Banshee Alte Folge 14

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 28.09.2021

Hallo Diana, nein, du bist nicht an dem schuld, was Balbutin macht. Ihr denkt zu viel darüber nach, ob ihr schuld seid. Ayse macht das auch, die fragt mich alleweil, was sie falsch gemacht hat, und ob sie daran schuld ist, dass die sich vor dem Haus versammeln. Merkwürdig. Die Frauen sagen doch sonst immer, die Männer sind schuld. Egal was ist, die Männer sind schuld. Ihr beide fragt, was haben wir falsch gemacht. Ihr habt nichts falsch gemacht. Niemand hat etwas falsch gemacht, die Dinge sind, wie sie sind.

Es ist gut, dass Balbutin Geld geschickt hat. Er sorgt sich um euch, er sorgt sich um seine Familie, so gehört sich das ja auch. Ich weiß nicht, was mit ihm ist, aber wenn er euch Geld schickt, wird er eines Tages wieder vor der Tür stehen. Vertrau da drauf, Diana. Du musst eben Geduld haben. Irgendwann wird er erklären, was los ist. Er scheint schwer unter Druck zu stehen, soweit man das aus seinen abgerissenen Sätzen überhaupt sagen kann. Was ihn so verängstigt, weiß ich nicht. Du bist es jedenfalls nicht, Diana.

Ich hab einiges loszuwerden.

An euch alle erst mal, ich bin froh, dass ihr euch gerade so gestritten habt. Ich meine, ich bin nicht froh darüber, dass ihr euch gegenseitig bescheinigt, „Scheiße“ zu reden, aber bitte. Gut ist, dass ihr mittlerweile geklärt habt, worum es geht. Ihr habt einiges schon gesagt, und darüber müssen wir jetzt reden. Ich fang mal irgendwo an.

Es geht um Dinge, mit denen die meisten Menschen nicht gut zurechtkämen. Das ist keineswegs bloß euer oder unser Problem. Es geht um die übernatürlichen Dinge. Es geht um Wesen, die in unserer täglichen Welt eigentlich nichts zu suchen haben. Oder vielleicht doch. Vielleicht sind sie ja immer da, und wir haben aus irgendeinem Grund das Pech, sie sehen zu können. Es geht also um den Einbruch des Übernatürlichen in die Täglichkeit, das ist mal mein erster Punkt. Wir haben alle unser Leben und unsere Beschäftigungen, und wir haben alle die Dinge, die uns wichtig sind. Und neben den alltäglichen Dingen, neben der alltäglichen Wirklichkeit gibt es die übernatürlichen Dinge.

Auf den ersten Blick hat das was mit Religion zu tun, aber in der Religion sind die übernatürlichen Dinge gezähmt. Wer gläubig ist und in die Kirche geht, der denkt fromm an die übernatürlichen Dinge und sagt, aber ja, die gibt es, irgendwo gibt es die – aber er bekommt die übernatürlichen Dinge nicht unter die Nase gerieben, so wie wir. Die Frommen gehen in die Kirche oder in die Moschee oder in die Synagoge, und dort sind überall die Beamten, die lesen aus den Gesetzbüchern vor und wissen ganz genau, was Sache ist. Und die Gläubigen hören fromm zu und gehen nach Hause und denken, das war’s mal wieder für diese Woche.  Und sie haben keine Ahnung, wie froh sie sein können, dass sie das Übernatürliche nicht hautnah sehen können, wie wir, dass ihnen das Übernatürliche nicht vor der Haustür sitzt und zu ihren Fenstern hochstarrt, so wie das bei uns ist. Das Heilige, das Übernatürliche, das sind nicht die gedruckten Texte oder das geweihte Wasser oder irgendwelche Heiligen Steine. Das Übernatürliche ist das, was einem plötzlich im Weg steht und nicht beiseite geht, sondern stur stehen bleibt und einem ins Gesicht starrt. Das ist, was uns passiert.

Das Übernatürliche, das ist das, was dem Heiligen Paulus widerfahren ist. Der hat auf seinem Kamel gesessen und ist nach Damaskus geritten, ihr kennt die Geschichte, und plötzlich war da ein gleißendes Licht um ihn, aus dem Nichts heraus, und eine Stimme vom Himmel herab hat ihn angeredet, und er ist vom Kamel gestürzt und war erst mal blind, so dass er bei der Hand geführt werden musste. Wem das Übernatürliche begegnet von Angesicht zu Angesicht, der ist nicht begeistert. Mit dem Übernatürlichen konfrontiert zu werden, das ist kein Spaß. Aus dem Haus zu gehen und ohne Vorwarnung plötzlich in übernatürliche Wesen hineinzulaufen, das steckt keiner so einfach weg. Das Übernatürliche ist unwillkommen, es passt nicht ins Bild, es macht Angst.

