Banshee Neue Folge 12

Nachricht von Ayse Konopski

Es wurde zwei Uhr. Schnell. Jemand muss am Uhrzeiger gerückt haben. Einmal war PvM draußen auf der Straße und hat mit den Polizisten gesprochen, wohl um ihnen zu sagen, was wir vorhatten, dann kam er zurück, und wir haben noch eine Runde gespielt, ich hab wieder gewonnen, was für eine Überraschung. Die Katzen hatten sich irgendwo in die Gärten hinter dem Haus verabschiedet. Ich hab rausgekriegt, sie treiben sich gern auf der Wiese herum, wo die Gänse leben. Die PF aufgescheucht hat, als er in der Nacht auf Balbutin lauerte. Manchmal schlafen sie zwischen den Gänsen, die Katzen, mein ich, das hat mir der Besitzer erzählt. Die Gänse sind nicht begeistert über die Gesellschaft, trauen sich aber nicht zu protestieren. Das ist merkwürdig. Die großen schweren Vögel haben Angst vor den Katzen.

Ich hab eine Jeans und ein weißes T-Shirt angezogen, beides frisch gebügelt. Ich hab PvM gefragt, ob ich besser was Dunkles trage, und er sagte, nein, da gäbe es keine Kleidervorschriften.

Aber Vorschriften gibt’s da schon, wenn auch ungeschriebene, das hab ich dann gemerkt. Vorschriften, an die haltet ihr euch ganz von selbst, das könnt ihr mir glauben.

Ich hab mir meine beste Jacke übergehängt, und dann konnte es losgehen.

Draußen war Unruhe unter den Besuchern. Sie schwärmten umeinander wie wilde Vögel, es war fast wie ein Starentanz. Und ich war der Mittelpunkt, sie kreiselten, kamen näher, zogen sich wieder zurück, und zuweilen kamen sie mir so nahe, dass ich zurückschreckte, sie sahen mit dicht ins Gesicht, so dicht, wie das manchmal Kurzsichtige tun. PvM schaute irritiert, und auf meinen fragenden Blick bemerkte er, das haben sie mit Diana gemacht, der sind sie auch so dicht auf den Leib gerückt, als wollten sie an ihr riechen.

Zu denken, dass das vielleicht öfter passiert! Dass da draußen Menschen rumlaufen, die haben keine Ahnung, und sind umringt von denen, ganz dicht kommen die, gucken denen ins Gesicht, und die merken nichts, weil sie die nicht sehen, haben einen ganzen Schwarm von denen um sich rum, und wissen nichts davon.

Wie lang geht das schon? Seit die Erde steht?

Möchte wissen, warum die so unruhig sind, murmelte PvM, während er das Garagentor hob. Weil wir so spät aus dem Haus gehen? Oder hoffen die, dass du wieder mit ihnen kommst?

Es gab da noch diese andere Möglichkeit, die leider viel wahrscheinlicher ist. Die wussten, wohin wir unterwegs waren, und dass es was mit ihnen zu tun hatte. Sie hatten ja auch gewusst, dass ich hier war, nachdem PvM mich aus dem Dorf fortgeholt hatte. Sie waren uns nicht gefolgt, und dennoch tauchten sie dann hier auf. Sie wissen, was wir vorhaben. Sehen sie etwas? Sehen sie vielleicht sogar, was passieren wird, ohne dass sie eingreifen können?

Und dann sah ich einen von ihnen in höchster Eile senkrecht an der Hauswand hochklettern, eigentlich schwebte er eher, schnell wie eine Spinne an ihrem Faden, dünne schwarze Glieder, die hangelten und hasteten. PvM sah es gleichzeitig mit mir, und wir standen und sahen der düsteren Gestalt nach, wie sie sich über uns auf die Dachrinne setzte, die Beine hängend. Als ich mich umdrehte, ich weiß auch nicht warum, vielleicht um nach den Polizisten zu sehen, standen zwei von der Frauen so dicht hinter mir, dass ich zusammenfuhr. Wieder dachte ich, Diana müsse da irgendwo sein, unter ihnen. Mir wurde ein bisschen schlecht, und dann sprang vom Nachbardach her einer herüber in den Baum in PvM’s Vorgarten, flog dort ein wie eine Fledermaus, hielt sich weit greifend fest, bevor er sich zurechtsetzte, ganz nach der Art eines Vogels, er schüttelte sich sogar ein bisschen, wie eine Amsel, die ihr Gefieder ordnet.

Das wird jetzt schräg, bemerkte PvM, und ich sah, dass er kurz überlegte, ob er den Polizisten sagen sollte, sie sollten besonders die Augen offenhalten, aber welche Begründung sollte er geben? Die sahen die Besucher nicht.

Warum sind die so aufgeregt, überlegte ich. Wollen die nicht, dass ich aus dem Haus gehe?

Und plötzlich ging das los, dass die von Dach zu Dach hüpften, in weiten fließenden Sprüngen, und von den Dächern in die Baumkronen hinein, wie nervöse Vögel, immer hin und her, und sie sprangen in Bögen, nicht besonders eilig, und wie sie das machten, konnte ich nicht sehen, da war kein Geflatter oder Geflügel, sie tanzten einfach durch die Luft, warum machen die das, dachte ich wieder, die haben doch gar keine Körper, warum passen die sich dann an an die Dinge?

Mir fiel ein, was Balbutin gesagt hatte, die sind gar nicht wirklich hier, was wir sehen, das sind Fenster, Fenster in der Form von Gestalten, und durch diese Fenster blicken sie herein in unsere Welt. Dieses Hüpfen und Fliegen, dieses Hin und Her, das könnte dann den Sinn haben, immer wieder eine neue Perspektive zu gewinnen. Aber was gab es zu sehen? Es war zwei Uhr in der Nacht, und PvM und ich verließen das Haus.

„Wir werden zu früh sein“, sagte PvM. „Im schlimmsten Fall müssen wir ein bisschen warten, nur zu spät kommen dürfen wir nicht.“

Irgendwie war es, als führen wir zu einer Audienz, als würden wir vorgelassen zu einem feierlich hohen Wesen, zu dem nur ausgewählte Sterbliche Zutritt haben.

(Nachricht eingegangen am 02.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 03.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)