Pläne

Waren da fünf Kinder im Hof, im Wald des Innenhofes, zwei gehörten ins Haus, zwei auf die Wagen.

„Du sollst mal sehen, wie das ist, im Herbst“, sagte Lili, „da sind da überall ganz dicke Kastanien dran … hast du schon mal Kastanien gesehen?“

„Ich glaub schon“, antwortete Eluard.

„Also“, sagte Lili gewichtig, „die sind ganz dick und braun und rund, und im Herbst fallen sie vom Baum runter, einfach so, aber damit sie sich nicht weh tun, sind sie ganz weich eingepackt, ja, grün und mit Stackeln …“

„Das muss schön sein“, sagte Eluard höflich. Er hatte einen glatten Zweig vom Boden aufgelesen, mit dem malte er Kreise und Kringel und Striche in den Boden, und Lili saß neben ihm, zu Füßen einer schattigen Kastanie.

„Weißt du, was ich gern möchte?“ sagte Eluard. „Ich möchte lesen können und schreiben, ja, und schreiben …“

„Oh“, sagte Lili, „ganz richtig?“

„Ja“, antwortete er, „dass ich alles lesen kann, was geschrieben ist, auch in den Büchern, die Vautrin geschaffen hat …“

„Hm“, meinte Lili, „aber es ist sehr schwer, sagt der Tischler Bertram.“

„Versteht er denn etwas davon?“

„Aber ja, er kann richtig lesen, weißt du, er legt den Finger darauf und fährt an den Zeichen entlang, dann kann er sie lesen, und er schreibt auch, und manchmal bekommt Dietrich einen Brief, von seiner Schwester, und Bertram liest ihn dann vor, und wenn Dietrich antworten will, dann geht er zu Bertram und sagt ihm, was er schreiben soll, ja, und der macht das dann …“

„Aha, so ist das“, sagte Eluard. „Aber kann er denn auch die Bücher lesen?“

„Aber nein!“ rief Lili. „Das heißt … er kann es schon lesen, aber dann weiß er nicht was es bedeutet … da stehen ganz fremde Sprachen drin, in den Büchern, ja …“ Und sie machte große Augen.

Eluard nickte. „Ich weiß“, sagte er, „das hat Vautrin so gemacht, damit … ja …“

„Damit nur die Maîtres sie lesen können, und wissen, was drinsteht“, fiel Lili ein.

„Ja“, sagte Eluard, „deshalb.“

Zwischen den Bäumen spielte Waldemar mit dem erwachsenen Halbord und mit Jeremias Verstecken. Das war nicht ganz einfach – mit Jeremias: er verbarg sich hinter einem Baum, oder am Fuß der Holztreppe, und hielt den Atem an, wenn der Fänger kam, ihn zu erhaschen; aber wenn er dann unentdeckt blieb, quoll ihm das kichernde Vergnügen den Hals empor, und er krähte vor Freude und lauthals, und auf einmal stand der Fänger neben ihm und rief: „Ich hab dich!“, und das verdross den kleinen Jeremias so sehr, dass er anfing zu weinen. War er aber selbst Fänger, so geriet es auch nicht recht, denn die anderen beiden waren älter – oh, dachte Halbord, so viel älter, das kann man gar nicht vergleichen! – und wussten sich geschickter zu verbergen, so dass er sie nicht fangen konnte; und dann fand er sich auf einmal allein im Wald, zwischen den Bäumen, und die Äste rauschten und schwangen ihre Blätterwedel, und überall flüsterte und summte es, irgendwo, da waren sie, hinter den Stämmen, auf einmal hatte der Wald tausend Augen, die spähten nach dem kleinen Jeremias und beobachteten ihn, dass ihm der Graus den Rücken hinunterstelzte, da fing der kleine Jeremias an zu schlucken und schniefen, und schließlich stellte er sich, die kleinen Beine gespreizt so weit wie möglich, mitten in den Hof und krähte mit Empörung: „Ich spiel nicht mehr!“

Und das war kein reines Vergnügen, das.

„Wenn wir groß sind“, sagte Lili versonnen, „dann werde ich dich heiraten.“

„Oh?“ entfuhr es Eluard.

„Ja“, fuhr Lili fort, „und der Tischler Bertram wird uns sein Zimmer geben, oben im Turm, und dort werden wir wohnen, und wir können immer hinausschauen, wann wir wollen, und du kannst deine Bücher lesen …“

Eluard dachte an den seidenen Sommerwind, wie er durch das offene Zimmer strich, vor der durchsichtigen Bläue des Abendhimmels, und der Vorschlag missfiel ihm nicht.

„Und wir würden gar nicht mehr runtersteigen …“ sagte Lili, leise.

Nein. Gar nicht mehr runtersteigen.

Drüben weinte Jeremias schon wieder, und die beiden Älteren standen bei ihm, zornig und überdrüssig.

„Ich hab keine Lust mehr“, sagte Waldemar, der die Geduld verloren hatte.

„Ich auch nicht“, sekundierte Halbord, und zu Jeremias gewandt, schimpfte er: „Mit dir kann man auch nicht spielen, du bist eben noch ein Säugling!“

Jeremias schniefte, er fühlte, dass sie ungerecht war, die Welt, aber sie war eben stärker als er, und das war auch ungerecht.

„Aber mir ist lang-lang-langweilig“, krähte er und stampfte mit dem Fuß.

„Also aber Jeremias“, sagte Lili, „den würden wir nie zu uns rauflassen …“

„Nein, ja“, antwortete Eluard, „vielleicht, wenn er verspricht, still zu sein … ?“

„Ach“, sagte Lili und runzelte die Stirn, „das sagt der immer … aber die anderen dürften uns besuchen … aber nicht zu oft! … und sie müssten immer erst raufrufen, ob sie kommen dürfen.“

„Ja“, meinte Eluard, „das ist gut, wirklich.“

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 09.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)