Banshee Alte Folge 16

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 08.10.2021

Ich fang mal irgendwo an. Es gibt viel zu erzählen. Überhaupt ist die Welt voll von Erzählungen. Die Menschen haben viel erfunden, aber Geschichten zu erfinden, damit haben sie sich nie genug getan. Wenn man sich umguckt, findet man kein Ende der Geschichten. Geschichten sind immer und überall erfunden worden. In einer Menge, das ist nicht zu glauben. Die wenigsten Geschichten sind überliefert worden. Die meisten wurden erzählt, am Herd, am Lagerfeuer, von der Oma, von wandernden Sängern, vom alten Blinden auf dem Marktplatz, und dann wurden sie weitererzählt, und auch wieder vergessen. Und für jede vergessene Geschichte wurden hundert neu erfunden. So war das immer.

Deswegen reagiere ich auch so gereizt, wenn irgendwo einer aufsteht und in die Welt hinauskräht, egal wie viele Geschichten es gibt, meine ist die einzig wahre! Oder die explodierenden Vollbärte, brüllend vor Durchwusstheit! wenn die schreien, unsere Geschichte ist die einzig wahre, Gott persönlich hat die offenbart, die ganze Menschheit hat zu glauben an unsere Geschichte, wir glauben dran, und wer nicht mitglaubt, dem schlagen wir den Schädel ein!

Meistens, fast immer gilt übrigens, die Menschen, die so schreien, das sind auch die Menschen, die selber irgendwelche Geschichten gar nicht erfinden könnten, weil es ihnen am Herz dazu fehlt, an der Phantasie, an allem. Die schreien am lautesten den Hochgesang von der Richtigkeit „unserer“ Geschichte, und wie jedem der Schädel eingeschlagen werden müsse, der nicht mitglaubt. Und überhaupt müssten alle anderen Geschichten verboten werden, erst dann werde die Erde zum Paradies.

Als irgendwann mal gewählt wurde, sah man Plakate, auf denen stand zu lesen, rettet unsere abendländische Kultur. Die so schreien, dürften die sein, die zur Mehrung „unserer abendländischen Kultur“ am allerwenigsten beitragen.

Na egal, ich könnte lange so weitermachen.

Ich wollte vom Buch Henoch reden.

Das Buch Henoch ist ein alter jüdischer Text, der hat es aber nicht in die Bibel geschafft, doch, in einem entlegenen Weltwinkel schon, weit weg, bei den äthiopischen Christen, dort gehört das Buch Henoch zum Kanon. Wieso gerade dort, darüber ist nichts bekannt. Die alten Juden haben das Buch erfunden und es auch fleißig gelesen und überliefert, und auch von den Christen ist es immer wieder zitiert worden, aber halt als Geschichte, als Erbauungsliteratur, als frommes Märchen. Wie viele Leute geglaubt haben, da steht die buchstäbliche Wahrheit drin, ist schwer zu sagen.

Aber Philosophie und Religion sagen so gut wie nie die Wahrheit, die Märchen fast immer.

Diana, es könnte sein, dass deine Leute damals in dem Dorf bei Weldbrüggen, und vorher schon in Zirndorf, Kenntnis von diesem Text hatten. Es gab bereits zu Kaisers Zeiten Übersetzungen ins Deutsche, aber vielleicht auch volkstümliche Nacherzählungen in Zeitschriften, oder in Kalendern? Ich weiß nicht. Der Standardtext, der heute benutzt wird, ist von einem Emil Kautzsch, der sperrige Titel lautet, Die Apokryphen und Pseudepigraphen zum Alten Testament, das wurde in zwei Bänden ab 1898 zur Welt gebracht, also ich glaube nicht, dass deine Alten soviel wissenschaftliche Literatur mit sich herumschleppten, aber die Geschichten sind natürlich nacherzählt worden. Kann ja auch sein, die frommen Leute haben von dem Buch Henoch irgendwo gehört, jemand hat ihnen davon erzählt, vielleicht in der Synagoge, und das hat sich ihnen eingeprägt! Das ist gewöhnlich der Weg, den die Geschichten nehmen.

