Banshee Alte Folge 1

Vorbemerkung von Peter Flamm: Im Folgenden stelle ich hier alle Nachrichten ein, die wir Mitarbeiter des Verlags Peter Flamm seit dem 03.06.2021 untereinander ausgetauscht haben, aus Gründen, die uns bekannt sind. Die Reihenfolge, in der die Nachrichten eingegangen sind, bleibt erhalten, es werden aber in der Regel mehrere Nachrichten in einem Beitrag zusammengefasst, und zwar bis zum 21.04.2022. Alle Nachrichten, die von diesem Datum an eingehen, erscheinen zeitgleich unter „Banshee Neue Folge 1, 2, 3“ und so weiter, nach Möglichkeit auch hier täglich gebündelt.

Nachricht von Ayse Konopski, vom 03.06.2021

Sie sind da.

Sorry. Natürlich sind sie da. Ihr wisst das. Aber – ich habe sie gehört. Zum ersten Mal habe ich sie gehört. Sorry sorry sorry, aber ich bin sicher. Das war kein menschlicher Laut. Das war einer von ihnen, das muss einfach einer von ihnen gewesen sein.

Ich —

Es war heute Nacht. Ich bin davon aufgewacht.

Nein. Ich weiß, was ihr sagen wollt. Aber ich hab das nicht geträumt. Wenn ich sage, ich bin davon aufgewacht, meine ich — ich bin vorher aufgewacht. Ich war plötzlich wach, schlagartig, als wär da eine Vorwarnung.

Und dann habe ich es gehört.

Es war so, wie der Schrei der Banshee beschrieben wird. Hell, durchdringend, klagend. Ich lag in meinem Bett, und ja, ich gefror zu einem Block aus Stein. Ich konnte nicht mehr atmen, ich konnte keinen Finger mehr rühren. Der Schrei stand draußen in der Nacht wie ein schwebendes Wesen, und spähte. Ich wusste plötzlich, wenn ich mich bewege, sehen die mich. Wenn ich mich irgendwie rege, stürzen die sich auf mich.

Ich weiß nicht, was passiert, wenn die über uns kommen. Ich weiß ja, was PvM sagt. Die sind einfach da, die wollen uns nichts, und so. Ich glaub das nicht mehr. Ich hab das noch nie geglaubt, aber jetzt, wo ich den Schrei gehört hab, glaub ich es noch weniger.

Ich weiß, wir wollten diesen Kanal nicht mehr benutzen. Wir waren uns einig. Aber ich brauch euch. Ihr müsst euch melden. Ich hab Angst.

Der Schrei, das hat geklungen wie ein Signal. Als wären sie auf der Suche. Auf was? Suche nach wem? Wollen sie Beute? Suchen sie, wen sie verschlingen können?

Ich bin zu Hause geblieben seither, ich habe mich nicht mehr auf die Straße getraut. Ich muss aber bald wieder raus, ich weiß, dass ich mich nicht in der Wohnung vergraben kann. Ich will das auch gar nicht.

Ich hab mich nicht mehr bewegt in dieser Nacht, nicht, bis es draußen hell wurde. Ich lag in meinem Bett auf dem Rücken, und irgendwann hab ich gefühlt, ich muss die Decke übers Gesicht ziehen, wie ein Kind, damit ich in Sicherheit bin, und ich hab mich nicht getraut. Hab mich einfach nicht getraut, mich zu bewegen. Also hab ich die Augen zugemacht, um wenigstes nichts mehr sehen zu müssen, um die Dunkelheit im Zimmer nicht mehr sehen zu müssen. Aber als ich die Augen zugemacht hab, haben mir die Lider geflattert, wie Käfigvögel, in heller Panik. So hab ich die Augen wieder aufgemacht und weiter ins Dunkel gestarrt. Ich bin beinahe umgekommen vor Angst. Ich wusste, sie würden reinkommen und sich über mich beugen und mir in die Augen starren, in meine weit offenen Augen.

Ich hab Angst, ich hab solche Angst.

Bitte, ihr müsst euch melden. Ich ertrag dieses Schweigen nicht mehr.

Nachricht von Balbutin Hindrance, vom 06.06.2021

Hi Ayse, this is Balbutin.

I‘m so sorry for you, I mean, ich mein, ich weiß nicht, hab zufällig auf die Seite geguckt hier. My wife – meine Frau darf nicht wissen, ich schreib. You know how she thinks, über all das, über den ganzen Scheiß. She uses to say we are delusional. Sie sagt, wir stecken uns an. Gegenseitig. Das ist ihr Wort. Ihr seid infektiös.

