Banshee Alte Folge 18

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 17.10.2021

Diana, Kommentar bitte. Das geht dich an. War das wirklich so schlimm, was wir da an dich rangefahren haben? Wenn ja, ich entschuldige mich. Sorry. Tut mir wirklich leid. Aber ich will jetzt hören, was du zu der Diskussion sagst.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 17.10.2021

Vor allem zu dir hab ich was zu sagen, Sandra. Invenies alium, si te hic fastidit, Alexim.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 17.10.2021

Ha! Sehr gut. Das hat den Punkt getroffen.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 17.10.2021

Ja, vielen Dank. Soll ich da jetzt vielleicht lachen oder weinen, oder was?

Nachricht von Peter Flamm, vom 17.10.2021

Hallo, Diana, das war mal eine geballte Ladung Bildung. Ja, PvM hat recht, das hat den Punkt getroffen, aber auch wieder nicht. Wir wissen alle, dass in solchen Fällen Zuspruch wenig hilft. Sandra hat das ja geschildert, mit ihrer Juliette. Juliette erscheint, Epiphanie der Göttin, und dann ist Hilflosigkeit angesagt. Das Opfer der Erscheinung hat keinen Einfluss darauf, wie ihm wird. Insofern ist der Spruch über den Alexis auch ein klein bisschen zynisch. Oder doch nur traurig?

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 17.10.2021

Könnte mich mal jemand aufklären, worum es hier eigentlich geht? Sorry, aber ich bin schwer ungebildet.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 18.10.2021

Das ging gegen mich, und wie ich mich aufgeführt hab, wegen Diana. Ist ja gut, ich hab‘s mittlerweile verstanden. Das Zitat ist lateinisch, stammt von dem alten Vergil, Schluss der Zweiten Ekloge. Kurz gesagt, es geht darum, der Hirt Corydon ist bis auf den Tod verliebt in einen schönen Jungen namens Alexis, und der will aber auch gar nichts von ihm wissen. Für den Corydon haben irgendwann die Tage keinen anderen Inhalt mehr, als hinter seinem Alexis her zu schmachten. Nun, und der Dichter spricht zu ihm und sagt, kümmere dich lieber um deinen Garten und deine Tiere, wende dich den praktischen Dingen zu, denn invenies alium, si te hic fastidit, Alexim, denn wenn dieser Alexis dich verschmäht, findest du einen anderen. Und da kann ich nur sagen, stimmt nicht stimmt nicht stimmt nicht, es gibt nur die eine Juliette, es gibt keine andere, und ich werd niemals eine andere finden.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 18.10.2021

Arme Sandra, und für Juliette können wir demnach einsetzen Diana. Wieso kennt ihr alle das Zitat? Ihr könnt doch nicht alle Lateinisch? Die beiden Alten vielleicht, aber Sandra? Versteh mich richtig, aber ich hab dich immer eher als street-smart eingeschätzt, nicht book-smart. Falsch?

Nachricht von Peter Flamm, vom 18.10.2021

Wollt ich auch grad fragen. Sandra, wieso kennst du das Zitat?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 18.10.2021

Fragt doch mal Diana, woher SIE das kennt. Also gut, ich will nicht gebildeter erscheinen, als ich bin. Aber als ich dreizehn war und es mit Juliette hatte, und ich war sowas von hilflos verknallt in die, ich hab das ja geschrieben, da hab ich natürlich angefangen, in den Büchern rumzusuchen, was mit mir nicht stimmt. So hab ich das vor mir selber formuliert. Was ist mit mir los? Was stimmt mit mir nicht? Wieso bin ich so anders? Irgendwann, viel später erst, ist mir klar geworden, dass das allen Lesben so geht. Die anderen Mädchen fangen an, von nichts mehr zu reden, als von den süßen Jungs, und sie brezeln sich auf für die, und du kriegst Herzklopfen wegen einer süßen Nackten, die ist tot seit bald zwei Jahrhunderten. Was läuft da? Das Wort „Homosexualität“ hatte ich natürlich schon mitgekriegt, und also hab ich angefangen, in die Stadtbücherei zu gehen und dort zu graben. Da gab es sogar Bücher über die „Geschichte der Homosexualität“, wir haben also Geschichte, wir! Und überall dort war dieser Vergil-Spruch zitiert. Natürlich, in dem Gedicht geht es um die Liebe von einem Jungen zu einem anderen, oder besser, um die Verfallenheit. Und mir ist schon damals aufgestoßen, das stimmt einfach nicht, es gibt diese Situation, da ist es klar, diese da ist die eine Juliette, und wenn die dich verschmäht, wird eine andere nicht mehr kommen, niemals mehr.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 19.10.2021