GOtt schuf die Engel und die Menschen, und die Menschen mehrten sich auf der Oberfläche der Erde, „und als ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Engel GOttes, dass sie schön anzuschauen waren.“ Das Weitere lässt sich denken. Es wurden Wesen geboren, deren Kräfte gingen weit hinaus über die der Menschen, sie konnten zaubern und lehrten die Menschen ihre Künste, aber sie waren auch gewalttätig, und ihre Kraft des Erkennens richtete sich aufs Zerstören und Töten. GOtt sah der Sache eine Weile zu, aber die Engel mochten nicht lassen von den Menschentöchtern. Also warf GOtt diese Engel in einen Abgrund in der Tiefe der Erde und band sie, dass sie dort bleiben müssten bis zum Ende der Welt.

Andere Geschichten wieder wollen wissen, dass die verbannten Engel dann und wann heimsuchen die Erde und traurig Ausschau halten nach den Menschen, vor allem aber nach den Töchtern der Menschen, und sie schauen sie an, und irgendwann verschwinden sie wieder, an ihren Verbannungsort.

Im Buch Henoch steht, ihre Verbannung ist endgültig. Der alte Origenes aber, einer von den frühen christlichen Gelehrten, der glaubte und lehrte die apokatastasis panton, das bedeutet, am Ende aller Zeiten wird die ganze Schöpfung von GOtt neu gehoben aus dem Abgrund, in den sie gefallen ist, mit allen Wesen, die darin sind, und alles Geschaffene erhält eine neue und reine Gestalt, befreit von den alten Sünden, so wird die ganze Welt erlöst und kommt zu ihrer reinen und wahren Gestalt, auch die Sünder und die gefallenen Engel. Will sagen, die Welt war einmal so, im Anfang, wie GOtt sie sich gedacht hat, dann ist sie der Sünde und Verderbnis verfallen, und am Ende der Zeiten wird sie von GOtt wieder emporgehoben aus dem Abgrund und von allem Übel gereinigt und befreit. Ungefähr wie eine Kostbarkeit, die in den Dreck gefallen ist und auf der die Säue rumtrampeln, und einer kommt und hebt sie auf und reinigt und poliert sie und stellt sie wieder hin an ihren Ort der Schönheit und Ehre, wo sie hingehört. Weder die Juden noch die christlichen Kirchen haben diese Lehre übernommen, aber es gibt immer wieder Menschen, die sagen, das ist eine schöne Idee, GOtt ist gnädig, er kann selbst die Sünder verwandeln, und Sünder sind wir ja alle.

Dass wir alle auf GOttes Gnade angewiesen sind, das glaube ich auch. Wäre GOtt nichts als gerecht, dann könnten wir alle einpacken. Aber GOtt geht es nicht um Gerechtigkeit, GOtt geht es um Gnade.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 09.10.2021

