Schwesterchen

Lasst mich die Fäden zusammenzurren, und während ich so tue, kann ich nicht anders, ich muss bewundernd meiner großen Schwester gedenken, der destinatorischen Zurüstung, die geht souverän um mit solcher Verzwirbelung und Verwirrung, und es macht ihre Leistung nicht kleiner, wenn ich wiederhole, was ich schon mehrmals gesagt habe, dass das wiederholte Durchschlagen dieser oder jener Matrix in der Geschichte des Menschtieres weitgehend auf die gnadenlose Dummheit des Lederflügligen zurückzuführen ist.

Entsinnt euch.

Der Lederflüglige denkt sich nichts aus. Er ist dazu gar nicht fähig. Er ist ein Idiot und ein Arschloch von abgründiger Verkommenheit. Seine Machenschaften scheinen dem Menschtier oft von wundersamer Ausgepichtheit, so vernebelt ist das Menschtier. Bereitwillig in seiner Verblendung. Es müsste sich von dem Lederflügligen ja nicht den Kotstaub seiner gequirlten Scheiße einpusten lassen, tut das aber in der Meinung, von lauterem Gold umwirbelt zu sein.

Der Glanz! ruft das Menschtier. Der Duft!

Ja, der Duft. Es stinkt ganz einfach nach Kloake.

Der Lederflüglige also denkt sich nichts aus. Die Dinge entwickeln sich ganz einfach, unter der induziert hechelnden Dummheit und Verblendung des Menschtiers. Zuweilen entwickeln sie sich zu elaborierter Zerstörungskraft, und der Lederflüglige sieht zu, gewissermaßen mit offenem Mund, und kann sein Glück gar nicht fassen, wie sich alles so herrlich zu seinen Gunsten entwickelt, und glaubt in Treue fest, nur seiner überragenden Gestaltungsmacht sei dies zuzuschreiben. Hab alles ich gemacht! frohlockt es in dem Idiotenhirn.

Hat sich ein Muster erst einmal herausgebildet auf der schrägen Bahn abwärts, verwendet der Lederflüglige es immer wieder. Von daher der Eindruck öder Wiederholung, den die Geschichte des Menschtieres bietet auf dem Planeten Erde. Als würden sich alle Dummheit und alles Verbrechen abspulen in unentrinnbarer Zwanghaftigkeit. Das Menschtier müsste nur die Augen öffnen und schauen. Das Menschtier müsste nur auf IHRE Stimme hören, IHRE weiße Stimme, die unaufhörlich wispert: Tu das nicht, mein Kind, tu das nicht.

Es hört nicht, das Menschtier. Es benutzt seine Freiheit und hört nicht.

Infolgedessen trampeln gestiefelte Massenmörder den bemützten Massenmördern auf die Fersen, oder umgekehrt, und jedes Mal plärrt das Menschtier, spuckend vor Begeisterung: Das ist jetzt was ganz Neues! Das ist jetzt der Fortschritt! Noch nie dagewesen!

Oh doch, wie oft war das schon dagewesen.

Der malle Alte mit seinen Stiefeln an den Füßen und der Prägnante mit seiner Mütze auf dem Kopf, sie konnten nebeneinander am Fenster stehen und gemeinsam in tiefer Verachtung auf den Pöbel hinunterschauen, wie er da unten durch die Gassen schob, und gleichzeitig – wirklich gleichzeitig! im nämlichen Augenblick! – voneinander denken: Ich weiß ja so vieles, was du nicht weißt, aber da muss man Geduld haben, du wirst auch noch schlau – sie konnten so tun und der einfachen Wahrheit nicht inne werden, dass da in ihnen beiden die nämliche schmutzige Stimme hechelte, und die Stimme machte sich nicht die Mühe, für jedes dieser willigen Menschtiere ein frisches Narrativ freizuschalten, Narrativ, so nannten die Menschtiere das im Alter des Jungen und begriffen gar nicht, wie recht sie damit hatten, denn die Willigen lauschten auf die Einflüsterungen und schwollen in dem Gedanken: solches hat die Welt noch nicht erhört.

Und wie sie das hat.

Wenn ihr die Geschichte des Menschtieres auf dem Planeten Erde verstehen wollt, schaut also nicht auf den Glauben und nicht auf das Glauben der Menschtiere, schaut auf die Muster. Ihr werdet sie überall wiedererkennen.

Die Muster, das solltet ihr verstanden haben, sind nicht ableitbar. Es gibt keinen Masterplan. Es gibt keinen großen Grundgedanken. Es gibt keine Deduktion. Ein jedes Muster hat sich irgendwann einmal zu seiner Zeit und aus seiner Zeit heraus entwickelt. Mehr oder weniger zufällig, jedoch folgend der immer gleichen Richtung ins moralische Abwärts. Einmal etabliert, einmal wirkmächtig geworden, wird es von dem Lederflügligen wieder und wieder benutzt, in stupider Repetition.

Erwartet also nicht Sinn in der Geschichte des Menschtieres auf dem Planeten Erde. Alles erwartet, aber nicht Sinn. Erwartet nicht einmal, dass das Menschtier die Muster erkennt, wie sie auftreten. Wenn die einen Menschtiere auf das offensichtliche Durchschlagen eines Musters hinweisen, werden andere schrei widersprechen. So bei den Stiefeln, so bei den Mützen. Insonderheit die jeweiligen Kryptostiefel und Kryptomützen stritten ab mit leidenschaftlicher Engagiertheit, dass es sich bei dem einen Geglaub nur um die maskierte Wiederholung des jeweils anderen handelte. Sie riefen Totschlagswut herab auf das Haupt desjenigen, der hinwies auf diese Wahrheit. Wahrheit verursacht Unbehagen, Wahrheit verursacht Wut. Dabei ist sie so niedlich, meine kleine Schwester, zart und nackt und allgegenwärtig. Ihre Art, unvermutet aufzutauchen, gern im Rücken der Menschtiere, und immer dann, wenn die Tiere sich dessen am wenigsten gewärtig sind, schafft ihr nicht unbedingt Freunde, das Menschtier wird gern humorlos, wenn es um die Wahrheit geht, denn was es Wahrheit nennt, das Menschtier, was hat das mit meinem kleinen Zwilling zu tun.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 28.04.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)