Wäscheklammern

Die alte Tante besaß übrigens einen blechernen Ofenschirm, den stellte sie im Winter zwischen den Wohnzimmerofen und das Fußende der Couch, damit das nicht versenge, denn das Zimmer war klein, und dicht im Raume reiben sich die Dinge. Die Marotte der alten Tante, am Tage niemals die Schuhe auszuziehen, erklärte der Junge sich in seinem Alter damit, dass sie in ihrer Zeit als Bankangestellte jahrzehntelang zur Mittagszeit nach Hause gegangen war, sich zur Ruhe niedergelegt hatte, pünktlich aufgestanden war und unverzögert sich an den Rückweg zum Arbeitsplatz gemacht hatte. Die Schuhe hatte sie anbehalten, da war sie immer schon bereit und fertig.

Allezeit bereit und fertig. Auf dem Kleiderschrank im Schlafzimmer lag der gepackte Koffer. Schon damals. Der kleine Junge hätte ihn vermisst, wenn er nicht dagewesen wäre, er dachte nicht darüber nach, das ist eben so, hätte er gesagt, wenn er denn gefragt worden wäre, auf dem Kleiderschrank der alten Tante liegt immer ein gepackter Koffer.

Falls wir plötzlich mal weg müssen. Falls die Flieger kommen.

Am Abend wurde der kleine Junge früh zu Bett gebracht, denn Kinder brauchen Schlaf, und weil er sich im Dunklen fürchtete, ließ die alte Tante die Tür einen Spalt weit auf, da konnte der kleine Junge, hervorspähend unter seiner Decke, aus dem Dunkel heraus und durch den Flur hindurch in ihrem Wohnzimmer die alte Tante am Tisch sitzen sehen und ihre Kreuzworträtsel lösen, das Lampenlicht dort war ganz golden, es war wie der Blick hinein ins Bergesinnere, dort, wo die Zwerge im Funkellicht der Lampen die goldenen Adern der Erde angraben.

Nach dem Mittagessen konnte der kleine Junge nicht schlafen, sein Bauch war warm und voll, aber er war nicht müde, doch musste er sich ruhig verhalten, denn die alte Tante hielt ihre Siesta. Wie sie das nur machte? Man aß, die alte Tante geriet ins Schwitzen beim Essen und versicherte, dass Essen doch die schwerste Arbeit sei, dann spülte sie ab und wischte den Esstisch sauber und brachte die Küche auf Glanz, immerfort mit ihren Schuhen an den Füßen, und endlich legte sich sich nieder auf ihrer Wohnzimmercouch, und kaum lag sie, war sie auch schon eingeschlafen. Fest und tief. Sie verfolgte ja ein strenges Reglement in allen Dingen, aber wie schaffte sie das, auch dem Schlaf zu gebieten? Am Abend sagte sie, jetzt ist zehn Uhr, jetzt wird geschlafen, und dann schlief sie, bis um halb acht am Morgen. Sie machte das. Für den Jungen war Schlaf etwas, was über ihn kam, für die alte Tante war Schlaf etwas, was man machte. Dem Jungen blieb das rätselhaft.

Sehr viel später, als die alte Tante die neue alte Stadt besuchte, den Jungen zu versorgen, den heranwachsenden Jungen, der Tag und Nacht an die Sylphide dachte und die alte Tante immer noch liebte, die Hoffnung aber abgeschrieben hatte, von ihr möchte Rettung kommen, da ließ sie sich von dem Jungen bei ihrem ersten Besuch genau die Wege zeigen, zum Lebensmittelhändler, zum Bäcker, man konnte von der Wohnung aus verschiedene Wege gehen, das Neubauviertel war so angelegt, dass es Durchstiche gab zwischen den verschiedenen Grundstücken, Wege zwischen Gärten und Garagen, und einmal geriet die alte Tante in einen solchen Weg, den sie nicht kannte, und sie verirrte sich hoffnungslos, sie musste Passanten um Hilfe bitten, die Adresse immerhin wusste sie, wohlgemerkt, sie befand sich in einem Radius um die Wohnung herum, des Abschreiten beanspruchte keine zehn Minuten. Im Alter bedachte der Junge auch das, ob vielleicht der lebenslange manische Ordnungszwang der alten Tante nur die Abwehr einer lebenslangen Gefährdung gewesen war. Sie exekutierte die Dinge. Es gab stets eine richtige Weise, ein Tun zu erledigen. Dass es mehrere mögliche Weisen geben könne, das wollte sie nicht. Der Heranwachsende konnte sie weniger und weniger ertragen, und schämte sich dafür. War sie wieder fort, die alte Tante, zurück in der Heimatstadt, wo sie jetzt diese andere Wohnung hatte, nicht mehr zusammen mit der Grimmvettel, hatte er für Wochen und Wochen ein schlechtes Gewissen und schwor sich, bei ihrer nächsten Begegnung werde er geduldiger mit ihr sein, er wusste, er würde seinen Schwur nicht halten können, so hatte er sein schlechtes Gewissen schon vorweg.

