Banshee Alte Folge 11

Nachricht von Diana Hindrance, vom 09.09.2021

Ich muss euch jetzt was sagen. Ich weiß ja, dass ihr mich hasst. Oder vielleicht lacht ihr auch über mich, jetzt, wo das mit den alten Fotos rausgekommen ist. Danke, Sandra. Aber Balbutin kommt nicht nach Hause. Ich komm bald um vor Angst. Vielleicht lernt er irgendwo eine andere kennen und lässt mich allein? Aber er würde doch die Kinder nicht verlassen, nicht einmal, wenn er mich nicht mehr erträgt.

Ich muss euch was sagen. Eigentlich wärt ihr die letzten, denen ich was sagen will. Aber Balbutin ist nicht mehr da, dem müsste ich das jetzt eigentlich sagen.

Hallo Balbutin, du bist nicht da. Ich brauch dich so sehr. Hörst du? Du bist nicht da, und deshalb muss ich jetzt deinen Freunden sagen, was ich eigentlich dir sagen müsste.

Also. Es geht um Weldbrüggen.

Seltsam, nicht? Ich hab gelesen, was ihr hier schreibt, und dann hat PvM angefangen, von Weldbrüggen zu reden. Was hab ich damit zu tun?

Es stimmt, was PvM schreibt. In Weldbrüggen haben sie nicht mitgemacht. Das war eine Ecke von Deutschland, die hat einfach nicht mitgemacht.

Ich komme aus der Gegend von Fürth, aus einem kleinen Ort namens Zirndorf, meine Familie, das waren alles kleine Händler gewesen, haben sogar mit alten Kleidern gehandelt. Wir waren Juden. Jawohl, die ganze Sippe. Ich bin Jüdin.

Lange vor meiner Geburt kamen die Nazis. Wollten uns ans Leben. Ihr wisst das ja alles hoffentlich. Wollten meine Leute umbringen, einfach bloß, weil die Juden waren. Umbringen! Versteht ihr?

Meine Familie, die hatten Verwandte in Weldbrüggen, das heißt vielmehr, auf dem Dorf, ein paar Kilometer den Weld flussauf, dorthin haben sie sich verzogen. Muss richtig eine große Sache gewesen sein, sie sind bei Nacht und Nebel abgehauen aus Zirndorf, haben alle Spuren verwischt.

Noch mal, es stimmt, was PvM schreibt, in Weldbrüggen haben sie bei den Nazis nicht mitgemacht. Die Familie kam an auf dem Dorf, bei den Verwandten, die Dörfler haben alle gewusst, die sind Juden, sie haben nach außen die Mauer gemacht, haben gesagt, die kennen wir, die haben schon immer hier gelebt. Alle aus meiner Familie haben überlebt.

Ich selber bin natürlich erst lange nachher geboren. Nach dem Krieg ist die Familie wieder nach Zirndorf zurück, hat versucht, ihr Eigentum wiederzubekommen. Da waren ein paar schäbige kleine Häuser und so. Die Deutschen haben getan was sie konnten, um meinen Leuten das Leben schwer zu machen. Alle Rückgabe verweigert, obwohl es wirklich nicht um große Werte ging. Manche von meinen Verwandten sind dann ausgewandert, meine Großeltern sind geblieben, meine Mutter auch, und die hat wieder einen Juden geheiratet, der kam aus Russland zugewandert, und dann kam ich zur Welt.

So. Jetzt wisst ihr den Hintergrund. Ich selber, ich weiß noch nicht einmal, warum ich das so verschwiegen habe. Nicht einmal Balbutin weiß, dass ich Jüdin bin, oder war. Als wir geheiratet haben, bin ich katholisch geworden, weil ihm das so wichtig war, und ich hab einfach gesagt, ich wär konfessionslos.

Verdammt, das war immer diese blöde Schweigerei in meiner Familie! Immer hab ich das zu hören bekommen! Kind, red nicht drüber, dass wir Juden sind. Je weniger Leute das wissen, umso besser. Man weiß nicht, was für Zeiten wieder kommen.

Die Jahre auf dem Dorf, dort bei Weldbrüggen, die haben das zementiert. Nicht reden! Wer nicht redet, kann sich auch nicht verplappern.

