Banshee Alte Folge 6

Nachricht von Peter Flamm, vom 04.08.2021

So, da wären wir also. Und wie jetzt weiter?

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 04.08.2021

Das ist ja ein Albtraum. Ich seh das eher so.

Nachricht von Peter Flamm, vom 05.08.2021

Balbutin hat anfangs versucht, sie zu fotografieren, und er hat sich ganz schön verrenkt dabei, weil er eisern so tun wollte, als sähe er sie nicht. Wir haben ja alle so getan, und PvM hat recht, wir sollten das lassen. Das hier ist eines von Balbutins Fotos, er sagt, es hätten fünf von ihnen auf den Stufen gesessen und ihn angeschaut, reglos, wie sie das eben machen, mit weit offenen Augen, die niemals blinzeln. Ich bilde mir ein, man sieht dem Foto an, dass sie da waren. Irgendjemand ist da und guckt dich an, aus dem Foto heraus.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 06.08.2021

PvM hat nicht alles erzählt. Und ganz die Wahrheit gesagt hat er auch nicht. Na ja, doch schon. Aber alles gesagt hat er nicht.

Zuerst mal, ich habe gekotzt. Ich glaube, so habe ich überhaupt in meinem Leben noch nicht gekotzt. Ich hatte doch gar nichts gegessen. Seit Tagen hab ich nicht mehr ordentlich gegessen, ich hab keine Luft mehr gekriegt vor Angst, weil die meine Tür belagern, und ich wollt nichts mehr essen, ich hab nichts mehr runtergekriegt. Und dann ist PvM gekommen und hat mich rausgeschoben, und alles war, wie er es erzählt hat.

So, er findet mich also niedlich. Übrigens bin ich 24. Vier-und-zwan-zig! Nicht „noch keine Dreißig“. Will ich nur mal festhalten. Ich bin klein und rundlich, wie PvM sagt, also ich würd ja sagen, ich bin fett, aber bitte. Das ist doch mal was! Ich hab bestimmt abgenommen in den letzten Tagen. Hat das Ganze doch was Gutes.

Ich bin 24, ich heiße Ayse, ich bin Deutsche, jawohl, ich hab einen deutschen Pass, aber ich bin Türkin, ich weiß selber nicht, was ich bin. Auf keinen Fall bin ich was Besonderes, und ich hab einen dicken Hintern, und die Hellste bin ich auch nicht, und ich hab gekotzt wie noch nie in meinem Leben.

Warum schreib ich das überhaupt alles, ihr kennt mich doch. Ihr wisst gar nichts über mich. Ich glaub, ich weiß auch nichts.

PvM hat mich nach unserem Ausflug wieder in die Wohnung zurück manövriert, und dann ist mir schlecht geworden. Ich hab es nicht einmal mehr bis aufs Klo geschafft, ich hab in meinen Korridor gekotzt, und dann noch mal ins Waschbecken, und dann endlich in die Kloschüssel. Ich riech die Kotze immer noch. Das ist Einbildung.

Ihr habt das nicht erlebt. Ihr habt das nicht gesehen. Wir sind zur Tür rausgekommen, und da waren die, mindestens hundert, überall auf der Straße waren die, und die haben mich angesehen. Ihr müsst doch wissen, wie das ist, wenn die einen ansehen! Diese riesigen Augen! Die haben mich angestarrt, das war irgendwie wie ein Sog wie ein Strudel wie ein Kreisel, ich begreife nicht, dass ich überhaupt auf den Beinen geblieben bin, PvM hat mich festgehalten, und dann, und dann war das genauso, wie PvM das erzählt hat, sie sind vor mir in die Knie gegangen, sie haben vor mir die Köpfe geneigt, sie haben sich vor mir verbeugt! Was soll das??? Bitte, was soll das???

Nachdem ich mich ausgekotzt hatte, hab ich eine Weile vor der Kloschüssel gekniet und die Keramik umarmt, mein Gesicht hat sich angefühlt wie tiefgefrorener Käse, grüner Käse, schimmeliger Käse. Und irgendwo hinten hat PvM rumort und Eimer und Putzlumpen beigeholt, der war richtig locker, hat sein Jackett ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt und hat angefangen zu putzen.

Mit meinen Knien war das nicht so toll, als ich endlich wieder hochkam.

Also, das ist es, was PvM nicht erzählt hat.

Ich versteh das alles nicht. Ich versteh nichts, gar nichts. Ich bin bloß eine dusslige kleine Türkin ohne Familie ohne Anhang ohne irgendwas. Warum knien die vor mir nieder? Wie ein Mann sind die in die Knie gegangen, das war es worauf die gewartet haben, die haben darauf gewartet, dass ich endlich vor die Tür komme, damit sie vor mir niederknien können!

