Harz, Spende

Sie schritten durch die hohen Wiesen, Roger vorneweg. Er schlug mit dem Eisen klappernd gegen den Eimer, um die Schlangen zu verscheuchen, die im Grase schlafen mochten, dem Abend entgegen.

Der Rastplatz lag dicht an dem Seitensträßchen, von dem Bruder Gelbmann gesprochen hatte und das nach Norden führte. Aslan hatte die Abzweigung eingeschlagen, eher um einen angenehmen Rastplatz zu finden, als dass er schon entschlossen wäre, „das Haus“ aufzusuchen. Parallel zu dem Sträßchen, auf der westlichen Seite, floss der Bach, und im Osten stand der Kiefernwald.

„Jetzt werd ich euch gleich was Schönes zeigen“, meinte Roger gesprächig.

Das Gras der Wiesen war rau und fest, der Boden noch immer sandig. Am Waldrand drehte Eluard sich um, da sah er in die sinkende Sonne. Das Abendmeer floss über den Himmel, die Esche drunten flirrte und leuchtete, klein standen die Wagen unter ihr, mit den hellen Planen. Grand Mère und Magdalena saßen am Herdrund, aber die Sonne hatte noch die Macht über das Feuer und überstrahlte die Flammen.

In den Himmel hinein stiegen als schwarze Pünktchen die Lerchen, helles Gezwitscher, ortlos.

Weiter entfernt vom Lagerplatz schritt eine Gestalt durch die Wiesen, hoch aufgerichtet im Sonnenlicht, das war Inge, sie ging hinunter zum Bach, Wasser zu holen, und als die Welt für einen Augenblick erzitterte und stillestand, da war sie nicht mehr Inge, da war sie die Wasserträgerin, was war und immer sein wird, gefügte Gestalt in der Zeitlosigkeit.

Golden floss das Licht über die Wiesen, umspielte lange Schatten.

„Da wären wir“, sagte Roger. „Jetzt müssen wir uns einen schönen Baum suchen, nicht zu jung, nicht zu alt, mit geradem Stamm.“

Er spähte umher, und Waldemar spähte auch, ganz ernsthaft.

„Dort ist einer“, sagte Roger. „Schaut ihn euch an, den nehmen wir.“

Gerade gewachsen, nicht zu jung, nicht zu alt, wie es sein soll.

Die beiden Jungen setzten sich auf den federnden Nadelboden und schauten Roger zu, wie er das Werk begann.

„Nun gebt acht“, sagte er. „Zuerst müssen wir einen Teil der Rinde entfernen.“

Mit dem Messer schnitt er ein unterarmlanges Oval in die dicke, rötliche Rinde, gelegentlich half er ein wenig nach, indem er mit dem Holzhammer auf den Messerschaft klopfte, doch behutsam, um die Schneide nicht ins Holz zu treiben.

„So“, sagte er dann, „das hätten wir … und jetzt abheben …“

Er schob die Zungenspitze zwischen die Lippen und zog mit großer Konzentration die Rinde herunter, sie zerbrach in dicke, borkige Stücke. Darunter lag das leuchtende Holz, blutend, ein betäubender Harzgeruch stieg auf.

„Ah, sehr gut“, meinte Roger. „Und nun schaut, was ich jetzt mache …“

Er zog durch das freigelegte Oval mit dem Messer einen senkrechten Einschnitt, recht tief, und verbreiterte ihn, indem er die Klinge immer wieder hin und her ruckte. Von diesem Mittelschnitt aus legte er zu den Seiten des Ovals hin weitere Einschnitte, in dichten Abständen, schräg nach oben geneigt, wie die Rippen eines Blatts.

„Und das wärs auch schon fast“, sagte Roger vergnügt. „Jetzt noch …“

Er ergriff das Eisenstück und trieb es mit ein paar Schlägen des Holzhammers am unteren Ende des Mittelschnitts ins Holz hinein, und zwar so, dass es schräg nach unten zeigte.

„Und darunter brauchen wir jetzt nur noch den Topf zu stellen“, sagte er und tat es.

„Und was passiert dann?“ fragte Waldemar.

„Das wirst du gleich sehen“, antwortete Roger. „Pass auf …“

In den Einschnitten begannen dicke braune Tropfen zu quellen, träge flossen sie nach unten, den Mittelschnitt entlang, rannen ab am Eisenstück, wie schwerer goldener Honig fielen sie in den Eimer …

„Ohhh …“ machte Waldemar und schaute zu, ergriffen.

Eluard legte die Hände auf den Rücken und rang mit sich, dann gab er sich einen Ruck und fragte: „Tut das dem Baum nicht weh?“

„Hm“, sagte Roger, „nein, weh tut es ihm nicht, aber natürlich darf man es an jedem Baum nur einmal machen alle paar Jahre, oder am besten überhaupt nur einmal in seinem Leben, sonst verträgt er es nicht … und das ist das Harz, darin man die Späne einlegt, dass sie hell brennen zur Nacht … so hat es Vautrin eingerichtet, und ihr seht, wie reich seine Gaben sind.“

„Wir sehen“, murmelten die Jungen und schauten zu, wie die dicken Tropfen quollen aus dem glänzenden Holz.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 03.04.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)