wegen einem Rittergeschlecht, das auf der Wahlburg residierte, und die Wahlburg thronte hoch oben im Bürener Forst, Überreste sind noch zu bestaunen. Weldbrüggen ist auf dem Gebiet derer von Wahlburg errichtet, aber die Ritter hatten bald nicht mehr viel zu sagen, Weldbrüggen wurde schnell Stadt, und zwar was ganz Besonderes, nämlich reichsunmittelbar. Sagt PvM. Reichsunmittelbar heißt, die Stadt war niemandem untertan, nur dem Kaiser persönlich. Das erklärt, warum die bis heute mit geschwellter Brust rumlaufen und dröhnen, uns sagt niemand was. Aber die Bezeichnung Wahlburg für das Land ist geblieben, und also heißt das Bundesland heute Wahlburg-Sonderbüren, und die Höhen an der Grenze zu Frankreich, die heißen immer noch der Bürener Forst.

Alles klar?

Ich bin sowas von stolz auf mich, dass ich das auf die Reihe gekriegt hab.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 27.10.2021

 Menno, Ayse, machs doch nicht so spannend. Was ist da jetzt passiert, auf eurem Fons?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 27.10.2021

Da möchte ich aber auch noch was dazu sagen, nämlich zu der weiblichen Solidarität. Das stimmt wirklich. Ich kenn das selber. Sitzt da auf der richtigen Seite vom Schreibtisch, ich meine, auf der Chefseite, sitzt da ein älterer Kerl, dann gehst du als Frau automatisch in den Weibchenmodus, blinkerst ein bisschen mit den Wimpern und gehst mit der Stimme ein bisschen hoch, und alles ist gut, der fasst dich gleich an mit Samthandschuhen. Bei einer Frau wirkt das überhaupt nicht, die wird dann womöglich noch aggressiv. Zickig eben. Und stutenbissig, das ist nicht bloß ein Wort, das gibt’s wirklich. Weiber, die so sind, die können nicht mit Frauen, die werden dann ungerecht. Oder bösartig, im schlimmsten Fall. Das klingt gar nicht gut, was ich jetzt sag, aber ich hab mich immer leichter getan mit Kerlen als Vorgesetzten. Wenn da eine junge Frau Chefin ist, und die meint vielleicht auch noch, sie muss jetzt auf Autorität machen, dann ist Ende der Fahnenstange.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 27.10.2021

Da muss man aber auch verstehen, Frauen werden einfach nicht respektiert als Chefin, Frauen haben immer zu kämpfen.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 27.10.2021

Sorry, Frauen werden sehr wohl respektiert als Chefin, nämlich von den Kerlen. Das sind die anderen Frauen, die die nicht ernst nehmen. Mach die Augen auf und guck dich um, dann siehst du, dass das stimmt. Wenn das Gehetze losgeht im Betrieb, über die neue junge Chefin, dann sind das die Frauen, die über die herziehen, und nicht die Männer.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 27.10.2021

Ist das jetzt meine Geschichte oder eure? Also! Dann erzähl ich die auch auf meine Weise.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 27.10.2021

Ist doch okay, Ayse, Schätzchen, wir mussten das mal loswerden. Jetzt mach, erzähl weiter.

(Nachrichten vom 24. bis 27.10.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 10.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)