Banshee Neue Folge 13

Nachricht von Ayse Konopski

Ich wünschte, PvM würde mich auch mal fahren lassen. Dann könnte er auf dem Beifahrersitz seinen Gedanken nachhängen, das ist ja, was er am liebsten macht. Okay, ich hab ihn noch nie gefragt, ob er mich mal fahren lässt. Muss man auch sagen.

Als ich mich umguckte, hab ich das Haus gesehen, und die Besucher waren über dem Haus, wie ein Schwarm aufgeschreckter Vögel, sprangen hin und her, vom Dach auf die Nachbardächer, in die Baumkronen hinein, sogar auf die Straßenlaternen. Ich habe sie noch nie so gesehen, und das Haus auch nicht, überall Raben oder Dohlen, schwarze Flügel.

Sie kamen aber nicht hinter uns her. Die wissen, dass wir wiederkommen, dachte ich. Oder dass ich wiederkomme, darum geht es denen ja, wenn ich auch keine Ahnung hab warum.

Wer tatsächlich hinter uns herkam, das waren die Bullen. Sorry, die Polizisten in ihrem Streifenwagen, rotes Glühen auf dem Dach. So fuhren wir im Konvoi durch die stillen Straßen, es war niemand unterwegs. Und ich wünschte, die Fahrt würde ewig dauern, ich war nicht scharf darauf anzukommen, schon gar nicht zu sehen, was mich dort erwartete.

Ich kann immer noch sagen, ich will nicht, dachte ich. Aber bin ich in einer Position, bockig zu sein? Ich muss unbedingt sein, dachte ich, was ich schon immer sein wollte, Ayse, gutes Kind.

Ich setzte mich zurecht und schaute an mir runter und hoffte, ich sei angemessen angezogen. Blöder Gedanke. Sollte andere Sorgen haben. Und überhaupt, da ist niemand, dem ich gefallen müsste.

Ich war noch niemals um diese Zeit in der Stadt gewesen. Keine Fußgänger, keine Autos. Es war ja auch mitten in der Woche. PvM sagt, an den Wochenenden im Sommer ist in der Stadt Betrieb bis zum Morgen, da wird nicht geschlafen, da wird in den Straßencafés gesessen und durch die Altstadt geschlendert, und selbst die Geschäfte haben auf, die ganze Nacht. Beste Zeit für die Antiquare nahe der Kathedrale, da kommen die Touris rein.

Ich dachte, ich möcht auch gern an was bauen. Ein Geschäft aufmachen, vielleicht? Familie haben, basteln und gründen. Wann fängt eigentlich für mich das Leben an? Oder hab ich den Zeitpunkt schon verpasst? Ach was, es ist nie zu spät. Diana hat auch wilde Sachen getrieben, bevor sie ihren Balbutin domptiert und das Familienunternehmen aufgemacht hat, und jetzt ist sie schon willkommenes Mitglied in der Jüdischen Gemeinde, sie hat ihren Mann wieder, und alles geht voran. Was geht bei mir voran? Ich muss aufpassen. Nie wieder in die Klapse. Nie wieder denen in die Fänge geraten. Und irgendwann schaff ich es auch, und mir sind keine bewaffneten Polizisten im Genick, um auf mich aufzupassen, das muss ich jetzt als nächstes schaffen, dann sind wir alle einen Schritt weiter.

Immerhin bin ich Haushälterin bei PvM, das ist doch schon ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn ich seine Haushälterin bin und er mich dafür bezahlt, dann könnte ich ihn doch auch fahren? Das könnte doch auch zu meinen Aufgaben gehören?

So dachte ich im Gelände herum, während wir durch die stille Stadt fuhren, und die Kathedrale sah man von überall her. Bunt beleuchtet, sieht ein bisschen aus wie schimmerndes Metall, nicht wie Stein. Die vielen Türme und Spitzen, wie Rohre und Leitungen, alles glitzernd und blendend in der Nacht. Attraktiv, wie alles in Weldbrüggen. Die Kathedrale könnte ein Raumschiff sein, vor lauter Aufregung blinkend und funkelnd und signalisierend, auf dem Sprung, es geht hinaus in unbekannte Räume. Als Kind war ich so aufgeregt, wenn es mal ans Verreisen ging. So aufgeregt sieht die Kathedrale aus, in der Nacht. Es geht los, sagt die Kathedrale, gleich geht es los, ich bin ja so aufgeregt. War alles nur Vorbereitung, aber jetzt geht es wirklich los, das wirkliche Leben. Leben voraus.

Ganz ruhig, sagte die Stimme von PvM, und dann sagte sie es nochmal, bis ich endlich hörte. Ich merkte, ich hatte die Hände im Schoß gefaltet, und so fest, dass die Knöchel weiß wurden. PvM hatte das gemerkt. Das waren nicht nur meine Hände. Ich saß so angespannt, dass ich starr war wie ein Brett. PvM fuhr an den Straßenrand und hielt, und irgendwie, ich schaute mich nicht um, aber irgendwie fühlte ich, die Polizisten hinter uns hielten auch an.

Du musst das nicht tun, sagte PvM. Wenn du nicht willst, kehren wir um und fahren wieder nach Hause.

Ich kam zu mir, ich schüttelte den Kopf. Mir geht es gut, sagte ich, nur weiter, ich bin ein bisschen aufgeregt, aber es geht schon, wir ziehen das jetzt durch.

Er sah mich an, er glaubte mir nicht, aber dann fuhr er doch wieder los.

Und plötzlich merkte ich, dass ich Angst hatte. Ich glaube, ich hab noch nie in meinem Leben solche Angst gehabt. Vor mir war ein riesiges Tor, da sollte ich durch, und ich wusste doch nicht, was war hinter dem Tor, was wartete dort auf mich, ich konnte nichts sehen, da war alles schwarz.

(Nachricht eingegangen am 03.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 04.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)