Banshee Alte Folge 15

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 04.10.2021

Sandra, war wie immer ein Fest, dir zuzuhören. Leider muss ich mal mit was anderem rüberkommen. Ich trau mich bald nicht mehr aus der Wohnung. Das Schlimmste ist, ich hab meiner Mutter noch nichts erzählt von dieser ganzen Sache. Ich weiß einfach nicht, wie ich das rüberbringen soll. Hallo Mama, wenn ich in die Stadt geh, ich sichte da diese Wesen, die sieht sonst niemand, nur ich und die paar Leute, die im Verlag mitarbeiten. Egal, wie ich das formulier, so würde sich das anhören. Ich kenn meine Mutter. Es geht einfach nicht.

Gestern hab ich einen halben Tag frei gehabt, und ich hab das Zwerglein in seinen schicken Kinderwagen gesetzt, und dann sind wir raus in die Stadt, wir drei, Mama und das Zwerglein und ich. War richtig gut. Es war schönes Wetter, und wir sind zu Fuß gegangen, ich bräucht bloß noch ein Hündchen, das hätt ich wirklich gern, das würd an der Leine neben dem Kinderwagen mit dem Zwerglein her trippeln und jeden verbellen, der es wagt, in die Nähe zu kommen.

Ja.

Wir sind in die Stadtbücherei, das Zwerglein ist jetzt ein halbes Jahr alt, ich finde, da wird es Zeit, dass es mal lernt, wie eine Bibliothek von innen aussieht. Damit kann man nicht früh genug anfangen. Wir kommen also dort an, unsere Stadtbücherei liegt an einer hübschen Plaza, mit Brunnen und Bänken und so, da sitzen oft die Alten, und auch Schulkinder treffen sich gern hier, und die Stadtbücherei hat einen weiten Eingangsbereich, mit Glasfront zur Plaza hin, und da stehen Bäume, und man kann das Wasser im Brunnen sehen, wie es springt und schäumt. Leider hab ich noch was Anderes gesehen, schon von weitem, ihr könnt euch denken, was.

Sie waren da.

Eine ganze Herde, die haben auf der Brunnenfassung gesessen, sogar in den leeren Stühlen im Straßencafé, mitten zwischen den Gästen, und die haben nichts gemerkt, nichts gesehen, die haben ihren Cappuccino gelöffelt, und direkt am Ellbogen saß einer von denen und hat – und hat zu mir rüber gestarrt, wie ich da ankam, mit dem Zwerglein im Kinderwagen, und dem eingebildeten Hündchen an der Leine, und Mama im Schlepptau, die vor jedem Schaufenster stehengeblieben ist. Einige von den Frauen von denen haben sogar in den Bäumen gesessen, und haben sich ganz lang und langsam hin und her gewiegt, und sorry, Diana, es tut mir ja so leid, aber die sehen wirklich aus wie du.

Ich bin beinahe gestorben. Mein erster Impuls war, abhauen. Wenn ich allein gewesen wär, hätt ich das gemacht. Aber was hätt ich meiner Mutter erzählen sollen? Und wie die mich angeguckt haben, mit ihren langen Blicken, wie von weither, als wollten sie was!

Ich hab die Zähne zusammengebissen, und wir sind rein in die Bibliothek, und die, also, die sind zusammengelaufen, die haben sich vor der Glasfront gedrängt und in die Bibliothek reingeguckt, und nicht bloß reingeguckt, die haben mich angesehen, unverwandt haben die mich angestarrt.

Nein, reingekommen sind sie nicht.

Ich weiß nicht, wie ich das durchgestanden hab. Mir ist der helle Schweiß den Hals runtergelaufen, und Mama hat mich besorgt angeguckt und gesagt, du bist immer noch ein bisschen schwach, Kind, du musst besser essen.

Ich hab mich also mit dem Zwerglein in die Kinderabteilung gesetzt, da waren auch noch andere Mütter, die ihren kleinen Glatzen beizeiten zeigen wollten, wie Bücher aussehen, und wir kamen ins Gespräch, und das hat mich ein bisschen abgelenkt, nach und nach hab ich mich ein bisschen entspannt.

Die Kinderabteilung hat natürlich direkt durch die Glasfront raus ins Freie geblickt, und da saßen und standen sie dicht gedrängt und sahen mir zu, wie ich drinnen dem Zwerglein seine ersten Bilderbücher zeigte. Ich hab mir die größte Mühe gegeben, nicht raus zu schauen, auf keinen Fall denen in die Augen zu schauen. Es kam mir vor, es sei draußen auf einmal Nacht geworden, obwohl die Sonne schien. Wie immer, haben die den Tag verdunkelt. Und ich konnt nicht weg, denn Mama war ganz begeistert über ihre Tochter und ihr Enkelchen und hat mit den anderen Frauen geschwätzt ohne Ende.

