Vor dem Sturm

Um die dreihundert Jahre nach der religiösen Wende, als auch die Katastrophe mit der Konzentranze schon lange Geschichte war, und der Nachbarplanet erfolgreich besiedelt, erlebte das Menschtier auf dem alten Planeten eine echte und wirkliche Bedrohung. Aus der Tiefe des Alls kam ein Steinbrocken von mehreren hundert Kilometern Durchmesser auf die Erde zugerollt, zielsicher anpeilend den blauen Ball auf seinem Weg. Diesmal aber jaulten die Menschtiere angesichts des Unheils nicht vor Angst. Sie machten sich ohne langes Gerede an die Arbeit, zielbewusst und verbissen. Entschlossen, ihren Planeten zu verteidigen mit Zähnen und Klauen. Zur Zeit des Jungen noch hatten die Angster und Hysterer versichert: Der Mensch ist der Feind des Planeten! Am Menschen geht der Planet zugrunde! Rettung wird nur, wenn der Mensch sich zurücknimmt! In der Ziellinie der heranjagenden Donnerkugel wurde dem Menschtier klar, der Planet hat niemanden als uns, ihn vor dem Untergang zu retten. Wenn wir es nicht tun, ist alles vorbei.

Vorbei mit den Wolken und dem Wind, vorbei mit den blauen Meeren, vorbei mit allem Getier und Gewürm, das da lebt in den Wassern und auf der Feste des Landes.

Es war die stärkste Stunde des Menschtieres auf dem Planeten Erde. Starke Stunden hatte es, immerhin, schon einige erlebt. Die Befriedung des Erdballs nach der religiösen Wende. Die Besiedlung des Nachbarplaneten. Aber der Triumph, den kalt und fühllos heranrollenden Untergang verhindert zu haben, schlug alles. Das Menschtier verteidigte den Heimatplaneten, gewann die Schlacht, und mit der Schlacht den Krieg. Der Junge hatte gewusst, wie sich das anfühlt, die innerste Burg zu verteidigen bis zum letzten, nun lernte es die ganze Menschheit. Schlechte Karten für den Lederflügligen. Die technischen Möglichkeiten reichten mit knapper Not, den Erfolg herbeizuzwingen. Die Zeit selbst reichte mit knapper Not, zum Schluss ging es nicht um Tage, es ging um Stunden. Der herbeitrudelnde Brocken von der Größe eines Kleinplaneten wurde mit Treibsätzen bestückt, deren Anordnung und Stärke und erfolgreiche Zündung gerade eben imstande waren, den herabstürzenden Berg um ein Weniges aus seiner Bahn zu lenken, ohne ihn zu zersprengen. Wäre er auseinandergerissen worden, der Hagel der Trümmer hätte den Planeten Erde erst recht vernichtet. Die minimale Kursabweichung aber bedingte, dass das Geschoss an der blauen Erde vorüberrauschte, so nahe, dass es die Nächte zum Tag machte auf der Nordhalbkugel. Als alles vorbei war, das Ungeheuer seines Weges donnerte, hinab in die Tiefen des Alls, fühlten die Menschen eine merkwürdige Stille überall auf dem Planeten, man hörte die Vögel lauter singen als sonst, die Vögel, die von allem nichts mitbekommen hatten, die Blumenköpfe schwangen sacht im Wind, und auch die Blumen wussten von nichts, und die Menschen dachten: Wir. Unser Planet. Unsere Heimat.

Dies alles liegt weit außerhalb meines Berichtzeitraumes, aber es gehört hierher, weil ihr auch die Zeit verstehen müsst unmittelbar nach den Toden des Jungen und vor der religiösen Wende, diese Idiotenzeit der chronifizierten Angst, Zeit der Klimahysterie und Krankheitsfurcht, Zeit der eifrig keckernden Schuldgefühle, Zeit, in der sich, allem hastigen Gefuchtel und Geschalte des Lederflügligen zum Trotz, die religiöse Wende vorbereitete.

Vorbereitete nicht zuletzt durch die Entdeckung, dass es sehr wohl Verborgenheiten gab in der Geschichte. Dass sehr wohl Dinge geschehen konnten unter der Sonne, die offen vor aller Augen lagen und über die dennoch nicht geredet wurde, so dass, was jeder doch sehen konnte, war, als sei es nicht in der Welt.

Ich habe euch erzählt, wie die Pferdeschnauzige gegenüber dem Jungen Frageverbote durchzusetzen verstanden hatte. Dem Scheißvolk war gelungen, mit den begangenen Massenmorden die vorher begangenen Massenvergewaltigungen zu vertuschen. Indem man über das stattgehabte Morden heulte, beschwieg man den Spaß, den man dabei gehabt hatte. In unserem Namen ist gemordet worden, aber wir sind anständig geblieben dabei, war die Sprachregelung. Kein Sex bitte. Wir waren vielleicht Mörder, also bitte, aber Lustmörder waren wir keine.

Ich habe das schon dargelegt, erspart mir bitte, es noch einmal auszubreiten, dem Jungen erstarrte vor Ekel das Blut in den Adern, wenn er daran dachte. Er wusste nicht, was schlimmer war, die Tat, oder das Beschweigen und Vertuschen nachher.

Der Eifer, mit der die Tat beredet wurde! Um mit dem Reden über die Tat die Geilheit zu vertuschen, die zu der Tat geführt hatte!

Ich habe ebenfalls schon davon geredet, dass zumindest in einigen seiner Leben der Junge noch sehen durfte – zweifelhaftes Vergnügen -, wie die Bastionen des Weglügens zusammenbrachen.

Die Wecker des Hochgeleuchts, immer vornedran mit Enthüllen und Entlarven, erwischte schließlich selber Heimleuchtung. Dies geschah noch einmal zwanzig Jahre später, aus einer ganz unerwarteten Ecke heraus, da war der Junge schon tot, und die Entlarvung betraf Ereignisse, die lagen mehr als zweieinhalb Jahrhunderte in der Vergangenheit, waren mehr als zweieinhalb Jahrhunderte erfolgreich vertuscht und begraben worden, und die Enthüllungen diskreditierten das Hocherleucht in einer Weise, die der moralischen Vernichtung gleichkam. Die Zeitgenossen der religiösen Wende erinnerten sich nachher der Enthüllung als des Donnerschlags, der den Gewittersturm eingeleitet hatte.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 08.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)