Banshee Alte Folge 5

Nachricht von Diana Hindrance, vom 03.08.2021

Wo ist Balbutin? Was habt ihr mit Balbutin gemacht? Ihr wisst doch, wo der ist! Ich geh zur Polizei, wenn ihr mir nichts sagt!

Nachricht von Peter Flamm, vom 03.08.2021

Mal ganz ruhig, Diana, was ist los?

Nachricht von Diana Hindrance, vom 03.08.2021

Das weißt du doch ganz genau. Balbutin ist fort. Hat sich abgesetzt. Schreibt, er braucht eine Pause. Ihr wisst doch was! Sagt mir, wo der ist. Ist der bei einem von euch?

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 03.08.2021

War nur eine Frage der Zeit, bis der abhaut …

Nachricht von Peter Flamm, vom 03.08.2021

Sandra, das war nicht hilfreich. Hi, Diana, wenn er dir geschrieben hat, heißt das jedenfalls, ihm ist nichts passiert. Bei mir ist er nicht, und bei PvM auch nicht, und bei Amy oder Sandra auch nicht, davon geh ich mal aus, bei Ayse schon gleich gar nicht, davon hätt ich gehört. Der kommt wieder nach Hause, du musst das einfach ernst nehmen, er braucht eine Auszeit. Wir stecken da nicht dahinter, und wir stecken auch nicht drin (sorry, das ist der Einfluss von PvM, das mit den Wortspielen ist ansteckend), das ist eine Sache zwischen euch beiden. Hol erst mal tief Luft, das renkt sich alles wieder ein. Was hat er denn genau geschrieben? Ist das mit der Post gekommen?

Nachricht von Diana Hindrance, vom 03.08.2021

Er hat einen Zettel auf dem Küchentisch liegenlassen. „Diana, dearest, I am so sorry, but I DO need a break. I must think. Think it all over. Don‘t worry. Things will be allright.“ Was soll ich damit anfangen? Sowas hat der noch nie gemacht! Er braucht eine Pause? Von was? Von mir? Von seiner Familie? Dadran seid ihr schuld! Das verzeih ich euch nie!

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 03.08.2021

Zettel auf dem Küchentisch! Das ist sowas von klassisch! Das machen die Kerle immer. Bei mir hat der Zettel am Kühlschrank geklebt. Am Kühlschrank! Hat den Zettel an den Kühlschrank geklebt und ist schnell weg, bevor er mir ins Gesicht sehen musste, der Feigling!

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 04.08.2021

Tut mir leid, das mit Balbutin zu hören. Peter hat recht, bei mir ist er nicht, und ich hab auch nichts gehört. Soweit ich weiß, leben all seine Verwandten in Amerika, bis dahin wird er sich ja hoffentlich nicht abgesetzt haben. Der kommt wieder nach Hause, der braucht seine Familie. Diana, wenn ich was höre, ich melde mich bei dir, versprochen.

Ich hab jetzt zwei Tage gegrübelt, wie ich euch das erkläre, was bei Ayse passiert ist. Nun gut, ich hab auch noch andere Sachen gemacht. Aber es hat an mir genagt. Die einfache Wahrheit ist, ich hab keine Erklärung. Ja. Das ist offenbar auch so eine Sache, die sich nicht in zwei oder drei Worten sagen lässt. Bleibt mir nichts anderes übrig, als euch die Geschichte zu erzählen, wie sie passiert ist, ohne Erklärung und ohne Gebrauchsanweisung. Ich steh genauso ratlos da wie Ayse, und wie ihr es gleich sein werdet.

Also.

Ich hab euch erzählt, wie ich Ayse endlich überreden konnte, mit vor die Tür zu kommen. Als wir schon die Treppe im Hausflur runtergestiegen sind, wollte sie noch einen Rückzieher machen.

Ich kann das nicht, sagte sie. Die sind wegen mir da, die wollen was von mir.

Wir ziehen das jetzt durch, antwortete ich. Einmal musst du doch raus.

Das ist genau, was die wollen, sagte sie, deshalb belagern die mich doch. Damit ich rauskomm!

Sie weinte schon wieder, und hielt sich an meinem Arm fest. So stiegen wir die Stufen runter. Neben Ayses Haustür ist ein Einsatz aus Gitterglas, darin die Briefkästen. Durch das Glas konnten wir undeutlich die Gestalten erkennen, die draußen warteten. Einmal fuhr ein Traktor vorüber, wie üblich wichen sie geschmeidig aus, der Fahrer sah natürlich nichts, sonst war die Straße menschenleer, es war noch immer früher Nachmittag.

Ayse hing schwer an meinem Arm, ich glaube, die Knie gaben ihr nach. Ich hab Angst, flüsterte sie. Ich drückte ihren Arm, und dann hakte ich mich bei ihr ein, auf die altmodische Art, wie man es früher gesehen hat, bei alten Ehepaaren, ein Arm in den anderen gehängt, und ich machte die Haustür auf, so gingen wir hinaus.

