Banshee Alte Folge 7

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 10.08.2021

„Glückhafter Lebenslauf“

Morgens allein
     verbracht er
     ach
     den Nachmittag
     in den armen
     Gewölben der Hure
     die lachte
     und
     da es Nacht ward
     wachte

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 10.08.2021

Jau, endlich mal ein Gedicht, das hab sogar ich verstanden. Was ich nicht verstehe, ist, warum PvM das jetzt hier einstellt. Aber er tut ja gern geheimnisvoll.

Nachricht von Peter Flamm, vom 10.08.2021

Hab noch eines von Balbutins Fotos gefunden. Der Mantel irritiert mich.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 11.08.2021

Ich hab was Dummes gemacht.

Oder vielleicht war es nicht so dumm, ich weiß nicht. Ich kenn mich nicht mehr aus.

Ich bin in der Nacht aufgewacht, es war wie in der Nacht, als ich euch dann zum ersten Mal wieder geschrieben hab. Hab ich wieder diesen Schrei gehört? Diesen fernen, klagenden Schrei? Ich weiß nicht. Ich hab ihn vielleicht gehört, und bin davon aufgewacht. Oder ich hab geträumt, dass ich ihn hören würde, und bin von dem Traum aufgewacht.

Ich weiß nur, ich bin wach geworden, und hab auf dem Rücken gelegen und gegen die finstere Zimmerdecke gestarrt. Von draußen, durch das Fenster, ist ein bisschen Licht von der Straßenlaterne hereingekommen. Von der Straßenlaterne, unter der sie immer sitzen.

Ich hab gelegen, und dann hab ich gemerkt, dass mir die Tränen die Wangen hinunterliefen. Ich hab geweint, und hab es nicht gemerkt. Und dann hab ich gespürt, dass mir mein Herz brannte. So wie es brennt, wenn man unglücklich verliebt ist, oder wenn man vor Mitleid mit jemandem vergehen möchte. Und unaufhörlich sind mir die Tränen hinuntergelaufen.

Draußen war alles still.

Ich setzte mich endlich auf und wischte mir die Augen. Ich weiß, dass ich nichts dachte. Gar nichts. Ich saß eine Weile so da und rührte mich nicht, und wenn einer mir zugesehen hätte, hätte der wahrscheinlich gemeint, ich denke nach. Aber ich habe nicht nachgedacht, das weiß ich. Bei allem, was dann passiert ist, habe ich nicht eine Sekunde nachgedacht. Ich hab einfach getan, und wusste die Sekunde vorher nicht, was ich tun würde.

Ich hab nicht geträumt, das ist die eine Sache, über die ich mir sicher bin.

Irgendwann hatte ich die Beine aus dem Bett, und dann kam ich zu stehen. Ich weiß noch, dass ich wieder eine Weile so dastand, neben dem Bett.

Dann ging ich zum Fenster.

Ich hatte es vor dem Schlafengehen schräg gestellt, es kam ein bisschen Nachtluft hereingeflossen. Die Nachtluft roch nass, nach warmem Regen. Als hätte es geregnet, und die Erde unter den Blumen wäre feucht. Oder vielmehr, als hätte es irgendwo weit weg geregnet, und die warme feuchte Luft käm jetzt herbeigeflossen. Es roch nach Blüten und nassen Blättern, und mir wurde bewusst, dass ich nackt war.

Bin ich immer im Bett, das habe ich euch ja geschrieben.

So tappte ich zum Fenster, nackt und um mich dieser Geruch nach feuchter Erde.

Ich schaute hinaus.

Ja. Da draußen waren sie. Sie warteten auf mich, die ganze Straße hinunter, es war wie an dem Tag, als PvM hier war. Sie saßen unbewegt, und schauten zu meinem Fenster herüber. Sie saßen auf den Bordsteinen, auf den Treppen vor den Häusern, manche balancierten gar auf den Fensterbrettern, und über der Toreinfahrt gegenüber saßen sie auch, ich sah hinüber und dachte, wie sind die da hochgekommen?

Das weiß ich noch, ich fragte mich, wie sind die da hochgekommen, weil das so ziemlich das einzige war, was ich in dieser Nacht dachte.

