Banshee Alte Folge 4

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 01.08.2021

Zwei Läufer

wusst dieser
         das Wort
             zu berichtigen

zielt jener
         das Bild
             zu benachrichtigen

im Flug
         überspringen beide
             die Fuge der Welt

streitig steigernd
         dux und comes

Nachricht von Sandra Zwischenwirt, vom 01.08.2021

Könnte PvM das mal unterlassen, hier diese Gedichte einzustellen? Will der sich über uns lustig machen? Ist das sein Kommentar? Ein Gedicht, das keiner versteht? Sollen wir jetzt versuchen, daraus schlau zu werden, und dann kommt die Erleuchtung? Ist das so gedacht? Ist das irgendeine geheime Botschaft? Braucht man dafür einen Schlüssel? Ich hab den nicht, tut mir leid, dazu bin ich zu einfach gestrickt. Hier liegen ein paar wirkliche Probleme auf dem Tisch, und ich wünsch mir einfache und klare Ansage. Zwei oder drei einfache Worte, mehr will ich gar nicht hören. Keine geheimnisvollen Andeutungen, bitte.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 01.08.2021

Schließ mich an. War gut, was du da erzählt hast, Peter, von wegen Rollenspiel und so. Hört sich gut an, und wir können uns jederzeit darauf zurückziehen. Aber wenn wir unter uns sind, können wir Klartext reden. Wir wissen schließlich alle, was anliegt. Ich kann verstehen, was mit Ayse ist. Sie hat einfach eine Scheißangst, und mir gehts nicht anders.

Das Zwerglein schläft, und ich sitzt an seinem Bettchen und seh ihm zu. Jawohl, das tu ich. Ich sitz bei ihm und schau ihm beim Schlafen zu, und nebenbei tipp ich diesen Text ins Smartphone. Hätt nie gedacht, dass das eine Beschäftigung sein könnte für einen erwachsenen Menschen, einem Baby beim Schlafen zuzusehen. Jetzt weiß ichs.

Man sieht übrigens, er ähnelt seinem Vater. Der ist noch nicht ein Mal aufgetaucht, um sein Kind zu besuchen. Immerhin schickt er Geld, ohne Gruß, ohne Kommentar.

Was für ein Scheißleben das doch ist.

Deswegen hab ich solche Angst. Manchmal hab ich richtig die Hosen voll, wie Ayse. Wegen dem Zwerglein. Dann möcht ich Eisentüren zumachen gegen das, was da draußen zugange ist. Tut mir leid, PvM, mir ist sowas von klar, was dir deine Texte bedeuten, das ist für dich die ganze Welt, das ist für dich die Antwort auf alles. Und ich hab großen Respekt vor dir. Wenn du um die Wege bist, trau ich mich kaum den Mund aufzumachen. Ich vergess dir das nie, dass du mich in der Klinik besucht hast, als das Zwerglein geboren war. Hab meinen Augen nicht getraut, als du plötzlich neben dem Bett standst. Hat mir mehr bedeutet, als ich sagen kann. Aber jetzt brauchen wir wirklich Ansage. Verfluchte Scheiße nochmal, wir wissen doch alle, dass du wie ein Mensch sein kannst, wenn du willst!

Sorry.

Bitte, sag uns was. Wenn wir zur Tür rausgehen, draußen sind sie. Ayse hat Angst, weil sie vor ihrer Wohnung herumlungern. Und Balbutin, da kann Lady Di erzählen, was sie will, Balbutin hat einen in seiner Wohnung gesehen.

Ich hab Angst um mein Kind, das ist doch nicht schwer zu verstehen, oder?

PvM, du musst jetzt was sagen.

Nachricht von Peter von Mundenheim, vom 02.08.2021

Hallo Sandra, hallo Amy.

Zwei oder drei einfache Worte wollt ihr von mir.

Wenn sich alle Dinge in zwei oder drei einfachen Worten sagen ließen, bräuchte es keine Gedichte in der Welt und keine Romane. Und keine Songs und keine Symphonien und keine Fernsehserien.

Irgendwo ist jeder Roman und jeder Song und jede Statue und jedes fotografierte schöne Gesicht die Antwort auf eine Frage. Die Antwort lässt sich leider nicht kürzer formulieren, und die Frage ist oft unausgesprochen.

Ist euch das zu kompliziert?