I really do know how you feel, you must believe me, I‘m so sorry for you. Okay. Auf Deutsch. Ich jetzt ich mich reiß zusammen. Promised. Ich glaub nicht, sorry, ich nehm das ernst, was du schreibst, ich nehm dich ernst, I‘m proud of you, you’re so courageous. You always were. But you – ich glaube nicht, nein, ich glaube nicht, ich weiß nicht, was du gehört hast. Das waren nicht sie. Niemand hat die gehört. Wir wissen ja, die reden. We do not know how they communicate. Das wissen wir nicht. Ein Schrei, ein Schrei in der Nacht?

Wenn meine Frau rauskriegt, das fängt wieder an, I‘m a dead man. Haha, just joking. Du hast den Kanal wieder aufgemacht, ich hab das gelesen, okay, kein Zufall. Ich hab nachgeguckt. Immer wieder.

Ich glaube doch, they are, they are sometimes, okay, indoors. Please please, don’t panic. No, please, you mustn’t panic. I tell you.

Ich hab gesessen, mit meine Frau mit den Kindern, vor dem TV. We’ve watched Disney, for the children. Familie, sagt meine Frau. Ich hab gesessen, an der Seite, du verstehst? Rücken zur Tür. Ich hab aufs Fenster geguckt. Draußen war dunkel. Im Fenster, ich hab gesehen, das Zimmer, uns. Mich. Hinter mir, in meinem Rücken, die offene Tür. Und da war es. In der Tür. Ganz schnell. Figure. Schatten. Gestalt. Swiftly and all silent. Dead silent. I knew immediately, one of them.

Don’t be afraid, I’m, ich bin so froh, jetzt ich hab’s gesagt. Du hast recht. Sie sind da. Natürlich sind sie da. We all know it. I’ve got it. Wenn sie kommen in die Wohnung, etwas geht vor sich. Something is going on. Maybe, what you’ve heard, maybe you’ve heard some signal, sort of. Or perhaps – maybe – du hörst mehr als wir anderen. Vielleicht ich, ich seh mehr als ihr anderen. That would explain it. We are – wir sind nicht gleich, we always knew.

I think I really think we must talk.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 10.06.2021

Oh, also gut, dann sag ich jetzt auch was. Wir wollten das ja eigentlich nicht mehr, da waren wir uns doch einig. Hallo Ayse. Tut so gut, wieder von dir zu hören. Von dir natürlich auch, Balbutin.

Balbutin. Du hast mir richtig Angst gemacht. Ich hab auch was zu gestehen. Ich hab inzwischen mein Baby zur Welt gebracht. Er heißt Matsunaga, nach seinem Vater. Irgendwie haben wir uns angewöhnt, „der Zwerg“ zu sagen, oder „das Zwerglein“. Meine Mutter hat damit angefangen. Sie steht vor dem Bettchen und flüstert, das Zwerglein ist eingeschlafen, guck mal, wie zufrieden er aussieht!

Und ich: Der hat mir grad an der Brust genuckelt. Die Männer sehen immer zufrieden aus, wenn sie das gemacht haben.

Matsunaga hat nie wieder was von sich hören lassen, Matsunaga Vater mein ich.

Aber deswegen schreib ich nicht. He, Balbutin, willst du nicht endlich mal richtig Deutsch lernen? Das schreit nach Lektorat, was du da machst. Ich hab aufmerksam gelesen, was du geschrieben hast. Als ich den Zwerg zur Welt gebracht hab, hab ich eine Woche in der Klinik gelegen. Ein paar Freunde sind gekommen, niemand von der Familie, die sind alle böse, wegen Matsunaga, ich red immer noch von dem Vater. Wenn das Zwerglein erst mal älter wird, kommen die schon, sagt meine Mutter. Meine Mutter ist natürlich treu, klar, sie hat ja außer mir niemanden mehr, den sie bevormunden kann, wir kleben zusammen wie Pech und Schwefel.

Ich war also eine Woche im Krankenhaus. Ich war traurig, ich hab meistens aus dem Fenster geguckt.