Wir sind geblieben, bis die Bibliothek zugemacht hat. Gottseidank hat die irgendwann zugemacht, sonst wären wir nie weggekommen. Meine größte Angst war, die kommen uns hinterher, und versammeln sich dann unter meiner Wohnung, wie bei Ayse. Aber das ist nicht passiert, nun ja, ich wohn im Hochhaus, vierzehnter Stock, können die sich gerne unten versammeln, obwohl, die würden es ja fertigbringen, plötzlich auf dem Balkon zu sitzen, mitten in der Nacht, auf der Balkonbrüstung, und rein ins Wohnzimmer zu schauen.

Ich bin sowas von geschafft, das kann ich nicht sagen. Und Mama hat nichts gemerkt, nichts! Die hat auf dem Heimweg gar nicht aufgehört zu reden und zu erzählen, was sie alles von den anderen Müttern gehört hat, die hatte richtig leuchtende Augen, und dann hat sie noch gesagt, das müssen wir bald mal wieder machen.

Ja, danke! Warum, warum versammeln die sich ausgerechnet vor der Stadtbücherei, und warum warum warum starren die mich an?

Ich glaub, ich bin fertig mit der Welt.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 05.10.2021

Amy, das ist doch genau das, was der Balbutin erzählt hat. Als er uns das erste Mal geschrieben hat, nachdem er Diana entwischt ist. Die sind vor der Bibliothek rumgelungert! Die haben auf ihn gewartet! So oder ähnlich hat er das doch geschrieben. Was haben die ausgerechnet vor der Stadtbücherei zu suchen? Und wieso warten die dort auf uns? Woher wissen die, dass wir kommen werden? Das ist nicht witzig. Das hat ja PvM schon geschrieben, die verständigen sich, und jedenfalls nicht über Handy. Ich komm mir langsam vor wie ein Burgfräulein im Märchen. Prinzessin, aber eingesperrt. Ist richtig schön bei PvM, gemütlich das Häuschen, aber draußen warten sie. Ich bleib am liebsten zu Haus, obwohl doch Weldbrüggen vor der Tür liegt, und PvM sagt, ich sollt doch ab und zu mal rausgehen, aber da draußen auf der Straße warten sie auf mich, und sobald ich rauskomme, geht das los, das ist ein richtiges Ritual, die gehen in die Knie, und senken demütig die Köpfe vor mir, und ich weiß doch nicht, was ich machen soll! Bitte! Aber das kann doch nicht so weitergehen! Wir werden ja langsam zu Gefangenen! 

Nachricht von Diana Hindrance, vom 05.10.2021

Bitte.Bitte.Bitte. Könntet ihr das mal lassen. Ich versteh ja, was das für eine Belastung ist für euch. Ich seh die ja nicht, und ich bin sowas von froh drum. Aber ich will jetzt wissen, was hat PvM zu sagen, was hat der zu sagen zu den Engeln, ich muss das wissen. Bitte, PvM, könntest du jetzt langsam mal rüberkommen mit dem, was du weißt. Du weißt doch was, das war doch von Anfang an so! Von Anfang an hab ich das Gefühl gehabt, du weißt mehr, als du sagst. Wieso spazierst du so abgehoben durchs Gelände und tust so, als ging dich das alles gar nichts an? Und deine neue Website! Was du da veröffentlichst, sind das alles irgendwie Botschaften an uns! Willst du uns was damit sagen? Ich hab das gelesen, was du über die schlafende Göttin geschrieben hast. Ist das eine Botschaft? Soll das heißen, irgendeiner denkt sich das alles aus, und wir sind bloß Figuren in einem Traum?

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 06.10.2021

Sandra, ich hab gelesen, was du über deine Juliette geschrieben hast, ich bin hin und weg, ich bin geschmolzen wie Eis in der Frühlingssonne. Hätt dich nie für so romantisch gehalten. Mein armes Herz ist wild geworden und hat versucht auszubrechen, ich hab’s erst mal wieder einfangen müssen. Sandra, Schätzchen, wenn ich les, wie du für deine Juliette schwärmst, und wenn ich mir dann anguck, wie das mit meinem Matsunaga schief gelaufen ist, dann könnt ich direkt auf die Idee kommen, ich hab die falsche Wahl getroffen. Gibts da einen reset-Knopf? Kann man alles noch mal auf Anfang stellen?

