Immer abwärts

Während das Ganzstiefelvieh neben ihr schwelgte und frohlockte, wie sie jetzt doch mal einen richtigen „Verriss“ schreiben müsse, wie sie das jetzt doch alles „zerpflücken“ müsse, hielt sie sich an die Sachhaltigkeiten seiner Rodomontaden, geschöpft aus den Schallplattenkatalogen, und widmete sich im Übrigen ihrer Tiefe. Niemand empfand die Darbietungen so tief wie sie. Sie umschiffte geschickt jede Behauptung, auf die man sie hätte festnageln können, so schlau war sie geworden. Aber der Augenblick des Musizierens ist ja schnell verweht, und nachprüfen, was verweht ist, kann keiner. Als eine Sängerin einmal wagte, ein eher sperriges Stück der musikalischen Moderne den Zuhörern zuzumuten

mit der Moderne hatte man es in den Vorstädten nicht so, man verehrte die Großen Toten

da hatte die Pferdeschnauzige die Stirn zu schreiben, die zierliche Sopranistin habe die Töne nicht immer richtig getroffen. Die Töne waren die Töne aus einer Zwölftonreihe gewesen, und vorzuspiegeln, sie habe das nicht ganz richtige Treffen dieser Töne hören können, war schon die höhere Frechheit. Journalismus eben. Sie ging nicht das geringste Risiko ein damit, die Pferdeschnauzige, die Sängerin musste die Sache auf sich beruhen lassen. Hätte sie sich beschwert, wäre ihr mangelnde Professionalität vorgeworfen worden, im Umgang mit den Medien. Wer sich in die Öffentlichkeit stellt, hätte sie zu hören bekommen, muss Kritik aushalten können.

Die Pferdeschnauzige entdeckte ihre Freiheit. Je weniger, was sie schrieb, mit irgendeiner Realität zu tun hatte, desto anerkennender nickten die Kollegen. Endlich kapiert sie‘s, sagten sie. Hat ja lange genug gedauert.

Sie benutzte gern das Wort „beglückend“. Der „runde Ton“ einer Violinistin beglückte sie. Nicht wenige ihrer Worte gerieten ihr früher oder später zur Marotte, zur Zwangsvorstellung, déformation professionelle, das Wort „beglückend“ hätte früher oder später die aufmerksameren Leser glucksen machen müssen, aber dies alles geschah vor dem Aufkommen der elektronischen Spielzeuge, Pressfurcht beherrschte die Hirne, kein Wunder, dass die Qualitätsjournalisten nachher auf diese Zeit zurückschauten als auf ihre goldene. Es war die Zeit, da sie lügen konnten, bis die Achse brach, und der Karren rumpelte dennoch weiter.

Höhnisch wurde die Pferdeschnauzige bei jungen Männern. „Etwas weniger selbstbewusstes Auftreten und dafür bessere Vorbereitung hätte dem jungen Mann gut getan.“

Schrieb sie so hin. Da kannte sie nichts.

Wenn ihr euch wundert über den selbstsicheren Ton: selbstverständlich erlernte sie den zuerst. Der selbstsichere Ton ist das erste, ist das wichtigste Instrument des hochstapelnden Journalisten, des journalistischen Hochstaplers. Tautologie. Sachkunde ist im Journalismus gar nichts, Tonfall ist alles.

Spezialquelle der pferdeschnauzenden Urteile war die Grimmvettel. Worte der Grimmvettel waren Worte Gottes, das hatte der Junge mit dem frühesten gelernt, vor ihm hatte das Ganzstiefelvieh es lernen müssen, jetzt mussten die Musiker und die Schauspieler in der Industriestadt dran glauben. Sie mochten über die Rezensionen sich ärgern, aber auch wenn sie die Rezensentin im Stillen eine blöde Kuh nannten, kam ihnen doch nicht bei, dass in den verletzenden Worten das Gift einer anonymen Natter floss, Mutter der Rezensentin. Wie sie sich über eine schlechte Rezension ärgerten, so freuten sie sich über eine gute, ohne sich zu ermahnen, dass die schlechte wie die gute Rezension gleich wertlos waren, weil die Rezensentin nämlich keine Ahnung hatte. Die weiß doch nicht wovon sie redet, murmelten sie allenfalls hilflos, hilflos und wütend, und niemals tagte ihnen, wie recht sie doch hatten.