PvM hat davon geschrieben. Ja wirklich, er hat es mir gezeigt. Er schreibt an einem neuen Roman, weiß nicht, was er sich vorstellt, das wird eine Riesensache, mehrere Bände, er kommt an kein Ende. Ich hab im Bett gelegen, und er kam zur Tür rein. Ich hab das gar nicht glauben mögen, dass er persönlich sich sehen lässt. Du bist den ganzen weiten Weg gekommen, nur um mich zu sehen? hab ich gefragt. Er hat gesagt, er habe vom Chef gehört, dass mein Baby da sei. Da will ich doch wenigstens gratulieren, hat er gesagt, und er hat mir Blumen gebracht und Pralinen, ich weiß doch, was sich gehört, hat er gesagt. Er hat das Zwerglein bewundert, und dann hat er sich an mein Bett gesetzt, und wir haben geredet. Von euch natürlich, und allem anderen. Und irgendwann hab ich ihm erzählt, dass ich seit der Geburt traurig bin, immer traurig. Er hat mich seltsam angesehen, und dann hat er sein Lesegerät hervorgezogen, da drin hat er sein neues Werk gespeichert, alles, was er schon geschrieben hat. Mehr als zweieinhalbtausend Seiten, mir ist schwindlig geworden. Wer soll das lesen? hab ich gefragt, eine blödere Frage ist mir nicht eingefallen. Niemand, hat er geantwortet. Es ist mir mittlerweile sowas von egal, ob das jemals einer liest.

Ich glaube nicht, dass er die Wahrheit sagt. Egal. Er hat eine Weile herumgesucht, bis er die Stelle gefunden hat, und dann hat er sie mir gezeigt. Da ist von dir die Rede, sagte er, und ich las, und mochte nicht glauben, was ich las. Da stand:

„Die Menschweibchen sind die Wirklichkeit schon deshalb, Wirklichkeit des Planeten Erde, weil sie die Kinder gebären, und die Männchen können nicht verstehen, wie das ist, und welche Konsequenzen das hat. Der Junge vergaß nie, wie ihm eine Arbeitskollegin einst erzählte, in einem stillen Augenblick, sie habe in ihrem Bett gelegen, nachdem sie ihr Kind zur Welt gebracht habe, und sie habe nach draußen geblickt, durch das Fenster der Geburtsklinik hinaus auf die Straße, und plötzlich sei sie von einer unergründlichen Traurigkeit erfasst worden, Traurigkeit so tief wie die Welt, all die Menschen da draußen, habe sie gedacht, alle die da rumlaufen und ihr Leben haben, die sind alle auf die gleiche Weise zur Welt gekommen, herausgekrochen aus ihrer Mutter Bauch, voller Schleim und Blut. Das sei ihr vorher gar nicht bewusst gewesen, sagte sie, darüber habe sie sich nie Gedanken gemacht, seither müsse sie immer wieder daran denken.“

Woher weißt du das, flüsterte ich, ich hab das niemandem erzählt.

Das ist das Geschäft des Schriftstellers, sagte er. Er weiß, was niemand erzählt.

Davon wollt ich doch gar nicht reden. Ich wollt von dem reden, was Balbutin geschrieben hat, was er da gesehen hat, als er vor dem Fernseher saß, was er da in seinem Rücken gesehen hat.

Sorry, ich heul schon wieder. Ich brech das jetzt ab. Ich meld mich wieder.

Nachricht von Amy Buchmüller, vom 16.06.2021

Hi alle,

sorry, dass ich mich so ausgekotzt hab. Eigentlich gehts doch gar nicht um mich, Ayse hatte sich gemeldet, mit ihrem Problem. Nun ja, von wegen ihr Problem. Unser Problem. Unser aller kleines Problem. Ich weiß jetzt auch nicht, wo anfangen. Aber ich hab nachgedacht. Mir ist klargeworden, über die letzte Woche, das mit unserem Schweigen, das führt auch zu nichts. Ich weiß, dass wir uns einig waren. Aber ihr seht ja, was dabei rauskommt. Jeder macht sein Ding vor sich hin, und frisst die Sache in sich rein.

Besser, wir reden, auch wenn nichts dabei rauskommt.

Ich hab PvM angerufen. Hab ihm gesagt, dass ich euch seinen Text gezeigt hat. Ich hatte nicht wirklich eine Idee, wie er reagieren würde. Redet der jetzt niemals mehr mit mir?

Aber er war nicht böse. Hüllte sich natürlich in seine übliche Rätselhaftigkeit. Ich sagte, wir warten alle auf ihn, wie immer. Letztlich hängt alles davon ab, was er macht. Er sagte, ihr dürft euch nicht nach mir richten, ich bin beschäftigt, ich hab wenig Aufmerksamkeit für anderes. Aber ich hab was für euch.