Ihr lest Romane, also wisst ihr selber, dass ich recht habe.

Irgendwann trifft jeder Leser auf einen Text, da hält er die Luft an und weiß, das ist die Antwort. Die Antwort auf was? Nicht einmal die Frage ist klar. Aber die Gewissheit ist hell und hart wie Stein: das ist die Antwort. Manchmal hört einer einen Song, zufällig, im Radio, und der Blitz durchschlägt ihn von oben bis unten und er weiß, das ist es. Manchmal hat einer als Kind eine Geschichte gehört, und hat gewusst, das ist die Antwort. Hat das gewusst, lange bevor er so gewundene Sachen überhaupt denken konnte, hat gewusst, das ist die Antwort, bevor sich überhaupt die Frage gestellt hat. Wieder ein anderer sieht einen Film und weiß, das ist es, darauf habe ich gewartet.

Die Leser die Hörer die Zuschauer, sie laufen also rum mit ihren Fragen und wollen Antworten, und die Fragen sind quälend, gerade deshalb, weil sie sich nicht formulieren lassen. Und irgendwann mal, nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht gestern schon, irgendwann mal treffen sie auf den Text auf das Bild auf die Geschichte, die spricht. Und sie wissen: das ist es, das ist die Antwort.

Weder die Frage noch die Antwort lassen sich in zwei oder drei einfachen Worten formulieren. Manchmal braucht es sieben Bände mit mehreren Millionen Worten, und rings um den Globus wissen plötzlich Leser, das ist es, das ist die Antwort. Die Antwort kommt immer unvermutet, niemand kann sie vorhersehen. Das ist die Hoffnung, immer neu, wenn einer ein Buch aufschlägt: jetzt die Antwort. Endlich. Die Antwort. Das Wunder.

Der die Frage mit sich herumträgt, wird von ihr gequält, manchmal bis aufs Blut, aber formulieren kann er sie trotzdem nicht. Warum sind die Leser die Zuschauer die Hörer rund um den Globus so süchtig nach Tönen und Bildern und Geschichten? Warum kriegen sie nie genug davon?

Sie haben alle ihre Frage in sich, und mit der Frage die brennende Gewissheit, irgendwo gibt es die Antwort. Irgendwo. Jeder fühlt: Ich muss einfach nur geduldig weitersuchen, und eines Tages stolpere ich über die Antwort. Grad dann, wenn ich am wenigsten daran denke.

Also gehen sie in die Bibliothek und leihen sich Bücher aus, stöbern auf amazon nach neuen Titeln, gucken auf goodreads, was gibt es Neues, filzen ihr Netflix-Abo, suchen die streaming-Dienste rauf und runter. Machen sie das nur aus Langeweile? Ganz bestimmt nicht. Sie machen das, weil sie auf der Suche sind. Nach was? Wissen sie nicht. Sie stöbern und wissen, das ist es nicht, und das auch nicht, und das nicht …

Und eines Tages trifft sie der Blitz.

Das Ding. Die Antwort.

So läuft das.

Die Sache mit Ayse hat mich beunruhigt, wie euch alle. Also hab ich mich auf den Weg gemacht.

Ja. Deswegen schreib ich jetzt hier. Ich war bei Ayse und hab einiges rausgekriegt. Das erzähl ich euch jetzt. Sitzt still und hört zu.

Ich verlasse Weldbrüggen nur noch ungern. Es gibt Alte, die eilen von einer Reise zur nächsten. Ja nichts verpassen! Morgen ist schon alles dunkel. Ich gehöre zu den Alten, die lieber zu Hause bleiben. Aber Ayse. Das hat mich beschäftigt. Also hab ich mich aufgerafft.

Ich war nach ihrer letzten Mail überzeugt, das Problem liegt bei ihr. Sie hat unter dem Druck nachgegeben, dachte ich, und während der ganzen Fahrt hab ich mir Gedanken gemacht, wie ich klug auf sie einrede. Ich bin alt, ich sollte schlauer sein. Ich sollte aus Erfahrung wissen, dass die Dinge immer anders kommen, als man denkt.

Ich war auf alles gefasst, als ich in ihre Straße eingebogen bin, nur nicht auf das, was ich dort gesehen habe.