Die alte Tante also auf der Couch ihre Siesta haltend, war der kleine Junge sich selbst überlassen, aber die Wohnung überbordete ja von wunderbaren Dingen. Da gab es zum Beispiel unter der Küchenspüle diesen Topf mit Wäscheklammern, manche der Klammern hatten metallene Federn, andere waren nur ein Holzstift mit einem eingeschnittenen Schlitz, aus Holz waren sie alle, aber von unterschiedlichen Größen und Formen, und der Junge hielt sie gegeneinander und schritt ein, wenn die Größeren gegenüber den Kleineren grob werden wollten, einer von den Stiften mit Schlitz war roh und gewaltig, offenbar zugeschnitten von wegwerfender Hand, aber gerade der war ganz gutmütig, wie ein riesiger dummer Tölpel, da musste der Junge im Gegenteil aufpassen, dass die gewitzten Kleineren dem unbehülflichen Großen keine Streiche spielten. Nachher, wenn es ans Schreiben und Rechnen gehen würde, würden die Buchstaben und die Zahlen dem Jungen keine kleinere Mühe machen, sie kläfften und sie bissen einander, sie schnitten immerfort Gesichter, oder manchmal gingen sie auch ganz lieblich miteinander um, aber wie es werden würde, das wusste der Junge niemals im Voraus, immer sah er den Ausdruck der Figuren erst, wenn sie hingeschrieben waren, das war sonderbar, da es doch er selber war, der schrieb, aber so war das nun mal, und wenn die eine Ziffer sich gar zu drohend über die benachbarte andere beugte, malte der Junge noch dichtere Striche nebendran, dass die Ungebühr Bedrohung von der anderen Seite bekäme, und das Gleichgewicht wiederhergestellt sei. Tadelnd nach der Richtigkeit der Rechnung befragt, dachte das Kind irritiert, darum geht es doch gar nicht. Auch strich das Kind, wenn die Buchstaben gar zu sehr miteinander rangelten, gern ein Wort durch und schrieb es noch einmal, worauf die Tante dann tadelnd mit dem Finger wies, wie unordentlich das aussähe. Du musst doch einfach nur abschreiben! rief sie, und das war ja die Aufgabe, abschreiben, die stellte man den kleinen Kindern, das kleine Kind war ein gutes Kind, wenn es sauber abschrieb, und der Junge, kleinkleines Kind, wusste schon, er musste sich nur daranmachen, und schon würde der Tumult wieder ausbrechen zwischen den Buchstaben, und er wäre beschäftigt, Streit zu schlichten, die Kleinen vor den Großen zu schützen, den Traurigen einen freundlichen Nachbarn beigeben, nachher würde das Ganzstiefelvieh „die Hausaufgaben kontrollieren“, da schwoll das Ganzstiefelvieh vor Macht, Macht über sein sechsjähriges Kind, war überlegen das Ganzstiefelvieh, über sein sechsjähriges Kind, nicht einmal richtig abschreiben kann der, höhnte es triumphierend, denn größer und mächtiger zu sein als sein sechsjähriges Kind, das würde dem Ganzstiefelvieh ein Anliegen sein. Das Kind würde dann dasitzen und und sich denken, ich mach meine Hausaufgaben lieber nicht, denn die Hausaufgaben würden ja doch nur Rohmaterial sein, das man jetzt in der Hand hätte gegen das Kind, das war der Sinn der Hausaufgaben, das Kind sollte Beweismaterial gegen sich selber liefern, dass man was in der Hand hätte gegen das Kind. Aus dem gleichen Grund wurde später auch das Kind aufgefordert, Klassenarbeiten zu schreiben, dass man was in der Hand habe gegen das Kind, Rohmaterial Beweismaterial auf der Hand, und das Kind dachte sich, ich schreib gar nichts hin, oder irgendwas, ist ja sowieso egal. Das würde aber erst später kommen, vorerst war das Kind noch beschäftigt, den Tumult der Wäscheklammern zu ordnen, da verging die Zeit, bis die alte Tante wieder wach war.