Ich erzähl das bloß, damit ihr versteht, worum es geht. Nein, es geht noch um was anderes. Es geht um diese Gestalten, die ihr seht.

Ich weiß da was drüber.

Ich muss euch das sagen, und ich weiß nicht, wo anfangen. Ich brauch grad mal eine Pause, um zu Atem zu kommen. Ich schreib wieder, versprochen.

Balbutin, das tut mir alles unendlich leid. Aber du bist nicht da, und irgendwo muss ich das loswerden.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 10.09.2021

Mir ist grad die Luft weggeblieben. Diana, bist du noch da? Red doch weiter! Wir lesen, was du schreibst! Ich weiß, was ich schon alles geschrieben hab über dich. Aber ich hab das doch gar nicht so gemeint, wirklich nicht, bitte sag uns, was du weißt. Was sind das für Geschichten. Was ist das, was du weißt?

Nachricht von Peter Flamm, vom 10.09.2021

Hallo Diana, ich bin so froh über das, was du geschrieben hast. Ich meine, ich bin nicht froh über das, was du geschrieben hast, das ist alles schrecklich, aber ich bin froh darüber, dass du es geschrieben hast. Bitte hab Vertrauen zu uns. Ich weiß, da sind schon bittere Worte gefallen. Aber wir reden so untereinander, das war von Anfang an so. Wir reden so untereinander, aber wir fallen uns nicht gegenseitig in den Rücken. Egal, was du hier erzählst, wir werden das nicht gegen dich verwenden, es bleibt unter uns. Das war immer unsere Geschäftsgrundlage, mal so gesagt. Wir reden über alles offen, und wir beharken uns auch mal gegenseitig, aber es bleibt unter uns.

Du hast gesagt, du weißt was. Du weißt was über sie. Bitte sag uns das jetzt, wir müssen das wissen. Und wenn wir wissen, was du weißt, finden wir vielleicht auch deinen Balbutin wieder.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 10.09.2021

Peter hat recht. Arme Diana. Ich schwimm mal wieder in einem Meer von Tränen. Was für eine furchtbare furchtbare Geschichte ist das doch, und wir haben nichts gewusst und geredet wie die Idioten. Ich möcht wissen, wann werd ich eigentlich schlau. Mit Ayse war das genauso. Wir haben doch auch nichts von ihr gewusst, wir haben sie einfach hingenommen, die war eben einfach da, und nach dem Hintergrund hat niemand gefragt. Wir haben nicht gefragt.

Es ist ja nicht bloß so, dass einer nichts sagt und die anderen nicht fragen. Es ist noch viel schwieriger. Manchmal müsste man ja auch fragen, warum sagst du nichts. Es geht um das Warum. Es geht nicht nur um die Sachen, die einer nicht sagt, sondern um die Frage, warum er nichts sagt. Manchmal denke ich, es liegen doch Welten hinter den Menschen. Da laufen Menschen rum, und das sind eben Gestalten. Und wenn die dann den Mund aufmachen, ist es, als würden Türen sich öffnen, und hinter den Türen liegt eine ganze Welt, die kann man gar nicht ergründen.

Hat meine alte Oma immer gesagt, kenn einer die Menschen. So langsam versteh ich, was sie gemeint hat. Man kennt niemanden. Ich weiß jetzt schon, das Zwerglein wird aufwachsen und wird mich nicht kennen. Vielleicht, wenn ich richtig alt bin, werd ich irgendwann mal erzählen, und das Zwerglein wird dann ein erwachsener Mann sein und hoffentlich zuhören, und dann wird er sagen, Mama, das hab ich ja alles gar nicht gewusst.

Niemand weiß etwas. Wir sollten aufhören mit diesem verdammten Urteilen und Verurteilen.

Diana, bitte, red doch weiter.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 11.09.2021

Okay, da bin ich wieder. Ich komm jetzt zur Sache, versprochen. Ich hab gelesen, was ihr geschrieben habt. Ich mach jetzt einfach weiter, dann werdet ihr selber sehen.

