Banshee Neue Folge 5

Nachricht von Peter Flamm

PvM hat mich gebeten, noch abschließend zu erzählen, was in der Nacht alles vor sich gegangen ist, nachdem Balbutin, nun ja, sagen wir, seine Auferstehung gefeiert hat.

Was mit Ayse gewesen war, in den zwei Tagen ihres Verschwindens, darüber waren inzwischen alle ziemlich gut informiert, Balbutin eingeschlossen, der Augenzeuge gewesen war, bloß ich hatte keine Ahnung, und PvM setzte mich zwischen Tür und Angel ins Bild, in Kurzfassung, das war, während Balbutin gedrückt auf der Essbank saß in PvM’s Küche und Ayse und Diana das Essen bereiteten. Regina und PvM und ich standen vor der Treppe im Vorgarten und sahen hinaus auf die Meute der Besucher, die hatten sich wieder auf den Wiesen zusammengerottet, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in den Nachbargärten. Oben auf dem Dach. Auf den Gartenzäunen.

Ich hatte noch niemals eine solche Menge von ihnen gesehen. Es waren noch mehr geworden seit gestern Nacht, bildete ich mir jedenfalls ein. Als tauchten immer mehr auf aus den Abgründen, in denen sie sich sonst verborgen halten mögen. Sie hingen über uns im Dachtrauf wie nervöse schwarze Vögel, und wieder fiel mir auf, wie alptraumhaft schön die Frauen waren, und traurig. Ich machte eine entsprechende Bemerkung, und beide, Regina wie PvM, stimmten mir zu, es werden immer mehr, sagten sie, jeden Tag werden es mehr von ihnen.

„Balbutin hat sie in Berlin gesehen“, sagte ich, „soviel hat er mir schon erzählt. Wo werden sie noch gesichtet? Nur in Deutschland? Doch wohl kaum. Wo noch? In Europa? In der Welt?“

Regina zuckte die Achseln, es kam mir vor, als wüsste sie etwas, wollte oder konnte es aber nicht sagen.

„Selbst seit Ayse wieder aufgetaucht ist, sind es mehr geworden“, sagte PvM, und dann gab er mir einen kurzen Überblick über alles, was Ayse schon erzählt hatte.

„Guter Gott“, sagte ich. „Wie sollen wir damit fertig werden? Wir stehen vor theologischen vor weltanschaulichen vor praktischen Problemen, wie sollen wir das bewältigen? Nichts ist mehr in der Welt, wie es war. Wir sind die Zeugen. Da ist ein Dahinter.“

„Aber die Rede“, wandte Regina ein, „dass da Besucher zugange sind in unserer Welt, Besucher, die nicht von dieser Welt sind, die ist so alt wie die Menschheit selber.“

„Glaubt bloß heute keiner mehr dran“, sagte PvM.

„Nur in den young adult novels“, sagte ich, „da wird munter davon geredet. Kann es sein, dass unsere Freunde sich deshalb so gerne vor den Bibliotheken versammeln, weil in den Büchern dort von ihnen geredet wird?“

Und auf Reginas fragenden Blick erklärte ich: „Amy hat davon erzählt. Sie war mit ihrem Baby in der Stadtbücherei, und da haben sie draußen auf den Bänken gesessen und in dem Baum, der dort stand, und haben durch die Glasfront in die Bibliothek hineingesehen.“

„Ja“, sagte Regina im resignierenden Ton eines, der eigentlich „Auch noch“, oder „Sonst noch was?“ sagen will.

Wir schwiegen eine Weile und sahen uns die Herde der Besucher an, die blickten auf das Haus, wie die frommen Juden mochten in ihrer Wüstenwanderung auf das Zelt geblickt haben, darin verborgen die Bundeslade aufbewahrt wurde.

Die Bundeslade. Ayse. Das Mädchen.  

Also gingen wir wieder hinein, und drinnen hatte Diana schon ihren Balbutin in der Mangel, der blickte uns entgegen, wie ein Ertrinkender nach dem nahenden Rettungsboot guckt. Ayse hatte einen roten Kopf, und es war klar, worum es ging. Junge Frauen sollten eben nicht nackt durchs Gelände stromern, das hat immer Folgen.