Okay, großes Geständnis. Ich hab euch schon so viel erzählt, da kommt es jetzt nicht mehr darauf an. Ich war ungefähr so alt wie Sandra, da hab ich aus den gleichen Gründen in der Bibliothek rumgeblättert, und bin auf genau dasselbe Zitat gestoßen, und deshalb kenn ich das. Ich war unsterblich verliebt in ein Mädchen eine Klasse höher, und die wusste gar nichts von mir. Ich bin bis heute froh und dankbar, dass ich mich gehütet hab, mit einem Geständnis rüberzukommen. Schon ein Jahr später hab ich nicht mehr gewusst, was da eigentlich in mich gefahren war, ich hab mich für die Jungs interessiert, und das ist mir nicht eingeredet worden, das kam ganz von selbst aus mir raus, und das Beste dran war, die Jungs haben sich auch für mich interessiert, die waren hinter mir her wie schnüffelnde Hunde, und ich hab die dafür bestraft, ich hab das Blümchen Rühr-mich-nicht-an gespielt, vielleicht bin ich ein bisschen sadistisch, ich kann es auf den Tod nicht ab, wenn einer hinter mir her winselt, deshalb hab ich auch was mit dem Balbutin angefangen, denn der war am Anfang gar nicht so überzeugt von mir, und jetzt ist er weg, und ich sitz da und muss froh sein, dass er wenigstens Geld schickt, Ironie, oder?

Nachricht von Peter Flamm, vom 19.10.2021

Diana, ich muss schon sagen, du bist eine Frau mit vielen Seiten.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 19.10.2021

Aha, Diana, du gibst also zu, du – wie soll ich sagen —

Nachricht von Diana Hindrance, vom 20.10.2021

Gar nichts geb ich zu. Ich war mal verliebt in ein Mädchen, ich hab sie nicht einmal geküsst, und das war’s. Bin ich die einzige? Bestimmt nicht. Wenn ich was hasse, dann sind es Lesben, die missionieren. Die sagen dann, als du noch ein Kind warst, hast du also solche Gefühle gehabt, na bitte, Beweis! du bist eigentlich eine von uns. Eigentlich! Müsst ich das nicht selbst am Besten wissen? Wenn ich aber widerspreche, heißt es womöglich noch, da, sie will es bloß nicht zugeben, sie wehrt sich mit Händen und Füßen, das ist der Beweis. Sie streitet ab! Das ist der Beweis! Nach der Logik ist immer einer genau das was er abstreitet. Wovon hat Peter geredet auf seiner Seite? Von Entmündigung. Das ist Entmündigung.

Nachricht von Peter Flamm, vom 20.10.2021

Absolut richtig, der Trick ist entwürdigend. Könnte man tausend Beispiele nennen. Der da streitet ab, ein Rassist zu sein? Das ist der Beweis, der ist einer. Der da streitet ab, schwul zu sein? Das ist der Beweis, der ist schwul. Der da streitet ab, Antisemit zu sein? Das ist der Beweis, der ist einer. Wer so argumentiert, hat immer recht, aber mit Leuten, die immer recht haben, kann man nicht diskutieren.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 21.10.2021