Als meine Familie da unter falschem Namen lebte, im Dorf bei Weldbrüggen, da ging was in denen vor. Die waren alle fromme Juden gewesen, sind in die Synagoge gegangen, und so. Als sie sich verstecken mussten, als draußen die Deutschen ihnen ans Leben wollten, richtig ans Leben, man kann sich das gar nicht mehr vorstellen, das waren doch harmlose Leute, die niemandem was Böses getan haben, und die Deutschen wollten die umbringen! UMBRINGEN! Kaltmachen! Abmurksen! Einfach so! Weil die Juden waren! Wegen nichts sonst! Sonst hatten die nichts getan! Das war es! Die waren Juden!

Als sie da auf dem Dorf lebten und jeden Tag Todesangst hatten, dass jemand sie verpfeifen könnte, Tag und Nacht hatten die Todesangst, sieben Jahre lang, fast acht Jahre lang, von 38 bis 45, da ging was vor mit ihnen.

GOtt hilft uns nicht mehr, sagten sie, GOtt hat uns vergessen.

Sie hatten nicht viel Gepäck mitgebracht aus Zirndorf, aber den Tanach, den hatten sie, und noch ein paar alte Bücher. Hebräisch konnte niemand von denen, das waren ja einfache Leute, und was sie hatten, die Bibel, Pentateuch, und sonst so Sachen, das waren alles deutsche Übersetzungen.

GOtt hat uns vergessen, sagten sie.

Zur Tarnung gingen sie jeden Sonntag zur Kirche. In Weldbrüggen, und auf den Dörfern, das sind alles Katholiken. PvM doch wohl auch?

Wir brauchen Hilfe, sagten sie. Wenn sie sonntags aus der Kirche kamen, beteten sie daheim erst richtig, um Rettung, um Hilfe, aber sie wussten nicht mehr, zu wem sie beten sollten.

GOtt hat uns vergessen.

Da stießen sie auf die Geschichten von den Engeln.

Sie fingen an, zu den Engeln zu beten.

GOtt hat uns verstoßen, und da gibt es Engel, die hat ER auch verstoßen, vielleicht helfen die uns.

Sorry, ich bring das nicht richtig auf die Reihe, egal, ihr müsst es nehmen, wie ich es erzähle. Ich muss eine Pause machen, tut mir leid, das rückt mir zu nahe.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 12.09.2021

Ihr sagt gar nichts. Gut, ich mach einfach weiter. Es geht um die Engel, die GOtt verstoßen hat.

Die Geschichte geht so.

Nachdem GOtt die Erde und die Menschen und die Tiere und alles erschaffen hatte, ließen überall die Menschen sich nieder, und die Frauen der Menschen waren schön, über alle Maßen schön, so schön, dass die Engel im Himmel sich in sie verliebten.

Sie zeugten Kinder mit den Menschenfrauen, die Engel, aber diese Kinder waren nicht mehr menschlich, sie wussten viel von den Künsten der Engel, verwendeten sie aber für die Erde. Sie brachten die Zauberkunst unter die Menschen, und lehrten sie den Krieg, und sonst allerlei Dinge, auch üble.

GOtt bekam die Sache satt, und ER beschloss, die Erde zu reinigen. Es kam eine große Flut, und die meisten Menschen kamen um, und es kamen auch um die bösen und verführerischen Engelskinder.

Hernach erholte sich die Erde wieder.

Die gefallenen Engel aber, die so sehr den schönen Menschenfrauen anhingen, die ließ GOtt nicht wieder zurück in den Himmel. Sie wohnen irgendwo, und kommen immer wieder zurück unter die Menschen, als Gespenster, und halten traurig Ausschau nach den Menschen, den Frauen vor allem. Sie können auch nicht mehr mit GOtt reden, GOtt hört sie nicht mehr an, sie können nicht mehr beten zu ihm.

So ist das, so wurde das jedenfalls erzählt, die gefallenen Engel treiben sich auf der Erde umher als traurige Geister, und bei ihnen sind all die toten Engelskinder, die in der Flut umgekommen sind, und die sind genauso Gespenster.

Ich bin schuld, ich weiß gar nicht, wie ich das erklären soll.

Ich erklär das, ich erklär das gleich.

Jedenfalls, damals auf dem Dorf oberhalb von Weldbrüggen, da lasen meine Alten in den mitgebrachten Büchern von den gefallenen Engeln, und dass die noch immer um die Wege sind, und sie sagten sich, GOtt hat uns verlassen, es kann nicht anders sein, wie soll das denn sein, dass unsere Verfolger solcher Macht über uns haben? Wenn GOtt uns vergessen hat, lasst uns zu den gefallenen Engeln rufen, zu den Engeln, die GOtt verstoßen hat, vielleicht erhören die uns.

