Banshee Neue Folge 16

Nachricht von Ayse Konopski

Der Aufzug war geräumig, es hatten wohl zehn oder zwölf Menschen hier Platz. Die Schiebetüren schlossen sich, ich hatte ein leicht unwirkliches Gefühl, irgendwo in der Magengrube, daran erkannte ich, dass der Aufzug sich bewegte, abwärts, es gab aber keinen Ruck, kein Gefühl der Beschleunigung. Regina atmete kurz ein und machte den Mund auf, dabei sah sie mich an, als wollte sie etwas zu mir sagen, oder mich etwas fragen, ließ es aber. Dann war da wieder dieses unwirkliche Gefühl, und  die Türen glitten auseinander.

Da war ein kleiner verspiegelter Saal, mehr von diesen glänzenden Säulen, die formten sich unten und oben auseinander wie Teller, an einer der Säulen stand eine seltsame Person, etwas wie eine Hostess, erst als sie den Mund aufmachte, verstand ich, dass sie weiblich sei, sie trat einen Schritt auf uns zu, und bei der Bewegung spiegelten sich die Farben ihres uniformierten Dress in der Säule hinter ihr, sie verbeugte sich tief vor uns, irgendwie auf japanische Art, und sprach unbestimmt in Richtung Regina, als ob sie sie erkannt hätte, redete sie aber nicht mit Namen an, sondern sagte zu uns allen, mit weicher und melodischer Stimme, aber ganz geschäftsmäßig: „Ich begrüße Sie. Ich bin Ihre Begleiterin. Sie betreten jetzt den inneren Bezirk der Gedenkstätte. Bitte beachten Sie die Würde des Ortes. Sie dürfen verweilen, aber bitte reden Sie nicht. Bitte folgen sie mir jetzt.“

Sie wandte sich, wobei Sie uns mit einer einladenden Geste zuwinkte, und ging voran. Der Saal endete an einer breiten Türöffnung, die war in die Wand geschnitten glatt und klar wie ein Bilderrahmen, aus poliertem Stahl, der spiegelte in Regenbogenfarben, und als wir hindurchgingen, glitten unruhig die Farben unserer eigenen Schatten über die Oberfläche, dann waren wir in einem verdunkelten Gang, ich fühlte etwas wie einen Teppich unter den Füßen, links war die Wand dunkel, auch in der Decke waren keine Lichter, ich konnte die Decke nicht einmal sehen, rechts waren Fenster in der Wand, eines nach dem anderen, breite und tiefe Fenster, durch die fiel Licht in den Gang, als ginge man vorbei an einer Reihe von Aquarien, und wir blickten hindurch durch die Fenster, wir, Regina und PvM und ich, und ich sah —

Nichts, was ich gelesen hatte, nichts, was mir PvM schon erzählt hatte, hatte mich auf das vorbereitet, was ich hier sah.

Ich kann euch das nicht beschreiben. Niemand kann das beschreiben.

Da war eine Höhle hinter all den Fenstern, eine Grotte, alle die Fenster blickten hinein in eine unterirdische Halle, unter der Kathedrale, und da waren Felsbrocken in der Höhle, da und dort auch eine uralte Säule, vielleicht gewachsener Stein, vielleicht auch gemauert, zu alt schon, man konnte es nicht sehen.

Ich wurde für einen Augenblick blind, weil mir Tränen in die Augen stiegen, ich hielt mich an PvM fest, mit beiden Armen, ich schüttelte den Kopf, mein Blick wurde wieder klar, und ich sah sie. Sie. Die da warteten. Sie. Die Toten. Aufrecht sitzend in ihrem Grab. Wartend.

Die Toten.

Überall in der Höhle saßen sie. Manche lagen auch. Manche drängten sich aneinander, umarmten sich. Andere lagen allein. Einer stand aufrecht gegen eine Säule gelehnt.

Männer Frauen Kinder.

Gesichter. Spitz und scharf. Schwarze Schatten die Augen, tief. Eine Frau hatte mit einer sonderbaren Geste die eingerollten Finger der einen Hand an der Wange liegen, als ob sie nachdächte, wie einer, der die nächste Zeile eines Gedichtes zu Papier bringen will. Das war eine Frau, ich sah das an der Art des Gewandes, weites orientalisches Gewand, Glöckchen an den Säumen.

Da waren Farben, blau und rot und grün und alles, doch alle überpudert von grauem Staub, da war ein Fellmantel, dort ein einfaches leinenes Hemd.

Einem war das Kinn auf die Brust gefallen, wie es schlafenden Alten zuweilen ergeht. Er saß auf dem Boden, gelehnt gegen eine hölzerne Truhe.

Zwei Frauen hielten ein Kind in ihrer Mitte, und der Kopf des Kindes war ein wenig zur Seite gesunken, es schlief nur, das Kind, da war ich ganz sicher, man konnte seine Schuhe gut erkennen, genähte Schuhe, aus Stoff.

Zwei Alte nebeneinander, der eine sitzend auf dem Boden mit ausgestreckten Beinen, der andere gekrümmt liegend neben ihm, den Kopf im Schoß des Sitzenden. Sie waren alt, das sah man an den gekrümmten Gliedern, den zarten knochigen Fingern, und da war ein weißer Bart, an Wangen und Kinn des Liegenden.

