Banshee Alte Folge 2

Nachricht von Peter Flamm, vom 24.06.2021

Hallo, alle.

Wär besser, wir könnten uns mal wiederzusammensetzen und reden. Wir sind damals auseinandergeflattert wie aufgescheuchte Hühner. Bloß weil wir diesen Verdacht hatten. Dass wir uns nicht einmal mehr trauen, auf dieser Seite zusammenzukommen, was für einen Sinn soll das haben.

Ich hab nachgedacht, das habt ihr ja alle. Ich weiß, dass PvM Amy besucht hat. Er sieht das mit seiner üblichen Nonchalance. Ich leb auf diesem Planeten, unter Menschen, sagt er, warum sollt ich dann vor denen Angst haben?

Ich komme über mein Verantwortungsgefühl nicht hinweg. Ich weiß, euch gefällt das nicht. Sandra hat mir das mal gesagt. Wir sind erwachsen, Peter, du bist nicht für uns verantwortlich, das waren ihre Worte. Und sie hat ja recht. Aber es war meinetwegen, dass wir alle überhaupt zusammengekommen sind. Ich hab PvM überredet, endlich seine Werke zu veröffentlichen, und ich hab euch der Reihe nach angesprochen. Balbutin und Ayse haben sich schon vorher gekannt, und ich hab Ayse und natürlich PvM gekannt, aber ihr anderen seid alle erst über den Verlag miteinander in Kontakt gekommen. Die Frage ist wirklich, müssen wir uns verstecken? Dass wir alle zusammenhängen, das steht ja in den Büchern, im Impressum, gleich vornedrin, jeder kann das lesen.

Die Frage ist, können die lesen? Haben die irgendeine Vorstellung davon, was das ist, lesen?

Haben die vor, uns irgendwas zu tun?

Sind die an uns interessiert?

Sie sind da, soviel ist klar.

Mehr als dazusein, haben sie bisher auch nicht gemacht. Es sei denn, Balbutin hat sich nicht geirrt, und sie kommen in die Wohnungen. Das könnte lästig werden.

Sie beobachten uns. Ich meine, uns alle.

Wir sollten aus unserer Angststarre rauskommen und überlegen, wie wir mit der Sache umgehen. PvM sagt, mehr als dazusein, machen wir alle nicht. Das kann man so sehen, oder auch nicht. Mir stellt sich die Frage, wie viele von uns gibt es überhaupt? Ich meine jetzt, von uns speziell. Ich denke immer wieder darüber nach, warum ausgerechnet wir. Außer Bastian hat jeder von uns seine Erfahrungen mit ihnen. Da an Zufall zu glauben, ist doch abwegig. Warum sollten von sieben Leuten, die sich zusammengefunden haben, um die Bücher eines von ihnen zu veröffentlichen, warum sollten ausgerechnet sechs von diesen sieben Leuten sichtig geworden sein? Ist da irgendetwas an uns, was uns zueinander gezogen hat, und was uns gleichzeitig befähigt, sie zu sehen? Wenn ja, sollten wir uns nicht nur über sie Gedanken machen, sondern auch über uns. Ich meine jetzt nicht, ob mit uns irgendwas anders oder falsch oder seltsam ist. Aber irgendeine besondere Eigenschaft müssen wir gemeinsam haben, die bei anderen Menschen nicht so hervortritt.

Und fragt sich, ob wir die einzigen sind.

Ich glaub das nicht, ich halt das für ganz unmöglich. Es muss noch andere geben. Die laufen vielleicht rum und denken, sie haben Halluzinationen. Und trauen sich nicht, zu irgend jemandem davon zu reden. Oder sie gehen zum Psychiater und vertrauen sich dem an, und der behandelt sie mit Medikamenten oder fängt eine Gesprächstherapie an. Was natürlich die Frage eröffnet, was wäre, wenn wir gemeinsam zu einem Seelenklempner gingen. Würde der eine kollektive Psychose diagnostizieren? Würde der sagen, wir haben uns gegenseitig angesteckt? Würde der sagen, das kriegen wir hin, setzen wir uns zusammen und reden, welche Probleme habt ihr miteinander?

