Banshee Neue Folge 6

Nachricht von Ayse Konopski

Ich hab auf dem Dachboden angefangen, PvM beobachtet das ein bisschen knurrig, sagt aber nichts. Ich mein, ihr wisst ja, wovon ich rede. Nein, wisst ihr nicht. Haushälterin, das ist das Ding. Meine Aufgabe. Da krieg ich jetzt Geld für, und beim Arbeitsamt angemeldet bin ich auch, Krankenversicherung, Rentenversicherung, sag einer, das macht sich nicht bezahlt. Und bezahlt werd ich auch noch dafür!

Wenn ich irgendwo vorne zum Fenster raus guck, seh ich den Streifenwagen. Und rundum meine Fans. Ich wünschte so, ich könnt das fotografieren. Die sitzen überall, auf den Wiesen drüben, auf dem Trottoir auf der anderen Straßenseite, und wenn der Streifenwagen länger steht, sitzen sie sogar auf dem Dach von dem. Drinnen die zwei Polizisten, die merken nichts. Ab und zu steigen die aus, vertreten sich ein bisschen die Beine, einmal hab ich einen gesehen, der stand direkt zwischen dreien von den Frauen, und die Röcke von denen haben geweht um den herum wie im Sturm, der hat nichts gemerkt, und ich hab mir so gewünscht, Diana wär da. He, Diana, ich hab keine Freundin, nie eine gehabt, aber wenn ich eine hätte, sollte sie sein wie du.

Der Speicher. PvM hat seit Jahr und Tag einfach alles, was er unten im Haus nicht mehr haben wollte, nach oben auf den Speicher geräumt. Es gibt da eine richtige Treppe, nicht bloß eine Falltür, das hat die Sache natürlich leicht gemacht. Musst das Zeug immer nur die Treppe hoch tragen, abstellen, wieder runter, Tür zu, aus den Augen aus dem Sinn. Und ich hab mir das jetzt angeguckt und hab gesehen, ich krieg den halben Dachboden leer, einfach dadurch, dass ich bloß die Sachen ordentlich zusammenstell. Muss gar nichts wegwerfen oder so. Einfach bloß zusammenräumen. Also hab ich mir das Kopftuch umgebunden und bin ran.

Das mit dem Kopftuch hat seine Gründe, wie ihr euch denken könnt. PvM’s Philosophie lautet, solange die Staubmäuse bleiben, wo sie hingehören, nämlich auf dem Speicher und im Keller und unter dem Bett, tu ich denen nichts. Damit ist jetzt Schluss. Ich hab angefangen zu räumen und rumoren da oben, bis ich das Husten gekriegt hab. Der Staubsauger hat gut zu tun gehabt, und ich auch. Dann gings doch los mit dem Wegwerfen, und ich bin runter und hab PvM’s klappriges Rad aus dem Stall geholt und bin rüber zu dem kleinen Supermarkt gefahren, wo es die Zusatzbeutel gibt, für die Müllabfuhr. Bevor ich mich auf den Sattel geschwungen hab, hab ich brav den Polizisten gesagt, wo ich hinfahr, und hab dabei versucht, die Besucher zu ignorieren, die sind ehrfürchtig vor mir in die Knie gegangen, jawohl, und ich hab eine alte Jeans angehabt und die Bluse mit einem Knoten vor dem Bauch zusammengebunden und das Kopftuch um die Haare. Ich fuhr los, und der Polizeiwagen folgte mir, in einigem Abstand.

Ich stell mir richtig vor, die sitzen drin in ihrem Wagen und geben durch, über Funk, „Objekt bewegt sich in Richtung Dirrfurter Straße“, läuft das so?

Regina hat uns noch am gleichen Abend angerufen, an dem Tag, als ihr alle weggefahren seid, und ich will das mal sagen, ich vermiss euch richtig, das war toll, wie wir alle zusammen in der Küche gesessen haben, Regina also hat natürlich PvM angerufen, und hat knapp angekündigt, Polizeischutz für die kleine Türkin. Scheiße. Ich hab nie was anderes vorgehabt, als so unauffällig durchs Leben zu kommen wie möglich. Jetzt sind zwei uniformierte Polizisten hinter mir her, wo ich geh und steh, und die sind sogar bewaffnet. Richtig Knarre an der Hüfte.

Ich hab keine Ahnung, was da abgeht, und PvM sagt, er weiß es auch nicht wirklich. Was er gesagt bekommen hat, ist, Regina hat mit dem Innenminister geredet, dem von hier. Von Wahlburg-Sonderbüren. Über mich. Ich möcht mich am liebsten verstecken. PvM sagt, da laufen Dinge, von denen wissen wir nichts. Muss was mit dem Burroblast zu tun haben, die sind im Visier vom Staatsschutz. Ich hab Reginas Lippen vor mir gesehen, als sie mit PvM geredet hat. Schmaler Strich. In was sind wir da reingeraten?

Aber der Speicher hat mich abgelenkt. Ich hab PvM gezeigt, was alles wegkann, und er hat mit sich gerungen und gekämpft, aber dann hat er doch grünes Licht gegeben, ich meine, da waren Berge alter Klamotten drunter, die konnt man nicht einmal mehr zum Fahrradputzen verwenden, selbst wenn PvM sein Fahrrad manchmal putzen würde, na, jetzt bin ich ja da, und zum Schluss hab ich zwanzig Müllsäcke zusätzlich runter auf die Straße gestellt. PvM ist hochgekommen und hat sich den blankgeräumten Speicher angeguckt und gesagt, er fasst es nicht.

Soll ruhig sehen, wo sein Geld hingeht.

(Nachricht eingegangen am 26.04.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 27.04.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)