Und sie taten es, sie taten es wirklich, sie beteten zu den verstoßenen Engeln. Jeden Sonntag, nachdem sie zum Schein in der Kirche gewesen waren, in der katholischen Kirche im Dorf, beteten sie zu den Engeln.

Die Engel erhörten sie. Es ist vielleicht nicht viel, was die verstoßenen Engel noch tun können, sie sind ja Gespenster, aber sie konnten den Verfolgern immerhin Sand in die Augen streuen, irgendwie machten sie die Nazis blind, und meine Alten überlebten in diesem Dorf bei Weldbrüggen.

Nachher kehrten sie nach Zirndorf zurück, wie ich schon erzählt habe.

Sie blieben den Engeln dankbar. Sie sagten sich, wir haben zu den gefallenen Engeln gebetet, die Engel haben uns geholfen, nun wollen wir ihnen Ehre erweisen.

Sie taten es, indem sie jeden Schabbes zu GOtt beteten, dass ER die verstoßenen Engel wieder aufnehme in seine Himmel.

Sie taten das getreu, ich habe noch selbst teilgenommen an diesen Gebeten, als kleines Kind, und mir ist gesagt worden, du darfst mit niemandem darüber reden.

Sie sagten mir ja auch, ich solle niemandem erzählen, dass ich Jüdin bin, und ich habe mich daran gehalten, ich habe es nicht einmal dem Balbutin erzählt, als ich ihn heiratete und katholisch wurde, das sagte ich ja schon.

Ich muss euch das jetzt erklären, was ich gemacht hab. Ich krieg das nicht raus, ihr müsst mir Zeit lassen. Ich muss das erst mal selber sortieren.

Sorry, bitte.

Ihr müsst mir versprechen, mich nicht zu verurteilen.

Tut ihr ja sowieso.

Nachricht von Diana Hindrance, vom 13.09.2021

Okay, ich komm jetzt zur Sache, nachher dürft ihr Steine nach mir werfen so viel ihr wollt.

Ich hab also den Balbutin geheiratet, und wir haben Kinder bekommen, und die Familie war mein ein und alles. Es gibt nichts in der Welt als meine Familie.

Der Balbutin ist mit Peter in Kontakt gekommen, und Peter hat ihn eingeladen, im Verlag mitzuarbeiten. So hat er den Kontakt zu euch allen gefunden.

Ich war eifersüchtig, sorry, ich weiß auch nicht, warum. Es ging um diese Zeit in unserer Ehe nicht so gut, oder vielleicht hab ich mir das bloß eingebildet. Irgendwann hab ich Angst bekommen, ich hab gedacht, alles fließt auseinander.

Gut, hört zu.

Ich wusste nicht, was ich machen soll. Es kam eine Zeit, da war ich richtig verzweifelt. Ich hab mir sogar eingebildet, der Balbutin wär mir untreu, ich hab seine Sachen durchsucht und so. Nein, ich hab nicht mit ihm geredet … ich weiß, ich hätt mit ihm reden sollen. Das wär überhaupt das erste gewesen. Aber das ist mir ja beigebracht worden, niemals zu reden. Gerade wenn was wichtig ist, gerade wenn was das Wichtigste überhaupt ist, dann darfst du niemals darüber reden, Kind. So bin ich aufgewachsen. Deshalb hab ich Balbutin nicht erzählt, dass ich Jüdin bin, ich hab ihm von den Fotos nichts erzählt, und als es nicht mehr so gut lief in unserer Ehe, hab ich mit ihm auch darüber nicht geredet.

Was hab ich statt dessen gemacht?

Scheiße, ich schäme mich so, ich sag es euch trotzdem.

Ich hab gemacht, was ich gelernt hab. Ich hab nicht zu GOtt gebetet, ich hab zu den Engeln gebetet, zu den verstoßenen Engeln, ich hab das wirklich gemacht. Ich hab zu denen gebetet, dass die mir helfen. Ich hab die angerufen, wieder und wieder. Die haben damals meiner Familie geholfen, hab ich gedacht, vielleicht helfen die jetzt auch mir.

Also hab ich die gerufen.