PvM, das ist doch aber genau das, was ich gehört habe, was mir erzählt worden ist, das ist die Geschichte, wie ich sie euch schon geschrieben habe, also stimmt das alles! Ist das alles wahr, ist das alles so passiert? Aber wenn das so ist, dann könnt ihr doch gar nichts machen. Ich sowieso nicht, ich kann die ja nicht mal sehen. Aber wenn Gott die verworfen und verurteilt hat, was wollt ihr dann machen? Dann gucken die euch doch bloß an wie Ertrinkende! Die sind auf der anderen Seite von einem Abgrund, und niemand kann was machen! Aber trotzdem, meine Alten haben geglaubt an die, die haben geglaubt, die Engel haben ihnen geholfen, haben sie unsichtbar gemacht, haben den Verfolgern Sand in die Augen gestreut, die können das vielleicht, die können sich ja auch selber sichtbar oder unsichtbar machen, ganz wie es ihnen gefällt, und ich hab die gerufen, und jetzt könnt ihr die sehen, aber warum ich nicht? PvM sagt, ihr habt alle etwas gemeinsam, aber was ist, wenn ihr nun gar nichts gemeinsam habt, sondern vielmehr die sind es, die entschieden haben, ihr sollt sie jetzt sehen? Also, es geht nicht darum, dass ihr die sehen könnt, sondern vielmehr darum, dass die entschieden haben, diesen paar Leuten zeigen wir uns jetzt, genau diesen paar Leuten! Darüber müsstet ihr doch nachdenken, warum euch? Und warum hängen die sich so an Ayse? Vielleicht ist ja alles so, ich hab die herbeigerufen, denn ich war die, die zu denen gebetet hat, ich hab von meinen Alten ja gewusst, dass es die gibt. Ich hab die also herbeigerufen, und die sind gekommen. Die haben euch angeguckt, zuerst Balbutin natürlich, und dann euch alle, weil ihr mit Balbutin zusammenhängt. Und dann haben sie entschieden, sie machen sich sichtbar. Ich kann die nicht sehen. Vielleicht bin ich blind für die, oder die wollen es anders. Das ist doch seltsam. Ich hab die gerufen, aber ich kann sie nicht sehen. Ihr wollt die nicht, aber ihr müsst sie sehen. Immerhin könnt ihr mich sehen, und ihr sagt ja, ich seh aus wie eine von denen. Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Ich sag nichts Neues, ich weiß. Ich kann die nicht sehen, aber können die mich sehen? Dann muss denen doch auch schon aufgefallen sein, dass ich ausseh wie eine von ihren Frauen. Wenn das stimmt, was ihr sagt. Warum seh ich aus wie eine von denen? Vielleicht wollen sie gerade nicht, dass ich das selber sehe? Ich wünschte, ich hätte über all das viel früher geredet, mit Balbutin. Aber ihr redet ja auch darüber, und kommt zu keinem Ergebnis. Immerhin, PvM hat jetzt rausbekommen, wo die Geschichte steht. PvM, glaubst du das alles wirklich, was du da geschrieben hast? Dass es die Märchen sind, die die Wahrheit sagen, und nicht die großen Worte in der Religion? Und dass Gott auf Gnade aus ist? Kann das sein, dass Gott eine SIE ist? Ich bild mir das manchmal ein. Wenn ich denke Gott und ER, dann fühl ich gar nichts. Wenn ich aber denke Gott und SIE, dann fühl ich so ein Ziehen im Herzen, als könnte ich SIE lieben. Der Kerl da oben auf dem Berg Sinai mit den Gesetzestafeln, vor dem hab ich eher Angst. Ich hab schon verstanden, was Sandra über ihre Juliette geschrieben hat, dass sie sie anbetet. Vielleicht ist das die Art, wie Gott sich zeigt, dass man hilflos die Arme sinken lässt und ausgeliefert ist. Nur noch hinguckt, entzückt, verliebt, begeistert. Vielleicht ist es das, was Gott mit den Menschen macht, Gott verzaubert die Menschen. Dann könnte Gott wirklich eine SIE sein. Da spricht doch nichts dagegen, oder? Hat da irgendjemand was bewiesen? Ich wüsste nicht. Vielleicht ist die Geschichte mit den Engeln noch lange nicht zu Ende. Vielleicht hat das alles erst begonnen. Vielleicht ist das nur eine erste Behauptung, dass die verstoßen sind bis zum Ende der Tage. Vielleicht ist das noch nicht das letzte Wort. Schließlich steht die Erde noch, oder sie rollt vielmehr, und solange sich die Erde noch bewegt, bewegen sich auch die Dinge. Nichts ist endgültig. Ich sollte jetzt aufhören. Meine Gedanken schlagen Purzelbaum.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 10.10.2021

Bist auf dem richtigen Weg, Diana. Ich wünschte, ich könnte dir weiterhelfen, aber wahrscheinlich würdest du das noch nicht einmal wollen. Es ist so, wie wenn man versucht, jemandem den Weg zu zeigen. Man kann immer nur bis zur nächsten Ecke mitgehen, danach wird man lästig, oder gar verdächtig. Hoffe, du verstehst das richtig.

Auf den ersten Blick sieht die Sache mit den Engeln eindeutig aus, aber auch nur auf den ersten Blick. Guckt man näher hin, dann — ja.

Es gibt viele Geschichten. Die Engel waren den Menschenmädchen nicht immer willkommen. Manche Frauen suchten den Nachstellungen zu entgehen, wie es mit Frauen halt ist, die suchen sich gern selber aus, von wem sie sich umwerben lassen, und wenn sie nicht wollen, wollen sie nicht.

Von wegen Gleichberechtigung. Wenn ein Kerl sich einer Frau nähert und sagt, die interessiert mich, und die Frau sagt, du mich aber gar nicht, ist die Sache erledigt. Frauen haben das Recht, sich ihre Bewerber auszusuchen, und wenn ein Mann das nicht akzeptieren will, wird ganz schnell Belästigung draus. Unwillkommene Annäherung und so, wobei noch nicht einmal klar ist, wie der arme Kerl denn wissen soll, dass seine Annäherung unwillkommen ist, wenn er es nicht wenigstens mal versucht. Aber egal, unwillkommen ist unwillkommen, Frauen nennen das, wie ich höre, creepy.