Einer kniete und war vornüber gesunken, die Stirn berührte den Boden, die Hände lagen am Boden, Gebet, er lag auf den Knien vor Gott, so war er gestorben.

Eine junge Frau lag auf der Seite, ein wenig abseits von den anderen, ganz in sich zusammengerollt, Arme um die Knie, so lag sie, ihr Gewand war von feinem Blau, Nachtblau, das schimmerte unter dem Staub.

Ich hörte nicht auf, mich an PvM festzuhalten, ich trat nahe heran an eines der Fenster. Überall in die niedrige Höhlendecke waren mehr von den strahlenden Sternchen eingelassen, von denen kam das Licht, das matte Licht.

Ich verstand auf einmal, die waren doch gar nicht tot, die ich hier sah. Wie hatte ich mich nur so irren können. Diese Höhle, das war der Passagierraum des Raumschiffes. Ich hatte doch sofort gewusst, als wir uns der Kathedrale näherten, da ist ein Raumschiff verborgen. Was ich da sah, das waren die Fahrgäste des Raumschiffes, auf ihrer Reise durch die Zeit.

Drei saßen beieinander im Kreis, einander zugewandt, als beredeten sie sich, als machten sie dringende Pläne, einer hatte ein Felleisen liegen an seinen Knien, das musste aus Leder sein, auf der gelbbraun runzeligen Oberfläche lag die Hand des Besitzers, und die Hand war ganz zartgliedrig, ich konnte jeden einzelnen Knochen erkennen.

Der Gang, den entlang wir uns bewegten, umlief einmal rundum die Höhle, so dass man sie von allen Seiten überblicken konnte. Da der Höhlenboden uneben war, sich mal senkte, mal hob, der Umlauf aber immer auf gleicher Höhe blieb, befanden wir uns mal auf Augenhöhe mit den Reisenden, mal blickten wir auf sie hinab.

Ich sah plötzlich, dass sie sich bewegten. Ich sah aus dem Augenwinkel Bewegungen, oder, wenn ich die gleiche Gestalt sah durch ein anderes Fenster, hatte sie ihre Stellung ein wenig verändert.

Natürlich. Ich wunderte mich über mich selbst. Wie hatte ich mich so irren können. Die waren ja gar nicht tot. Das waren Reisende.

Die Gesichter. Sie waren still. Wartende eben. Die sich auf eine lange Wartezeit eingerichtet haben. Manche wirkten konzentriert, als trügen sie Gedanken bei sich, die sie unbedingt bewahren wollten. Eine lächelte. Eine runde ältere Frau, unter ihrem dichten Umhang, sie lächelte, ich konnte es deutlich sehen. Aber die Kinder, sie wirkten alle, als ob sie schliefen. Sie drängten sich gegen die Erwachsenen.

Ich begriff, dass sie alle, die hier saßen, einem ungeheuren Desaster entronnen waren. Ein Planet war untergegangen, vielleicht, und das Raumschiff war gekommen im letzten Moment, die Überlebenden aufzunehmen, jetzt saßen sie in diesem Passagierraum, der bis zur Ankunft ihr Aufenthaltsort war, hier saßen sie, gerettet zumeist nur die Kleider auf dem Leib, bis auf diese eine Truhe da, diesen Mantelsack dort, saßen und warteten, Entronnene einer namenlosen Katastrophe, gerettet aber eben doch.

Das Raumschiff trug sie fort, und wir, auf unserem Umgang, durften ihnen dabei zusehen.

Ich sah einen Alten, der schob sein Gewand auseinander wie eine Ziehharmonika, und er sah aus dabei, als brüllte er vor Lachen, er trug einen ganz spitzen Hut, so reiste er seinem neuen Ziel entgegen.

Die Köpfe waren alle bedeckt, ich sah Turbane aller Art, viel gerollter Stoff, rot und gekräuselt, da und dort eine Mütze, und bunte Kopftücher, selbst die kleinen Mädchen trugen Schleier über den Köpfen, nur die kleinen Jungs zeigten ihre Haare, die waren schwarz, zumeist, schwarz und lockig.

Ich begriff nun auch, warum ich mir eingebildet hatte, diese seien tot. Weil das eben dieses Gerede gewesen war, dieses lügenhafte Gerede aus dem Zimmer von dem Burroblast, dieses Gerede von dem Schlangenwesen, geht und sucht den Ort, da man die Toten sehen kann, sitzend und wartend in ihrem Grab.

Das hier war aber nicht ein solcher Ort, das hier war der Bauch eines Raumschiffes, und die Reisenden waren nicht tot, sie waren die Geretteten, und sie saßen hier stellvertretend, für die anderen alle, die vielleicht untergegangen waren, aber da die einen gerettet waren, waren es alle, so verstand ich es.

Ja. Das verstand ich auf einmal ganz deutlich. Wenn auch nur einer gerettet ist von diesen, bis zum Schluss der Zeiten, so sind es alle.

(Nachricht eingegangen am 06.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 07.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)