Ich war neulich in der Stadt, bin am Marktplatz aus der Straßenbahn ausgestiegen. Heller Tag, überall Menschen, auf den Bänken, bei den Anlagen. Und da hat einer von ihnen am Brunnen gesessen, wie üblich ganz still für sich, zwischen all den Menschen, die saßen und haben ihr Eis geschleckt oder den Kinderwagen geschoben und haben den Trubel beobachtet, und der also saß da und hat mir scharf und offen in die Augen geguckt, direkt in die Augen.

Ich glaube, ich war wachsam genug und hab mir nichts anmerken lassen, hab seinen Blick nur gestreift und sofort woandershin geguckt. Ich hab sogar die Disziplin gehabt, einfach weiterzugehen und mich nicht mehr umzugucken. Aber ich bin jetzt überzeugt, die wissen, oder haben wenigstens den Verdacht, einige von uns können sie sehen.

Frage ist, was machen die damit.

Was denken die überhaupt? Denken sie soweit, wenn es welche gibt unter diesen Menschen, die uns sehen können, dann reden die auch miteinander, reden über uns?

Das war ja unser Verdacht, und deshalb haben wir ja angefangen, uns voneinander fernzuhalten. Ich halt das nicht mehr für sinnvoll. Irgendwas in mir fängt an, gegen den Gedanken zu revoltieren. Wieso müssen wir uns verstecken? Wieso müssen wir Angst haben? Wir sind hier zu Hause, hier auf dem Planeten, wieso sollten wir uns wegducken?

Hätt ich dem, der mich angeguckt hat, offen in die Augen sehen sollen, so dass der merkt, ich sehe ihn?

Sollten wir das vielleicht machen? Die herausfordern? Statt uns zu verstecken?

Wenn wir die provozieren, zwingen wir sie vielleicht, irgendwas zu tun, statt immer nur beieinander zu sitzen und zu warten, auf der Dorfstraße vielleicht, so wie PvM das in der Passage beschrieben hat, die er Amy gezeigt hat.

Vielleicht sollten wir das tun. Die Schreckstarre ablegen und erhobenen Hauptes durch die Gegend laufen und die anschauen, wenn wir sie sehen. Warum nicht? Wenn irgendwo einer von denen sitzt, warum nicht hingehen und sich direkt vor den hinstellen und ihm in die Augen sehen und warten, was passiert?

Was soll schon passieren?

Nachricht von Ayse Konopski, vom 01.07.2021

Ihr –

Ihr versteht einfach nicht, worum es geht. Wenn ich das lese, was ihr da so schreibt, also ich glaub, ihr habt das Gefühl, das geht euch alles nicht wirklich was an.

Ihr nehmt mich nicht ernst.

Die sind da, und die wollen was von uns. Jedenfalls, ob die von euch was wollen, weiß ich nicht, aber von mir wollen die was.

Ich hab sie wieder schreien hören. Es ist grausig. Nicht menschlich. Und wieder in der Nacht. Ein bisschen wie – wie der Schrei eines Pfauen, aber viel lauter, und irgendwie – als hätte der Schrei einen Körper. Als wär er ein Wesen, das sich bewegt, nach eigenem Willen, selbstständig, in der Nacht. Und als wär da irgendwie Kreide drin. Versteht ihr das? So, als wenn man Kreidestaub einatmet und dann redet. Irgendwie rau.

Dabei gleichzeitig glänzend, als könnte man sich daran verletzen, wie an einem Schwert.

Das ist es. Wie ein scharfes, wie ein tödlich scharfes Schlangenschwert, auf dem sich bunte Kreide abgesetzt hat. So klingt das, und mitten in der Nacht. Laut, durchdringend. Und ich weiß nicht, ist das ein Signal, rufen die sich gegenseitig was zu, oder rufen die um Hilfe? Die wollen was, und ich versteh nicht, was das sein soll.

Ich hab noch nie in meinem Leben solche Angst gehabt. Es war wieder tief in der Nacht, wie schon beim ersten Mal. Aber diesmal hab ich mich nicht im Bett verkrochen. Ich hab an euch gedacht. Ja. Komisch, was? Ich hab daran gedacht, ich werd denen das schreiben, dass ich wieder den Schrei gehört hab, und dann werden die sagen, hat die sich schon wieder unter der Bettdecke versteckt, was ist mit der los? Denkt ihr das von mir? Feigling, Hosenscheißer? Bin ich eigentlich nicht, nur, wenn ich les, was ihr so schreibt … alles so abgehoben, alles so ausgedacht! Von der Seite her überlegt, von der Höhe herab, und dann diese Zitate von PvM …

Ich, ich kann nur sagen, was war. Ich kann nur sagen, was ich gesehen hab.