Wenn sich einem, so wie uns, das Übernatürliche in den Weg stellt, dann weiß der, und wir wissen das, das ist echt, das ist wirklich. Und es gefällt uns gar nicht. Es ist die Wahrheit, ganz offensichtlich sind diese Wesen wahr und wirklich, aber wir wissen nicht, was wir damit anfangen sollen. Sie sind fremd. Sie passen nicht in die Wirklichkeit. Das Übernatürliche ist immer fremd, wenn es in die Wirklichkeit einbricht, natürlich ist es das, deswegen heißt es ja übernatürlich. Wer glaubt, er kann das Heilige das Übernatürliche gefangen nehmen und es in ein Buch stecken und mit dem Buch in der Tasche einfach davongehen, der weiß nicht, wovon er redet. Wer dem Übernatürlichen begegnet auf der Straße, der wird überfallen, nicht anders als von einem Dieb oder Räuber. Das Übernatürliche ist das, was uns überfällt, und wir stehen da vor dem Besucher dem Heimsucher und sind ratlos. Vollkommen ratlos. In unserer Ratlosigkeit machen wir die sonderbarsten Dinge, so wie Ayse. Wir wissen nicht mehr, wie uns ist und wie uns wird.

Das ist es worum es mir geht. Wir sind überfallen von irgendeiner Wahrheit, ganz zweifellos. Die Wahrheit stellt sich uns in den Weg, und wir wissen nicht, was wir mit ihr anfangen sollen. Der Heilige Paulus hat auch nicht gewusst, was er mit der Wahrheit anfangen sollte. Auch dem Heiligen Paulus war die Wahrheit so willkommen wie ein nasser Furz. Eben noch war die Welt in bester Ordnung, und von einem Augenblick auf den anderen ist alles anders. Nichts stimmt mehr. Wie ich sagte, die Wahrheit ist das Unwillkommene, daran erkennt man sie. Die Wesen, die wir sehen, die sind uns nicht willkommen, und daran erkennen wir, dass sie wirklich sind. Nur wir sehen die. Die Begleiter des Heiligen Paulus, die haben auch nichts gesehen. Die haben das Licht vom Himmel herab nicht gesehen und haben die Stimme nicht gehört, und die Stimme sprach Worte, die hat der Heilige Paulus nie wieder vergessen. Die Begleiter haben nur gesehen, dass der dumme Kerl vom Kamel fiel, ohne jede Vorwarnung. So wie ein Dörfler, wenn er Ayse beobachtet hätte, nur ein nacktes Mädchen nachts auf der Straße gesehen hätte.

So liegen die Dinge. Die Wahrheit ist ein Überfall, und wen das Übernatürliche überfällt von Angesicht zu Angesicht, der weiß, was er sieht. Er weiß, dass er um die Sache nicht herumkommt. Er kann nicht einfach an der Sache vorbei gehen. Die Wahrheit stellt sich ihm in den Weg, und er weiß, dass er sich der Sache jetzt stellen muss. Die Wahrheit ist verbindlich, aber sie ist verbindlich erst mal für den, der sie erlebt. Wir sind keine Propheten. Wir wissen, das ist die Wirklichkeit, was wir da sehen. Aber wir wissen auch, nur wir sehen das. Wahrheit ist immer persönliche Wahrheit, und sonst nichts. Wahrheit ist nicht das, was man sich erst mühsam einreden muss. Wahrheit ist nicht das Glaubensbekenntnis, das ich in der Kirche feierlich mitmurmle. Wahrheit ist das Unwillkommene, Wahrheit ist, was sich mir in den Weg stellt, und ich komm nicht dran vorbei. Wahrheit ist das, was ich eigentlich gar nicht wissen will.

Damit ihr mich nicht falsch versteht, es hat natürlich jeder das Recht, sich einer Gemeinschaft anzuschließen und die Glaubensbekenntnisse mitzumurmeln und zu GOtt oder Allah oder zu Shakti zu beten oder zu wem sonst. Es hat aber keiner das Recht, nun von dem gesamten Rest der Welt zu fordern, ihr macht hier alle mit, sonst schlagen wir euch den Schädel ein.

