Banshee Neue Folge 11

Nachricht von Ayse Konopski

Es ist nicht zu sagen, in was für einen Zustand ich geriet. Die Serie flimmerte auf dem Bildschirm, ich guckte gar nicht hin, oder doch, ich guckte schon hin, aber ich verstand nicht, was geschah, was geredet wurde. Ich hatte die Sprache auf Englisch eingestellt, will mich ja schließlich weiterbilden, und die fremden Laute plätscherten durch die Küche wie eine seltsame Musik, nach der niemand fragte und die trotzdem glücklich vor sich hin spielte, unbekümmert darum, ob ihr jemand zuhörte oder nicht.

Die beiden Katzen saßen oben auf dem Kühlschrank, ganz oben, unter der Zimmerdecke, und spähten mit halb geschlossenen Augen auf mich herab.

Ich wusste nicht, was mich erwartete unter der Kathedrale. Ich weiß natürlich, was PvM in „Das Leben in unserem Tal“ geschrieben hat. Aber was hatte das mit mir zu tun? PvM wusste es auch nicht. Wir wollen einfach, dass du das siehst, sagte er. Vielleicht fällt dir irgendetwas ein, was uns weiterhilft.

Er hatte das gesagt, bevor er wieder hinübergegangen war in sein Arbeitszimmer, vorher hatte er mich noch einmal ermahnt, doch ein bisschen zu schlafen.

„Wieso mitten in der Nacht?“ fragte ich.

„Die Gedenkstätte hat nur begrenzten Zutritt“, sagte er. „Voranmeldung auf Jahre hinaus. Da der Andrang groß ist, haben die zuweilen rund um die Uhr geöffnet, und wenn besondere Besucher dazwischen gequetscht werden, müssen die eben die Uhrzeit nehmen, die ihnen gegeben wird.“

So. Ich bügelte die Klamotten fertig, die noch auf dem Haufen lagen, dann kam mir der idiotische Gedanke, was soll ich eigentlich anziehen? Kein Problem, sagte ich mir, ich bin doch sowieso die, die nie was anhat.

Das fand ich so komisch, dass ich erst einmal lachte, bis ich keine Luft mehr bekam, und die Katzen sahen mir zu, und die fremden Laute aus der Glotze plätscherten, und ich mahnte mich, Ayse, du verlierst den Verstand.

Also räumte ich das Bügelbrett zusammen und stellte das noch heiße Eisen auf die Fensterbank, und dann ging ich hinaus, vor die Haustür.

Überall saßen und standen sie und blickten mir entgegen, dichtgedrängte Herde, über mir auch, in den Bäumen, auf den Dächern. Und auf der Straße stand der Polizeiwagen, rot glühend das Signallicht auf dem Dach. Abschreckung.

„Ich soll was sehen, was vielleicht Auskunft gibt über euch“, murmelte ich gegen die Besucher, und sie sahen mich an, aus ihren weit offenen, todtraurigen Augen.

Die Hoffnung war ja wohl noch eine andere. Die Hoffnung war, ich möchte was rausfinden, warum dieses Ding, dieses Ding da in der Stube von dem Burroblast, so dringend nach dem Ort suchte, „wo man die Toten sehen kann, wie sie aufrecht in ihrem Grab sitzen und warten.“ Und warum der nicht von selber den Ort fand.

Die Besucher hatten mich doch auch von selber gefunden. Nun ja, ich leuchte ja auch im Dunkeln. Das haben jetzt nacheinander PvM, Regina und Balbutin bezeugt. Die haben das gesehen. Nacktes Mädchen, das im Dunkeln so leuchtet, dass sich das Licht der Straßenlaternen verbiegt.

Ich will das nicht, dachte ich. Ich will doch bloß ein ganz normales Leben.

Ich ging wieder zurück ins Haus, und da saß PvM am Küchentisch.

Der gute Alte. Er hatte nach mir geguckt, war mir aber nicht bis vor die Haustür gefolgt, sondern hatte sich in die Küche gesetzt, um dort auf mich zu warten. Ich soll nicht das Gefühl haben, es würde auf mich aufgepasst.

„Das wird heute Nacht nichts mehr mit Schlafen“, sagte er. „Spielen wir eine Runde?“

So saßen wir am Küchentisch und spielten Russische Bank gegeneinander. PvM ist gut darin, ich bin besser. Ich glaube aber, manchmal lässt er mich absichtlich gewinnen.

(Nachricht eingegangen am 01.05.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 02.05.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)