Ich blickte hinüber zu dem Torbogen, und auf dem steinernen Bogen saßen sie und blickten mit weit offenen Augen in mein Fenster, und sie ließen die Beine hängen und hingen herum wie Fledermäuse, mit ihren langen schwarzen Gliedern, Gliedern wie Stelzen, und in meinem Kopf fragte eine Stimme: Wie sind die da rauf gekommen?

Ich blickte aus dem Fenster die Straße hinauf und hinunter, und dann langte eine Hand in meine Brust und drehte mein Herz um und um.

Ich habe niemals einen solchen Schmerz empfunden, nicht einmal damals, als mir klar geworden war, dass der Vojtech mich verlassen hat. Es war ein schneidendes brennendes Messer in meiner Brust, das drehte sich in meinem Herzen und schnitt und biss, und ich wusste, was das für ein Schmerz war, es war Mitleid, unerträgliches Mitleid, herzzerreißend, niemals habe ich so etwas empfunden.

Die Tränen liefen mir immer noch die Wangen hinab.

Ich dachte nicht nach, nein, das tat ich nicht. Ich wischte mir mit dem Handgelenk die Tränen aus den Augen, und ohne einen weiteren Moment zu zögern, ging ich hinaus.

Ich ging wirklich hinaus. Ich tappte auf meinen bloßen Füßen durch das Schlafzimmer, ich ging hinaus in den Flur, wo ich gekotzt hatte, als PvM da war, ich ging zu meiner Wohnungstür, ich ging hinaus ins Treppenhaus, nackt wie ich war, ich spürte den kalten Stein der Treppenstufen unter den Fußsohlen, ich ging hinunter, ich ließ die Wohnungstür hinter mir angelehnt, ich machte mir keine Gedanken darüber, was passieren würde, wenn die Tür zufiele, ich ging einfach die Treppe hinunter, ich öffnete die Haustür, ein Schwall warmer Nachtluft kam über mich, ich ging hinaus, hinaus auf die Straße.

Sie sahen mich an.

Wie sie mich ansahen! Ich kann das nicht beschreiben, fragt PvM, der hat es ja gesehen, der ist besser mit den Worten als ich.

Sie sahen mich an mit weit offenen Augen, als sei ich ihr Glaube, als sei ich die Hoffnung, als sei ich die, auf die sie gewartet haben, als sei ich die, die da kommt.

Als käme nun endlich die Gnade.

Ich ging ein paar Schritte auf dem Bürgersteig die Straße hinunter, so dass ich unter meinem Fenster stand, unter dem Fenster, durch das ich eben noch auf die Straße geblickt hatte.

Dort stellte ich mich hin, mit hängenden Armen, stellte mich vor sie hin, und sah sie an.

Ich fühlte unter meinen Fußsohlen den Stein des Fußwegs, und auf meiner Haut spürte ich den Wind, den Nachtwind, den feuchten warmen Wind. Er kam nicht von der Seite oder von vorne, sondern er kam von irgendwoher und kreiselte um mich herum. Ja, er tänzelte um mich herum und berührte mich, jeden Zentimeter meiner Haut, immerfort kreisend und kreiselnd, und ich stand da und sah sie an.

Und ihre Augen — es war, als würden sie meinen Anblick trinken, und da ich stand und mich nicht mehr bewegte, geschah es wie schon die Tage zuvor, sie sanken vor mir in die Knie. Lautlos, in einer schwingenden Bewegung, wie eine Welle, sie knieten vor mir nieder, ich stand nackt vor ihnen, und sie knieten nieder vor mir, und ihre Augen waren so weit offen, dass sie spiegelten, und ihre Blicke hingen an mir wie festgeheftet, als würden sie meinen Anblick trinken.

So schauen Säuglinge ihre Mutter an, wenn sie an der Brust trinken.

Vielleicht war das auch nur so ein Gedanke von mir, das kann sein, denn ich war das einzige weiße Ding auf der Straße. Die Straße war dunkel, eigentlich war überall Nacht und Schwarz, die Nacht war feucht und warm und dunkel wie Tinte, die Straße war schwarz, sie waren schwarz, sie füllten die ganze Straße und noch die Nacht mit ihrer Schwärze, und der Himmel war schwarz, kein Stern am Himmel, aber da war noch ich, ich stand, und auf mich fiel das Licht der Straßenlaterne, und ich schimmerte weiß in der Nacht, weiß wie Milch.