Diana war in Hochform, sie fetzte zwischen Küchentisch und Kühlschrank und Herd hin und her und rührte und bereitete und schlug mit den Topfdeckeln, und dabei zerlegte sie ihren Balbutin, wie nur eine Ehefrau das mit ihrem schuldbewussten Mann tun kann. Wir warfen uns pflichtschuldigst als Puffer zwischen die beiden, und es verging einige Zeit, bis wir alle unsere Plätze gefunden hatten am Tisch, und dann trugen Diana und Ayse auf, und endlich war Balbutin an der Reihe.

Das war nicht so leicht, wie es klingt. Ihr wisst, wie dem armen Kerl die Artikulation entgleist, wenn er aufgeregt ist. Und Balbutin war aufgeregt, die Dinge sprudelten aus ihm heraus, er wollte alles gleichzeitig sagen, auf Deutsch und Englisch, alles munter durcheinander, und dann kam ihm auch noch sein heimatlicher Dialekt dazwischen, Idaho glaub ich, und Diana hatte sich inzwischen gefangen und übersetzte, immer stiller und konzentrierter, und als er seine Frau so sah, beruhigte sich auch Balbutin allmählich, und seine Erzählung nahm Gestalt an.

Ihr kennt die Geschichte ja jetzt alle, Balbutin und Diana haben alles aufgeschrieben. In der Nacht an PvM’s Küchentisch erfuhren wir die Dinge nicht so geordnet, nicht in chronologischer Reihenfolge, Balbutin war vollkommen erfüllt von den Vorgängen unter dem Dach Burroblasts, das war es überhaupt, was er zuerst erzählte, die Erscheinung des Azazel, die Stimme, all das.

Danach erst wandte er sich der Vorgeschichte zu, wie es zu seiner Flucht vor Diana gekommen war, und was sich in Berlin ereignet hatte. Irgendwann weinte Diana, dann weinte auch Balbutin, und die beiden lagen sich erst einmal eine Weile in den Armen und heulten Rotz und Wasser, bevor sie weitermachen konnten, und Ayse machte die ganze Zeit den Eindruck, sie sei heilfroh, aus der Schusslinie zu sein, bis Balbutin dann, notgedrungen, zu dem Teil seiner Erzählung kam, da er davon berichten musste, wie er Ayse zwei Tage lang durchs Gelände gefolgt war, da zeigte Ayse unerwartetes Format, „okay“, sagte sie, „machen wirs kurz, damit wirs hinter uns haben, ich hab in der Nacht nackt auf der Wiese gelegen und mir einen runtergeholt, und er hat mir dabei zugesehen, und was dabei in mir vorgegangen ist, das hab ich schon ausführlich erzählt, so, jetzt ist es gesagt, und keiner muss mehr drumherumreden.“

Das war gut, und Balbutin brachte endlich auch diesen Teil seiner Erzählung auf die Reihe, und unterdessen war es draußen Morgen geworden.

Ich sah, dass es hinter Reginas schöner Stirn gewaltig arbeitete. Ich konnte das da noch nicht wissen, aber es würde noch am gleichen Nachmittag zu einer Konferenz zwischen ihr und dem Innenminister kommen, auf neutralem Boden sozusagen, in einem Gästezimmer des Landtags, und dort würden sie Polizeischutz für Ayse beschließen, wie PvM es schon angedeutet hat.

Und das war es dann. Wir saßen beisammen noch, bis es richtig hell geworden war, irgendwie mochten wir uns nicht trennen, und dann mussten wir doch Abschied nehmen. Ayse wirkte ein bisschen, als sei sie jetzt wirklich die Herrin im Hause PvM. Balbutin und Diana fuhren heim, in Dianas Wagen, und Regina brachte mich rüber zu meinem Hotel, wo ich bloß noch meine Rechnung bezahlte, dann machte auch ich mich auf den Weg nach Hause. Wir hatten alle nicht geschlafen in dieser Nacht, aber ich glaube, keinem von uns war nach Schlaf. Wir telefonierten noch am Abend, versicherten uns gegenseitig, gut zu Hause angekommen zu sein, und das war es, das ist die Geschichte, nun bleibt uns nichts als abzuwarten, was passiert.  

(Nachricht eingegangen am 25.04.2022, eingestellt auf dieser Seite von Peter Flamm am 26.04.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)