Banshee Neue Folge 15

Nachricht von Ayse Konopski

Unvermittelt dachte ich, ich bin doch eine fromme Muslima, jetzt werd ich gleich in eine Christenkirche eintreten, ich war noch nie in einer, jetzt mach ich das, noch was, was meine Familie mir nie verzeihen würde, und dann fiel mir ein, aber nein, ich bin ja alles Mögliche, aber eine fromme Muslima bin ich nicht, nie gewesen, ich hab niemals für eine Sekunde geglaubt an den Koran oder an den Propheten, und was Allah anbelangt, der hat sich bis jetzt nicht groß um mich gekümmert, und dann dachte ich an die Wiese, auf der ich gelegen hatte in dieser hellen Nacht, und wie ich diese Gegenwart gespürt hatte, diese überwältigende Gegenwart, Fluten von Licht, wirklicher als alles, was ich je erlebt hatte, wirklicher selbst als die Schläge und Beschimpfungen in meiner Scheißfamilie, wer war das gewesen, dieses Licht? Jemand. Höher als alles Begreifen.

„Alles wird gut“, hatte Regina gesagt.

Warum hab ich das nicht geglaubt, was die mir erzählt haben, als ich noch ein Kind war? Allah sieht alles, haben sie mir gesagt, damit ich Angst habe. Und plötzlich wurde mir klar, aus dem Nichts heraus, warum ich das nicht geglaubt hab. Weil die das selber nicht geglaubt haben. Die haben auf mich eingeredet, und ich war ein kleines Kind, die haben mich zusammengeschrien und geschlagen, aber ich hab gewusst, die lügen, die erfinden das einfach, das mit dem Allah, um mich einzuschüchtern, das hab ich gewusst.

Ich hörte ein Rauschen in den Bäumen, und Regina drückte meinen Arm, und ich dachte, wie lange geht das schon, ich glaub nicht dran, die Alten haben nicht dran geglaubt und haben versucht, mir das einzureden, wie viele Generationen geht das schon zurück?

Meine alte Oma. Die hat wirklich an Allah geglaubt, und dass der gut ist zu den Menschen und das Gute will und sich kümmert. Aber wir müssen auch immer genau tun, was Allah will, sonst wird der traurig, hat sie noch gewusst. Allah will zum Beispiel, dass du immer Kopftuch trägst und immer fromm den Blick gesenkt hältst, das gehört sich so für eine fromme Muslima. Ich hab meine alte Oma gern gehabt, aber ich hab ihr das nie geglaubt. Gefragt hab ich sie allerdings auch nie. Ich hätt das machen müssen, ich hätt die fragen sollen. Woher weißt du das so genau, was Allah will? hätt ich fragen müssen. Das steht alles im Koran, hätte sie gesagt. Den Koran hatte sie allerdings nie gelesen, was im Koran steht, das ist ihr in der Moschee gesagt worden, und damals in der Schule, noch in der Türkei, da haben sie es auch erzählt bekommen, was im Koran steht, und was ihr in der Schule gesagt worden war, damals auf diesem Dorf in der Türkei, das war Allahs Wort für meine alte Oma, das galt für sie, das galt für den Rest der Welt.

Alles okay mit dir? fragte PvM neben mir.

Alles okay mit mir, sagte ich. Wir gehen jetzt runter und sehen uns das an.

Da war wirklich der Eingang zu einem Raumschiff. Glänzendes Glas, und Metall, schimmernd spiegelnd glänzend, bewaffnete Wächter. Die Wächter standen im Schatten, ich sah die Mündungen ihrer Gewehre, und da waren Scheinwerfer, die waren nicht auf den Eingang gerichtet, die waren auf uns gerichtet, so wie die Gewehre.

„Was ist das?“ flüsterte ich.

„Das ist der Eingang zu der Gedenkstätte“, gab PvM knapp zur Antwort. „Die kriegen so viele Drohungen, dass höchste Sicherheitsstufe angeordnet ist.“

„Bezahlen übrigens die Deutschen“, warf Regina ein, in durchaus fröhlichem Ton.

Da war es wieder. Wir sind hier in Wahlburg-Sonderbüren, wir sind in Weldbrüggen, wir sind wir, und jedenfalls keine Deutschen.

Ich bin ich, dachte ich, und ich bin jedenfalls keine Muslima.

Der Eingang. Unglaublich schwere Türen aus Panzerglas, hineingebaut in diese hintere Rundung der Kathedrale, eigentlich schon unter der Kathedrale, denn man musste von dem Umgang aus eine Treppe hinuntersteigen, graue granitene Stufen, die sahen jetzt aber in der funkelnden Nacht fast weiß aus, und der tiefliegende Eingang glänzte und spiegelte, dahinter sah ich überall schlanke metallene Säulen, da war eine Art Vorhalle, und die Säulen, das wurde mit klar, stützten das Gewicht der Kathedrale, die Kathedrale war über uns.

Die Säulen drinnen, die Wände, alles spiegelte und glitzerte, in die Decke waren Hunderte kleiner Strahler eingelassen, die stichelten wie Sternchen, und da war ein elektronischer Durchgang, wie am Flughafen, wir mussten unsere Taschen ausleeren und alles aufs Band legen, da waren wieder Bewaffnete, und dann wurden wir abgetastet, wir mussten unsere Handys zurücklassen, Regina ihre Umhängetasche, PvM die Wagenschlüssel, wir durften nur uns selber mitnehmen und gerade noch die Taschentücher, die wir bei uns trugen, sonst nichts.

Es war nicht einmal erlaubt, Papier und Stifte mit hinunter zu nehmen, nicht einmal zeichnen sollten wir dürfen, was wir da sehen würden.

Vor uns öffneten sich, vollkommen lautlos, die Türen eines verspiegelten Aufzugs, und wir stiegen ein.  

 (Nachricht eingegangen am 05.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 06.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)