Banshee Neue Folge 9

Nachricht von Diana Hindrance

Alles okay, Sandra, alles gut, Schnee von gestern. Balbutin hat mir auch alles noch mal erklärt, und wir haben geredet, aber ihr müsst auch verstehen, ich seh die Welt eben anders, für mich gelten die Dinge, die man anfassen kann. Ich will meine Kinder großziehen, und will ich will meine Enkel sehen. Die kleinen Stinker brauchen jemanden, der ihnen die Nase putzt und den Hintern wischt, damit sie richtig ins Leben rein finden, und dieser Jemand bin nun mal ich, ich bin ihre Mutter, und das ist das Wichtigste für mich überhaupt, das Leben wies ist. Ich hab mir das nie so richtig klar gemacht, aber ich gehöre einem Volk an, dem hat man sogar das Leben wegnehmen wollen, wir sind aber da, und das ist unsere Erde, die hat Gott uns zur Wohnung bestimmt, und also tun wir das, wohnen, und machen, was anliegt. Das ist doch einfach. Jeden Tag das tun, was anliegt. Mehr will ich dazu gar nicht sagen, also, Sandra, mach dir keinen Kopf, was gestern gesagt worden ist, war gestern, und heute ist heute, und heute packen wir die Dinge an, damit wir morgen weitermachen können.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt

Oh, gut, danke Diana, ich werd auch versuchen, mich zu bessern, versprochen.

Nachricht von Ayse Konopski

Jetzt hab ich doch direkt ein Tränchen verdrückt, dabei hab ich was zu erzählen. Was wirklich wichtig ist. Ich meine, was ihr gerade geredet habt, das war auch wichtig, deshalb weiß ich gar nicht, wie ich das jetzt bringen soll, ich will ja nicht ablenken, aber ich muss das loswerden, weil, es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Es, es geht um dich, Diana, ich meine, um deine Leute. Ich hab was gesehen, das sollt einem lebenden Menschen gar nicht erlaubt sein zu sehen, Diana, du hast gerade von Gott geredet, also ich bin mir nicht so sicher, ob ich an den glaube, aber was ich gesehen habe, das war was, das sollte nur Gott sehen – wenn es ihn gibt. Und wenn es ihn nicht gibt, sollte das überhaupt niemand sehen.

Die Sache ging so. PvM hat telefoniert, ich hab ihn murmeln hören, er telefoniert sonst nicht so viel, aber er hat mit Regina geredet, das hab ich am Tonfall gehört, irgendwie redet er mit Regina anders als mit allen anderen Menschen sonst, als ob – ich weiß auch nicht – als wären die Worte nur so was wie ein Fluss, aber auf dem Fluss schwimmt das Boot vollgepackt mit dem, was die beiden eigentlich meinen, und das Boot, das sehen nur sie, den Fluss sehen wir alle, aber das Boot haben die ganz allein für sich, da sitzen sie drin zu zweit, und die Welt ist ausgeschlossen. Ungefähr so. Ungefähr so reden die miteinander, und das hör ich sofort.

Und gestern Abend, da hat PvM sein Klavier gespielt, und ich hab noch mal die Waschmaschine vollgepackt und mich auf einen Abend mit Bügeln eingerichtet. In der Küche steht der Fernseher, und PvM hat ein Netflix-Abo, sagt ich wohl schon, da bügle ich die Hemden und was sonst noch anliegt und guck mir dabei eine Serie an, geht der ganze Abend bei rum, und mir fehlt richtig was, wenn ich nichts mehr zum Bügeln habe, wo war ich. Richtig. PvM hat aufgehört zu spielen, dann hatte er wieder diese Regina-Stimme, also war er am Telefon, und dann kam er zu mir in die Küche.

„Willst du was sehen?“ hat er gefragt. „Es geht dich an, es geht uns an, aber es ist keine schöne Sache, nicht viele Menschen kriegen das zu sehen, und wer es sehen will, der muss normalerweise warten, bis zu zehn Jahre Wartezeit, nach Anmeldung, aber Regina hat Druck gemacht, sie hat für dich und für mich eine Besuchserlaubnis erwirkt, ja.“

Ich hab ihn bloß angeguckt.

„Du erinnerst dich an das,“ fuhr er fort, „was diese Stimme gesagt hat, was Balbutin gehört hat, da im Zimmer von diesem Burroblast, geht, sucht den Ort, da die Toten aufrecht sitzen in ihren Gräbern, und warten auf das Ende der Zeit, das soll die Stimme verlangt haben, und dann war auch die Rede von dem Mädchen, das die Scharen sammelt, und – das Mädchen soll zu ihm gebracht werden, auch das hat die Stimme verlangt, die Stimme, die sich Azazel nannte.“

Ich hab an der Waschmaschine gestanden, als er so anfing, und die gute alte Maschine hat rumort und geschafft, ich hab mich an ihr festgehalten, also, das hat mir irgendwie Halt gegeben, dieses eifrige Machen und Tun da drin, in der Maschine, wie die die Wäsche um und um gewälzt hat, und man kann den Schaum spritzen sehen, durch die runde Glastür, und PvM hat tief Luft geholt, und dann hat er gesagt:

„Wir sind alle der Meinung, mit dem Mädchen bist du gemeint, deshalb hat das Ministerium ja Polizeischutz genehmigt für dich. Ich weiß keine Einzelheiten, aber Personenschutz ist eine kostspielige Sache, und deshalb vermute ich, die nehmen die Bande von diesem Burroblast blutig ernst, das ist kein Spiel. Wir meinen auch, ich hab das mit Regina ausführlich besprochen, wir meinen auch, dass mit dem Ort, da man die Toten sehen kann, wie sie aufrecht sitzen in ihren Gräbern und auf das Ende der Zeit warten, dass mit diesem Ort nur Weldbrüggen gemeint sein kann, es gibt sonst keinen solchen Ort in der Welt, man könnte vielleicht noch an Palermo denken, an die Kapuzinergruft, aber das ist irgendwie was anderes, und sonst gibt es da und dort noch Beinhäuser, wo Gebeine gesammelt sind, aber aufrecht sitzende Tote, die warten … das ist Weldbrüggen.“

Aus irgendeinem Grund wurde mit ein bisschen flau, und ich setzte mich an den Tisch, ja, an genau den Tisch, wo wir alle gesessen haben, und sah PvM bloß an.

„Wir sind der Meinung“, sagte er, „ich meine, Regina und ich, wir sind der Meinung, dass du ein Recht darauf hast, das zu sehen, so wie die Dinge liegen. Versteh mich richtig, wir müssen das nicht machen. Du musst da nicht hingehen, wenn du nicht willst. Aber wenn du das sehen willst, heute Nacht ist ein Termin für uns reserviert. Drei Uhr, drei Uhr morgens.“

Ich starrte ihn an, ich wusste, wovon er redete, ich fragte trotzdem: „Wovon redest du?“

„Die Gruft“, sagte er. „Die Gruft unter der Kathedrale.“

(Nachrichten eingegangen in dieser Reihenfolge am 29.04.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 30.04.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)