Balbutin! Wie kannst du das so ruhig erzählen? Es war einer von denen in deiner Wohnung? Ernst jetzt? Du hast mit Lady Di und den Kindern vor der Glotze gesessen, und in deinem Rücken ist einer von denen durch euren Korridor gelaufen? Und du hast das Spiegelbild im dunklen Fenster gesehen? Und das erzählst du einfach so? SIE WAREN IN DEINER WOHNUNG?

Wir werden alle sterben, wenn wir so weiter machen. Ich glaub euch nicht, ich glaub, ihr habt genauso viel Angst wie ich, ihr wollt das nur nicht zugeben. Seid stolz auf euren Abstand, gebt euch überlegen. In Wahrheit klappern euch die Zähne doch ganz genauso wie mir.

Ganz richtig, Peter, wie viele von uns sind wohl noch dort draußen, die sind wie wir und sehen genau, was wir sehen, und wissen nicht, was sie tun sollen? Trauen sich nicht einmal, davon zu erzählen? Denken vielleicht, sie sind die einzigen in der weiten Welt, die das alles sehen, und denken, muss an mir selber liegen, ich hab einen an der Waffel.

Aber ich, ich weiß, dass ich keinen Sprung in der Schüssel hab. Ich weiß, was ich gehört hab, diesen Schrei in der Nacht, diesen furchtbaren Schrei, und ich weiß, was ich gesehen hab.

Ich hab keine Halluzinationen.

Da war wieder dieser Schrei, und diesmal bin ich davon aufgewacht. Beim ersten Mal, das hab ich ja erzählt, war ich schon wach, irgendetwas hatte mich geweckt, wenn ich mir das jetzt so überlege, vielleicht war da schon vorher ein Schrei, und davon bin ich aufgewacht, und was ich dann gehört hab, war der zweite Schrei. Egal. Also diesmal, da bin ich aufgewacht, und ich hab gedacht, war das jetzt echt, war das ein Traum?

Und dann hab ich an euch gedacht und hab gewusst, diesmal muss ich aufstehen und nachsehen.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich aufgerafft hat. Mir ist ein Schauer nach dem anderen über den Rücken gelaufen, das hab ich noch nie erlebt, es kam in Wellen, ein Frieren, das begann am Hinterkopf, unter den Haaren, und ist mir dann den Nacken runtergelaufen über den Rücken, wie eisiges Wasser, und das hat nicht aufgehört, eine Welle kam nach der anderen, und dann hab ich angefangen zu zittern, und dann hab ich bloß noch gedacht, ich muss aufstehen, ich muss einfach, ich muss aufstehen und nachsehen. Ich muss was sagen können, ich muss was erzählen können. Nicht nur, dass ich wie ein Stück Holz im Bett gelegen hab. Wie eine aufgebahrte Leiche. Nicht nur, dass ich was gehört hab. Ich will erzählen können, dass ich was getan hab.

Also hab ich mich aufgerafft und hab mich bewegt.

Sofort sind von allen Seiten Blicke über mich gestürzt. Da war überall Aufmerksamkeit auf einmal, in allen Schränken, in allen Wänden, von der Zimmerdecke runter. Überall gespannte Aufmerksamkeit, Beobachtung. Ich bin beobachtet worden von allen Seiten, im Augenblick, da ich mich bewegt hab.

Ich weiß, wie das klingt. Redet doch, was ihr wollt. Denkt doch, was ihr wollt. Ich weiß, was ich erlebt hab.

Ich hab mich aufgesetzt, hab die Beine aus dem Bett geschwungen, bin auf die Füße gekommen, das volle Programm. Ich hab mich bewegt wie ein Automat. Überall die Blicke. Von allen Seiten. Die Blicke haben sich an mir festgemacht, wie Spinnweben. Ich hab sie gesehen, ein dichtes Geweb von Blicken, von weißen Spinnfäden, schwach leuchtend in der Dunkelheit. Schimmernd. Und alle an mir festgemacht. Ich im Zentrum. Im Zentrum der Blicke.