Eigentlich wollen solche Leute gar nicht recht haben, sie wollen bloß immer recht behalten, das ist ein Unterschied. Natürlich gibt es in der Wolle gefärbte Antisemiten, die protestieren bei jeder Gelegenheit: Ich bin kein Antisemit, aber man wird doch noch sagen dürfen — und dann gehts los, wie sie sich in Wahrheit bloß um die Menschenrechte der Palästinenser sorgen, und dass Israel kein Existenzrecht hat, aber selbstverständlich, sie sind keine Antisemiten, sie sind ja links, und linke Menschen sind gute Menschen, die sind doch keine Antisemiten, das ist denkunmöglich. Es läuft darauf hinaus, Antisemiten und Rassisten, das sind immer die anderen, die sind es aber gewiss. Und früher hat es eben auch Homosexuelle gegeben, die haben schrill protestiert, wenn sie „beschuldigt“ wurden, schwul zu sein, und es gab ja lange Zeit gute Gründe für die, sich verborgen zu halten, genauso, wie es in diesem zivilisierten Land gute Gründe gab, sich nicht als Juden zu bekennen, Diana hat davon geredet. Das Kernproblem bei all dem ist mangelnder Respekt vor anderen Menschen, mangelnder Respekt vor deren Integrität vor allem. Diana hat absolut recht, wenn sie sagt, sie müsste sich doch eigentlich selbst am Besten kennen. Die Welt ist aber voll von Idioten, die zeigen auf andere mit dem Finger und schreien, der da! der hat ja keine Ahnung von sich selber, der weiß gar nicht, was in ihm vor sich geht, aber ich! ich seh das auf einen Blick, was in dem drin ist, mit einem Blick seh ich dem hinunter bis auf den Grund seiner Seele, und was ich da sehe, das weiß der alles gar nicht, aber ich sage es ihm auf den Kopf zu, das ist meine Größe, das ist mein KaBumm! Die Welt ist leider nicht nur voll von Idioten, sondern voll von Arschlöchern, und das Allerschlimmste ist, die Welt ist voll von Deppen, die sich den Arschlöchern unterwerfen. Die danach betteln, dass ihnen erklärt wird, was in ihnen drin ist! Als ob sie das nicht selber am Besten wissen müssten! Die ganze Ratgeberliteratur lebt von diesem Unfug. Überall Schwätzer, die den Menschen ganz genau erklären, was mit ihnen los ist. Wer sich vom Ratgeber erklären lässt, was mit seinen Gefühlen los ist, der muss an irgend einer Theke sein Selbstwertgefühl abgegeben haben. Es kann schon sein, dass einer mit seinen eigenen Gefühlen nicht klar kommt und die sich nicht erklären kann, vielleicht ist das sogar der Normalzustand unter den Menschen. Aber wenn nicht einmal ich selber mir meine eigenen Gefühle erklären kann, der Ratgeber kann es ganz bestimmt nicht. Ich sage, es ist ein gutes Ding, wenn man sich selbst ein bisschen ein Rätsel ist. Das heißt, da sind noch Dinge in mir drin, von denen weiß ich nichts, auf die darf ich neugierig sein. Das nennt man Selbstbestimmung, und gegenüber einem selbstbestimmten Menschen gibt es für die Ratgeber nur einen Auftrag, und der lautet: Maul halten!

Nachricht von Diana Hindrance, vom 22.10.2021

Hallo PvM, leicht machst du es mir nicht gerade. Vorher hab ich gedacht, ich bin schuld. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher, ich weiß nicht mehr, ob ich schuld bin, aber schuldig fühl ich mich immer noch. Jedenfalls vielen Dank, du hast dir schwer Mühe gegeben. Ich sehe, ich hab keine Ahnung. Und vor allem seh ich, alles schon mal dagewesen. Ich würd so gern die losen Fäden verknüpfen können. Vor allem wünsch ich mir, Balbutin käm wieder nach Hause. Balbutin hat damals geschrieben, es ist alles wegen Ayse. Aber vielleicht hat er sich geirrt. Wir wissen immer noch nichts. Gar nichts.

Wir könnten natürlich auch einfach weitermachen, als wär nichts. Sandra hat das ja schon mal angeregt, oder war das Amy? Weiß nicht mehr, ist ja auch egal. Wir könnten einfach mit unserem Leben weitermachen, ich alleinerziehende Mutter, wie Amy, und Balbutin schickt Geld, damit wir über die Runden kommen, und ich weiß nicht, wo er ist. Ich hab auch gar kein Recht drauf zu wissen, wo er ist, denn ich hab ihn ja verjagt. Gibt Millionen von Frauen, die so zu sich reden müssen. Bin ich halt jetzt einen von denen.