Umgekehrt gilt das keineswegs. Wenn eine Frau einem Kerl Avancen macht, gar Sex anbietet, und der weist sie einfach zurück, dann ist nicht nur die Frau tödlich beleidigt. Der Kerl muss sich auch noch anhören, was ist denn mit dir los, kriegst das angeboten, wieso greifst du nicht zu, was stimmt nicht mit dir? Und im Hintergrund murmelt der Chor, was ist denn mit dem los, ist der schwul?

Unter Umständen wird das Weibchen sogar rachsüchtig.

Guckt ein Männchen ein Weibchen im Vorbeigehen flüchtig an, schreit das Weibchen: Der hat mich belästigt, der hat mich angestarrt!

Geht ein Männchen an einem Weibchen ohne einen Blick vorüber, schreit das Weibchen: Der hat mich belästigt, der hat mich nicht beachtet!

Mit einem Wort, Frauen haben das Recht zu sagen, ich will den nicht, und fertig. Männer können nicht einfach sagen, ich will die nicht, ich kann die nicht leiden, und fertig, die kriegen dann zu hören, Mensch, heb auf, was Gott dir vor die Füße wirft, worauf wartest du, glaubst du vielleicht, da kommt noch was Besseres nach, wofür hältst du dich, du musst dich nach der Decke strecken, du musst nehmen, was du kriegen kannst, sonst stehst du zum Schluss da und kriegst gar nichts! Oder bist du vielleicht doch schwul und hast das nur noch nicht gemerkt?

Es laufen mehr Jungs rum als man denkt, für die kommt erst Liebe und dann Sex. Für die ist, mit einem Stück Fleisch im Bett zu liegen, für das sie nichts empfinden, schlimmer als der Tod. Sie machen das ein oder zwei Mal, dann haben sie ihre Lektion gelernt und sagen sich, lieber allein bleiben als mit jemandem zusammen sein, für den ich nichts empfinde. Allein sein heißt nicht unbedingt, einsam sein, aber einsam sein, todeinsam, das kann einer auch, der nicht allein ist. Nichts gleicht der Todeinsamkeit, die einer empfindet, der Tag und Nacht an ein Stück Frauenfleisch gefesselt ist, das er verabscheut. Und dennoch wird behauptet, so denken dürfen nur Frauen. Frauen müssen das nicht einmal begründen, wenn sie jemanden zurückweisen. Der gefällt mir nicht, den will ich nicht, sagen sie, und fertig. Männer, die so reden, werden dumm angeguckt. Was willst du, heißt es, die sieht doch toll aus, ist doch eine Sünde, die zurückzuweisen!

Jedenfalls, manche von den Menschenmädchen haben sogar die Engel zurückgewiesen, und in den alten Geschichten war es immer eine selbstverständliche Sache, die haben das Recht dazu, eine Frau hat das Recht, ja oder nein zu sagen, und sie muss noch nicht einmal begründen, warum sie in diesem Fall ja sagt und in diesem nein. Es reicht, wenn sie sagt, ich will nicht.

Ich muss noch mal von vorne anfangen, hab das Gefühl, ich bin irgendwie vom Wege abgekommen. Bin gleich wieder da. Legt nicht auf, hätte man früher gesagt. Wie sagt man heute?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 11.10.2021

PvM! Versuchst du irgendwie auszuweichen? Was redest du so um den heißen Brei rum? Erst hast du ewig gebraucht, bis du Diana geantwortet hast und hast geheimnisvoll getan und was weiß ich, und jetzt kommst du vom Hundertsten ins Tausendste!

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 11.10.2021

Kommt mir auch so vor. Willst du mit was nicht rausrücken? Wir wollen jetzt wissen, wie das mit den Engeln weitergegangen ist! Lass uns nicht hängen! Grad jetzt, wo‘s spannend wird!

Nachricht von Ayse Konopski, vom 11.10.2021

Bedeutet das was, wenn Männer was mit ihren Haaren machen? Ich meine, wenn Frauen sich eine neue Frisur zulegen, ist doch immer Alarm angesagt, das bedeutet Veränderung und neue Richtung und so. PvM ist gestern nach Hause gekommen und sieh an, er war beim Friseur, er hat für sein Alter einen prächtigen Haarschopf, und jetzt hat er sich einen Bürstenschnitt rasieren lassen, so richtig raspelkurz, ich hätt ihn fast nicht wiedererkannt. Sieht gut aus, aber irgendwie fremd, und er hat bloß gesagt, er will nicht immer so viel Umstand haben nach dem Duschen, mit Abtrocknen und Kämmen. Ich hab mich nicht getraut, weiter nachzufragen, der wird so leicht sarkastisch, genau wie Peter.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 11.10.2021

