Banshee Neue Folge 7

Nachricht von Ayse Konopski

Heut hab ich mich in den Vorgarten gesetzt und PvM’s alten Drahtesel auseinandergenommen. So schön hab ichs noch nie gehabt, ich schwörs. Ich hab mir einen Stuhl genommen, und der Tag war warm, ich hab das alte Teil auseinandermontiert und gereinigt und geflickt, und um mich rum haben die Besucher gesessen oder gestanden und mir zugeguckt, so wie sie in den Gärten um mich herum waren und mir zugeguckt haben bei allem, was ich gemacht hab, selbst wenn ich bloß gepinkelt hab. Ich kann tun was ich will, sie sind fasziniert davon. Sie beobachten mich dabei mit einer Hingabe, als würd ich gerade die ganze Welt reparieren, statt einfach nur PvM’s Fahrrad. Und die im Streifenwagen auf der Straße, die haben mich auch beobachtet, das ist ja ihre Aufgabe. Wenn ich aus dem Haus komm, wink ich denen immer zu, das hab ich mir angewöhnt, und die winken zurück, und ich bring denen auch mal eine Tasse Kaffee oder ein paar Kekse, die sind dann richtig dankbar. Die mögen dich, sagt PvM, und ich denk mir, die kennen mich halt nicht. Aber also der Tag war warm, nicht besonders hell, es war so ein bunter Dunst in der Luft, wie hier in Weldbrüggen häufig, das ist der Weld, sagt PvM dann, also der Fluss, das sagen die hier in Weldbrüggen immer, wenn der Tag diesig ist und verhangen, das ist der Weld. Vielleicht ist was dran, ich bild mir öfter ein, den Fluss zu riechen, ein weicher und sanfter Geruch nach Wasser, als würden überall Wellen murmeln. Es gefällt mir hier, das ist nicht zum Sagen. Hab nicht gewusst, dass es einen solchen Ort gibt auf der Welt. Jedenfalls, der Tag war warm und verhangen, ab und zu fielen auch ein paar Tropfen, und ich hab im Vorgarten gesessen und den ganzen Tag an PvM’s Rad geklempnert, und ich hab gedacht, ich bin im Paradies.

Warum ich das erzähl. Einfach so, und ja, da war diese junge Polizistin im Streifenwagen, die kam raus und hat sich ein bisschen mit mir unterhalten, die ist schnell aufgetaut, hat mir erzählt, sie ist gerade mit der Ausbildung fertig geworden, und das wär ihr erster Personenschutz. Und dann hat sie mich angeguckt und gefragt, was ist an dir so wichtig? Ich hab den Kopf geschüttelt und gesagt, ich weiß es doch auch nicht, es scheint, die Nazis sind hinter mir her. Da hat sie genickt und gesagt, so würde auf der Polizeiwache auch geredet. Auf die Weise hab ich erfahren, die Polizisten sind auch nicht genau informiert, die haben bloß den Auftrag, scharf die Augen offen zu halten, die Straße auf verdächtige Personen zu beobachten, so in der Art. PvM meint, das wird nicht lange gehen, vielleicht nur ein paar Tage noch, dann werden die sich darauf beschränken, immer mal wieder auffällig durch die Straße zu fahren, vor dem Haus im Schritttempo, zur Abschreckung. Das wär mit sowas von recht.

Also hab ich mir beim Reparieren so meine Gedanken gemacht. Was hat Regina dem Innenminister erzählt? Hat sie ihm gesagt, dass sie die Besucher sieht, sie auch? Dass da unbegreifliche Dinge zugange sind? Oder hat sie so getan, als wär sie nur neutrale Beobachterin, besorgte Beobachterin? Hat sie vielleicht gesagt, da draußen sind Dinge unterwegs, da sind Leute, die behaupten, sie sehen was, unabhängig voneinander, eine Art von Massenhysterie, oder Psychose, und andere sehen wieder was anderes, vielleicht sogar den Teufel, aber alle, die was sehen, sind überzeugt davon, das ist alles wirklich, und jetzt fangen die an, sich gegenseitig zu bekriegen. Und hat sie dann vielleicht gesagt, wir müssen zusehen, das alles in den Griff zu kriegen, bevor es nicht mehr beherrschbar ist, da ist diese kleine Türkin, die scheint eine zentrale Rolle zu spielen, hat sie es vielleicht so gesagt? Und der Minister, was weiß der? Was ist das überhaupt für einer? Sieht der vielleicht auch was? Weiß der, wovon Regina redet? Und die Schlapphüte. PvM sagt, der jüngere von den beiden, die mit uns gesprochen haben, der ist bald aus den Schuhen gekippt, als er Diana gesehen hat. Es war sonnenklar, der hat die Besucher so deutlich gesehen, wie wir sie sehen. Wie viele von uns gibt es?

PF hat davon geschrieben, wie er mit Regina und PvM hier vor dem Haus gestanden hat, und Regina hat gesagt, es waren schon immer Besucher auf der Erde, es wurde schon immer davon geredet. Ja. Engel sind aufgetaucht, oder jedenfalls Wesen, von denen die Menschen angenommen haben, das sind Engel. Und noch andere Figuren. Wiedergänger aus den Gräbern. Vampire. So was in der Art. Immer schon. Wesen, die ungefähr aussehen wie Menschen, von weitem, aber keine sind.  

Und so saß ich also im Garten, es regnete ein bisschen, nicht sehr, liebliche kleine bunte Tropfen, und manchmal, wenn ein Tropfe auf eine Knospe traf, gab es einen winzigen knipsenden Laut, und eine Blüte sprang auf, und um mich herum saß und stand und kniete die Herde der Besucher und sah mir zu, hingebungsvoll, wie ich schraubte und bosselte.  

(Nachricht eingegangen am 27.04.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 28. 04.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)