Also, du betest sie an, deine Juliette, das hab ich verstanden. Ich hab immer gedacht, das machen nur die kleinen Jungs, mit ihrer ersten Liebe, jetzt wissen wir das also besser. Hab trotzdem eine blöde Frage. Ich weiß, wie das ist, vor jemandem auf den Knien zu liegen. Kennen wir alle, und wer das nie erlebt hat, ist arm dran. Was machst du aber, wenn nun der Priester kommt und schimpft, das ist Götzendienst, was du da treibst, deine Juliette, die war doch bloß ein sündiger Mensch, kein Mensch soll einen anderen Menschen so anbeten, was sagst du dem?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 06.10.2021

Wenn der Priester oder der Mullah oder der Pfarrer oder der Rabbi kommt und für mich schlau sein will, dann ist doch klar, was ich dem sag, fick dich, sag ich dem, oder zum Mitschreiben: Machs dir selber. Machen die sowieso, da bin ich sicher, jeder einzelne von denen macht das, lässt sich haarklein erzählen von den kleinen Sündern, wie die wieder gesündigt haben, und hinterher denken sie dran und malen sich alles ganz genau aus und holen sich einen runter dabei. Aber für den Rest der Welt wollen sie Moralinhaber sein. Fickt euch, machts euch selber.

Aber was deinen Matsunaga anbelangt, gehts mir genau andersrum. Wenn du erzählst, wie du mit deinem Zwerglein in die Bibliothek spazierst, komm ich ins Grübeln. Würd ich auch gern. Hätt ich auch gern, so eine krähende kleine Glatze im Kinderwagen, und die wär meins! meins! meins!

Kann es sein, dass man immer das haben will, was man nicht hat und nie kriegen wird?

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 06.10.2021

 Vor allem das, was man nie kriegen wird, das ist das Problem. Bist du deshalb immer so böse mit Diana, weil sie ums Leben nicht deine Juliette sein will?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 06.10.2021

Könnt ich jetzt viel dazu sagen. Das müsstest du doch selber wissen, keiner steckt das so einfach weg, wenn er zurückgewiesen wird. Zähne zusammenbeißen, aufrechtes Rückgrat und so, Würde bewahren, alles gut, aber Scheiße, tief drinnen fühlst du dich einfach wertlos. Du kennst ja deine Gefühle, du weißt, was die wert sind und wie tief sie sind, und die hast du hingehalten, und sie sind zurückgewiesen worden, einfach so, will ich nicht, geh weg, hat es geheißen, ich will dich nicht, hat es geheißen, ich will deine Gefühle nicht, bleib mir vom Leib mit deinen Gefühlen, und jetzt weißt du also, ich bin wertlos, ich bin der letzte Dreck, meine Gefühle sind der letzte Dreck, niemand will die haben. Und so fühlst du dich dann auch.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 06.10.2021

 Herr im Himmel, Sandra, was bitte ist damals zwischen dir und Diana vorgefallen? Könntet ihr vielleicht mal ein bisschen deutlicher werden? Damit das endlich mal vom Tisch kommt?

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 07.10.2021

Hallo Diana, tut mir wirklich leid, dass es in der Diskussion gerade so drunter und drüber geht. Die reden mal wieder über dich, statt mit dir. Das mit der schlafenden Göttin, nein, das war keine geheime Botschaft. Dass ihr wirklich seid, das bezweifle ich keine Sekunde. Aber wenn die Göttin uns alle träumt, was ist dann der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Traum? Wenn wir alle geträumt sind, dann ist eben die Wirklichkeit geträumt, aber nicht von uns. Für uns ist und bleibt sie die Wirklichkeit, nur leider heißt das gar nichts, denn Wirklichkeit, das ist bloß ein Wort. Wirklichkeit ist Wirklichkeit, und wie sie zustande kommt oder gekommen ist, das kann uns doch sowas von egal sein. Theorien gibt es da viele, und ich sage mir, wenn es da so viele Theorien gibt, und keine ist bewiesen, alles ist bloß Glaubenssache, dann habe ich das volle Recht, mir eine neue Theorie auszudenken, heute eine neue, und morgen wieder eine andere. Wieso sollen diese anderen Theorien, die es schon gibt, mehr recht haben als meine, bloß, weil es sie schon gibt? Bloß, weil sie irgendwo in Heiligen Büchern niedergelegt sind oder in Universitätscurricula gelehrt werden? Jede Theorie, die schon in der Welt ist, war zuerst mal in einem Kopf, und der Kopf hat den Mund aufgemacht und geredet, und zufällig war er zur richtigen Zeit am richtigen Ort, der Kopf, oder, zum Unheil der Menschheit, zur falschen Zeit am falschen Ort, und was er redete, wurde dann zu einem Heiligen Buch, oder wenigstens zu einem Teil davon. Ob, was einer sagt, Teil wird eines Heiligen Buches, oder das Gekritzel eines armen Irren bleibt in seiner Gummizelle, das ist doch mehr oder weniger Zufall? Oder auch nicht. Oder es ist Plan. Jemand hat das alles geplant, GOtt hat das geplant. Kann nur keiner beweisen. Jeder darf das glauben, wenn er will, und keiner kann es beweisen. Also bleibe ich bei meinem strengen Grundsatz, ich sage nur das, was ich wirklich weiß, und wenn ich mir was ausdenke, sage ich laut und deutlich dazu, dass ich mir das nur ausgedacht habe, oder lass es wenigstens durchblicken, und vor allem, wenn ich etwas nachplappere, was ich irgendwo gelesen habe, dann sag ich auch das laut und deutlich, und gröl nicht raus: MEINE Meinung! Aber sowas von ICH! Ganz allein von mir selbst gefunden!