Manchmal wünscht ich mir, ich wüsste, wovon ihr redet. Ständig von euch zu hören, die sind da, und gleichzeitig die nicht sehen zu können, das nervt. Aber wenn man was nicht sehen kann, dann ist es doch eigentlich, als wär das nicht da? Wenn man von einer blöden Tratscherei nichts weiß, dann ist es doch eigentlich, als wär die nicht da? Ist es am Besten, man läuft durchs Leben und macht seine Sachen und guckt nicht recht nicht links und kümmert sich gar nicht, was draußen vor sich geht und geredet wird?

Peter kümmert sich grad sehr, ich hab auf seine Website geguckt, und es scheint, ihm reißt grad der Faden. So. Er gibt sich also Mühe. Ändert er damit irgendwas?

Wir haben eine jüdische Gemeinde am Ort. Ich denk hin und her, ob ich die mal besuchen sollte. Die wissen nichts von mir, aber irgendwie gehör ich ja dazu. Ich könnt hingehen und denen von mir erzählen, nicht von euch, aber von meiner Familie und von Weldbrüggen und von Zirndorf und all dem. Ich hab nur Angst, wenn ich das mach, dann versuchen die, sich in mein Leben einzumischen. Das ist etwas, das kann ich nicht ab. Wenn sich Leute einmischen. Das war auch immer das Problem, das ich mit euch hatte. Balbutin hatte euch kennengelernt, und auf einmal wart ihr in meinem Leben, und ich hatte euch eigentlich gar nicht reingebeten. Und auf einmal hatte ich Sandra am Hals, und dann kam all das andere. Ich hab nichts gegen euch. Aber ich weiß einfach nicht, was ich mit euch anfangen soll.

Vielleicht kommt Balbutin wieder nach Hause, und wir können über alles reden.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 23.10.2021

Diana, das macht mich traurig, was du da da schreibst. Wünschte, ich könnt was Aufmunterndes sagen. Geh doch zu der jüdischen Gemeinde, du weißt doch gar nicht, was das für Leute sind. Vielleicht sind die genauso traurig wie du, und ihre Familien haben ähnliche Schicksale gehabt. Ihr könntet immerhin reden. Und wenn du merkst, das wird nichts, kannst du dich immer noch abseilen. Schließlich, wenn jemand klare Kante zeigen kann, dann bist du das.

Übrigens, als du dich bei PvM bedankt hast, dass er sich so viel Mühe gegeben hätt, war das Ironie?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 23.10.2021

Amy, du stellst vielleicht Fragen. Ich trau Diana ja allerhand zu, aber Ironie nicht. Die weiß nicht einmal, was das ist. Die ist doch sowas von todernst. Ich glaub manchmal, die geht zum Lachen in den Keller.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 23.10.2021

Geht das schon wieder los. Nein, das war keine Ironie, ich hab das ernst gemeint. Hab schon im Internet gegraben und gegoogelt und so, und hab festgestellt, die Texte, die PvM erwähnt, die sind leicht zu finden, einiges kann man sich sogar runterladen, ich hab gar nicht gewusst, dass da so viel zur Verfügung steht, ich hab schon angefangen zu lesen.

Danke, und dass ich humorlos bin, das habt ihr mir jetzt eigentlich oft genug unter die Nase gerieben.

Nachricht von Peter Flamm, vom 23.10.2021

Falls ihr ernsthaft daran denken solltet, dieses Fass wieder aufzumachen, denkt auch daran, ich hab die Administratorenrechte auf dieser Seite. Ich möchte wirklich mal wissen, und ich rede jetzt in vollem Ernst, warum schöne Frauen wie Diana so oft eine Zielscheibe auf dem Rücken tragen, mit der Einladung an andere Frauen, und nur an die Frauen: Auf mich schießen! Das wird nichts mit der weiblichen Solidarität, auf die Tour.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 23.10.2021

Danke, Peter, das ist was, worauf ich mich immer verlassen kann, komme was wolle. Die Frauen greifen mich an, und die Männer verteidigen mich. Das wird erst aufhören, wenn ich alt und hässlich geworden bin.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 23.10.2021

Diana, du wirst vielleicht alt werden, aber hässlich? niemals.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 23.10.2021

Oh bitte, jetzt bricht mir gleich das Herz. 💔

(Nachrichten vom 17. bis 23.10.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 09.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)