Ich bin also aufgestanden und zum Fenster gegangen, meine Beine haben geschwankt unter mir, und bei jeder Bewegung, die ich gemacht hab, hab ich die Blicke gespürt, auf jedem Zentimeter meiner Haut. Sorry, es ist Sommer, und es ist warm, ich schlafe nackt. So bin ich durchs Zimmer gelaufen, nackt und starr wie eine Puppe, und an jedem Zentimeter meiner Haut waren diese Spinnweben festgemacht, diese Spinnweben der Beobachtung. Ich war kalt wie ein Eisklotz, und gleichzeitig hat meine Haut gebrannt, ich kann das nicht erklären.

Ich bin zum Fenster. Mein Schlafzimmerfenster geht auf die Straße hinaus, ist bloß ein Sträßchen, ich wohne ja auf dem Dorf. Zum Fenster fällt das Licht einer Straßenlaterne herein, so ist es nie ganz dunkel im Zimmer. Jedenfalls, wenn ich nicht den Laden runterlasse, aber das mach ich eigentlich nie.

Ich hab rausgeguckt.

Und da draußen waren sie.

Ich hab noch nie so viele von ihnen auf einmal gesehen. Manche standen, einige direkt unter der Laterne, andere saßen auf den Türschwellen, vor den Haustüren. Oder auf den Treppeneingängen.

Wie die gesessen haben! Glieder dünn, die hochgestellten Knie ganz spitz.

So haben die gesessen und gestanden, manche allein für sich, die meisten in Gruppen, haben beieinandergestanden, aber nicht, als ob sie sich unterhalten hätten, sondern wie Leute, die gemeinsam auf etwas warten.

Nur waren das keine Leute, das waren sie.

Mir war nie aufgefallen, wie hübsch ihre Frauen sind, wenn man das hübsch nennen will, diese Totenblässe, dieser tödliche Ernst, niemals lächelt einer von denen, und bin so froh, dass sie niemals lächeln, denn ich weiß, wenn sie das täten, es wäre eine Grimasse, zu grässlich, um hinzusehen.

Sie haben alle große Augen, große schwarze Augen, aber die Augen von den Frauen sind riesig.

Ich weiß das, weil ich ihnen direkt in die Augen gestarrt hab. Ich hab da gestanden, hinter meinem dünnen Vorhang, nackt und weiß hab ich da gestanden, ein bisschen von dem Licht der Straßenlampe war auf mir, und ich hab sie angeschaut, und sie –

sie haben mich angeschaut.

Alle.

Sie haben da gestanden oder gesessen, allein oder in Gruppen, und sie haben mir alle alle in die Augen gestarrt.

So haben wir uns angesehen, mitten in der Nacht, und es ist Zeit vergangen, es müssen Jahrhunderte vergangen sein, ich weiß nicht, wieviel Zeit.

Und ich weiß nicht mehr, was dann passiert ist. Sorry. Denkt von mir, was ihr wollt. Als ich zu mir gekommen bin, stand ich nicht mehr am Fenster, sondern hockte unter dem Fenster, zusammengekrümmt wie ein Kind. Ich hatte richtig die Arme um mich selber geschlungen, und den Kopf auf der Brust. Und es war hell im Zimmer. Tageslicht. Die Sonne war schon aufgegangen. Draußen war ein Trecker auf der Straße, der Motorlärm hatte mich geweckt.

Das ist, was passiert ist. Nochmal sorry, und nochmal. Ich hab gesehen, was ich gesehen hab. Was PvM da beschrieben hat, das war wirklich gut beobachtet, sowas kann er ja. Oder gut ausgedacht, dann ist er noch besser, als ich dachte. Und es tut mir ja leid, dass ich diese Dorfstraße unter meinem Fenster genauso gesehen hab, wie er das beschrieben hat. Die Straßenlaterne. Dieses Herumstehen von denen, als ob sie warten. Die schönen Frauen, die großen Augen. Sorry sorry sorry. Ich hab es trotzdem gesehen, mit meinen eigenen Augen.

Jetzt sagt mir, was ihr dazu denkt. Aber meldet euch nur, wenn ihr was anderes auf Lager habt als eure Überlegenheit. Da draußen ist was im Gange, und wir können nicht so tun, na ja, wir sehen das halt, aber in Wirklichkeit geht es uns nichts an.

Es geht uns was an, jeden einzelnen von uns.

Sie sehen uns an.

Sie warten.

Sie sind noch nicht so weit, dass sie was tun, aber wie bald wird das sein? Und was wird das dann sein?

(Nachrichten vom 24.06. bis 01.07.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 23.04.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)