Aha, hört die Botschaft! Hast du das mitgekriegt, PvM? Ayse lässt ausrichten, sie denkt über dich nach! Ist das angekommen im Nebenzimmer?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 11.10.2021

Mit euch red ich nicht mehr.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 11.10.2021

Ist das hier nicht schon mal gesagt worden?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 12.10.2021

Hat was, wie ihr jeder Sache einen Knick gebt in die Richtung, die euch passt. Stelle zu meinem Entsetzen fest, Peter fängt auf der Website des Verlags an, über die Pandemie zu reden. Er wollte, dass ich das tue. Nur über meine Leiche. Hat mir gefallen, dass Sandra über ihre Juliette geredet hat, und erst recht gefallen hat mir, wie sie das getan hat. Es hat jeder seine Juliette. Würden wir jetzt alle darüber reden, wäre das wichtiger als die Epidemie. Aber es hat nicht jeder soviel Mut wie Sandra. Ich schon gar nicht. Ich halt mich gern bedeckt und versteck mich hinter den Gestalten, die ich erfinde.

Gar nicht wahr, aber das ist schwer zu erklären. Ich habe noch nie eine Gestalt erfunden. Auch Ischtar nicht. Ischtar erinnert mich an Ayse.

Also hopp, ran.

Wir waren bei den Engeln, die sich auf der Erde herumgetrieben haben, weil ihnen die schönen Menschenmädchen so gefielen. Und ich hab dargelegt, ausführlicher, als ich ursprünglich wollte, dass die Mädchen darüber nicht immer so begeistert waren.

Ce que femme veut, Dieu le veut, sagt ein altes französisches Sprichwort, das würde aber doch bedeuten, die Jungs haben zu rennen, wenn die Mädchen wollen? Nun ja, genau das tun sie ja auch.

Und wenn die Mädchen nicht wollen? Ist die Sache sowieso gegessen.

Die Engel begegneten einem süßen jungen Wesen namens Ischtar, die war unwiderstehlich. Hell wie der junge Morgen, und freundlich und allen Menschen gut. Klein und ein bisschen rund, zum Anbeißen. Die Engel wollten es so gern mit ihr treiben. Sie stellten ihr nach und lauerten ihr auf und gaben nicht auf und wollten sie nicht in Ruhe lassen. Sie fingen an, an ihr herumzufingern, ihnen stand der Ständer in der Hose, oder mit welchen Gewändern immer sie angetan waren.

Ihr aber gefielen die Engel nicht.

Ce que femme veut, Dieu le veut. Und wenn nicht, dann eben nicht.

Woher weiß ich überhaupt, dass ihr wirklich Engel seid, fragte die niedliche Ischtar. Das kann ja jeder behaupten!

Wir kommen direkt aus Gottes Himmel, sagten die Engel, wir haben das geheime Passwort, damit kommen wir jederzeit durchs Tor.

Das will ich erst hören, bevor ich das glaube, sagte Ischtar schnippisch.

Jetzt kommt der schwierige Teil der Geschichte. Würden die Engel im Ernst so blöd sein, ihr das Passwort zu verraten? Sind Engel so dumm?

Gefallene Engel vielleicht. Und wie ich sagte, ihnen ragte der Ständer vor dem Bauch. Da hakt bei allen männlichen Wesen der Verstand aus.

Überdies, Geschichten haben das so an sich, sie müssen weitergehen. Und damit die Geschichte weitergeht, bleibt es dabei, die Engel verrieten das Passwort.

Die süße Ischtar sprach das Wort aus, und in Gedankenschnelle war sie den Belästigungen der Engel entkommen, und fand sich wieder in Gottes Himmel, und Gott persönlich sah sie an und fragte, was machst du hier, Kind, wie kommst du überhaupt hierher?

Und sie erzählte von den Zudringlichkeiten der Engel, und wie knapp sie einer Vergewaltigung entronnen war.

Gott sah, dass sie unschuldig war und gut, und er seufzte und sagte, von mir aus, dann bleib halt hier, bei mir bist du sicher.

Sie ist noch heute in Gottes Himmel, die niedliche Ischtar, ihr könnt sie selber sehen, wenn ihr des Nachts hinaufblickt zu den Sternen.

Sternbild der Jungfrau.

(Nachrichten vom 08. bis 12.10.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 07.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)