Was aber einer wirklich weiß, wirklich und wahrhaftig weiß aus eigener und persönlicher Erfahrung, das sind unter dem Strich und am Ende des Lebens ein paar wenige Sätze, und auf die paar wenigen Sätze kommt es an, darauf kann einer bauen, aber nur er selber. Er soll sich nicht einbilden, nur weil er diese Sätze gefunden hat, müssten sie nun für den Rest der Welt gültig sein. Zum Schluss gilt, ein jeder weiß, was er weiß, und das ist gar wenig, oder vielleicht gar nichts, und ein ehrlicher Mensch gesteht sich das auch ein. Mehr ist da nicht, mehr ist da nie. Alles andere sind Sätze, irgendwo gelesen oder gehört und nachgeredet, und das ist ja auch in Ordnung so, jeder darf sagen, da sind Sätze, die gefallen mir, die mach ich mir zu eigen, aber er soll das dann auch deutlich sagen und nicht behaupten, das wär alles seine eigene Erkenntnis, und diese Erkenntnis müsste jetzt gelten für den Rest der Welt. Tut sie nicht.

Die Wahrheit ist, wir alle wissen gar nichts. Je eher wir das voreinander einbekennen, desto besser. Wir sollten einander freundlich begegnen und wohlwollend und interessiert, und wir sollten uns gegenseitig mitteilen und gegenseitig anhören, was wir wissen und was wir gehört haben und was uns gefällt, und wir sollten vor allem dafür sorgen, dass die Welt so eingerichtet ist, dass jeder und zu jeder Zeit und an jedem Ort sagen kann, was ihm gefällt und wie es ihm gefällt, ohne dass er Angst dabei haben muss, es wird ihm dafür der Schädel eingeschlagen. Ich denke mir immer, die richtige Welt ist die, in der jeder unbefangen loswerden kann, was er auf dem Herzen hat, und auch keine Angst davor haben muss, dass ihm schreiend ins Wort gefallen wird, oder dass das laute Höhnen losgeht, womöglich das Höhnen irgendeiner selbsternannten Gemeinschaft gegen den einen, der anders denkt, oder dass ihm gar einer ein Heiliges Buch über den Kopf haut, sei das nun von Marx oder von Mohammed oder sonstwas. Und dass jeder unbefangen soll reden können, das ist mir besonders wichtig, denn nur aus der Unbefangenheit kommen ab und zu die neuen Gedanken, und es muss weitergehen mit der Welt, und ohne neue Gedanken geht gar nichts weiter. Also gilt, die Menschen müssen vor allem unbefangen und ohne Angst reden können. Wer unbefangen redet, der redet auch mal dummes Zeug, das ist das Risiko, das Risiko geht einer aber nur dann ein, wenn er weiß, es wird ihm mit Nachsicht und Wohlwollen begegnet werden. Deshalb gefällt es mir auch so in Weldbrüggen, dort kannst du auf den Markt gehen und so ziemlich alles sagen, was dir einfällt, und die Leute nicken ernsthaft und klopfen dir auf die Schulter und sagen freundlich, wir wollen ein andermal mehr darüber hören, wie die alten Athener. So ist es richtig, und viel besser kann es auch nicht werden, wie das Menschenleben nun einmal beschaffen ist.

Musst ich mal loswerden. Tut mir leid, Diana, aber versprochen, du kommst jetzt an die Reihe. Und mach dir nichts aus dem, was Sandra sagt. Wenn die eine Seite will, und die andere nicht, ist das eine aussichtslose Situation. Die eine Seite kann einfach nicht, die andere Seite ist über die Zurückweisung zu Tode gekränkt, und wirklich einen Ausweg gibt es nicht. Ça c’est la vie.

(Nachrichten vom 04. bis 07.10.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 06.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)