Das war jetzt bloß die Einleitung zu dem, was ich sagen wollte. Ich hab einiges zu sagen, vor allem zu dem, was Diana berichtet hat. Ich hab einiges rausgefunden. Ich will jetzt eure Rückmeldung, zu dem, was ich bis jetzt geschrieben hab.

Kommentare, bitte.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 29.09.2021

Wow, PvM, das war eine geballte Ladung. Natürlich, das ist es. Du hast es getroffen. Aber besser fühl ich mich jetzt trotzdem nicht. Man sollte meinen, wenn einer die Dinge mal ausspricht, wie sie sind, ist alles – vielleicht nicht gut, aber besser. Mir ist so elend, dass ich heulen möchte. Also. Das sind übernatürliche Wesen da draußen. Haben wir ja die ganze Zeit gewusst. Die sind da, und kommen und gehen, wie sie wollen, und den meisten Menschen sind sie unsichtbar. Wir, wir können die sehen. Und die sind zum Fürchten. Diese langen Glieder, und die bleichen Gesichter! Und die starren Blicke! Scheiß drauf, wozu drumrum reden, wir haben doch alle an Vampire gedacht, als wir die zum ersten Mal gesehen haben. Okay, bisher haben sie noch keinen von uns gebissen, nicht einmal Ayse haben sie angeknabbert, obwohl die ihnen ja nun wirklich die Gelegenheit gegeben hat. Übernatürliche Wesen. Hilfe. Ich will das nicht. In Gruselgeschichten ist das romantisch. Da zieht das Schlossgespenst kettenrasselnd durch die Korridore. Aber in der Wirklichkeit ist das beschissen. Ich – ich hab so ein Gefühl wie ein Kind, das die Erwachsenen allein gelassen haben. Oder das hat fort müssen. Weg von dem Ort, wo es zu Hause war. Das ist es. Ich fühl mich auf einmal nicht mehr zuhause in der Welt. Wenn das hier so ist, dass da draußen nicht nur die Menschen und die Tiere unterwegs sind, sondern auch übernatürliche Wesen, was für eine Heimat soll das dann noch sein, die Welt? Wir sind dann hier bloß noch Bewohner neben anderen. Sowas ist im Kino aufregend, aber nicht in der Wirklichkeit. Wie soll ich mich denn verhalten zu diesen Wesen? Ich versteh die doch überhaupt nicht! Die reden nicht mit uns, die sind einfach da und schauen uns an. Was sollen wir mit denen anfangen?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 29.09.2021

Und wenn wir einfach so tun, als wär das nichts Besonderes? Wir könnten doch einfach so tun, als ginge uns das alles nichts an. Die sind eben da, na und? Noch ein paar Bewohner mehr auf dem Buckel der alten Erde, die trägt uns, warum nicht auch die.

Nachricht von Ayse Konopsiki, vom 30.09.2021

Ihr überseht den wesentlichen Punkt. PvM hat das doch gesagt. He, PvM, tut mir leid, dass ich das schlimme Wort gebraucht hab, noch dazu gegen Peter, sorry sorry sorry. Mir geht eben leicht der Deckel hoch. Also. PvM hat es gesagt, unsere Besucher, die sind nicht einfach da, die stellen sich uns in den Weg. Die sind da, und wir müssen sie zur Kenntnis nehmen. Wir müssen uns der Sache stellen. Klar können wir so tun, als wär nichts. Aber wenn wir das machen, dann tun wir eben bloß so. Das wär nicht echt. Und darum geht es, denn die sind echt. Die stellen einen Anspruch an uns. Der Heilige Paulus, von dem PvM geredet hat, der hat ja auch nicht einfach so getan, als wär nichts, als ihn die Stimme vom Himmel herab gerufen hat. Der ist ja auch nicht einfach davongegangen und hat sich einen gepfiffen dabei. Die sind, wie soll ich sagen, die sind eine wandelnde Aufforderung. Oder Herausforderung, das wär vielleicht das bessere Wort. Wir wären die letzten Versager, wenn wir so täten, als wär nichts. Richtige Schwächlinge. Das mindeste, was wir tun können, ich meine, was wir tun müssen, das ist doch, wir müssen rauskriegen, was mit denen ist. Was die wollen. Und die wollen was von uns, guckt doch hin, die versammeln sich hier unter meinem Fenster und gucken zu mir hoch! Die wollen was! Und der arme Balbutin ist irgendwo auf der Flucht wegen denen! Nein, wir müssen uns der Sache stellen, da wartet was auf uns.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 30.09.2021