Ich sah mich selber, ich fühlte den Nachtwind streicheln auf meiner Haut, ich sah mich in der Schwärze wie einen rollenden Tropfen Milch, vielleicht denke ich deshalb, sie sahen mich an, als würden sie meinen Anblick trinken, ich weiß nicht.

Ich stand und rührte mich nicht, und sie knieten vor mir und sahen mich an, und mir wurde ganz still und schwer. Ich hatte keine Angst, und der Schmerz war verschwunden aus meiner Brust. Ich hatte nicht einmal Herzklopfen, mein Atem ging so langsam und gleichmäßig, als ob ich schliefe. So stand ich vor ihnen, und in allen meinen Gliedern war Wärme, eine seltsame entspannte Wärme, wie Wärme des Schlafes, so stand ich da, reglos und mit hängenden Armen, und ließ mich von ihnen betrachten, und sie knieten vor mir und schauten mich an.

Dann geschah etwas Seltsames.

Die Straße herauf kam ein leichtes rotes Wesen geschlendert, auf vier Beinen, ich sah die Bewegung aus dem Augenwinkel, und ohne hinzuschauen wusste ich, das war ein Fuchs.

Das ist nichts Besonderes, die Füchse sind in der Nacht nicht selten hier im Dorf, sie streichen durch die Straßen und hoffen, irgendwo eine Mülltonne durchsuchen zu können.

Der Fuchs hatte grüne Augen, die leuchteten in der Dunkelheit, und als er mich sah, blieb er für einen Augenblick stehen, mitten auf der Straße, dann setzte er sich wieder in Bewegung, kam direkt auf mich zu, in leichten schwingenden Schritten.

Neben mir angekommen, setzte er sich neben mich. Nicht so, dass er zu mir aufblickte, sondern so, dass er auf sie blickte, die ihn nicht beachteten, denn sie hörten nicht auf, mich anzuschauen, mich anzuschauen mit ihren weiten spiegelnden Augen.

Der Fuchs wandte den Kopf mit dem spitzen Schnäuzchen und blickte hoch zu mir, er saß aufrecht, wie ein Katze, und sein Blick war interessiert und bestätigend, nicht fragend. Dann blickte er wieder hinüber zu ihnen, die mich anschauten, und dann legte er sich flach auf den Bauch, die Pfoten vorgestreckt, und blickte die Menge an, mit aufgerichteten spitzen Ohren. Er lag so dicht bei meinen Füßen, dass ich die Wärme seines roten Fells spürte.

Danach war Stille. Ich muss lange so gestanden haben, und ich wurde nicht müde, mir wurde auch nicht kalt, es war, als sei alle Zeit fort aus der Welt. Als sei alles richtig so, wie es war. Als sei alles jetzt für die Ewigkeit eingerichtet. Ich, ein Tropfen Milch in einem Meer aus Schwärze, und vor mir sie, die mich anschauten, als tränken sie an mir, als tränken sie meinen Anblick.

Es war kein Gedanke in meinem Kopf, es war da nichts als dieses Gefühl, das sagte, jetzt ist alles richtig, es muss alles so sein. Jetzt kann alles immer so weitergehen. Sie sehen mich an, und das ist es doch, was sie wollen, das ist es vielleicht, was sie brauchen, ich — ich bin das Geschenk. Ich schenke ihnen den Anblick meiner Nacktheit. Das ist alles, was ich ihnen geben kann. Mehr habe ich nicht. Sie sind damit zufrieden. Sie wollen nicht mehr. Sie wollen hier sitzen und mich ansehen. Mehr wollen sie nicht.

Es wurde Morgen, ja, das wurde es. Ich hörte einen Vogel singen, rollender Triller wie eine schräge Leiter aus Tönen.

Irgendwo arbeitete sich Grau durch das Schwarz der Straße.

Und dann erwachte im Dorf der erste Trecker.

Irgendwo ist da im Dorf immer ein erster Trecker, der erwacht in irgendeiner Straße, und dann erwacht bald auch der Rest des Dorfes. Das ist hier so. In anderen Dörfern schreien vielleicht die Hähne, aber hier erwacht der erste Trecker.

Ich kam zu mir, ich stand nackt auf der Morgenstraße, ich sah sie noch einmal an, die mich anblickten, und dann wandte ich mich und ging ins Haus zurück.