Das kann man wohl sagen. Er hat mir einen Text geschickt, Ausschnitt aus demselben Roman, aus dem ich euch neulich Mitteilung gemacht hab. PvM sagt nicht, worum es geht. Aber der Ausschnitt betrifft uns alle.

Ich setzte den Ausschnitt hierher, wie ich ihn bekommen habe. Ich kommentier das lieber nicht. Also:

„In der Nacht nach dem Zwischenfall mit den beiden polizeienden Idioten, auf der Dorfstraße, und noch vor dem Besuch bei der Anwältin, im Nachbardorf, träumte dem Jungen, er fräße einen Vogel.

Er sah sich selbst im Traum, traurig und gebückt, einen immergleichen Weg schleichen hoch zu dem Eingang einer Mietskaserne. War immer November, der November seiner Unzeit, und er kam heim von seiner Arbeit. Arbeitete er nachts? Möglicherweise. Es war jedenfalls immer hell, wenn er heimkam. Unbestimmt milchige Helligkeit, als hänge unter dem Himmel Hochnebel, und die Sonne hätte keine Kraft, den zu durchdringen. Auf der steinernen Stufe zum Eingang hoch lag eine tote Taube, die Flügel gebreitet, Kopf mit dem halb offenen Schnabel ins Genick gerenkt. Klauen in die Luft krallend. Der Junge sah die Tote an, ging vorbei, ins Haus hinein. Bevor er die Treppen zu seiner Wohnung aufwärts stieg, die steinernen Treppen, öffnete er seinen Briefkasten. Der Briefkasten war immer leer.

Tag um Tag ging der Junge an dem toten Vogel vorbei. Im Traum wusste der Junge, dass das Land untertan war einer Diktatur. Geheime Polizei allenthalben. Die Polizei beobachtete jeden. Möglich, dass die Polizei den toten Vogel an diese Stelle gelegt hatte mit Vorbedacht. Um die Reaktionen der Vorübereilenden zu prüfen. Vielleicht gerade seine, des Jungen, Reaktionen? Der Junge wusste, bereits ein traurig gesenkter Kopf konnte als Aufsässigkeit als Widersetzlichkeit gedeutet werden. Jederzeit konnte ein Finger auf den Jungen zeigen. Abholen den! Angst. Plötzlich wusste der Junge das matte Milchlicht zu deuten. Das war nicht dem Hochnebel des Novembers geschuldet. Das war der Dunst der Angst. Dichte allgegenwärtige Angst. Die Taube verweste langsam. Die Lider über den geschlossenen Augen öffneten sich – verwesten oder vertrockneten, wer kann es wissen – und man sah hinein in die leeren Augenhöhlen, Knochengrund. Tag um Tag ging der Junge vorbei und schaute. Die Federn lösten sich aus den Flügeln, verteilten sich über die steinerne Stufe. Der Junge ging vorbei und wusste sich beobachtet, fühlte Erwartung in seinem Genick. Was wollen die von mir? fragte er sich angstvoll. Was erwarten die von mir?

So bückte er sich eines Tages und fraß den Vogel.

Bückte sich nach dem Leichnam, griff ihn mit der bloßen Hand, er fühlte die Knochen und die spröden Federn brechen unter seinem Griff, hörte Knistern und Reißen, das fühlte sich an, wie sich vielleicht – wer kann das wissen? – das Greifen hinein in einen alten Pappkarton anfühlen mag, gefüllt mit brechenden Fischgräten, daran noch die Köpfe kleben und die vertrockneten Schuppen.

Hob auf der Junge den zerfallenden Leichnam und schob ihn sich in den Mund. Schaffte den Bissen nicht auf einen Happ, die Federn fielen ihm von den Lippen, er würgte und kaute, die brechenden Knochen und die spitzen Federkiele bohrten sich von innen in seine Wangen und sein Zahnfleisch, der Schädel und der Schnabel krachten, als sie zermahlen wurden von den kauenden Zähnen, er hörte das Knirschen wie in einer Höhle, einer gewaltigen schwarzen Halle, das war sein eigener Kopf, der Kopf bot wohl Raum einer hallenden unterirdischen Garage, lichtlos stinkend Pfützen aus Benzin.

