Banshee Neue Folge 14

Nachricht von Ayse Konopski

Regina wartete schon auf uns. PvM bog ein in das bewachte Parkhaus, das hinter dem Landtag für die Promis reserviert ist (PvM’s Erklärung), da waren zwei Uniformierte, einer richtig mit einer Maschinenpistole unter dem Arm, wir wurden gecheckt und angeguckt und mit Listen verglichen und dann durchgewinkt, das Ganze kam mir unwirklich vor, ausgedacht, als hätten wir Nebenrollen zu spielen für einen Film, in dem es um was ganz Anderes ging, jedenfalls, Reginas silberweißes Geschoss stand schon in einer Ecke, und PvM parkte ganz unbefangen seine Klapperkiste direkt daneben.

Regina – ja, sie schien sich zu freuen, als sie mich sah, sie gab mir einen Kuss und streichelte mir die Haare, und dabei sagte sie: „Alles wird gut“ – es klang nicht so, als ob sie das wirklich glaubte.

Wir gingen zur Kathedrale hoch, zu Fuß, durch die nachtstillen Gassen, die sahen noch mehr wie die Kulisse für einen Film aus, für einen Mittelalterfilm. Krumme und winklige Häuser, uralt, Fachwerk, aber alle rausgeputzt und frisch gestrichen und glänzend und bemalt, Ladenschilder aus spiegelndem Messing, all so was, wir mussten zu Fuß gehen, die Altstadt ist in der Nacht für jeden Autoverkehr gesperrt. Für jeden. Ich blickte mich um, und da folgten uns zwei Polizisten, ebenfalls zu Fuß, andere als die in dem Wagen, der vor PvM’s Haus gestanden hatte, ich erkannte die junge Polizistin wieder, mit der ich schon mal gesprochen hatte, und ich winkte ihr zu, sie winkte zurück, aber knapp, so als wollte sie sagen, das ist eine dienstliche Sache hier, nichts Persönliches.

Ich fühlte mich also sowas von fehl am Platz. Ich bin bloß eine türkische Kopftuchmaus, im Augenblick hab ich einen Job als Haushälterin, und das Aufregendste, was ich je gleistet hab, das ist, ich hab mich ausgezogen und – ihr kennt die Geschichte.

Aber PvM und Regina nahmen mich in die Mitte, als sei ich die Kostbarkeit, um die sich alles hier dreht, ich war für den Augenblick bloß froh, dass ich nicht auch noch eine Herde von Besuchern im Schlepptau hatte, meine Fans. Regina und PvM sprachen miteinander, gedämpft, als dächten sie, dass in den verwinkelten Häusern überall Leute schliefen, die man nicht wecken dürfe, und ich war so von der Rolle, dass ich nicht verstand, was sie redeten, plötzlich begriff ich, dass ich angeredet war, Regina schob ihren Arm unter meinen und sagte: „Das ist kein schöner Anblick da unten, tut mir leid, dass du das jetzt sehen musst.“

„Ja“, sagte ich. „Warum noch mal müssen wir das jetzt sehen?“

„Wissen wir nicht“, erwiderte Regina und drückte meinen Arm. „Hindrance sagte —“

Sie nannte ihn Hindrance, nicht Balbutin.

„Hindrance sagte, und er sagte das glaubwürdig, dieses Wesen in der Wohnung dieses Burroblast, in Köln, in Deutz, das habe verlangt, geht zu dem Ort, wo man die Toten sehen kann, wie sie aufrecht in ihren Gräbern sitzen und warten, und sucht das Mädchen, das die Scharen sammelt.“

„Und dann hat die Stimme noch verlangt, bringt das Mädchen zu mir, zu —“ Ich sprach den Namen nicht aus.

„Wollte ich jetzt nicht sagen“, bestätigte Regina, mit einem unterdrückten Seufzer. „Ja. Das war die Ansage.“

Für einen Augenblick war Schweigen, wir bogen um eine Ecke, wo der vorspringende Winkel eines Schaufensters in die Straße hineinragte, in der Auslage funkelten Gold und Juwelen, und vor dem Glas lagerte ein schweres Sicherheitsgitter, und dahinter kam die Kathedrale in Sicht, ungeheuer hoch und zitternd, Raumschiff vor dem Abflug, die Maschinen schon in Betrieb, alles vibriert und summt, gleich hebt das Teil ab, und wir fliegen mit. Der Stein leuchtete in allen Farben, bunter noch als die Juwelen in dem Schaufenster, da waren überall Scheinwerfer, und all die bunten Linien jagten aufwärts, und da waren irgendwo Chöre, das war die Kathedrale selber, die sang, ich schwöre es, ich hab das gehört.

Ich brachte es noch fertig, was zu sagen, aber ich hörte mich selber beim Reden, ich machte den Mund auf, und da kam eine Stimme raus, und die Stimme sagte ganz vernünftige Dinge, das war ja das Problem, mir war überhaupt nicht vernünftig zumute, wieso sagte ich vernünftige Dinge, das war doch unvernünftig.

„Ihr nehmt das also ernst“, sagte ich.

Beide, PvM und Regina, beide holten gleichzeitig Luft und wollten beide gleichzeitig etwas sagen, ich fiel ihnen ins Wort, „nein“, sagte ich, „ich will das jetzt wissen, ihr sagt also, da ist wirklich ein Wesen zugange, das ist nicht von dieser Welt, das treibt sich hier auf der Erde herum, hat sogar einen Namen, und das Wesen stellt Forderungen, dazu gehört, dass ich, Ayse Konopski, eingefangen und vor dies Wesen gebracht werde. So?“

Regina drückte wieder meinen Arm und sagte ziemlich geschäftsmäßig: „Wir schließen das nicht aus. Die – Besucher werden mittlerweile von so vielen Leuten gesehen, dass Untersuchungen im Gange sind. Wir wollen Antworten. Das Wesen da, das dieser Burroblast beschworen hat, das – könnte wirklich da sein. Keine Halluzination. Wirklich. Fremdes Wesen. Besucher. Freundlich oder unfreundlich. Wenn das Wesen von den Toten geredet hat, und von dir, dann gibt es da möglicherweise einen Zusammenhang.“

„Einen Zusammenhang. Zwischen den Toten und mir.“

„Möglicherweise. Deshalb bringen wir dich hin. Wir wollen, dass du das siehst. Ergebnisoffen. Du gehst einfach hin und guckst dir das an.“

Das Wort „ergebnisoffen“ klang sowas von falsch unter der Kathedrale, aber es passte zu Regina, und die silberweiße alte Frau ließ sich von nichts und niemandem einschüchtern, auch nicht von der bunten Kathedrale, die stand da, summend und vibrierend in ihrer bunten Lichterflut, kurz vor dem Start, kurz vor dem Abheben.   

 (Nachricht eingegangen am 04.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 05.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)