Ich musste mich umdrehen, um in den Eingang zu treten, blieb mir nichts anderes übrig, so war mein dicker Hintern das letzte, was sie von mir sahen, bevor ich in den Hausflur verschwand.

Vielleicht gefiel ihnen ja selbst das.

Mein Timing war makellos, im selben Augenblick, da ich die Tür schloss, fuhren draußen die Scheinwerfer des Treckers durch die Straße wie zwei Finger aus Licht. Konnten mich nicht mehr erwischen.

Ich tappte die Treppe wieder hoch, zurück in meine Wohnung, ich schloss von innen ab, wie ich es gewohnt bin, und stolperte zurück in mein Bett.

Ich schlief sofort ein.

Ich erwachte erst, da war es schon fast Mittag, draußen schien die helle Sonne.

Ich habe alles so erzählt, wie es sich zugetragen hat.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 13.08.2021

Ayse, Spätzchen, ich reiß mir mittlerweile die Haare einzeln aus, ich weiß, ich muss dir was sagen, und ich denk mir was, und dann fällt mir das Gegenteil ein, und ich find das genauso richtig, bist du, glaubst du, bist du dir da wirklich sicher, dass du das Richtige gemacht hast? Das ist Quatsch, was ich da sage, du hast ja selber geschrieben, dass du gar nicht nachgedacht hast. Was war das wie war das? Du hast keinen Augenblick nachgedacht? Du hast einfach getan, was du tun musstest, du hattest das Gefühl, ich muss das jetzt machen, und also hast du es gemacht? War das so? Ich versuch das zu verstehen, warum hast du das gemacht, Ayse, Schätzchen, dir ist doch klar, du riskierst bei einer solchen Aktion — also — wie soll ich das sagen — das ist jetzt furchtbar schwer, also, wenn du erwischt wirst, sagen wir mal, die Bullen wären um die Wege gewesen, wie soll ich das bloß formulieren, ohne dass es falsch rüber kommt, okay, ich sag es jetzt einfach, du hast uns geschrieben, und ich find es toll, dass du uns das erzählt hast, also du hast gesagt, du wärst ein Jahr in der Klapse gewesen. Spätzchen, denk doch mal drüber nach, die erwischen dich nackt auf der Straße, mitten in der Nacht, die fangen doch an, Fragen zu stellen, und dann geht das mit den Nachforschungen los! Wir wissen ja, was gelaufen ist, wir verstehen jedes Wort von dem, was du uns geschrieben hast, aber die doofen Bullen?

Und was willst du denen denn sagen? Willst du anfangen, von ihnen zu reden? Wie sie sich vor deiner Wohnung versammeln und auf dich warten, um dann vor dir in die Knie zu gehen? Überleg dir das doch mal! Davon kannst du doch nicht anfangen! Aber was willst du sonst sagen? Warst bloß mal vor der Tür, um frische Luft zu schnappen? Dir war’s zu warm im Schlafzimmer? Ayse, die bringen dich erst mal in die Klinik, das musst du doch sehen!

Es hat mich furchtbar getroffen, was du da geschrieben hast, wie du es vor Mitleid mit denen nicht mehr ausgehalten hast. Ich hab das noch nie so gesehen, Mitleid mit denen, aber ich verstehe, was du meinst. Nach allem, was PvM erzählt hat, und jetzt du, sind die abhängig von dir. Die brauchen dich, die brauchen deinen Anblick. Ich hab keine Ahnung, wie wir das verstehen sollen, aber so kommt es jetzt raus. Okay, und du hast also das Gefühl, du tust denen was Gutes, wenn du dich ihnen zeigst, die brauchen das einfach, und so sieht es ja auch aus, wenn ich auch nicht den Schimmer von einer Ahnung habe, warum das so sein sollte, außer — nein, das ist zu blöd.