Warum wollen die denn vor mir in die Knie gehen? Ich bin niemand! Und was soll das eigentlich heißen? Die verehren dich, sagt PvM. An mir ist nichts zu verehren. Die kennen mich doch überhaupt nicht! Die haben keine Ahnung von mir! Wenn denen danach ist, einen lebenden Menschen zu verehren, vor irgendjemandem in die Knie zu gehen, dann sollen sie sich doch Taylor Swift aussuchen! Oder sonst jemanden, bei dem es sich auch lohnt! Warum haben die von allen Menschen in der Welt mich ausgesucht? Warum warum warum kann ich die sehen?? Es war doch alles so einfach, als die noch nicht da waren! Und überall laufen Leute rum, die können die gar nicht sehen, die wissen nichts von denen, die sind glücklich dran, die wissen gar nicht, wie glücklich sie dran sind.

Und jetzt versammeln die sich in meiner Straße und sagen, so, das haben wir jetzt beschlossen, du bist jetzt unsere Göttin, und wenn du raus kommst, und irgendwann musst du ja mal rauskommen, dann fallen wir auf die Knie und beten dich an!

Sonst noch was?

Was soll das?

WAS SOLL DAS?

Auf was warten die? Was soll ich tun? Was erwarten die jetzt von mir?

Denken die vielleicht, ich bin ihre Bienenkönigin, und wenn sie mir nur gut genug zureden, leg ich für sie die Eier?

Hoffen die, hoffen die im Ernst, wenn ich da bin, und wenn sie mich anbeten, dann wird alles gut?

Denken die, ich kann das machen, dass plötzlich alles gut wird?

Dass sie nicht mehr so traurig sein müssen? Und nicht mehr rumsitzen müssen und vor sich hin starren? und nicht mehr warten müssen warten warten warten, ich weiß doch auch nicht, worauf die warten!

Ich bin keine Heilige ich bin keine Wunderfrau ich kann keine Wunder wirken ich weiß doch nicht was die von mir wollen!

PvM sagt, ich soll euch endlich erzählen, was das ist mit mir und meiner Familie. Da ist nicht viel zu erzählen. Ich war mal verheiratet. So, jetzt wisst ihrs. Ich sollt einen Türken heiraten, den ich nicht kannte, das war eine Familiensache, der sollte mich heiraten und dadurch das Recht bekommen, in Deutschland zu arbeiten, ich bin ja Deutsche, ich hatte bei der Sache nicht viel zu melden. Ich hatte aber schon einen Freund, davon durfte die Familie nichts wissen, einen Christen, einen Polen, das war der Vojtech, ich war so verknallt in den, ich wollte für ihn sterben, jawohl, das wollte ich, ich habe vor dem auf den Knien gelegen, wie die da draußen auf der Straße vor mir auf den Knien liegen, so habe ich auf den Knien gelegen und angebetet. Wir haben heimlich geheiratet, sobald ich volljährig war, daher hab ich diesen polnischen Nachnamen, Konopski.

Ich bin abgehauen mit dem Vojtech, ich bin aus dem Haus gegangen, meine Mutter hat mich einkaufen geschickt, es wurde draußen schon dunkel, und ich bin gegangen und nicht mehr wiedergekommen. Nein, ich hab auch nicht alles richtig gemacht. Ich hab diese Sache mit der türkischen Hochzeit einfach laufen lassen, die Familien auf beiden Seiten haben alles vorbereitet, türkische Hochzeiten sind teuer, das kann ich euch flüstern, ihr glaubt gar nicht, was da alles vorbereitet wird, es werden sogar Musiker bestellt. Ja, es war alles vorbereitet, und fünf Tage vor dem Termin ging die Braut einkaufen und das war’s. Die Braut, das war ich. Ich glaube, wenn die mich und den Vojtech in die Finger bekommen hätten, die hätten uns umgebracht. Ich bin mit dem Vojtech abgehauen, und von unterwegs hab ich meine Tante angerufen, nicht meine Mutter, das hab ich mich nicht getraut, und ich hab gesagt, das wird nichts, mit der Hochzeit. So haben die das erfahren. Die waren völlig ahnungslos.

Die Ehe mit dem Vojtech hielt genau drei Monate, und dann verschwand er aus meinem Leben. Ich war dann, okay, ich war dann ein Jahr in der Klapse. Ich hab versucht, mich umzubringen, auf die Einzelheiten müsst ihr jetzt verzichten, ich bin zwangseingewiesen worden, und in der Klinik haben sie versucht, Kontakt mit meiner Familie herzustellen, Ayse? haben die von meiner Familie gesagt, eine Ayse kennen wir nicht.

