Banshee Neue Folge 18

Nachricht von Ayse Konopski

Ich dachte, ich spitze mal einfach die Ohren, vielleicht höre ich was. Denn dass die miteinander redeten, das war sicher. Ich hörte es ja. Da war dieses sanfte Murmeln, sanft und dringend. Durchdrang selbst das Panzerglas.

Panzerglas. Warum waren die Reisenden in ihrer Höhle von Panzerglas umgeben? Ich sagte mir, wir sind in einem Raumschiff, da muss alles eine feste Hülle haben, denn draußen, da ist die kalte nackte Welt, da ist das Weltall, das ist feindselig.

Ist es nicht, widersprach ich mit selber. Ich war ja schon dort draußen gewesen, im Weltall. In dieser Nacht, auf der Wiese, als es mich hoch und hinauf gerissen hatte, als es mich hineingejagt hatte in die Ortlosigkeit, hinauf in dieses unbegreifliche Licht, ich war nur noch ein stürzender Punkt gewesen, umgeben von Licht, wo war ich da gewesen? draußen? droben? Im Irgendwo, im außerhalb. Das was es. Wo immer ich da gewesen war, ich war im Draußen gewesen, im Außerhalb, dort, wo alles hell ist, und die Helligkeit war eine Person gewesen. Das Licht war ein Ich gewesen. Hatte seinen Namen nicht gesagt, aber hatte mich angeredet, das weiß ich. Ich weiß nicht mehr, ob ich es gehört habe, wie das Licht mich angeredet hat. Nein. Mehr als gehört. Gefühlt, mit allen Fasern meines Körpers. Ja. Ich habe es gefühlt, als sei mein Körper einer Glocke gewesen, jemand hatte die Glocke angeschlagen, und sie war ins Schwingen geraten, so hat sich das angefühlt, mein ganzer Körper hatte vibriert, in unbegreiflich süßen Tönen, ich war ja nackt gewesen, da waren keine Misstöne in den Schwingungen meines Körpers, die Stimme, die Stimme dieses Lichts hatte zu mir geredet, oder war das Licht die Stimme, oder die Stimme das Licht, ich weiß nicht, aber mein ganzer Körper sang von den Worten des Lichts, was hatte das Licht zu mir gesagt?

Mein Kind.

Ja. Jetzt fiel es mir wieder ein, natürlich, das waren die Worte gewesen.

Mein Kind.

Und da war wieder dieses unbegreifliche Licht in mir, und ich hatte kein Gewicht mehr, keine Schwere, mein Fleisch löste sich auf, ich hörte ein Glänzen, wirklich, ich hörte es, wie man ein Summen und Singen hört in der Luft, unter den Sternen, und ich hielt mich fest an PvM, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, um nicht die Erde zu verlieren, ich vergrub mein Gesicht in seinem Jackett, da war der Geruch nach alter Wolle, wir sind in einem Raumschiff, dachte ich, deshalb ist mir so schwindelig, das ist doch natürlich, wir sind unterwegs, mit großer Geschwindigkeit, wer weiß, mit Lichtgeschwindigkeit, vielleicht sogar mehr, vielleicht hat man das ja inzwischen erfunden, Überlichtgeschwindigkeit.

Wir müssen sie hier rausbringen, hörte ich Reginas Stimme.

Ich riss mich los von PvM’s Brust, sagte protestierend, mir geht’s gut, aber das war gelogen, ich hatte Mühe, mich auf den Beinen zu halten. Auf einmal waren sie alle um mich herum, Regina PvM die Hostess, hielten mich aufrecht, ich lehnte mich wieder gegen PvM, der Alte soll mich festhalten, dachte ich, dazu ist er da.

Ich hör die reden, sagte ich hoch zu PvM.

Kannst du was verstehen? fragte er ganz ernst.

Ich hör die, beharrte ich. Kann ich nicht rein zu denen?

Nein, sagte PvM, wir dürfen da nicht rein, erst am Ende der Zeiten, dann werden alle Türen geöffnet, und wir werden uns treffen.

Das ist logisch, dachte ich, das leuchtet ein, am Ende der Reise gehen die Türen auf, und dann wird alles gesagt werden, alles.

Und ich dachte, wie schön wird das sein, wenn endlich alles gesagt werden kann, wie schön und wie grässlich, es wird sein – es wird sein – da wird selbst das Grässliche sich auflösen in ein überwältigendes Licht, alle Töne, selbst die schrägsten, werden zusammenklingen zu einem unbegreiflichen Vielklang, nein, der wird nicht harmonisch sein, sausender Chor, wie Sturm, wie Brausen, und ich dachte, dieses Murmeln, das ist schon ein Echo, ein Echo dieses gewaltigen Gesanges, der da tönt vom Ende her.

Vom Ende her, oder vom Anfang, ich konnte das nicht unterscheiden.

Und in mir war dieser Druck, oder Drang, ich weiß nicht, alles zu sagen, jetzt und hier, alles auf einmal, alles in einem Wort, mein ganzes Leben, alles, was ich gesehen und erlebt hatte, alles auszusprechen, alles in einem Wort, und ich spürte, wie sich das Wort in mir zusammenballte, und auf einmal wusste ich, ich muss mich zusammenreißen, denn das würde kein Wort sein, sondern ein Schrei, ein sinnloser gequälter Schrei, ich biss die Zähne zusammen, dass es weh tat, ich dachte, das tu ich nicht, ich fall hier nicht aus der Rolle, und dennoch müsste das geschehen, einmal wenigstens, dass einer einen solchen Schrei ausstieße, angesichts der Reisenden, vielleicht hatten schon viele diesen Schrei in sich gespürt, viele, die gekommen waren, die Reisenden zu sehen, wer die sieht, begegnet sich selbst, vielleicht ist das so.

Ich wischte mir den Rotz aus dem Gesicht, und jemand gab mir das nächste Taschentuch, Regina, glaub ich, und ich sagte mit rauer Stimme, es hörte sich richtig trotzig an, wie ein kleines Mädchen: Wir gehen da jetzt rum, wir machen das jetzt, wir sind gekommen, ich lauf jetzt nicht davon.

(Nachricht eingegangen am 08.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 09.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)