Übrigens sammelte die alte Tante auf den nachmittäglichen Spaziergängen zuweilen kleine Kräuter und Blumen ein und die vierblättrigen Kleeblätter, nach denen sie unermüdlich auf der Jagd war, und wenn Tante und Kind dann wieder zu Hause waren, legte die alte Tante die heimgeholten Geschöpfe erst einmal in einen Suppenteller mit Wasser, damit sie sich erholen könnten, wie sie sagte, und der Junge fand kein Ende, fasziniert das Treiben der zarten Stängel und Blätter und Blütenköpfchen zu beobachten, im Wasser, sie schwammen und sanken und trieben und sangen, und begegneten einander gar lieblich, zuweilen sich umschlingend, der Junge trieb sie mit vorsichtig stupsendem Finger mal dahin mal dorthin, wenn sie aber auseinandertrieben, sorgte er sich ernsthaft, denn er fand, dass immer das zurückbleibende Wesen gar traurig schaue, er suchte dann hastig nach Ersatz, musste aber achten, nicht anderswo vertraute Gemeinsamkeiten auseinanderzureißen, und da er aber das Wasser bewegte, trieben immer die schwimmenden Wesen auseinander oder zusammen, wie es ihnen gerade einfiel, und das Kind suchte versunken, eine Ordnung herzustellen, so dass zum Schluss alle zufrieden sein würden, alles zusammenpassen würde in dem feingeschwungenen Rund des Suppentellers, ein jedes Blättchen stiftend Zusammenhang mit allen anderen, das war nicht einfach, wie man sich denken kann, es fing schon damit an, dass die zarten Stängelwesen die Neigung hatten, sich auf der einen Seite des Tellers schwimmend zu sammeln, indes die andere Seite leer und leerer wurde, das ging schon einmal gleich gar nicht, aber wenn der Junge einige der Blütenköpfchen hinüberschob nach der freien Seite, musste er natürlich Zugehörigkeiten auseinanderreißen, die sich schon behaglich ineinander vernestelt hatten, auf einmal schwammen da der Wesen welche traurig alleine umher, die sich vorher der Gemeinschaft erfreut hatten, da musste das Kind wieder mit stupsendem Finger Zusammenhänge herstellen, das war das Ding, das war die Notwendigkeit, immerfort dieses Herstellen von Zusammenhängen. Die Zusammenhänge ergaben sich, das war wunderbar. Und nicht vorherzusehen. Die Fülle der möglichen Muster war unendlich, und die Bilder ordneten sich von selbst, zu Mustern, die das Kind nicht willkürlich vorherbestimmen konnte. Das Kind konnte nur feststellen, jetzt ist es richtig, wenn ein Muster sich ergeben hatte, oder, das ist noch nicht richtig, je nachdem. Das Kind machte sich noch keine Gedanken darum, wie das zugehe, dass es die Richtigkeit einer Ordnung erkennen, aber nicht vorherbestimmen könne. Das Kind war ganz außerstande zu sagen, ich will, dass das so und so aussieht. Aber das Kind wusste, jetzt sieht es richtig aus. Oder: noch nicht so richtig.

Die Wäscheklammern waren da leichter zu ordnen, denn die blieben wenigstens liegen, wo das Kind sie hingelegt hatte, während die zarten Fiederwesen im Wasser ungebärdig trieben, wohin immer sie wollten, oder getrieben wurden, wohin sie nicht wollten, und das Eingreifen des Kindes schuf ganz unvorhersagbare Ergebnisse, denn noch das leiseste Stupsen und Schieben an einem der schwimmenden Wesen schlug Wellen und trieb an ganz anderer Stelle die Wesen zueinander oder auseinander, so dass sich das Bild fortwährend wandelte, und wenn das Kind an einer Stelle nach seinem Willen eingriff, bedingte gerade dieses Eingreifen, dass an ganz anderer Stelle alles anders wurde, und dieses Anders war nicht vorherzusehen, auf keine Weise, sowenig nachher der grimmige oder freundliche Ausdruck der Buchstaben vorhersehbar sein würde, wenn das Kind sie hinmalte, ihr Verhältnis zueinander, ihr freundschaftlicher Austausch oder ihre Aneinandergeschmiegtheit oder ihr fortwährendes Gezanke, alles ganz unvorhersehbar.

(Peter von Mundenheim, unveröffentlichtes Manuskript, dieser Ausschnitt veröffentlicht auf dieser Seite 31.03.2022, © Verlag Peter Flamm 2022)