Hohe Frau

Wenn es um Frauen ging, schlich sich Weihevibrato in die Stimmen, schon bei der Grimmvettel, erst recht bei der Pferdeschnauzigen. Frau! das ist was ganz Hohes! das ist was Heiliges! das ist höheres Menschtum!

Sie konnte sich in echte Ergriffenheit hineinsteigern, die Pferdeschnauzige.

Das versteht ja keiner, was diese Frau da macht!

Nur ich, in meiner Tiefe.

Ihre Anbetungsbereitschaft kontrastierte sonderbar der Leere um sie herum, dem Jungen fiel das erst im Rückblick auf. Die Lebenserfahrung belehrte ihn später, Frauen treten doch immer im Rudel auf, Frauen sind nie allein, Frauen haben Freundinnen, unterstützende Freundinnen, rechthabende und rechtgebende Freundinnen, zu gegenseitigem Rechtbekommen, dazu sind Freundschaften da unter Frauen, Frauen sind niemals allein.

Mit Ausnahme der Pferdeschnauzigen, und ja, der Grimmvettel auch. Dem Kind fiel das nicht auf, aber der rückblickende Erwachsene kam ins Grübeln. Die haben beide keine Freundinnen gehabt. Solange die Pferdeschnauzige noch verheiratet war, tauchten ab und zu Gestalten auf, die hätte man wenigstens als Bekannte bezeichnen können. Später fiel auch das weg. Keine Freundinnen. Keine Anrufe, keine Besuche.

Sein Blick tastete sich zurück in die Leere der Zeit. Wie war das damals gewesen, als die Grimmvettel noch das Häuschen bewohnte, in der Gegend, die nachher unter die Herrschaft der Mützen gefallen war? Hatte sie da Freundinnen gehabt? Wenigstens Freunde, befreundete Ehepaare? Der Junge erinnerte sich an Namen. Wurden nicht sogar noch Briefe gewechselt?

Nach dem Abgang des Ganzstiefelviehs war die Isoliertheit der Pferdeschnauzigen komplett geworden. Nicht unbedingt ihre Schuld, überlegte der Junge. Geschiedene Frauen verloren damals mit dem Mann auch alle sozialen Kontakte. Nicht unbedingt ihre Schuld. Aber hatte es einen Unterschied gemacht? Niemand hielt es doch zwei Minuten mit der in einem Raum aus.

Aber dass nachher, nach dem Umzug in die heimelige Kleinstadt, die Pferdeschnauzige ihre Aufmerksamkeit auf ihren Jungen zu richten begann, das hatte er dieser Isolation zu verdanken. Die hatte niemanden mehr, dachte er, buchstäblich niemanden, nur noch die Alte. Und wenn die nicht da war, hatte sie ihre Größe zum Umgang, oder eben mich.

Nun ja, sie hatte schon noch einen Umgang gehabt, ihr wisst, wovon ich rede, aber das dämmerte dem Jungen erst aus weitem Abstand.

Damals, in der Wohnung über der Einkaufsstraße, sollte er das Säuseln und Nasen also erst noch kennenlernen, und als es soweit war, und er in den vollen Genuss kam der Bemachung, begriff er nicht, dass die Hohe Frau bei ihm einfach dort weitermachte, wo sie bei dem Ganzstiefelvieh aufgehört hatte.

Über die volle Distanz ihrer Ehe war das Ganzstiefelvieh der tragischen Erhabenheit ausgesetzt gewesen, der Verkanntheit, der Unverstandenheit, und die Kosmosmittigkeit hatte ein Zentrum, das lautete: Frau.

Frau! Das ist sowas Heiliges! Das können die schmutzigen Männer ja gar nicht verstehen! Diese Gefühle! Diese tragischen unverstandenen Gefühle! Diese Erhabenheit! Dieses Wandeln! Fassungslos gaffend und anbetend nur können Männer stehen unten an den Stufen vor dieser Größe! Die verstehen das ja gar nicht! Die können das ja gar nicht verstehen! Schuldig! Schuldig! Dreimal schuldig!

Irgendwie unlogisch, dachte der Junge. Wenn die Männer die tragischen Gefühle nicht verstehen, weil sie das einfach nicht können, sind sie ja nicht schuldig, denn wenn einer nicht kann, was er nicht kann, dann kann er eben nicht. Wenn sie aber schuldig sind, dann heißt das, sie könnten, wenn sie wollten.

Alles falsch. Für Männer galt beides. Sie konnten nicht, und sie waren schuldig.

Da greift man sich doch an den Kopf! schrie die Pferdeschnauzige auf ihre kultivierte Weise. Wieso begreifen die das nicht? Aber da redet man ja gegen die Wand. Tumbe Stoffel!

Das Wort „tumb“ hatte sie übrigens von dem Ganzstiefelvieh, das wusste der Junge mit Gewissheit zu melden, er hatte es oft genug zu hören bekommen.

Die Doppelgestalt des Mannes als Schuldiger und Unkönner durchwaltete nachher alle Jahrzehnte, die der Junge zu leben hatte. Gegen Ende seiner Leben war echter Kampf angesagt, und was bei der Pferdeschnauzigen noch als individuelle Gestörtheit hatte durchgehen mögen, wurde zur kulturellen Norm. Die müssen endlich einsehen, dass sie schuldig sind, die Schweine! heulte Fanfare durch alle kulturellen Ränge. Endlich einsehen, dass sie das gar nicht verstehen können! Die verstehen doch gar nicht, was das ist, Frau! Die Größe! Die Verkanntheit! Die Gefühle! Die können das nicht! Aber dass die das nicht können, ist Schuld! Und deshalb haben die die Frauen immer unterdrückt.

Antatschen wollen die die Frauen. Was anderes kennen die doch gar nicht! Um was andres gehts denen doch gar nicht! Alle Männer sind gleich! Und wenn sie nicht kriegen was sie wollen, dann holen sie sich das eben! Darum geht es denen! Die Frauen zu unterwerfen! Die wollen die Frauen kleinmachen, an was anderes denken die gar nicht! Tag und Nacht, von Kindesbeinen, denken die nur an die Frauen und wie sie die kleinmachen können. Wie sie die vernichten und vergewaltigen und demütigen und runtermachen können! Das muss ein Ende haben! Vor allem muss es ein Ende haben, dass immer noch Frauen glauben, Männer könnten irgendwas anderes von ihnen wollen! Wollen die nicht! Können die nicht! Und selbst wenn sie könnten, die wollten nicht! Niemals! Das müssen die Frauen endlich kapieren!

Der Junge hatte das in seiner Jugendzeit als volle Dosis abbekommen, mit der Folge, dass er immun geworden war, wie einer gegen eine Infektion immun wird, sobald er sie einmal überstanden hat. Er litt darunter, dass in seinem Alter der schnalzende Aberwitz wieherte von allen Dächern, aber sich daran anstecken hätte er nicht einmal können, wenn er gewollt hätte.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 20.04.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)