Ich bin mit dem Zug gefahren. Wenn ich etwas noch mehr hasse, als Weldbrüggen zu verlassen, dann ist es, mich hinter das Steuer zu klemmen. Dieses dämliche Lenken und Aufpassen! Ich bin der schlechteste Fahrer, den die Welt je gesehen hat. Meine Gedanken wandern ab, ich fahre vor mich hin und bin im Geiste weit fort, im Sonstwo. Das ist schon beim Radfahren gefährlich, aber bei 120 km? Also bin ich rüber zum Bahnhof und in den Zug eingestiegen, und während der Fahrt habe ich über Ayse nachgedacht, und über ihre Familie.

Sie hat mir mal ihr Fotoalbum gezeigt. Müsst ihr euch auch mal ansehen. Türkische Familie, Dorfleben daheim in Anatolien, und hier in Deutschland. Ayse gehört zu der Generation, die nicht genau weiß, was ist daheim. In Anatolien haben sie Heimweh nach Deutschland, und umgekehrt. Aber sie wissen alle: Familie, das ist Heimat. Von der Familie verstoßen zu sein, ist das Schlimmste, was passieren kann.

Ayse ist aus dem Takt, und darüber habe ich nachgedacht.

Ich habe sogar darüber nachgedacht, mal bei ihrer Familie vorzufühlen, ob da Versöhnung möglich wäre. Auch das weiß ich natürlich, dass man sich in anderer Leute Familienangelegenheiten nicht einmischen soll. So wie wir uns nicht in die Dinge zwischen Balbutin und Lady Di einmischen sollten. Wir tun es trotzdem.

Ich hab mir also dies ausgemalt und jenes, nur auf das, was dann wirklich passiert ist, auf das war ich nicht gefasst.

Ayse wohnt, wie ihr wisst, auf dem Dorf, ich musste also in der Kreisstadt noch in den Landbus umsteigen. Lärm und Gedränge, alles voll mit Schülern. Mittagszeit, unmittelbar nach Schulschluss. Ich hab mich dazwischengedrängt und versucht, den Geruch der Kaugummis zu ignorieren.

An der Haltestelle in Ayses Dorf war ich der einzige, der ausstieg, und nach dem ganzen Bohei und Bruhaha war plötzlich Stille. Ich hab noch für eine kurze Minute das Dröhnen des Busses gehört, der entfernte sich, und dann war es so still, dass ich den Wind gehört habe. Dorfstraße eben, mit Unterstand an der Bushaltestelle, darüber die Krone einer Platane, und ich hab selbst die Blätter rauschen hören im Wind.

Dann bin ich in die Seitengasse eingebogen, wo Ayse wohnt.

Im ersten Augenblick glaubte ich nicht, was ich sah. Ihr kennt das, man sieht etwas, und kann es nicht einordnen.

Jedenfalls wusste ich jetzt, das Problem lag nicht bei Ayse.

Die Straße war voll von ihnen. Ich habe noch niemals so viele von denen auf einem Haufen gesehen. Ich habe nicht einmal gewusst, dass es so viele von denen überhaupt gibt.

Sie waren überall, sie saßen auf dem Bürgersteig, die spitzen Knie hochgezogen, sie standen auf der Straße, sie saßen auf den Bordsteinen, auf den Treppen vor den Häusern, und sie —

Sie saßen sogar auf den Dächern. Sie saßen auf dem Dachtrauf, manche ließen die Beine hängen in die Luft, oder hielten sie in merkwürdigen Stellungen hochgezogen,  wie sie das manchmal machen, schräg und sperrig, wie Vögel, die sich unter dem Flügel kratzen.

Wie üblich waren sie totenstill. Wie üblich schien plötzlich alles dunkel zu werden. Es war ein heller Tag, aber sie trugen ihr Schweigen und ihre Finsternis mit sich herum.

Sie sahen hinauf zu Ayses Fenstern. Ayse hat zwei Fenster zur Straße hin, die anderen Fenster ihrer Wohnung gehen hinten auf den Hof hinaus, und mir kam der Gedanke, dass sie sich dort im Hof vielleicht auch schon drängten, und zu den Fenstern hinaufsähen. Und vielleicht hingen sie auch schon auf dem Balkon herum? Und vielleicht – vielleicht wollten sie rein in die Wohnung?

