Beratung

Das Feuer gloste und knisterte, unter klarem Sternenhimmel, der Wald stand als dunkler Schatten hinter den Wiesen.

„Also, was machen wir?“ fragte Grand Mère und rieb sich die Hände, denn sie hatte gut gegessen. „Bleiben wir auf der Hauptstraße, oder nehmen wir die Abzweigung?“

„Es ist natürlich immer möglich“, warf Roger ein, „dass dieser Gliedermann uns falsch beschieden hat …“

„Glaub ich nicht“, sagte Inge.

Aslan runzelte die Stirn. „Wir können es nicht wissen. Ein seltsamer Mensch war das.“

„Ja, wirklich“, sagte Inge und lachte, „das Geräusch … habt ihr das Geräusch gehört, das er immer machte beim Reden?“

Waldemar lief es kalt den Rücken hinunter. Warum musste sie ausgerechnet von diesem Unhold reden? Da war die Dunkelheit im Genick, man konnte nicht wissen, was dort alles kam …

„Ist es wahr, was du sagtest, Grand Mère?“ fragte Roger, ernster.

Grand Mère zuckte die Achseln. „Nun sicher. Seine Zeit ist um, die Wunde hätte besser behandelt werden müssen … er wird es gewusst haben …“

„Bösartig schien er mir“, sagte Roger, „gab sich zumindest das Ansehen. Zuzutrauen wär ihm, dass er uns in die Irre führen wollte.“

Aslan nickte nachdenklich. „Schmal muss sein Verdienst sein, er ging sonst nicht so im Lumpen gekleidet … andererseits, ich kannte einen, früher, der tats mit Absicht, gab sich alt und krank und trug schlechte Kleider, dass die Leute aus Mitleid kauften … doch muss man solches Mittel mit Vorsicht anwenden, mit Maß und Bedacht, sonst schauderts die Käufer, nicht nehmen wollen sie Ware von einem, der so schmutzig ist.“

Grand Mère lachte. „Damit wars bei dem hier schlecht bestellt, Wasser hat der nicht gekannt … Bruder Gelbmann …“

„Na hör mal“, sagte Inge, ehrlich entrüstet, „so heißt doch niemand, also wirklich, Gelbmann …“

„Ich glaube, das war ein armer Mensch“, sagte Magdalena leise. Sie hatte sich die ganze Zeit nicht ins Gespräch gemischt, nur dagesessen, gegen den Stamm der Esche gelehnt, die Hände im Schoß verschränkt.

Aslan betrachtete sie, nicht ohne Besorgnis, dann sagte er, da die anderen schwiegen: „Das mag wohl sein. Schwer zu erforschen sind die Wege des menschlichen Herzens … doch sollten wir einen Entschluss fassen.“

Grand Mère klatschte in die Hände. „Ich meine, wir sollten den Weg nehmen. Immerhin, es ist ein Weg, und scheint gut unterhalten; Menschen fahren hier oft, und wo Menschen fahren, dort sind über ein Kurzes auch Behausungen.“

„Das ist wahr“, sagte Roger, „du hast recht … ob er nun die Wahrheit gesagt hat oder nicht, der Gliedermann, am Ende des Weges jedenfalls wohnt jemand, und wo jemand wohnt, da können wir auch handeln.“

Aslan stimmte zu. „Das ist auch meine Meinung. Was denken die Frauen?“

„Fahren wir“, sagte Inge. „Einen Versuch ist es wert, und führt uns doch nicht weit ab vom Wege.“

„Wie meine Tochter rede ich“, sagte Magdalena, „und bin mit ihr einer Meinung.“

„Also“, stellte Aslan fest, „dann ist es abgemacht, morgen früh nehmen wir den Weg und sehen zu, wohin er uns führt.“

Die anderen murmelten Zustimmung.

So war das nun mit Bruder Gelbmann, er mochte die Wahrheit sagen, und man traute ihm doch nicht recht. Ob es das war, was er erreichen wollte, mit seinem Reden und Grimassieren?

Auf jeden Fall hatte er nicht mehr lang zu leben.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 05.04.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)