Der Junge erwachte, weil er im Schlaf aufgehört hatte zu atmen, aber sein Kiefer bewegte sich noch, bewegte sich kauend, und er spürte die verwesten Federn auf seiner Zunge.

Oh, er war schon alt, er hatte ja so viel Erfahrung mit Angst und Grauen, er fuhr jappend hoch, schaltete das Licht ein, auch dies eine Wohltat seiner Moderne, wer in diesen Zeiten, seinen Zeiten, den Lebenszeiten des Jungen, jappend aus einem Alptraum hochfährt, der muss nicht mit bebender Hand nach Feuerzeug und Kerze tasten – wenn ihm seine Mittel solche Rüstung denn erlauben – der hat Licht mit einem Griff, und kann sein friedliches Zimmer sehen, alles wie immer, und auch die schwarzen Schatten vor der Tür werden sich klären, nur ein Traum, sagte sich der Junge und fühlte immer noch das kauende Auf und Ab seiner Kiefer, immer noch das Spießen und Knirschen der Federn auf seiner Zunge, nur ein Traum.

Stille draußen. Stille in den Dorfstraßen. Sind Gestalten unterwegs, schweigende Gestalten, düster wandelnd, wie Trauernde? Zusammenstehend in Gruppen, Gruppen zu dreien oder vieren, zusammenstehend einander ansehend aus bleichen Gesichtern, nicht redend, nur sich ansehend? Schwarzgekleidete Gestalten, die Gesichter so bleich, so bleich, fast weiß? Schmale Lippen in den kahlen Gesichtern, spähende Blicke, nicht ängstlich, auch nicht forschend, nur prüfend? Ist niemand niemand unterwegs auf diesen nächtlichen Dorfstraßen, nur die stillen Schwarzgekleideten? Schauen sie vielleicht sogar hinein die Fenster, da und dort, die Blassen, und ziehen die hinter den Fenstern hastig die Vorhänge dichter? Die Vorhänge, durch die sie ängstlich gespäht haben nach den nächtlichen Wanderern? Und ängstlich, das muss es doch wohl sein, sonst wär doch ab und zu ein Fußgänger unterwegs, dann und wann, wenigstens einer? Schweigend ernsten Gruß zu tauschen mit den Bleichen, zu schauen nach den schönen blassen Frauen, züngelnd das Haar in Locken aus Ebenholz, um die steinernen Gesichter? Und sind wirklich alle Fenster dunkel, nirgendwo Licht, als wolle niemand verlocken die schweigenden Streifer, hereinzublicken ins erleuchtete Innen? Und warum, warum nur stehen sie so zusammen wie solche, die sich besprechen, und scheinen dennoch nicht zu reden, kein Wort? Und haben sie wirklich Blut an den Lippen, wie mancher schon murmelnd versicherte, hinter vorgehaltener Hand? Und sitzen sie wirklich zusammen auf der Bank am Dorfbrunnen, auf der Brunnenfassung, und sehen sich an die ganze Nacht, sehen sich gegenseitig in die dunklen dunklen Augen, darin nichts als Nacht und Stille? Und wenden sie sich wirklich um, wenn du durch eine Ritze im Laden nach ihnen ausspähst, wenden sie sich wirklich um, fühlend die Beobachtung, und schauen dir direkt in die Augen, prüfend aufmerksam? Worauf warten die? Worauf warten die nur? Und warum mag niemand niemand im Dorf reden über die, wiewohl du doch merkst, alle wissen von denen?

Der Junge lag, den Geschmack von Verwesung auf seiner Zunge, und der Geschmack verflüchtigte sich. Es ist alles nicht wichtig, dachte er, nichts ist wichtig.

Fühlte ein Ziehen und Saugen an seinem Bewusstsein. Wie das Saugen einer Pipette, die den Embryo heraussaugen will aus dem Mutterleib, sollst nicht leben dürfen, spricht die Pipette, oder spricht der, der die Pipette führt, oder spricht das Mütterchen, sollst nicht leben dürfen. Nun ja, ist auch besser so. Dies ist eine furchtbare furchtbare Welt.“

Sorry, ich hab vor PvM schon immer ein bisschen Angst gehabt. Manchmal glaub ich, der ist nicht ganz von dieser Welt. Ich meld mich wieder. Balbutin hat recht, wir müssen reden.

(Nachrichten vom 03. bis 16.06.2021, neu eingestellt auf dieser Seite am 22.04.2022 von Peter Flamm, © Verlag Peter Flamm 2022)