Die Straße war schwarz von ihnen. Meine Ankunft musste noch mehr von ihnen herbeigelockt haben, selbst da und dort auf den Fensterbänken hockten sie. Und sie schauten uns entgegen, aus ihren riesigen, weit offenen Augen.

Sie waren überall, die ganze Straße hinauf und hinunter, in beide Richtungen. Gegenüber von Ayses Haus ist eine Hofeinfahrt, mit einem hohen Tor in einem gemauerten Rahmen, und oben auf dem Tor saßen sie auch und schauten auf uns hinunter, saßen wie Vögel auf einer elektrischen Leitung, in allen möglichen Stellungen, da einer allein, da drei zusammengedrängt, als würden sie tuscheln.

Ich habe sie noch niemals reden sehen, auch nicht untereinander. Sie sitzen immer nur, sitzen und warten.

Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt habe, als ich mit Ayse hinausgegangen bin. Ich glaube, gar nichts. Was immer ich erwartet habe, es war nicht das, was dann passierte.

Ich verstehe es noch immer nicht.

Wir traten auf die Straße hinaus, ich glaube, Ayse hielt die Luft an. Sie klammerte sich an meinem Arm fest, daran erinnerte ich mich aber erst hinterher.

Nichts hat mich auf das vorbereitet, was dann passierte.

Ich sah, dass sie alle Ayse anschauten. Alle. Die ganze riesige Menge, sie sahen die kleine türkische Frau an meinem Arm an. Und dann —

Dann bewegten sie sich.

Die standen, sanken lautlos in die Knie, unverwandt Ayse anschauend. Die saßen, richteten sich auf, so dass sie ebenfalls auf die Knie kamen. Die auf den Fensterbänken oder auf der Toreinfahrt hockten, die beugten die Oberkörper.

Die ganze riesige Menge, die Straße hinauf und hinunter, sie gingen lautlos vor Ayse in die Knie, und dann senkten sie auch noch ihre Köpfe.

Ayse und ich standen reglos, wie eingefroren. Ich glaube, wir hörten auf zu atmen. Wir sahen all die gesenkten Köpfe. Ging so in alten Zeiten der Hofstaat in die Knie, wenn die Fürstin erschien?

Was soll ich jetzt machen? wisperte Ayse neben mir, fast unhörbar. Und ich schüttelte den Kopf, ohne etwas zu sagen, und führte sie die Straße hinunter.

Ich denke, ich habe es richtig gemacht. Sie stellten sich uns nicht in den Weg, sie versuchten nicht, uns aufzuhalten, sie ließen nicht erkennen, was sie erwarteten. Wir hatten vielleicht schon getan, was sie erwarteten. Ayse hatte sich gezeigt.

Diesmal musste ich Ayse wirklich festhalten, sie wäre sonst umgefallen. Wir kamen bis ans Ende der Straße, bis zur Einmündung in die kleine Hauptstraße, von der ich vor kaum einer Stunde hergekommen war, und ich wies mit dem Kopf nach der Bushaltestelle mit dem Unterstand, unter der Platane, und ich sagte: Bis dorthin schaffst du es noch, dort setzen wir uns.

Und dann erst blickte ich mich um.

Sie knieten immer noch, hinter uns, aber sie blickten uns jetzt hinterher. Sie folgten uns nicht, sie sahen uns nur hinterher, und selbst aus der Entfernung konnte ich sehen, dass etwas in ihren Augen war wie Erwartung.

Erwartung!

Aber auf was warten die?

Sie hatten Ayse sehen wollen. Aber was sehen sie in ihr?

Ich manövrierte die kleine Türkin bis zu der Bank unter der Platane, und ich muss zugeben, meine Knie waren auch nicht mehr ganz stabil. So setzten wir uns.

Was war das denn? blubberte Ayse. Was, WAS war DAS denn?

Gute Frage.

Jedenfalls wissen wir jetzt, warum die sich hier versammeln, sagte ich. Sie wollen dich sehen.

Das ist doch wohl ein Witz, sagte Ayse, und dann sah sie mich an, mit irgendwie wildem Blick, und sagte, ich hab das geahnt, ich hab gewusst, dass die was von mir wollen, ich hab doch gesehen, wie die geguckt haben, wenn ich ans Fenster gekommen bin, ich hab mich ja nicht mehr ans Fenster getraut, aber warum gucken die so, was wollen die, auf was warten die, was wollen die von mir?

Sie dachte einen Augenblick nach, dann fuhr sie fort: Ich soll irgendwas machen, das ist doch offensichtlich. Aber was? WAS?

Wir wissen schon mal etwas, sagte ich. Sie wollen dir nichts Böses. Sie verehren dich. Offensichtlich beten sie dich an.

Die verwechseln mich mit irgend jemandem, sagte Ayse schnell. Und wenn sie das rauskriegen, dass ich nicht die bin, für die sie mich halten, dann bin ich dran.