Das ist ja, was mit solche Angst macht. Da wartet was auf uns. Wir sollen also was rauskriegen, was rausfinden. Und wenn uns das gelingt, was dann? Wie gehts dann weiter?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 30.09.2021

Eins nach dem anderen, würd ich sagen. Immer ein Schritt nach dem anderen. Ich glaub, irgendwie ist das sogar einfach. Wir müssen abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Es wird immer was passieren, und wenn was passiert, müssen wir darauf reagieren, und dann passiert wieder was, und irgendwann kriegt die Sache Gestalt. Vielleicht müssen wir einfach bloß Vertrauen haben. Die Geschichte wird sich entwickeln, wie sie will, nicht wie wir wollen. Wir müssen uns einfach bloß drauf einlassen. Wir werden das schon mitkriegen, was passiert.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 01.10.2021

Bin froh, dass Ayse das gesagt hat. Abwarten ist manchmal das Beste. Ich weiß, da bin ich die Rechte, sowas zu sagen, mit meiner Ungeduld. Für mich zählt, dass Balbutin seine Familie nicht vergessen hat. PvM hat gesagt, er hat einiges rausgekriegt. Ich will das jetzt wissen.

Nachricht von Peter Flamm, vom 01.10.2021

Dass Amy endlich mal das Ding mit den Vampiren angesprochen hat, das hat mir gefallen. Wir haben da doch alle drumrum gedruckst, genauso, wie wir alle immer wieder darauf angespielt haben, dass die schönen Frauen von denen aussehen wie Diana, oder Diana wie die, aber in kahlen Worten gesagt haben wir das nie. Wir hätten das aber ansprechen müssen, und dann wär Diana vielleicht früher mit ihrer Geschichte rübergekommen. Ja, die erinnern an Vampire, nämlich so, wie Vampire in den alten Schwarz-Weiß-Filmen gezeigt werden. In der Wirklichkeit gesehen hab ich ja noch keinen. Klar wirken die wie riesige Fledermäuse, wenn sie auf den Dächern abhängen, und keiner kann sagen, wie sind die überhaupt da hoch gekommen? Klar hat in der Nacht jeder von uns Angst, dass eines von den bleichen Gesichtern plötzlich zum Fenster hereinstarrt. Und diese endlos langen Finger, wie Spinnenbeine! PvM hat knapp und deutlich gesagt, was uns allen sowieso klar ist. Das sind übernatürliche Wesen. Was immer das heißt. Wir benutzen das Wort, übernatürlich, ohne wirklich zu wissen, was es bedeuten soll. Aber das machen wir ja mit vielen Wörtern. Jedenfalls sind unsere Besucher nicht von dieser Welt, jedenfalls nicht, wenn wir „diese Welt“ als unsere gewöhnliche Alltagswelt definieren. Oder sie sind doch von dieser Welt, dann ist aber diese Welt nicht das, was wir denken. Übernatürliche Wesen, das sind Vampire auch. Amy hat recht, im Gruselfilm ist das romantisch. Nicht in der Wirklichkeit. Balbutin hat ja behauptet, sie wären bei ihm in der Wohnung gewesen. Kein behaglicher Gedanke. Also, PvM, dein Punkt ist, die sind unsere ganz persönliche Konfrontation mit dem Übernatürlichen, und wir müssen uns damit abfinden, dass das Übernatürliche wirklich ist. Und wie weiter jetzt? Ach so, halt, Ayse noch. Ayse, du musst dich nicht entschuldigen. Nichts passiert. Uns rutschen allen mal schnelle Worte raus. Immer weiter.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 02.10.2021