Ich kam die Straße herauf, und wie üblich sahen sie mich voll an, aus ihren schwarzen Augen, riesig weit die Augen, weit offen, und sie wichen auf unmerkliche Weise zurück, die Straße war schwarz von ihnen, es müssen hunderte gewesen sein, eine wartende, dicht gedrängte Masse, totenstill.

Und plötzlich hatte ich es satt, übersatt, und ich bin auf den nächstbesten von denen direkt zugetreten und hab laut gefragt: Was wollt ihr von uns?

Doch, das hab ich gemacht.

Bedenkt, wenn einer von den Dörflern gerade aus dem Fenster sah, der hätte nur einen Fremden auf der Straße gesehen, der in die leere Luft hinein sprach, und er hätte sich umgedreht und in die Wohnung hinein gesprochen, Frau, komm mal, da draußen ist ein Irrer.

Wie auch immer.

Ich hab laut gefragt: Was wollt ihr von uns? und der hat mich angeguckt.

Wie üblich hab ich von dem Gesicht nichts gesehen als die Augen, und die Augen waren wie ein Sog, wie ein Strudel, und plötzlich hatte ich das überwältigende Gefühl, die sind uralt. Alt wie die Zeit.

Und da war noch etwas, verschiedene Dinge zur gleichen Zeit. Da war etwas in diesem Blick – eine Bitte? ein Verlangen? eine Aufforderung?

Wie wenn einer unbedingt etwas will, und kann es nicht sagen.

Und auf einmal wurde mir klar, wir sind denen genauso unheimlich wie die uns. Weil wir sie sehen können. Die warten auf irgendwas. Dass was passiert, oder dass wir was tun. Dass wir sie was fragen, vielleicht?

Immer, wenn ich die sehe, überlege ich, was wollen die eigentlich? Und wir alle warten doch und fragen uns, was machen die als nächstes?

Vielleicht ist alles genau umgekehrt, und die sind es, die warten. Die warten darauf, dass wir endlich was machen.

Aber was?

Und ich habe etwas getan, was ich nicht beabsichtigt hatte. Woran ich nie gedacht hätte.

Ich habe die Hand ausgestreckt, um ihn zu berühren. Es war ein Er, wäre es eine Sie gewesen, hätte ich das vielleicht nicht versucht, die Macht der Gewohnheit, Frauen fasst man nicht so einfach an.

Er wich aus, und doch nicht. Habt ihr mal versucht, eine Katze zu streicheln, und die wollte nicht? Die gleiten dann unter der Berührung durch wie Wasser.

Ungefähr so wich der aus. Unmerklich. Ich streckte die Hand aus und spürte nichts, und unverwandt sah ich dabei hinein in diese Augen, und spürte diesen Sog, unverständlich.

Ich wusste nicht, was ich noch sagen oder tun sollte, und wandte mich Ayses Haustür zu.

Sie saßen und standen überall, wichen mir aber alle aus, auf die gleiche unmerkliche Weise, und dabei sahen sie mich an, die Frauen so schön, kalkweiß die Gesichter und herzzerbrechend schön, ich begreife nicht, was ich damit anfangen soll, und sie sahen mich alle an, wartend, als müsste ich doch wissen, was sie wollen.

Ich begriff, es ist für die ein Zeichen, dass wir sie sehen können.

Aber Zeichen für was?

Ich klingelte, und musste noch ein zweites Mal klingeln, bis Ayse sich endlich über die Sprechanlage meldete. Sie piepste wie eine verängstigte Maus, und war so von der Rolle, dass sie meine Stimme nicht erkannte und nicht begriff, dass wirklich ich es war, der da vor ihrer Tür stand. Ich meinerseits, ich hatte diese wartende und totenstille schwarze Menge im Genick und wollte unbedingt hinein ins Haus, es war ein ungemütlicher Augenblick, und endlich drückte Ayse den Türöffner und ließ mich rein.

Ich glaube, sie hatte Angst, wenn sie die Tür öffnet, kommen die auch mit rein.

Ayse hatte sich nicht verändert, seit ich sie das letzte Mal sah, sie war klein und rundlich und niedlich wie immer, natürlich, ich bin ein alter Sack, fast schon siebzig, sie ist noch unter dreißig, mir kommen alle jungen Frauen in dem Alter niedlich vor.

Wie auch immer, sie ließ mich ein in die Wohnung und schloss hastig die Tür und begann übergangslos zu weinen. Hast du das gesehen? fragte sie wieder und wieder. Hast du das gesehen?