Wenn junge Männer musizierten, redete die Grimmvettel gern von „Würstchen“ oder „Milchgesicht“, oder, Variante, „Milchbubi“. Hatte der junge Mann das Pech, gut auszusehen, fiel auch das Wort „Schönling“. Die Pferdeschnauzige lauschte gelehrig, und ließ sich die Belehrung gesagt sein. „Wer sich an die Schwergewichte unserer Tradition wagt“, schrieb sie, „sollte sich nicht auf sein Aussehen verlassen.“

Was an dieser Beleidigung ausziseliert war, stammte von dem Ganzstiefelvieh. Prahlhans der er war, war er auch Prolet, im Proletenmilieu aufgewachsen, und er hielt seine Heirat mit der Pferdeschnauzigen im Ernst für einen Aufstieg. Aufstieg ins Hausbesitzermilieu. Aufstieg, der ihm gebührt hatte. Der Hochstapler verachtet seine Opfer, und ist dennoch da und dort mit Blindheit geschlagen. Ihm galten die „tiefen Gefühle“, mit denen seine Frau den Rest der Welt abstrafte, für echt. Schwer zu verstehen. Wieso stimmte er den beiden Vetteln, der Pferdeschnauzigen und der Grimmvettel, wenn sie über „die Männer“ herzogen, zu? Wieso leistete er ihnen Formulierungshilfe?

Zum Teil war überschießende Auftrumpfe im Spiel. Indem er zustimmte, bezeugte er Überlegenheit. Ich fühle mich nicht getroffen. Ich kann doch gar nicht getroffen sein, denn um getroffen zu sein, müsste ich erst einmal gemeint sein. Ich bin nicht nur nicht getroffen, ich merke noch nicht einmal, dass ich gemeint sein könnte.

Er war gemeint, das war sogar dem Jungen am Abendbrottisch klar. Das Ganzstiefelvieh aber lachte seine dröhnende Zustimmungslache bei den stichelndsten Beleidigungen, und setzte noch einen drauf.

Gilt ja den anderen, gilt ja gar nicht mir!

Als einmal drei Musikanten in roten Westen aufs Podium traten, der eine Zither spielend, der andere singend, der dritte gar nicht unkundig an den verschiedensten Instrumenten werkend im Hintergrund, da wurde dem Ganzstiefelvieh jener Einfall, über den es sich ausschütten musste vor Lachen. Die drei Musiker, Arbeiterlieder vortragend aus der Tradition der Gegend, konnten in ihrem Aplomb einen gewissen effeminierten Einschlag nicht verbergen, und dazu also fiel dem Ganzstiefelvieh ein: „Die warmen Würstchen gab es an diesem Abend nicht nur am Büffet.“ Es brüllte noch tagelang vor Gelächter über diese Formulierung, das Ganzstiefelvieh, und die Pferdeschnauzige schrieb die Formulierung nieder, und die Zeitung druckte die Formulierung.

Junge Männer waren, über die man öffentlich so schreiben durfte. Männer waren Dreck, junge Männer der letzte Dreck, der Junge kannte das, der Junge kannte das nicht anders und sollte es während aller seiner Lebzeiten nicht anders kennenlernen. Die Pferdeschnauzige war keine Spezialität. Die Pferdeschnauzige war nur das Beispiel, das mit dem Muster zuerst ihn konfrontierte, und das Muster lautete in dieser Zivilisation: Frauen werden so nicht angegangen, Männer haben das wegzustecken.

Das Höhnen war jedoch kontraproduktiv. Der Junge, eingedenk seines angeborenen Entzückens beim Anblick von Frauen, und eingedenk seiner Erfahrungen mit dem Wichsergeander in den Klassenzimmern, und eingedenk seiner Erfahrungen mit dem Pädagogenviehzeug, und eingedenk seiner Erfahrungen mit dem Ganzstiefelvieh, hätte geneigt sein können, der Einschätzung, Männer sind der letzte Dreck, grundsätzlich zuzustimmen, aber da waren die beiden Höllenschnepfen, die diese Lehre kündeten, in blechem Chorgesang, und der Junge sah sie an und dachte: Und was seid ihr?

Man sah mal wieder seinem Blick an, was er dachte, und das Ganzstiefelvieh fiel über ihn her, stellvertretend, ausagierend die Befehle, die ihm von seinen vorgesetzten Weibchen wurden, und im Niederdreschen des Jungen meinte er vielleicht auch zu bezeugen: Der ist der Dreck, nicht ich.

Und für kurze Momente wurde er etwas von der Wut los, die die Weibchen in ihm befeuerten, durch ihr Höhnen, durch ihr Sticheln, durch ihre versteckten Andeutungen, durch ihre mitgemeinten Beleidigungen.

Das Ableiten der Wut half ihm aber nichts, all das dreschende Lenken der Aufmerksamkeit auf den Jungen half ihm nichts, denn was die Schnepfen mitnahmen aus ihrem Beiwohnen der Misshandlung, war lediglich die Erkenntnis, dass Manipulation erfolgreich war und zielführend, Manipulation ist der Weg, dachten sie, was sonst. Aber das hatten sie schon vorher gewusst, und wenn nicht, so lehrte es sie das unaufhörliche Flüstern aus ihrer Innenkammer: Recht so, mein Kind, mach weiter so, bist auf dem rechten Weg.

Schiefe Bahn.

Immer abwärts.

Das ist die Botschaft des Lederflügligen an die Menschtiere: Die schiefe Bahn ist der rechte Weg.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 18.04.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)