Hallo Peter, das hast du richtig gesagt, unsere ganz persönliche Konfrontation mit dem Übernatürlichen. Könnte ja sein, dass sich das Übernatürliche jedem Einzelnen von uns anders zeigt. Jeder von uns sieht diese Wesen irgendwie anders, aber was uns in dieser Gruppe gemeinsam ist, das ist, dass wir die überhaupt sehen können, und der Rest der Menschheit offenbar nicht. Oder vielleicht doch, aber jedenfalls erfahren wir nichts davon. Die meisten Menschen wissen von übernatürlichen Dingen wohl nur aus dem Fernsehen, aus der Gruselserie. Und die wenigen, die noch in die Kirche oder in die Moschee gehen – die sind bei den Muslimen auch nicht viel häufiger als bei den Christen, egal, was die Apparatschiks behaupten – , die hören aus Gewohnheit zu, wenn vom Jenseits die Rede ist, und denken sich nicht viel dabei. Wir haben das Pech, und ein Vergnügen ist das wirklich nicht, dass sich das Übernatürliche unmittelbar von unserer Haustür gemeldet hat. Und noch nicht einmal besonders spektakulär. Das ist nicht Gott persönlich, der da plötzlich vor unserer Tür steht und die Gesetzestafeln hebt. Das sind irgendwelche Streuner des Jenseits, die da bei uns anklopfen, irgendwelche Outcasts, die offenbar selber nicht wissen, wo sie hingehören. Aber Boten des Jenseits sind sie dennoch, einfach dadurch, dass sie da sind. Sie bezeugen durch ihre bloße Anwesenheit, da ist was. Und das gefällt uns gar nicht. Da sind wir aber nicht die einzigen. Es hat den Menschen noch nie gefallen, wenn das Übernatürliche plötzlich bei ihnen an die Tür geklopft hat. Kann schon sein, dass immer mal wieder einer seufzt, wenn doch ein Engel Gottes käme! Aber wenn das dann wirklich passiert, wenn es wirklich an der Tür klopft und ein Engel steht draußen, da ist erst mal Heulen und Zähneklappern. Wer unversehens vor einem übernatürlichen Wesen steht und entdeckt, das ist kein Scherzkeks, das ist echt, das ist jetzt bitterer Ernst, dem schlottern erst mal die Knie. Erinnert ihr euch an die Weihnachtsgeschichte? Da erscheint der Engel den Hirten auf dem Felde. Und was sind die ersten Worte, die der Engel spricht? Fürchtet euch nicht! Das ist das Allererste, was er sagt, und das mit gutem Grund. Dass sie sich fürchten, das ist es nämlich, was den Menschen passiert, wenn sie dem Übernatürlichen begegnen. Die fürchten sich, die fürchten sich sehr, die machen sich in die Hosen. Die fühlen, da kommt was auf sie zu, mit dem werden sie nicht fertig, das schmeißt alle ihre Vorstellungen über den Haufen. Das bringt mich zu Ayse. Ayse sagt, diese ganze Sache ist unsere Aufgabe. Ja, wir müssen uns dieser Aufgabe offenbar stellen. Aber darum gebeten haben wir nicht. Oder haben wir danach gefragt? Keiner von uns hat danach gefragt. Wenn bei den alten Juden GOtt sich einen ausgesucht hat als seinen Propheten und hat zu dem gesprochen und hat gesagt, jetzt geh du in die Stadt und verkünde mich, dann hat der erst mal nicht getan, wie er von GOtt geheißen wurde, sondern hat die Beine in die Hand genommen und ist in die Wüste geflohen und hat sich gesagt, hier findet mich der Alte nie. Ich geh doch nicht in die Stadt und stell mich auf den Marktplatz und rede von GOtt und mach mich lächerlich! GOtt hat ihn natürlich trotzdem gefunden, und also musste er es tun, musste in die Stadt gehen und sich auf den Marktplatz stellen und rufen, hört alle her, ich habe euch was zu sagen, GOtt hat zu mir gesprochen. Und dann haben die sich alle erst mal kringelig gelacht über den, und dem war sowas von klar, dass das passieren würde, deshalb war er ja abgehauen.

Und viel besser ergeht es uns auch nicht. Wir können nicht einfach rausgehen auf die Straße und sagen, hört mal her, Leute, wir sehen da was, was ihr nicht seht. Wenn wir das machen, kommen die in den weißen Kitteln. Wir legen aber Wert auf unsere Freiheit, und zu unserer Freiheit gehört auch, dass nicht plötzlich irgendwelche Behördenclowns vor uns stehen und uns dringende Fragen stellen.