Außer, sie lieben dich. Wenn ich jemanden liebe, dann brauch ich das auch, dass der da ist und ich ihn ansehen kann. Das ist doch bei allen Menschen so. Aber die sind keine Menschen. Egal. Nehmen wir mal an, sie sind in dem Punkt wie Menschen. Sie lieben dich, und also brauchen sie deinen Anblick, es ist ihnen das Wichtigste auf der Welt, dich ansehen zu können. Und du, du gibst ihnen nach, aus Mitleid, und gehst raus, und — du hast das ja selbst so formuliert. Du schenkst ihnen deinen Anblick. Ja. Aber was sollen wir damit jetzt anfangen? Ich komm mit der Sache nicht zurecht. Bitte, Ayse, du darfst das nicht soweit treiben, dass du dich in Gefahr bringst. Du bist wirklich in Gefahr. Das ist etwas wie — etwas wie Schlafwandeln, was du da machst, hast du da überhaupt noch Kontrolle drüber?

Denk doch noch mal nach, denk doch noch mal scharf nach! Und wenns dich nachts reißt und du musst unbedingt raus auf die Straße, damit die dich sehen können, bitte! sei wenigstens so schlau und zieh dir was über! Du kannst das nicht bringen, nackt auf die Straße zu gehen, mitten in der Nacht, ach was, am Tag wärs auch nicht besser, mir fällt einfach nicht ein, was ich noch sagen soll.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 14.08.2021

Sandra, das war gut, was du da geschrieben hast, ich finde, du hast schon ziemlich viel gesagt. Du hast absolut recht, da ist was zwischen Ayse und denen. Aber wir stecken nicht drin, wir können Ayse nicht kritisieren, wir stecken nicht in ihrer Haut, wir wissen nicht, was da abläuft. Aber dass sie da nackt rausgegangen ist, grad das, wie soll ich das sagen, Scheiß drauf, ich find das einfach toll. Ayse, das war großartig, was du da gemacht hast. Du hast nicht gefragt, du hast dich in die Sache reingeschmissen, auf volles Risiko. Das ist — mir bleibt die Luft weg, wenn ich daran denke. Ich find grad das so — ich weiß nicht — so — ich versteh auf einmal, warum die vor dir auf den Knien liegen. Du hast verstanden, dass die dich unbedingt sehen wollen, und du hast gar nicht gefragt, warum die das wollen, und ob die irgendeinen Anspruch auf dich haben, du hast nur gesehen, dass die das unbedingt wollen, und du hast dieses Mitleid verspürt, dieses unwiderstehliche Mitleid, und dann bist du rausgegangen, und hast ihnen gegeben, was sie doch so unbedingt wollen, und du hast dich nicht drum gekümmert, ob das irgendjemand sieht oder was irgendjemand davon denkt. Du bist völlig wehrlos und ohne Netz und doppelten Boden raus auf die Straße gegangen und hast dich nackt dort hingestellt, und du hast noch nicht einmal vorsichtig geguckt, ob auch niemand im Fenster hängt, das hab ich doch richtig verstanden, ja? Mehr kann eine Frau überhaupt nicht von sich hergeben, als was du da gemacht hast, du hast dich um die Folgen nicht gekümmert, das war unheimlich großherzig von dir, ich glaube, das ist das richtige Wort, ich wünschte, ich hätte das auch, ein großes Herz.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 14.08.2021

Das war wirklich edel gedacht, Amy, und ich geb zu, mir ist ein Tränchen gekommen, als ich das gelesen hab. Aber leider ist da draußen die Welt, wie sie ist, und ich kann nur sagen, Ayse, überleg dir solche Aktionen zweimal. Dreimal. Überleg doch mal, da muss doch bloß gegenüber ein Depp im Fenster hängen, späht vielleicht durch die Ritzen im Rollladen, und der sieht dich! Überleg das doch mal! Der sieht nichts als ein nacktes Mädchen auf der Straße, allein auf der Straße! Der hängt doch am Telefon und ruft die Bullen, und dann bist du aber sowas von in Erklärungsnot! Und wenn du Pech hast, greift der sich sein Handy und fotografiert dich gleich noch, um sich recht oft an dir einen runterholen zu können! Und wenn er das satt hat, stellt er das Foto ins Netz, damit andere auch eine Freude dran haben, und du findest dich auf facebook wieder. Willst du das?

Schätzchen, bitte, denk da drüber nach. Lass solche Aktionen sein, auch wenns noch so Spaß macht. Wenn du deine runden Sachen bewundert haben willst, leg dich an den Baggersee, die Jungs dort sabbern schon. Denk nach, sei schlau. Bitte.

(Nachrichten vom 10. bis 14.08.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 28.04.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)