Ja, ich hatte es jetzt gesehen.

Sie führte mich in ihre Küche und kochte Tee und erzählte hastig, unzusammenhängend. Sie werden immer mehr, sagte sie. Erst waren es nur wenige, ich hab euch das doch geschrieben, warum glaubt ihr mir nicht, es war eine kleine Gruppe, draußen auf der Straße, vor dem Haus, und sie saßen und standen da und warteten. Und sahen hoch zu meiner Wohnung. Ich hab mich schon nicht mehr getraut, die Fenster aufzumachen. Und wenn der Paketbote geklingelt hat, dann hab ich ihm über die Sprechanlage gesagt, er soll das Paket in den Hausflur legen, und erst wenn er weg war, und die Haustür wieder zugemacht hatte, hab ich mich ins Treppenhaus getraut.

Gehst du überhaupt noch arbeiten? fragte ich.

Ayse weinte und sagte, mein Chef verlangt, ich muss eine Krankmeldung vorlegen, oder ich verlier meine Stelle. Aber ich kann doch nicht zum Arzt gehen! Da müsst ich ja raus! Ich kann dort nicht raus! Du hast das doch gesehen! Die werden jeden Tag mehr! Die wollen was von mir! Die sind wegen mir hier!

Ich dachte nach, zu meinem Glück wurde der Tee fertig, und Ayse servierte, als Türkin weiß sie um die Bedeutung ordentlicher und konzentrierter Teebereitung, das verschaffte mir Luft.

Wir tranken also die erste Tasse, an Ayses Küchentisch, und ich sagte endlich: Du hast recht, und wir haben uns geirrt. Die sind wegen dir da, und die starren zu deinen Fenstern hoch. Ja, es ist offensichtlich, die wollen was von dir, die warten auf irgendwas. Aber ich glaube nicht, dass sie dir was Böses wollen.

Und ich erzählte Ayse, was eben passiert war, dass ich versucht hatte, einen von denen zu berühren, und wie er ausgewichen war.

Das hast du wirklich gemacht? fragte Ayse mit großen Augen.

Du musst raus, sagte ich. Du kannst dich hier nicht selbst einsperren. Du musst zur Arbeit, du musst einkaufen gehen. Oder du lässt dich krankschreiben, aber dazu musst du zum Arzt. Du kannst natürlich zum Arzt gehen und dem irgendwas erzählen, dass er dich krankschreibt. Besser wärs, du gehst wieder zur Arbeit, dann kommst du auf andere Gedanken.

Ich bin so froh, dass du da bist, sagte Ayse. Ich dachte schon, es kommt überhaupt niemand mehr.

Du musst raus, wiederholte ich.

Und endlich begriff sie, was ich meinte. Jetzt? fragte sie. Jetzt sofort?

Ja, sagte ich. Wir müssen rauskriegen, was passiert, wenn du vor die Tür gehst. Warst du schon einmal vor der Tür, seit die sich da versammeln?

Ayse schüttelte den Kopf und sah mich nicht an dabei.

Wie lange hängst du hier schon fest? fragte ich vorsichtig.

Ayse blickte in die Tischplatte und gab keine Antwort.

Ich sah hinüber nach ihrem Kühlschrank und überlegte eine Weile und sagte dann: Ich sag dir jetzt, was wir machen. Du ziehst dir eine Jacke an, und wir gehen raus. Einfach einmal rund ums Dorf und wieder zurück. Spaziergang. Wir gehen raus und kommen auf dem gleichen Weg wieder zurück, und dann sehen wir ja, was passiert.

Ich geh da nicht raus, sagte Ayse.

Die tun dir nichts, sagte ich.

Woher willst du das wissen, sagte Ayse.

Es ging eine Weile so hin und her, und wir tranken unseren Tee, und endlich hatte ich sie soweit, sie stand auf und holte ihre Jacke, ihr kleines rundes Gesicht war totenbleich.

Sie trägt übrigens kein Kopftuch mehr, das sollte ich noch hinzufügen.

So gingen wir hinaus.

Sorry. Was dann passiert ist — ich muss jetzt mal eine Pause machen und überlegen, wie ich euch das am Besten beibiege, was dann passiert ist. Wie ich euch das erkläre.

Ich melde mich wieder.

(Nachrichten vom 01. bis 02.08.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 25.04.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)