Eine Bemerkung zum Thema Gemeinsamkeit will ich noch loswerden, damit hab ich ja angefangen, ich hab gesagt, wir paar Leute sehen etwas, was der Rest der Menschheit offenbar nicht sieht, das ist unsere Gemeinsamkeit. Ich hab es sonst nicht so mit der Gemeinsamkeit. Ich bin gern allein und entscheide die Dinge für mich selber. Aber hier ist etwas, das kann ich nicht einfach ignorieren. Eine Wirklichkeit, die steht mir genauso im Weg wie unsere Besucher, steht mir im Weg und starrt mich an. Wir paar Leute haben etwas gemeinsam, wir gegen den Rest der Welt. Ich hab etwas mit euch gemeinsam, und ihr mit mir. Wir müssen rauskriegen, was das ist, denn einfach bloß zu sagen, wir können die halt sehen, und damit ist gut, das genügt nicht. Irgendetwas haben wir paar Leute gemeinsam. Wir sind zusammengekommen in diesem kleinen Verlag, den Peter gegründet hat, und wir sind zusammengekommen, bevor diese Besucher aufgetaucht sind.

Alles soweit klar bis jetzt? Ich will jetzt unbedingt über Diana reden, und ob das vielleicht stimmen könnte, dass sie die herbeigerufen hat. Ich hab immerhin ein bisschen was herausgekriegt.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 03.10.2021

Jetzt aber halt mal. Sorry, PvM, aber das kann ich so nicht stehen lassen. Du sagst, wir haben was gemeinsam. Wir arbeiten alle an diesem kleinen Verlag mit. Und wir können alle unsere düsteren Freunde sehen, die sonst der ganze Rest der Welt nicht sieht. Das haben wir gemeinsam. Und wir sind zusammengekommen, BEVOR unsere Freunde aufgetaucht sind und wir festgestellt haben, nur wir können die sehen. Also war das kein Zufall, dass wir zusammengekommen sind? Wir haben uns ja nicht kennengelernt, indem einer von uns eine Selbsthilfegruppe aufgemacht hat und gerufen, Hilfe, ich seh da diese gruseligen Wesen, und niemand sonst sieht die, ist noch jemand wie ich da draußen? Na ja, wenn einer von uns das gemacht hätte, dann hätte diese Gruppe jetzt ein paar tausend follower, die sich alle einen Ast lachen, und die lachen, die wären noch nicht einmal das Problem, sondern die, die in vollem Ernst mitmachen und glauben, sie sehen auch was, was alle anderen nicht sehen. Genau so war es aber bei uns nicht. Wir waren schon vorher in einer Gruppe zusammen, aus ganz anderen Gründen. Mitarbeit in einem kleinen Literaturverlag! Was hat das mit unserer Heimsuchung zu tun? Müssen wir annehmen, unseren Besuchern geht es um den Verlag? Sind das vielleicht alles arme Tote, die die neuesten Werke von PvM gern lesen würden und das jetzt nicht mehr können?

Okay, nicht witzig. Also auf Anfang.

Wir sind also zusammengekommen, und es stellt sich raus, wir haben alle diese blöde Gemeinsamkeit, wir können die sehen. Sollen wir uns darüber jetzt freuen? Das würde ja bedeuten, wir tun Dinge, wie zum Beispiel, an diesem Verlag mitarbeiten, und tun die in Wahrheit aus Gründen, von denen wissen wir gar nichts, aus Gründen, die stellen sich erst hinterher raus. Nochmal, soll uns das vielleicht froh machen? Sollen wir da jetzt jauchzen? Sollen wir anfangen zu tanzen und zu jubeln, da ist also eine geheimnisvolle Führung in dem, was wir tun? Ja, sorry, aber hab ich vielleicht darum gebeten, geführt zu werden? Hab ich vielleicht einen Ring in der Nase, und eine unsichtbare Macht führt mich an dem Ring? Hat mich die unsichtbare Macht an dem Ring in den Verlag hineingeführt, weil vorherbestimmt ist, dass ich die Finsteren sehen kann, wenn sie auftauchen? Nein, ich glaub nicht, dass mir das gefällt. Ich treff meine Entscheidungen gern selber, und ich weiß, wo das endet, wenn andere das für mich tun wollen. Wenn wir alle am unsichtbaren Nasenring geführt werden, dann heißt das, alles passiert, wie es passiert, und wir haben keinerlei Einfluss darauf. Das Schicksal lenkt unsere Schritte! Oder Gott? Ja, danke! Der alte Halunke! Steckt angeblich hinter allem! Und was nützt uns das? Weise Voraussicht! Wohltätige Lenkung! Sind wir vielleicht kleine Kinder, die bei der Hand genommen werden müssen? Ich bin aber kein kleines Kind, ich bin erwachsen, und ich bin, was ich bin, nämlich eine Powerlesbe, ich bin aufsässig, jawohl, und ich mach mein eigenes Ding. So!

(Nachrichten vom 28.09. bis 03.10.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 05.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)