So weit sind wir noch nicht, sagte ich. Sie sind uns nicht hinterhergekommen, sie sind also zufrieden damit, dass sie dich überhaupt gesehen haben. Das ist es offenbar, was sie wollen. Dich sehen. Sagen wirs mal so, den Gefallen kannst du ihnen ja tun. Wenn sie sich hier versammeln, zu keinem anderen Zweck, als um dich zu sehen, dann kannst du ihnen ja den Gefallen tun. Wenn das alles ist, bist du aus dem Schneider. Du trittst einfach ab und zu vor die Tür, wie die Leute hier auf dem Dorf das alle machen, und lässt dich sehen.

Soll ich die vielleicht SEGNEN??? fauchte Ayse, mit der schnellen Erbostheit, wie sie türkischen Frauen zu eigen ist.

Ich sehe, es geht dir schon besser, sagte ich.

Und wir standen auf und gingen die Straße hinunter und einmal durchs Dorf, wie wir es vorgehabt hatten, und auf dem gleichen Weg wieder zurück, einmal durch Ayses Dorf zu gehen, ist keine Weltreise.

Als wir wieder in die kleine Straße zu Ayses Wohnung einbogen, schlug uns beiden das Herz bis zum Hals. Ich weiß nicht, was wir erwartet hatten, aber unsere Unruhe war grundlos. Die Menge auf der Straße hatte sich stark gelichtet. Die meisten von ihnen waren fort. Oder waren alle fort, und die jetzt da waren, waren neu angekommen?

Ich hätte es nicht sagen können, ich kann sie nicht auseinanderhalten, so lange habe ich noch nie einen ansehen können, ich kann diesen saugenden Blicken nicht standhalten, für einen Moment kann ich schon hinschauen, aber dann wird mir schwindelig, und so oder so, wenn ich einen von ihnen direkt ansehe, dann sehe ich nichts mehr als diesen Blick, diesen weit offenen Blick aus riesigen Augen, und was ist das in diesem Blick? Erwartung? Eine Aufforderung?

Wir kamen vor Ayses Tür, und es geschah wieder das Gleiche wie vorher. Die Menge sank vor Ayse in die Knie, und sie senkten ehrfürchtig die Häupter. Es war wie ein Ritual. Sie senkten vor Ayse die Köpfe wie vor dem Allerheiligsten.

Auftritt der Göttin.

Mir lief es kalt den Rücken hinunter.

Ich brachte Ayse hinauf in ihre Wohnung, und sie kochte noch einmal Tee. Sie zitterte, ließ sich aber nicht helfen.

Es tat mir leid, sie mit dieser Sache allein lassen zu müssen, aber immerhin hatten die Dinge sich geklärt.

Jetzt ist es ja offensichtlich, sagte ich. Sie wollen wirklich nicht mehr, als dich sehen. Du bist vor die Tür gekommen, du hast dich sehen lassen, sie — sie sind vor dir in die Knie gegangen, und jetzt sind die meisten fort. Das heißt, sie wollten wirklich nicht mehr. Das ist es, was sie wollen. Einfach dich sehen.

Das glaubst du doch selber nicht, sagte Ayse, mit weißen Lippen.

Nein, das glaube ich selber nicht, aber was ich glaube, das weiß ich auch nicht. Ich sagte ja, ich habe keine Erklärung für das, was da passiert ist. Aber ich habe eine Ahnung, und die bedrückt mich.

Wir fragen uns ja die ganze Zeit, was wollen die von uns? Vielleicht haben wir mit dieser Frage mehr recht, als wir denken, und irren uns dennoch. Wir denken, die sind hier, weil sie was vorhaben. Wir denken, DIE wollen was. Wir haben Angst, das geht gegen uns. Wir fürchten uns vor denen. Wir kommen schon gar nicht damit zurecht, dass wir so wenige sind, die sie sehen können, und außer uns sieht sie niemand. Und wir denken, die haben was vor. Die sind mit einer Absicht hierhergekommen. Die beobachten uns, weil sie was von uns wollen.

Vielleicht irren wir uns.

Vielleicht irren wir uns total.

Vielleicht sind die gar nicht freiwillig hier. Vielleicht sind sie es, die nicht wissen, was sie hier eigentlich sollen. Sie sehen, dass wir die einzigen sind, die sie sehen können. Vielleicht warten sie darauf, dass WIR etwas tun. Vielleicht hoffen sie auf irgend etwas, und wir sind diejenigen, die es ihnen bringen sollen. Vielleicht sind sie es, die Angst haben. Vielleicht sind sie es, die nicht verstehen, was passiert. Vielleicht – vielleicht hoffen sie darauf, dass wir sie retten?

Ich denke hin und ich denke her. Ich habe ihnen in die Augen gesehen, als ich vor Ayses Wohnung ankam, und ich sage ja, da war etwas wie Erwartung in diesen saugenden Blicken. Etwas wie brennende Erwartung.

Hoffnung vielleicht?

Wir sollen etwas tun.

Aber was?

(Nachrichten vom 03. bis 04.08.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 26.04.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)