Banshee Neue Folge 17

Nachricht von Ayse Konopski

Mit der Zeit sah ich Einzelheiten, und je mehr Einzelheiten ich sah, desto weniger verstand ich. Die Reisenden hatten keine elektronischen Geräte bei sich. Entweder sie hatten nie welche besessen, oder sie hatten sie beim Eintritt in das Raumschiff abgeben müssen, wie wir. Sie hatten Freude an bunten und reichen Gewändern, ich sah nur wenige enge Hemden, an den kleinen Jungen, überall sonst waren die Stoffe wallend reich üppig, bauschten sich, bis hoch über die Köpfe. Die Schuhe waren spitz, Lederschiffe. Bärte. Die Männer trugen alle Bärte.

Mir wurde klar, dass ich weinte, ich verstand gar nicht, warum, das waren doch Reisende, die gerettet waren, aber welcher Katastrophe waren die nur entronnen, welcher unsagbaren Katastrophe? PvM reichte mir ein Taschentuch nach dem anderen zu, er schien da einen unerschöpflichen Vorrat bei sich zu tragen, in seinem ausgebeulten alten Jackett, schlampige Eleganz, das ist sein Markenzeichen. Ich schnäuzte mich, wischte mir die Augen.

Kann man nicht mit denen reden? dachte ich, ich hätte so gern mit denen geredet, aber dann erinnerte ich mich an das Gebot, „bitte reden Sie nicht“, das war gesagt worden, deutlich gesagt, wer war das nur, der das gesagt hatte? richtig, unsere Führerin, die ging uns voraus, sie sah sich nicht nach mir um, vielleicht war sie es gewohnt, dass die Besucher weinten, die Besucher, die kamen und nach den Reisenden sehen wollten, aber nicht mit ihnen reden durften.

Vielleicht haben wir keine gemeinsame Sprache, dachte ich. Vielleicht würde sie es auch erschrecken, wenn wir mit ihnen reden. Vielleicht sind sie so traumatisiert, dass sie vor Annäherungen geschützt werden müssen.

Traumatisiert, das war das Wort, ich wiederholte es mir mehrfach, mit murmelnden Lippen, traumatisiert traumatisiert traumatisiert, bis ich mich daran erinnerte, dass wir ja nicht reden sollten.

Sie bewegten sich nur wenig, da drinnen, ich sah das nun deutlich, aber sie bewegten sich. Wie das Reisende auf einer langen Reise eben machen. Sie wechselten ein wenig die Stellung, legten mal das eine Bein über, dann das andere, und sie murmelten, sie redeten miteinander, ich konnte es hören. Ja, seltsam, dass ich das nicht gleich bemerkt hatte. Da war ein Gespräch in der Luft, ein leichtes und melodisches Murmeln, wie leise fließendes Wasser in der Nacht. Sie redeten. Redeten von dem was war, was kommen würde.

Sie waren gerettet worden, sie wurden fortgebracht, voraus war ein neues Leben.

Ich dachte an die Besucher, die vor meinem Haus warteten. Auf mich, die Spenderin großer Dinge. Ich wusste ja, die erwarten große Dinge von mir, und das ist mein Problem, mein herzzerbrechendes kleines Problem, dass ich nicht weiß, was die von mir erwarten. Sie reden ja nicht, sie sagen ja nicht, was sie von mir wollen, sie sehen mich immerfort nur an, mit diesen großen dringenden Augen, sie können gar nicht genug davon bekommen, mich anzuschauen. Mich, die Retterin.

Ich will alles machen, was ihr nur wollt, so sagt mit doch, was.

Manchmal schienen die Reisenden zu singen. Wenn sie genug die Köpfe zusammengestreckt hatten, genug getuschelt, dann sangen sie. Wunderbare Gesänge, wie durchbrochener Stein, Granit voller bunter Körnchen.

Ich erinnerte mich endlich, dass ich aus einem Grund hier war. Regina und PvM wollten was von mir. Regina und PvM sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben, und wenn die was von mir wollen, dann muss ich gucken, was ich machen kann. Was wollten die? Die Besucher da draußen, und  hier drinnen, im Bauch der Raumschiffes, die Reisenden. Der Zusammenhang. Man vermutet – es könnte sein – vielleicht – da ist ein Zusammenhang, zwischen den Reisenden und den Besuchern. Die haben was miteinander zu tun. Ayse, guck doch mal, ob du den Zusammenhang siehst. Ob du den findest.

Ayse, sieh doch mal zu.

Das kleine Mädchen, gedrängt hinein in das Zeltgewand seiner Mutter, also jedenfalls einer älteren Frau, ich nehm schon an, dass das seine Mutter war, das kleine Mädchen schlief noch immer. Träumte vielleicht. Ich dachte, wenn ich die Träume schauen könnte dieses kleinen Mädchens, dann wüsste ich mehr. Wenn wir die Augen zumachen und reisen ins Land der Träume, reisen wir dann jeder in ein eigenes Land, oder in ein gemeinsames? Das hat noch keiner rausbekommen.

Ayse, mach doch mal.

(Nachricht eingegangen am 07.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 08.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)