Irgendwie bin ich wieder auf die Beine gekommen, und ich hab mir einen Job gesucht, und ich hab mich damit eingerichtet, dass ich jetzt allein bin in der Welt, vollständig allein, und dann waren da noch andere Sachen, darüber muss ich jetzt nicht reden, wie ich Peter kennengelernt hab und der mich eingeladen hat, im Verlag mitzuarbeiten, und dann hab ich der Reihe nach euch kennengelernt, und irgendwann PvM, und der findet mich ja niedlich, sagt er jedenfalls, und der hat — also, das ist die andere Sache, da hat er nicht ganz die Wahrheit geschrieben, er hat geschrieben, er hätte darüber nachgedacht, mal mit meiner Familie in Verbindung zu treten, die Wahrheit ist aber, er hat es längst getan, er ist hingefahren, er hat bei denen vor der Tür gestanden, sie haben ihn auflaufen lassen, mit türkischen Flüchen, die er zum Glück nicht verstanden hat, aber egal, den beeindruckt ja sowieso nichts und niemand.

Und irgendwann ist uns allen klargeworden, dass da draußen sie sind. Das wisst ihr ja alle, wie uns das klar geworden ist, dass wir keine Halluzinationen haben, und nein, Diana, wir haben auch nicht alle miteinander denselben Sprung in der Schüssel, und nein, wir sind keine Sekte, wir wissen, was wir sehen, und was wir sehen, sehen wir.

Und das Ende war, dass PvM in meinem Korridor meine Kotze weggewischt hat und ich die Kloschüssel umarmt hab.

Und draußen auf der Straße warten sie. Ganz still und geduldig haben sie sich schon wieder versammelt und warten darauf, dass ich rauskomme, dass ich vor die Tür trete, damit sie vor mir in die Knie fallen können.

Weil ich ihre Königin bin. Oder ihre Göttin. Auf jeden Fall bin ich irgend jemand, den sie verehren. Auf den Knien.

Die beten mich an.

Wofür halten die mich?

Wer bin ich?

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 08.08.2021

Ayse, Süßes, das tut mir alles unendlich leid. Ich habe geheult, als ich gelesen hab, was du da geschrieben hast. Ich weiß, das nützt dir nichts. Es tut mir so leid. Das haben wir alle nicht gewusst. PvM hat das gewusst, ja? Peter natürlich. Aber der hat nie was gesagt. Du hättest das nicht so lange bei dir behalten sollen. Die Dinge kommen zum Schluss immer raus. Irgendwie — ich weiß nicht. Ich fühl mich irgendwie mies. Ich hab dich die ganze Zeit für selbstverständlich genommen. Du warst eben da. Ich hab nie lange über dich nachgedacht. Das ist immer diese Sache, man steckt nicht drin, und dann kommen Sachen raus, und man weiß nicht, was man sagen soll. Man kennt die Menschen nie wirklich, und vor allem, nie genug. Man ist halt mit sich selbst beschäftigt, das ist immer das Problem, es ist jeder mit sich selbst beschäftigt.

Früher hat es mal geheißen, vor allem bei gläubigen Menschen heißt es, man soll für andere da sein. Ist auch nicht so leicht. Man will sich ja auch nicht einmischen in Sachen, die einen nichts angehen. Man möchte ja unbedingt das Richtige tun, und dann läuft es darauf hinaus, was du auch tust, es ist falsch.

Ich hab einen Sack eigener Probleme am Hals, aber jetzt hab ich das Zwerglein, und ich hab mein Mütterchen. Als der Matsunaga weggelaufen ist, hab ich gedacht, niemand in der Welt hat solche Probleme wie ich. Das denkt man ja immer, in solchen Situationen. Und dann kriegt man sowas zu hören wie von dir.

Ich denke die ganze Zeit nach über das, was PvM geschrieben hat. Was wollen die von dir? Das ist wirklich die Frage. Die erwarten was. Es kann doch gar nicht sein, dass die bloß vor deiner Wohnung abhängen, um ab und zu mal einen Blick auf dich werfen zu können. Das kann doch irgendwie nicht sein, dass es denen solchen Spaß macht, vor dir in die Knie zu gehen, dass sie allein deswegen auf deiner Straße zusammenkommen. Aber was wollen die?