Jetzt wisst ihrs. Ich hab die herbeigelockt.

Das ist wegen mir, dass die hier abhängen.

Ich hab die gerufen.

Ich verstehe nicht, dass Balbutin nichts gemerkt hat.

Er hat irgendwann angefangen zu erzählen. Er hat was rausgelassen, er hat mir vertraut, ich bin ja seine Frau. Er hat von den Gestalten erzählt, die er plötzlich sieht, und dann hat er erzählt, es ist rausgekommen, ihr seht das auch. Finstere Gestalten, wie Fledermäuse, traurig ohne Ende, und die würden euch anstarren, als wollten sie was von euch, und ihr wüsstet nicht, was ihr damit anfangen solltet.

Mir war, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen.

Ich begreife nicht begreife nicht begreife nicht, dass dem Balbutin nichts aufgefallen ist. Er hat davon geredet, wie schön die Frauen von denen seien, mit riesig runden schwarzen Augen, und Wasserfällen von schwarzen Haaren, und er hat mir dabei ins Gesicht gesehen und hat nichts gemerkt.

Ich bin in Panik geraten. Ich kann diese Gestalten nicht sehen, ihr müsst euch das mal überlegen, wie das ist, dein eigener Mann erzählt dir, er sieht Gestalten, und ist in einer Gruppe, die behauptet, wir sehen das auch, und du siehst nichts! Nichts!

Ich bin bös geworden, ich hab dem Balbutin eingeredet, das sei alles nur, weil ihr euch gegenseitig ansteckt, ihr wärt eine Sekte oder sowas, und halb hat er das geglaubt, und halb hab ich selber das geglaubt, ich hab gedacht, wenn ich nur erst den Balbutin überzeuge, vielleicht ignoriert er die dann, und dann gehen die von selber wieder weg.

Und eine Zeit lang sah es so aus, als hätte ich Erfolg, ihr habt den Kontakt zueinander abgebrochen, ihr hattet ja selber Angst, ihr hättet bloß Halluzinationen und würdet euch gegenseitig anstecken, und es war Stille, ich weiß nicht wie lange, und dann schrieb Ayse diese Mail, dass sie diesen Schrei gehört hätte in der Nacht, und alles ging wieder von vorne los.

Ich weiß selber, dass ich mich aufgeführt hab wie ein Furie. Ich hab das Dümmste gemacht, was ich je gemacht hab, ich hab Balbutin gezwungen, zu dieser Psychovotze zu rennen, obwohl ich doch genau gewusst habe, was Sache ist, und dann

ich bin schuld, dass der Balbutin abgehauen ist.

Weil ich ihn so bedrängt hab, hat er nochmal genau hingeguckt, und ihr habt ihn ja auch ermutigt, und dann hat er es gesehen, er hat die schönen Frauen von denen angeguckt und hat endlich gesehen, was er die ganze Zeit schon hätt sehen müssen, die schwarzen runden Augen, die schwarzen Locken, und er hat mich angesehen.

Der hat mich angesehen, als hätte er mich noch nie gesehen.

Und dann hat er nur noch Panik geschoben und ist abgehauen, wegen mir.

Ich trau mich nicht, die Sache zu Ende zu denken. Es hat in den alten Geschichten geheißen, die gefallenen Engel tun sich noch immer mit den Menschen zusammen, mit den Frauen von den Menschen, immer mal wieder, und mit den Kindern, die dann geboren werden, stimmt was nicht, die Menschen fürchten sich vor denen.

Die Menschen haben sich immer gefürchtet vor mir, ihr habt ja auch Angst vor mir.

Ich weiß nicht, was das alles mit Ayse zu tun hat, warum die sich so auf sie konzentrieren. Vielleicht hoffen sie, Ayse betet für sie, vielleicht wollen sie eine Fürsprecherin, irgend jemanden, wenigstens einen, eine einzige Person, die für sie redet, dass sie endlich erlöst werden und wieder zurück dürfen in die Himmel GOttes. Ich weiß nicht. Ich weiß bloß, ich will, dass Balbutin wieder zurückkommt und ich mit ihm reden kann, über alles.

So, jetzt könnt ihr Steine nach mir schmeißen, ich weiß ja selber, ich verdien es nicht besser.

(Nachrichten vom 09. bis 13.09.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 02.05.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)