Als ich klein war, hat mir meine Mutter von Vineta erzählt. Weißt du, was das ist? Eine versunkene Stadt, im Meer versunken. Die Bewohner hatten Handel getrieben und waren reich geworden, und irgendwann hatte sie nichts mehr interessiert als ihr Reichtum. Sie waren böse geworden, herzlos. Zur Strafe kam eine Sturmflut, und die Stadt versank im Meer. Einmal alle hundert Jahre taucht sie wieder auf, und dann sind die Märkte eröffnet, goldene Gefäße und wunderbare Stoffe werden feilgeboten, und die Händler stehen traurig und warten, dass ein Kunde kommt. Einmal kam ein armer Fischer, und der sah alle die Wunder, und sie sagten ihm, er könne alles haben, ganz egal was, um jeden Preis, was immer er bezahlen könne. Wenn es ihnen gelänge, auch nur einen Fetzen zu verkaufen, wär die Stadt erlöst. Der Fischer war so arm, er hatte nicht die kleinste Münze bei sich. Er versprach, nach Hause zu laufen und nach einer Münze zu suchen, und er rannte, rannte übers Watt, und suchte in seiner Hütte den letzten Winkel ab, und endlich fand er ein ganz wertloses Geldstück, und er rannte zurück, aber es wurde schon dunkel, der Tag war fast vorbei, er rannte und sah in der Ferne die Türme der Stadt, dann ertönte ein Donnerschlag, und die Stadt versank, er war zu spät gekommen.

Wir müssten wissen, wir müssen irgendwie rauskriegen, was die wollen. Da fällt mir Parzival ein. Von dem haben sie uns in der Schule erzählt. Ein Ritter, der kam zur Gralsburg, der Burg mit dem Heiligen Gral, und er wusste das nicht, dass das die Gralsburg ist, und drin die traurigen Bewohner feierten irgendein unbegreifliches Ritual, und sahen den Besucher immer an so dringend, und am Morgen schickte ihn der Burgherr verärgert fort, er hätte etwas tun müssen, er verstand nicht, was, er verstand nicht, was von ihm erwartet wurde, er verstand nicht, was die von ihm wollten, hinterher wurde ihm klar, er hätte fragen müssen, was macht ihr da, er hatte einfach nicht gefragt, was macht ihr da? Und dann zog er hinaus in die Welt und suchte die Burg, um sein Versäumnis wiedergutzumachen, aber er fand die Burg nicht wieder. Trotzdem, die Geschichte ging zum Schluss gut aus, auf endlosen Umwegen fand er die Burg dann doch, und stellte die richtige Frage, und alles wurde gut.

Das wird von uns allen erwartet, dass wir das Richtige tun, damit alles gut wird, und meistens haben wir keine Ahnung, was das sein soll, das Richtige. Wir würden es ja gerne tun, wenn nur einer käme und uns sagte, was das ist.

Tut mir leid, Ayse, dass ich nie gefragt habe.

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 09.08.2021

Ayse, Schätzchen, das ist jetzt wirklich, also ich weiß nicht, was ich sagen soll. Amy hat recht, kenn einer die Leute. Das will ich aber doch sagen, deine Familie sollte sich schämen. Du kannst ja auch nicht über deinen Schatten springen, und was passiert ist, ist eben passiert. Haben die es wieder mit ihrer Ehre? Hört man ja von türkischen Familien, ich kenn mich da nicht aus. Klar ist das peinlich bis auf die Knochen, eine geplatzte Hochzeit. Die haben wahrscheinlich vor ihrer community dagestanden wie die Deppen. Haben ihre eigene Tochter nicht im Griff, und so. Im Grunde … sehen wirs mal so, es ist ja immerhin was, dass sie dir bloß die Tür vor der Nase zugesperrt haben. Da sind schon ganz andere Sachen gelaufen. Sie hätten dich verfolgen können und dir auflauern oder so.

Okay. Ich bin mal wieder nicht hilfreich, wie Peter sagen würde. Ich krieg das selten gebacken, was Aufbauendes zu sagen. Was ich sagen will, das ist, du hast es doch geschafft, auf eigenen Füßen zu stehen. Hast ein eigenes Leben. Versorgst dich selbst. Ich glaube, das ist der richtige Weg, das ist, was du machen musst. Tag um Tag weitermachen, dann kommt Baustein um Baustein zusammen, und irgendwann hast du wieder ein Leben, ob du willst oder nicht. Wie alt bist du? Vierundzwanzig? Aber hallo, du bist ja noch ein Kind. Du hast noch nicht einmal richtig angefangen.

Ja! Das ist doch die Idee! Vielleicht sind die vor deiner Tür deshalb so begeistert von dir, weil du noch das ganze Leben vor dir hast! Da geht was los, denken die, da fängt was an, da gucken wir zu!

Das sind deine Fans! Siehs mal so!

Ich will ja bloß helfen.

Ich bin so eine Flasche.

(Nachrichten vom 04. bis 09.08.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 27.04.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)